Matrix

13.06.1999

Die Wirklichkeit ist eine Simulation

Die Besucher der Internet Movie Database hatten abwechselnd "den intelligentesten Sci-fi-Film seit Kubricks 2001" entdeckt und die "blöde Story nicht verstanden". Starkritiker Roger Ebert bedauerte in der Chicago Sun, daß zutiefst philosophische Fragen mal wieder mit dem Einsatz halbautomatischer Waffen beantwortet werden. "Salon"-Autor James Poniewozik hatte "einen echten Kiffer-Film" gesehen, und eine christliche Website in den USA feiert die Neuverfilmung des Evangeliums als Cyberthriller. Hollywoods Hellseher gaben der vertrackten Story keine Chance beim Massenpublikum, aber dann legte Matrix den erfolgreichsten US-Kinostart des Jahres hin, bis Mitte Mai der Krieg der Sterne ausbrach. An Keanu Reeves und der brillianten Optik allein kann's nicht liegen.

Foto Warner Bros.

1974 eilte Rainer Werner Faßbinder mit dem Fernsehspiel "Welt am Draht" seiner Zeit um einige Jahre voraus. Mit der Vorstellung, daß wir als ahnungslose Avatare der fortgeschrittenen Art in einer Welt herumlaufen, die nur in den Schaltkreises eines Elektronengehirns existiert, irritierte der Film ein Publikum, das Computer nur als kühlschrankgroße Rechenmaschinen mit unverständlichem Lochstreifen-Output kannte.

"Matrix" modifiziert diesen Plot grimmig und radikal für Zuschauer, die schon einmal Sim City gespielt, vage vom "Verschwinden der Wirklichkeit" gehört haben und sich in den komplizierten, orientierungslosen 90ern tagtäglich aufs Neue fragen, was hier eigentlich gespielt wird. (Alle anderen haben zumindest Spaß an der elegantesten Action seit John Woo, den verblüffendsten Tricks seit "Jurassic Park" und den bizarrsten Bildern seit "Brazil".) Was 1974 in preiswerter, öffentlich-rechtlicher TV-Kulisse noch als dialoglastiges Gedankenspiel daherkam, präsentiert sich 1999 auf der Kinoleinwand mit aller sinnlichen Wucht, die sich mit der Film- und Tricktechnik der Jahrtausendwende bewerkstelligen läßt.

"Star Wars"-Macher George Lucas spinnt - unter gewaltigem Medien-Getöse - mit der Technik der 90er ein braves, altes 70er-Jahre-Märchen fort. "The Matrix" nutzt diese Technologie, mit der sich jede beliebige Wirklichkeit auf die Leinwand zaubern läßt, um jeder gesicherten Vorstellung von Wirklichkeit den Garaus zu machen. Konsequenter geht's nicht.

Tagsüber lebt Thomas A. Anderson (Keanu Reeves) in einem Dilbert-Cartoon von Scott Adams, das Drehbuch seiner Nächte scheint aus der Feder William Gibsons zu stammen. Da wird der anonyme Programmierer aus der Zelle im Großraumbüro zum Meisterhacker Neo. Hinter den Monitoren, die mühsam ein wenig fahles Licht in seine nackte Behausung bringen, entdeckt er Hinweise auf die geheimnisvolle "Matrix". Die Hacker-Legende Morpheus (Laurence Fishburne) lockt Neo mit "Alice im Wunderland"-Zitaten in ihren Bau, lüftet das Geheimnis der Matrix und zeigt Neo, "wie tief der Kaninchenbau wirklich hinunterreicht". Nämlich bis an die Substanz von fast allem: Die Welt des Jahres 1999, wie Neo und wir sie kennen, existiert nur in seinem (unserem) Bewußtsein.

Die (post)modernen Denker und Wissenschaftler ahnen es, die Buddhisten z.B. wissen es schon seit 2500 Jahren. Läge hinter diesem Schleier der Illusionen und des kollektiven Unwissens aber nur ein friedvolles Nirvana, hätte "Matrix" nach 20 Minuten sein Happy End gefunden, und die regieführenden Brüder Andy und Larry Wachowski hätten keine Gelegenheit mehr gehabt, 63 Millionen Dollar auszugeben, um es richtig krachen zu lassen. So erfährt Neo stattdessen, daß die Illusion der Wirklichkeit eine (fast) perfekte Simulation ist, die unseren Gehirnen von einer alles beherrschenden künstlichen Intelligenz eingespeist wird. Die Realität dahinter, in der unsere Körper im künstlichen Dauerkoma gehalten werden, liegt im Jahr 2199, und gegen sie sind die Höllenwelten eines Hieronymus Bosch sonnige Erlebnisparks für die ganze Familie.

Morpheus Visionen zufolge ist Neo der Auserwählte, dem es gelingen soll, die Matrix zu zerstören und die von Maschinen geknechtete Menschheit in die Freiheit zu führen. Dafür braucht er aber noch ein wenig mentales Training. Wie einst Don Juan seinem Schüler Carlos Castaneda bringt Morpheus seinem zögerlichen Messias bei, daß eine Wirklichkeit, die nur im Kopf existiert, von letzterem auch beliebig formbar ist, Naturgesetze inbegriffen. Verhaltenstherapeuten schleppen ihre Klienten auf ein Wolkenkratzer-Dach, um ihnen die Höhenangst auszutreiben, Neo lernt gleich, furchtlos runterzuspringen und sich 23 Stockwerke tiefer unbeschadet aus dem (virtuellen) Asphalt hochzurappeln. In der Matrix ist eben nichts, wie es scheint: Die verführerische "Lady in Red" entpuppt sich beim zweiten Hinsehen als mörderischer "Man in Black".

"Entertainment Weekly" registrierte verblüfft die hohe Zahl der Wiederholungstäter im Publikum, die in "Matrix" auch beim zweiten, dritten oder sechsten Kinobesuch noch neue Facetten, Anspielungen und Kleinigkeiten entdecken. Kinokenner entdecken Filmzitate in fast jeder Szene, Detailfuchser werden in fast jedem Bild fündig, Symbolforscher bekommen Schwindelanfälle. Sie entdecken unter anderem, daß Neo (Anagramm für "One") in Appartement 101 wohnt, während seine Mitkämpferin Trinitiy ("Dreifaltigkeit) die Zimmernummer 303 hat. Das Hoovercraft, auf dem Morpheus, der griechische Gott des Schlafes, lebt, trägt den Namen des biblischen Königs Nebukadnezar, der bekanntlich sehr schlecht zu träumen pflegte. Daß Morpheus, Matrix, Trinity, 101 und 303 bekannte Synthesizermodelle sind, kann auch kein Zufall sein, aber daran arbeiten die Entschlüsselungsexperten noch.

Die Wachowski-Brüder haben ihr Werk nicht nur virtuos aus zahllosen Versatzstücken der Film- und Geistesgeschichte zusammengesampelt, sie graben auch allen nörglerischen Fragen nach logischer Stringenz geschickt das Wasser ab. Warum, möchte Neo mit uns allen wissen, füttert die künstliche Intelligenz unsere Hirne nicht mit der Illusion einer friedlichen, perfekten Welt, in der es keine Kriege, Achtstundentage, Chefs und schlechte TV-Programme gibt? Antwort: Ein solches Programm wurde tatsächlich getestet, aber in einer Welt ohne die alltägliche Mühsal kamen die Leute einfach nur auf noch dümmere Gedanken. Nebenbei erklärt "Matrix" auch endlich das Déja-vu-Phänomen: Wann immer wir das unheimliche Gefühl haben, etwas genau so schon einmal erlebt und gesehen zu haben, fummelt gerade der technische Support an unserem Realitäts-Programm herum.

Matrix - Kinostart am 17.6.

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