Communication Overload?

Florian Rötzer 02.06.1999

Alle 10 Minuten Unterbrechungen

Längst aus ist es nicht nur mit der kontemplativen Betrachtung von Kunstwerken, sondern auch mit der konzentrierten Arbeit über längere Strecken hinweg. Die Wut auf Computer ist nur ein Bestandteil des modernen Arbeitsplatzes in der Informationsgesellschaft, ein anderer ist bekanntlich die steigende Kommunikationsflut, die die Arbeitszeit durchlöchert oder ihr einen neuen Rhythmus gibt. Erzwingt möglicherweise das dadurch entstehende Zeitfenster der Aufmerksamkeit nicht nur die Kompetenz des Multitasking, sondern auch die Notwendigkeit, alle Informationen, die produziert und konsumiert werden, diesem anzupassen?

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Eine Befragung von Büroangestellten in vier Ländern hat nur bestätigt, was jeder weiß, der in einer mit Kommunikationsmedien überladenen Arbeitsumgebung sich befindet: durchschnittlich wird der Großteil der Angestellten alle 10 Minuten in der Arbeit von Telefonanrufen, Faxmitteilungen oder Emails gestört. Die Engländer scheinen jene zu sein, die sich mit 38 Prozent am meisten belästigt finden, obgleich sie angeblich durchschnittlich nur 171 Emails erhalten, während amerikanische Angestellte täglich mehr als 200 erhalten wollen. Ein bißchen Übertreibung mag da schon auch mitspielen, denn wer mehr Emails erhält, scheint auch wichtiger zu sein, gleichwohl steigt die Menge der Mitteilungen mit jeder neuen Kommunikationstechnologie natürlich an, wodurch womöglich die Arbeitsproduktivität entsprechend absinkt, sofern sie nicht gerade in Kommunikation besteht oder für angenehme Unterbrechung öder Arbeit sorgt. BBC News spricht denn auch schon angesichts der von Pitney Bowes in Auftrag gegebenen Studie von einer "Email-Hölle".

Trotz der globalen Informationsgesellschaft gibt es erstaunliche Unterschiede in der Benutzung der unterschiedlichen Kommunikationsmedien. Während in den USA 95 Prozent und in Großbritannien 58 Prozent der Befragten täglich Voice Mail benutzen, sind es in Deutschland nur 32 Prozent. Dafür nutzen immerhin 45 Prozent der deutschen Angestellten gegenüber 36 Prozent der Briten täglich das Internet, liegen aber damit noch weit hinter den Amerikanern, bei denen dies 71 Prozent machen. Andererseits wird von den Briten das Mobiltelefon täglich doppelt soviel wie in Deutschland oder in den USA benutzt.

Um trotz zunehmender Kommunikation weiterhin effizient zu bleiben, sind Strategien der Selektion notwendig, aber der Bericht hebt auch hervor, daß die Experten in Sachen selektiver Kommunikation in ihrem Wert steigen. Email oder Voice Mail haben immerhin den Vorteil, daß man nicht gleich antworten muß und schnell entscheiden kann, was man sich näher anschaut und was sofort in den elektronischen Papierkorb wandert. Zieht man jedoch von der Gesamtmenge der Emails die Spam ab, so wird die Email-Hölle schon eher zu einem Fegefeuer. Zudem sind Emails normalerweise kürzer als andere Botschaften und werden auch knapper beantwortet. Und trotz möglicher Ablenkung von der "eigentlichen" Arbeit bereichert Email schließlich auch die Arbeit insofern, weil dadurch ein größeres Fenster zur Welt in jeder Amtsstube geöffnet ist, was möglicherweise die Arbeitsplatzzufriedenheit dank vermehrter Kommunikationsmöglichkeiten erhöht, was auch wieder auf die Arbeitsproduktivität positiv zurückwirken könnte.

Suchtauslösend kann allerdings der Zwang werden, sofort eintreffende Emails zu lesen oder in regelmäßigen Abständen diese abzurufen, was eben dazu führt, nur noch in Intervallen anderes zu erledigen oder die Arbeit, anstatt die Kommunikation aufzuschieben - und womöglich frustriert zu sein, wenn zu wenige Mails eintreffen, dem man durch Versenden eigener Mails abhilft. Die Fragmentarisierung der Zeit durch die Kommunikation, nur ein Analogon zur Unterbrechung der Fernsehsendungen durch Werbung oder durch eigenes Zappen, ist allerdings ein Symptom für die sich etablierende, aber schon lange angekündigte Kultur der Wahrnehmung, die sich dem flottierenden Aufmerksamkeitssystem anpaßt und alles kurz, prägnant und sofort haben will, um nichts in der Montage der Attraktionen zu verpassen. Aber dieser Stil der in Multitasking und schneller Selektion geübten "Info-Elite" verliert eben an Tiefe und Dauer, an langem Atem und einer durchhaltenden Reflektion. In gewissem Sinn ist sie denkbar einfach bedienbar, denn ihrem vorwiegend trainierten Aufmerksamkeitssystem und Kurzzeitgedächtnis erscheint jede kleinste Variation wie neu - aber das muß auch alles sein, was überhaupt noch wahrgenommen und für wichtig befunden wird.

http://www.heise.de/tp/artikel/2/2902/1.html
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