Eine halbe Million Tote pro Jahr durch Feinstaub

Deutschland, Fein-Dreckspatz der EU?

Anfang des Jahres trat die Feinstaub-Verordnung der Europäischen Union in Deutschland in Kraft. In kurzer Zeit hatten mehrere deutsche Städte das erlaubte Grenzwert-Maximum von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft an mehr als 35 Tagen pro Jahr überschritten. Bürger, die um ihre Gesundheit fürchten, klagen nun mit Unterstützung von Umweltverbänden, um Verkehrbeschränkungen zu erreichen.

In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science fasst André E. Nel von der University of California in Los Angeles den wissenschaftlichen Stand der Erkenntnis zur Gesundheitsgefährdung durch Feinstaub zusammen. Nach Studien der Weltgesundheitsorganisation ist die Luftverschmutzung mit den feinen Teilchen weltweit für 500.000 Todesfälle jährlich verantwortlich. Es gibt eine international steigende Tendenz von Erkrankungen der Luftwege und des Herzens, die durch das Einatmen von Feinstaub verursacht werden.

Elektronenmikroskopische Aufnahmen von Feinstaub (Bild: Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle)

Feinstaub umgibt uns überall, er entsteht aus natürlichen Quellen wie Feuern, Vulkanausbrüchen, dem Meer oder durch Pollen und Sporen von Pflanzen. Dazu kommen künstliche, vom Menschen freigesetzte Partikel, die aus den Schornsteinen der Privathaushalte, der Industrie, von Kraftwerken oder den Auspuffanlagen vor allem von Dieselfahrzeugen aufsteigen. Autos verursachen eine weitere Belastung der Luft mit Kleinstteilchen durch den Abrieb der Reifen auf dem Straßenbelag und beim Bremsen.

Die Luft, die wir atmen, ist voller Partikel. Als besonders gefährlich gelten kleine Teilchen, die als Feinstäube bezeichnet werden. Unterschieden wird in drei Kategorien: Inhalierbarer Feinstaub mit einer Partikelgröße von weniger als 10 Mikrometern, lungengängiger Feinstaub mit weniger als 2,5 Mikrometern und ultrafeine Partikel mit weniger als 0,1 Mikrometer. Vor allem Letztere werden vom Straßenverkehr verursacht und gelten als besonders gefährlich (Feinstaub - Magazin des Bundesumweltministeriums).

Unsichtbare Gefahr

Nach einer im April erschienen Studie des Regionalbüros der Weltgesundheitsorganisation für Europa verkürzt sich durch die Feinstaubbelastung der Luft die durchschnittliche Lebenserwartung in der Europäischen Union um 8,6 und in Deutschland sogar um 10,2 Monate. Die volkswirtschaftlichen Kosten durch die Krankheiten belaufen sich nach Schätzungen in der Europäischen Union auf 29 Milliarden Euro jährlich, in Deutschland auf 6 Milliarden. Könnte durch eine Reduzierung des Feinstaubs die Sterblichkeitsrate vermindert werden, würden sich die Ersparnisse in der EU auf bis zu 161 Milliarden Euro belaufen, in der Bundesrepublik bis zu 34 Milliarden Euro (Eine geringere Luftverschmutzung würde viele Menschenleben retten und in der Europäischen Union jährlich bis zu 161 Mia. € Kosten sparen).

Der Verkehr ist eine Hauptquelle für Feinstaub, selbst wenn der Dreck mit dem Auge nicht sichtbar ist (Bild: Norma Neuheiser/UFZ)

Gegen größere Partikel in der Atemluft hat unser Körper eigene Abwehrmechanismen, aber mit Feinstaub ist unser Immunsystem schnell überfordert. Möglicherweis ebenfalls gefährlich sind die Winzlinge aus der Nanotechnologie-Welt (ein Nanometer entspricht einem tausendstel Mikrometer oder einem millionstel Millimeter), aber welche Konsequenzen ihr Eindringen in den menschlichen Körper haben kann, darüber wird derzeit noch intensiv debattiert (Heftige Diskussion um Nanotechnologie). Unumstritten ist dagegen die Gesundheitsgefährdung durch Feinstaub. Das Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle (UFZ), das in diesem Bereich forscht, schrieb dazu im März:

Die menschlichen Sinne sind auf diese Gefahr nicht eingestellt. Man kann sie nicht riechen, man kann sie nicht schmecken und mit bloßem Auge sind Feinstäube auch nicht zu sehen. Feinstäube – das sind winzige Partikel, die nicht einmal ein Zehntel des Durchmessers eines Haares erreichen. Ihre Wirkung ist dennoch groß. Die Partikel dringen über die Lunge in den Organismus vor und können neben Atemwegserkrankungen auch Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems verursachen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO rechnet damit, dass bereits 10 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft eine Verkürzung der Lebenserwartung der gesamten Bevölkerung um ein halbes Jahr bewirken. ‚Feinstäube sind inzwischen zu einer der größten Gesundheitsgefahren in Stadtgebieten geworden’, so Dr. Martin Lanzendorf vom Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle.

In einem Telepolis-Interview stellte Michal Krzyzanowski vom Europäischen Zentrum für Umwelt und Gesundheit der Weltgesundheitsorganisation kürzlich klar, dass Feinstaub in jeder Konzentration die Gesundheit gefährdet, selbst bei geringen Mengen steigt das Risiko von Krankheiten (Im Kampf gegen Feinstaub sind Langfriststrategien gefragt).

Großstadtbewohner

André Nel bestätigt das in seinem Science-Artikel. Besonders die ultrafeinen Partikel haben die verhältnismäßig größte Oberfläche und damit potenziell die giftigste Wirkung im Körper. Sie dringen tiefer ins Lungengewebe vor und werden über die Blutbahn auch in andere Teile des Körpers verbracht. Feinstaub löst Entzündungen in den Atemwegen aus, was zur Verschlimmerung von Asthma und chronischer Bronchitis führt, aber auch zu Blockaden. Die Selbstreinigungskräfte des Lungengewebes werden angegriffen. Neue Untersuchungen weisen daraufhin, dass Feinstaub zudem das Risiko von Herzkreislauferkrankungen erhöht, einschließlich Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzrhythmusstörungen und plötzlichem Tod. Besonders gefährdet sind ältere Menschen oder Personen mit chronischen Herz- und Lungenerkrankungen sowie Zuckerkranke. Weitere Studien sollten die Details wie Größe, Beschaffenheit der Oberfläche und chemische Zusammensetzung der feinen Partikel stärker berücksichtigen.

Smog in Leipzig (Bild: Norma Neuheiser/UFZ)

In Deutschland hat das Umweltschutzministerium Nordrhein-Westfalen am 2. Mai die ersten Ergebnisse einer Studie zu den langfristigen Wirkungen von Feinstaub auf Menschen vorgestellt, die seit 2001 läuft und den Einfluss auf die Sterblichkeit von 4.800 Frauen über 60 Jahre aus Duisburg, Gelsenkirchen, Essen, Herne, Dortmund, Borken und Dülmen untersucht. Das Projekt wird noch bis 2008 weitergeführt, aber die ersten Auswertungen weisen darauf hin, dass bei einer Erhöhung der Feinstaub-Konzentrationen um zehn Mikrogramm pro Kubikmeter Luft die Gesamtsterblichkeitsrate um ungefähr neun Prozent und die Sterblichkeitsrate durch Herz-Lungen-Krankheiten um ungefähr zehn Prozent steigt. Der schriftliche Abschlussbericht mit den Ergebnissen der ersten Phase der Feinstaub-Untersuchung soll noch im Mai 2005 vorliegen und wird dann auf der Homepage des Landesumweltamtes Nordrhein-Westfalen veröffentlicht.

Grenzüberschreitungen

Seit erstem Januar ist die Feinstaub-Verordnung in Kraft und immer mehr deutsche Städte überschreiten bereits die zulässigen Grenzwerte an mehr als den tolerierten 35 Tagen. Am 3. Mai 2005 war München der Spitzenreiter mit 48 Tagen, gefolgt von Leipzig, Hannover, Berlin, Braunschweig, Düsseldorf, Dortmund und Dresden (Umweltbundesamt: Überschreitungen im Jahr). Da es erst Anfang Mai ist, werden viele andere wie Augsburg, das bereits an 33 Tagen drüber lag, sicherlich bald folgen.

Inzwischen ziehen immer mehr Bürger mithilfe von Umweltverbänden gegen ihre Städte vor Gericht (Klagen gegen Städte und Gemeinden). Das erste Verfahren vor dem Verwaltungsgericht München endete am 27. April mit einer Abweisung der Klage. Das Gericht argumentierte in seinem Urteil unter anderem: “Die Feinstaubbelastung ist ein umfassendes Problem, das sich nicht auf eine begrenzte, konkrete örtliche Verkehrssituation wie an der Landshuter Allee beschränkt“ und entschied: „Der Antragsteller hat keinen Anspruch auf verkehrsrechtliche Maßnahmen nach dem Immissionsschutzrecht.“ (Feinstaub: Anträge abgelehnt).

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH), die den Kläger unterstützte, gibt sich deswegen nicht geschlagen, sie will weiter kämpfen, zumal sich bereits erste Erfolge gezeigt haben. Die Städte Düsseldorf und Dortmund beschlossen nach Angaben der DUH aufgrund der Klageandrohungen im März und April entsprechende verkehrspolitische Maßnahmen. Der Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch erklärt:

Die Musterklagen haben alle politischen Ebenen aus einem jahrelangen Tiefschlaf gerissen. 70 bis 120 Kommunen bereiten inzwischen Aktionspläne zur Eindämmung der Feinstaubgefahr vor oder haben bereits welche erlassen. Nach zwei Jahren hinhaltender Verzögerung hat Bundesfinanzminister Hans Eichel in diesen Tagen ein Konzept zur steuerlichen Förderung von Diesel-Rußfiltern vorgelegt. Die Länder verlangen mehrheitlich ebenfalls ein Anreizsystem, dass Diesel-Stinker bestraft und die Halter sauberer Dieselfahrzeuge mit Filtern entlastet.

Manche Städte reagieren unterdessen mit einer kreativen Taktik auf das Problem: Sie stellen ihre Messcontainer in Parks am Stadtrand auf (Monitor: Feinstaubbelastung – Wie die Städte geschönte Zahlen messen). Online kann sich jeder Interessierte über die Standorte der Messstationen und die tägliche Partikelkonzentration in Deutschland informieren, das Umweltbundesamt veröffentlicht die Daten der Tagesmessungen).

Messstation des UFZ und des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung (IfT) in der Leipziger Eisenbahnstraße (Bild: Norma Neuheiser/UFZ)

In stark befahrenen Straßenschluchten ist die Feinstaub-Belastung am höchsten, aber die Partikel steigen auf und verteilen sich über Wind und Wetter. Auch abseits der Hauptverkehrsstraßen ist die Belastung noch beachtlich (Fein- und Feinststäube – Partikel mit großer Wirkung) und selbst in den Wohnungen liegt sie im Zweifelsfall höher als draußen (Feinstaub-Alarm: Winzige Teilchen, große Gefahr?).

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