Man darf die Rolle der Schrift nicht überbewerten

Ein Gespräch mit Wilhelm Voßkamp über Geschichte und Utopie der Medien

Wilhelm Voßkamp ist Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Köln und geschäftsführender Direktor des Kulturwissenschaftlichen Forschungskollegs "Medien und kulturelle Kommunikation", das zu Beginn dieses Jahres seine Arbeit aufgenommen hat. Dazu siehe auch: Multimedia gab es schon immer. Ein Gespräch mit Johannes Fried, Professor für mittelalterliche Geschichte.

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Herr Voßkamp, ich hatte Ihnen zur Wahl gestellt, dieses Gespräch per E-Mail oder am Telefon zu führen. Warum haben Sie sich fürs Telefon entschieden?

Wilhelm Voßkamp: Ich rede einfach gern im Dialog und bevorzuge daher die unmittelbare Sprechsituation. Ansonsten gibt es dafür keinen besonderen Grund.

Medien und kulturelle Kommunikation sind der Gegenstand eines neuen, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschungskollegs, dessen Sprecher Sie sind. Können Sie kurz die Zielsetzung dieses Kollegs erläutern?

Wilhelm Voßkamp: Dieses Kulturwissenschaftliche Forschungskolleg ist aufgrund der Situation zustandegekommen, in der sich moderne Gesellschaften und insbesondere die sogenannten "Informationsgesellschaften" heute befinden. In den Debatten darüber spielen die Begriffe "Kultur" und "Medien" die zentrale Rolle. Wenn man verstehen will, wodurch die gegenwärtige Gesellschaft charakterisiert ist, muß man den Zusammenhang zwischen beiden genauer analysieren. Das ist der allgemeine Hintergrund.

Konkret ist das Kolleg hervorgegangen aus Diskussionen über die Frage, ob man die Geisteswissenschaften "modernisieren" könnte. Die damit verbundenen Fragen - Wie steht es um die Geisteswissenschaften? Welche Funktion haben sie? Kann man sie modernisieren im Blick auf das Konzept "Kulturwissenschaften"? - sind ein weiterer Hintergrund dieser Einrichtung.

Und schließlich könnte man noch sagen, daß die DFG mit dieser Institution des Kulturwissenschaftlichen Forschungskollegs versucht, das Modell des Sonderforschungsbereiches zu erweitern. Die Sonderforschungsbereiche haben das Problem der interdisziplinären Zusammenarbeit ja nie richtig lösen können. Es gab oft sehr gute Teilprojekte, aber die Vernetzung, die fächerübergreifende Verknüpfung war immer ein Hauptproblem. Genau diese Punkte soll das kulturwissenschaftliche Forschungskolleg stärker akzentuieren: Interdisziplinarität und Internationalisierung. Speziell in unserem Fall sichern wir den Kollegcharakter zusätzlich dadurch, daß wir eigene Räume angemietet haben, in denen alle Mitarbeiter gemeinsam arbeiten können. Insofern verdient unser Projekt die Bezeichnung "Kolleg" im Unterschied zu den bisherigen Sonderforschungsbereichen, bei denen in der Regel jeder in seinem Institut weiterarbeitet.

Nun sind die naturwissenschaftlichen Projekte auch viel stärker an die jeweils vorhanden Laborgeräte gebunden.

Wilhelm Voßkamp: Da haben Sie recht. Das war ein wichtiger Punkt in den Debatten über die Möglichkeit geisteswissenschaftlicher Sonderforschungsbereiche.

Kann man sagen, daß die Geisteswissenschaften durch die Medienentwicklung der letzten Jahre und Jahrzehnte verunsichert worden sind?

Wilhelm Voßkamp: Ganz bestimmt. Die Diskussion über Begriffe wie Bildung, Wissen oder Geist wird heute viel stärker durch andere Begriffe bestimmt wie etwa Kultur, Medien und Kompetenz. Das ist gar keine Frage.

Ist das verstärkte wissenschaftliche Interesse, das den Medien entgegengebracht wird, ein Indiz dafür, daß wir uns an einem Epochenübergang befinden?

Wilhelm Voßkamp: Das ist eine interessante Frage. In all den Diskussionen über Medien fällt auf, daß sie sich sehr stark auf die sogenannten neuen, digitalen Medien wie Computer und Internet konzentrieren. Erst in den letzten Jahren wird verstärkt die Frage nach dem Charakter dieser Entwicklung gestellt: Ist es eine neue Medienrevolution? Ist es ein Medienwandel? Und was passiert dann mit den älteren Medien, wie dem Buchdruck, der Schrift oder der Rede?

In unserem Forschungskolleg wollen wir daher versuchen, die verschiedenen Zäsuren in der Mediengeschichte genauer zu bestimmen. Das heißt natürlich auch, die Diskussion über die gegenwärtigen, neuen Medien zu historisieren. Denn die Situation ist ja nicht so neu, wie es manchmal scheint. Es hat immer wieder Medienevolutionen gegeben. Nach der Erfindung des Buchdrucks etwa hat eine ganz ähnliche, zum Teil angsterfüllte Diskussion stattgefunden wie heute. Im 18. Jahrhundert wurde häufig die Befürchtung geäußert, die Leute könnten zuviel lesen und darüber andere Aufgaben vernachlässigen. Das war die bekannte "Lesewut"-Debatte mit ganz ähnlichen Topoi wie heute, wenn es um die Furcht vor neuen Medien geht.

Diese Bedenken gab es ja auch schon früher bei der Einführung der Schriftzeichen.

Wilhelm Voßkamp: Ganz genau. Da gibt es eine Art Wiederholung von zum Teil apokalyptischen Ängsten und natürlich auch von Euphorie, daß nun ALLES möglich würde. Also: Apokalypse und Utopie sind gleichermaßen im Spiel, wenn über Medien geredet wird.

Was halten Sie von einer groben Einteilung der Menschheitsgeschichte in eine mündliche, eine schriftliche und eine gerade beginnende, multimediale Epoche?

Wilhelm Voßkamp: Davon halte ich einiges. Wobei ich denke, daß die eigentliche Revolution der Buchdruck war. Das hat die Arbeit von Michael Giesecke sehr schön gezeigt.

Tatsächlich? Aber hat der Buchdruck nicht erst die Schriftkultur zur Blüte gebracht?

Wilhelm Voßkamp: Ja, so würde ich das sehen. Und natürlich ist das, was Sie mit dem Begriff multimedial zusammengefaßt haben, insofern noch einmal ein entscheidender Schritt, als es um Massenkommunikation geht. Es findet eine ungeheure, gleichzeitige Vermehrung der Medien statt. Die Gleichzeitigkeit "ungleichzeitiger" Medien ist ein auffallendes, neues Merkmal der gegenwärtigen Situation.

Mit ungleichzeitigen Medien meinen Sie Medien, die unterschiedlichen historischen Epochen zugeordnet werden können?

Wilhelm Voßkamp: Ja.

Unsere gegenwärtige Situation ist auch als "zweite Mündlichkeit" bezeichnet worden . . .

Wilhelm Voßkamp: Ja, das leuchtet mir ein. Diese Konkurrenzsituation, die beim Hinzukommen eines neuen Mediums entsteht, ist für uns im Forschungskolleg von besonderem Interesse. Man hat ja gelegentlich geglaubt, ein neues Medium würde das alte automatisch ablösen. Das ist eben nicht der Fall. Vielmehr gibt es sogar eine Art Revitalisierung alter Medien durch neue Medien. Das ist auffallend.

Dazu gehört dann wohl auch das Interesse an Esoterik und Fantasy, in denen eine Sehnsucht nach mündlichen Weisheiten zum Ausdruck kommt?

Wilhelm Voßkamp: Ganz sicher. In den Theorien über Kulturgeschichte gibt es natürlich unterschiedliche Konzepte. Aber ich gehe davon aus, daß in der Kultur eigentlich nichts verloren geht. Vieles kehrt auf verwandelte Weise wieder und nimmt einen anderen Platz ein. Das ist vielleicht das Spannendste an der gegenwärtigen Situation: In der Landschaft der unterschiedlichen Medien werden die Systemplätze neu verteilt.

Bei einer Nachrichtensendung im Fernsehen gestern fiel mir auf, daß es auch in der Politik eine deutliche Hierarchie der Kommunikationsformen gibt, wobei die direkte persönliche Begegnung der Staatschefs immer noch die Spitzenstellung einnimmt, gefolgt von Telefongesprächen. Hier hat die Mündlichkeit also nach wie vor eine große Bedeutung.

Wilhelm Voßkamp: Ja. Meine Vorliebe für das Telefon, nach der Sie ganz am Anfang fragten, hängt damit zusammen. In der unmittelbaren Rede hat man viele Möglichkeiten, die einem fehlen, wenn man erst mal etwas zu Papier oder in den Computer bringen muß.

Wann hat das Multimedia-Zeitalter begonnen? Kann man den Anfang auf die ersten Kinovorführungen im Jahr 1895 datieren?

Wilhelm Voßkamp: Ja, der Film ist die große Revolution. Nach dem Buchdruck die zweite, wenn man so will.

Wenn der Buchdruck der Schriftkultur zum endgültigen Durchbruch verholfen hat, dann erleben wir jetzt möglicherweise, um einen Ausdruck des britischen Filmemachers Peter Greenaway zu gebrauchen, eine "Gutenberg-Revolution" der Bilderkultur?

Wilhelm Voßkamp: Ja, das ist gewiß so. In der Wissenschaft spricht man vom "iconographic turn", "visual turn" oder "picturial turn". Dennoch messe ich dem Buchdruck die größte Bedeutung bei, weil ich den Eindruck habe, daß die Reproduktionstechniken dort zum ersten Mal in einer Weise entwickelt worden sind, die man gar nicht überschätzen kann. Es gibt ja historische Beispiele genug: Bedenken Sie, wie die lutherischen Texte verbreitet worden sind, zum ersten Mal überhaupt verbreitet werden konnten. Ich glaube, daß Michael Giesecke mit seiner Habilitationsschrift und mit seinen späteren Arbeiten etwas sehr wichtiges getroffen hat.

Mich hat insbesondere beeindruckt, wie er das aus dem Umgang mit digitalen Medien stammende, informationstheoretische Vokabular verwendet, um die gesamte Mediengeschichte zu begreifen.

Wilhelm Voßkamp: Da sehe ich aber möglicherweise auch eine Grenze im gegenwärtigen Forschungsfeld Medien, weil man heute viel stärker die Frage der Prägung unserer kulturellen Wirklichkeit betont als nur den Aspekt der Information. Das kann man an vielen Arbeiten ablesen, etwa an denen von Sybille Krämer. Es ist auch unsere Tendenz, die Frage in den Mittelpunkt zu rücken, was eigentlich passiert, wenn unterschiedliche Medien benutzt werden, im Hinblick auf Veränderungen unseres Bewußtseins und unter Gesichtspunkten ihres Stellenwerts in der Kultur.

Einige Forscher haben dem phonetischen Alphabet, das die Griechen von den Phöniziern übernommen und verbessert haben, eine große Bedeutung beigemessen. Logisch-rationales Denken und die von den Griechen entwickelten Grundlagen der modernen Wissenschaft seien im wesentlichen darauf zurückzuführen. Diese These ist aber, so weit ich weiß, ziemlich umstritten.

Wilhelm Voßkamp: Das kann ich nicht beurteilen, da ich mich damit nicht beschäftigt habe. Aber ich kenne die Hypothese. Was wir im Forschungskolleg ausführlich diskutieren, ist das Verhältnis von Schrift und Bild. Ich leite ein Teilprojekt, das sich mit einem Teilaspekt des Themas, insbesondere im Hinblick auf emblematische Verhältnisse, beschäftigt.

Es gibt eine alte Tradition von Schrift-Bild-Werken, die im 17. Jahrhundert als "Gemäldepoesy" bezeichnet wurden. Darüber, wie man diesen Zusammenhang von Text und Bild lesen soll, gibt es eine große, noch nicht abgeschlossene Diskussion. Das geht ein bißchen in die von Ihnen angedeutete Richtung, weil Sie natürlich auch Schrift als Bild lesen können. Wenn Sie ein arabisches Gedicht sehen und die Sprache nicht beherrschen, sehen Sie das als Bild. Kalligraphie gehört auch in diesen Zusammenhang. Da kommt man rasch zu ziemlich komplizierten Fragen, die etwa auch von Lessing schon diskutiert worden sind, der sehr einleuchtende, aber vielleicht doch zu einfache Antworten gefunden hat. Das Bild sei demnach eine Sache des Raumes, der unmittelbaren Wahrnehmung, Schrift dagegen eine Abfolge von Zeichen in der Zeit. Das ist heute nicht mehr unumstritten, weil man das Lesen, auch das Lesen von Bildern, mittlerweile viel komplexer sieht.

Gibt es möglicherweise zwei große Kommunikationstraditionen: die eine ausgehend von den Höhlenmalereien, die in ideographische, bildhafte Schriftsysteme mündete, und die andere hervorgegangen aus der Lautsprache, aus der sich die phonetischen Schriften entwickelten?

Wilhelm Voßkamp: Ja, ich denke, das kann man sagen. Ebenso kann man feststellen, daß die Kommunikation über visuelle Zeichen heute deutlich im Mittelpunkt steht. Diese Kommunikationsstränge laufen zusammen. Aber wie die visuelle Kommunikation funktioniert, ist im einzelnen noch nicht erforscht.

Haben Sie sich mal mit Mangas, den japanischen Comics, beschäftigt?

Wilhelm Voßkamp: Nein. Als ich in Japan war, habe ich entsprechende japanische Science-fiction-Geschichten gelesen, weil ich mich sehr für Utopien interessiere. Aber eingehender damit beschäftigt habe ich mich nicht. Das wäre allerdings ein Forschungsfeld, das sicherlich interessante Aufschlüsse geben könnte.

Könnte die japanische Kultur aufgrund ihrer Kommunikationstradition, dem jahrhundertelangen Gebrauch von phonetischen und ideographischen Zeichen, beim Übergang zum Multimedia-Zeitalter einen Vorteil haben?

Wilhelm Voßkamp: Das halte ich für eine einleuchtende These. Wir haben in unserem Kolleg ein Projekt, das außerhalb Europas angesiedelt ist, allerdings nicht im fernen Osten, sondern in Afrika. Wir möchten im Vergleich herausfinden, wie dort über Medien diskutiert wird und wie Medien dort aufgenommen wurden. Vor kurzem hatten wir im Kolleg ein Kolloquium über die Geschichte der Fotografie in Afrika. Da gibt es hochinteressante Verwerfungen und Verfremdungen, an denen sich viel ablesen läßt über die Reaktionen einer ganz anderen Kultur auf westliche Kultur. Es sollte auf jeden Fall ein nächster Schritt sein, sich auf alte Kulturen, wie etwa die fernöstlichen, zu beziehen, aber auch auf diejenigen, die von westlicher Seite "kolonisiert" worden sind. Das ist sicher sehr spannend.

Die Tübinger Ägyptologin Emma Brunner-Traut vermutet im Zusammenhang mit dem Übergang zu perspektivischen Darstellungen in der Kunst einen Präferenzwechsel bei den Gehirnhälften. Was halten Sie davon?

Wilhelm Voßkamp: Zumindest ist das eine Richtung, in der sich die Forschung in den kommenden Jahren entwickeln muß. Wenn man Vorgänge wie Lesen oder Wahrnehmung besser verstehen will, wird man gar nicht umhin können, solche Disziplinen wie Neurophysiologie zu Hilfe zu nehmen. Das geht gar nicht anders. Es gehört auch exakt in die Perspektive der Kollegs, diese Verbindung zwischen Kultur- und Naturwissenschaften wieder herzustellen. Diese Grenze ist so ja auch gar nicht zu ziehen, sie ist durch die Zwei-Kulturen-Theorie aber ein bißchen festgeschrieben worden. Der Dialog ist allerdings nicht einfach, da darf man sich keine Illusionen machen. Man wird zunächst von speziellen Fragestellungen ausgehen können, um dabei die Kompetenz der jeweiligen Disziplinen zu Hilfe zu nehmen. Die große Interdisziplinarität zwischen Geistes- und Naturwissenschaften ist so schnell nicht zu haben.

Ich habe vor kurzem einen Artikel gelesen über Experimente, mit denen im Gehirn die Zentren für Grammatik-Verständnis lokalisiert wurden . . .

Wilhelm Voßkamp: Davon habe ich auch gehört. Das ist ein Ansatzpunkt für die Zusammenarbeit. Einen anderen sehe ich im Evolutionsbegriff, der sowohl in den Geistes- als auch in den Naturwissenschaften große Bedeutung hat.

Die USA haben Hollywood und die dort entwickelte Filmsprache, die Japaner haben den Manga, um multimediale Ausdrucksformen zu prägen. Was hat Europa zu bieten?

Wilhelm Voßkamp: Das ist eine sehr schöne Frage. Darüber müßte man länger nachdenken. Auf Anhieb würde ich zunächst einmal die alteuropäische Malerei nennen, also die Bildkultur, die natürlich sehr stark durch Topoi und Allegorien geprägt ist. Auch die Emblemtradition ist wichtig, wiederkehrende Bilder, die durch andere Bilder oder durch Texte erklärt werden. Ein berühmtes Emblem wäre etwa die Fortuna, dargestellt durch eine unbekleidete Frau, die häufig auf einer Glaskugel, also unsicher steht, und meistens auch noch die Haare vor den Augen hat. Dieses Emblembild verweist darauf, daß man das Glück kennen muß, das unbeständig ist und das man nur haben kann, wenn man der Frau die Haare aus den Augen nimmt, sie beim Schopfe ergreift und die Gelegenheit wahrnimmt.

Das Glück beim Schopfe greifen, daher kommt dieser Ausdruck also.

Wilhelm Voßkamp: Genau. Ein anderes berühmtes Emblem stellt Zeit und Ewigkeit dar in Gestalt einer sich in den Schwanz beißenden Schlange. Das gibt es in vielen Variationen, etwa ergänzt durch das Bild einer Rose im Zentrum dieses Rings, wobei die Rose, die blüht und verwelkt, für Vergänglichkeit stehen kann, während die Schlange die ewige Wiederkehr des Gleichen darstellt. Die Rose kann aber umgekehrt auch das universelle Prinzip von Liebe repräsentieren, das der Ewigkeit trotzt. Solche wiederkehrenden, des Kommentars bedürftigen Bilder finden sich in vielfachen Variationen in der Malerei vom späten Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert. Wenn die Europäer etwas anzubieten haben, dann sind es diese wiederkehrenden Topoi in der Malerei und Emblemkunst und dann auch in der Literatur. Wenn Sie Texte des 17. oder 18. Jahrhunderts lesen, dann finden Sie dort solche wiederkehrenden Bilder. Eine sehr interessante, spannende Geschichte.

Diese Tradition ist aber gewiß schon in den Film eingeflossen.

Wilhelm Voßkamp: Da haben Sie ganz recht, auch in die Fotografie. In meinem Teilprojekt haben wir ein Einzelprojekt, das sich mit dem fotografischen Autorenporträt beschäftigt. Hier kann man sehr schön sehen, daß das ohne die Vorgeschichte der Autorenmalerei gar nicht richtig zu verstehen ist. Das könnte man natürlich auf den Film hin erweitern, um dann anhand eines Motivs zu sehen, was im Verlauf der drei Epochen Malerei, Fotografie, Film konstant bleibt und was neu hinzukommt.

Können Sie sich vorstellen, daß die Schrift an Bedeutung verliert und die Menschen in einer fernen Zukunft vielleicht ganz auf ihren Gebrauch verzichten könnten?

Wilhelm Voßkamp: Nein, das glaube ich nicht. Denn die Schrift verlangt bestimmte intellektuelle Fähigkeiten, die auch Genuß bereiten. Es gab vor einigen Jahren die These von Umberto Eco, der der Meinung war, wir bewegten uns auf eine neue Zweiteilung der Kulturen hin: eine Lesekultur und eine Bilderkultur. Wobei die Leser natürlich die Intelligenteren wären. Ich glaube aber nicht, daß das zutrifft. Man darf die Rolle der Schrift und des Lesens nicht überbewerten. Sie ist, grob gesagt, das Erbteil des 18. und 19. Jahrhunderts. Aber ganz verschwinden wird sie nicht.

Können Sie sich einen logischen Endpunkt der Medienentwicklung vorstellen?

Wilhelm Voßkamp: Kaum. Ich wage auch keine Prognose. Meine Vermutung ist, daß die intelligenten Mediennutzer alles nutzen werden, von der Rede, über die Schrift, bis zum Kino und Internet. Es ist ja jetzt schon auffallend, daß die Zahl der Theater- oder Museumsbesucher nicht zurückgeht. Am Ende wird es auf eine Frage der individuellen Zeitorganisation hinauslaufen, wieviel Zeit ich mir für welche Dinge nehme.

Lassen Sie mich eine Prognose riskieren: Multimedia bedeutet ja auch eine Verdichtung der Kommunikation. Innerhalb einer Zeiteinheit können wir multimedial viel mehr Informationen übermitteln als mit Sprache oder Schrift allein. Zugleich wird sich die Bedienung der Computer noch drastisch vereinfachen. Wenn aber Kommunikation immer rascher vonstatten geht, nähert sie sich irgendwann der Geschwindigkeit an, mit der die Denkprozesse im Gehirn selbst ablaufen. Zwischen einem Gedanken und seiner Mitteilung wäre dann kein wahrnehmbarer Zeitverlust mehr. Das wäre technisch realisierte Telepathie.

Wilhelm Voßkamp: Das ist eine interessante Idee. Ich habe gestern abend etwas von Julien Gracque gelesen, wo er über das Lesen und Schreiben reflektiert. Das Hauptproblem beim Schreiben, meint er, bestehe darin, daß man so schnell gar nicht schreiben könne, wie man denkt. Ich glaube, das empfinden wir alle so. Wir können ja nicht einmal so schnell sprechen, wie wir denken. Insofern hat vielleicht jeder die Hoffnung, daß sich hier noch etwas beschleunigen läßt. Ja, das könnte in der Tat eine Utopie der Medienentwicklung sein.

http://www.heise.de/tp/artikel/2/2956/1.html
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