Keine Angst um das gedruckte Buch

05.06.2005

Internet und Literatur

Hubert Winkels, 1955 geboren, war in den frühen achtziger Jahren selbst Schriftsteller. Mittlerweile schreibt er über Literatur, arbeitet als Kulturredakteur beim Deutschlandfunk in Köln sowie als Literaturkritiker für "Die Zeit". Im Frühjahr erschien bei Kiepenheuer & Witsch sein Buch "Gute Zeichen. Deutsche Literatur 1995 - 2005", eine luzide Sammlung literaturkritischer Essays, Rezensionen und Lobreden.

Was genau sind denn die "guten Zeichen" in der deutschen Literatur der letzten Jahre?

Hubert Winkels: Mein Eindruck ist, dass die deutsche Literatur ein Maß gefunden hat zwischen den forcierten Avantgardeansprüchen und den historischen Bezügen jener, die die Kulturtradition oder die Ahnen wie Celan, Kafka oder Hölderlin beschwören. Auf der anderen Seite gibt es zudem eine populistische Wendung zum Publikum, einen Zug zum Pop. Diese Tendenzen gab es in den vergangenen beiden Jahrzehnten, und sie sind sich immer wieder stark in die Wolle gekommen. Das scheint sich nun eingespielt zu haben.

Sie haben in Ihrem neuen Buch das Verhältnis der jüngeren deutschen Literatur zu drei zentralen Themen untersucht. Neben Religion und Gewalt schauen Sie auch auf die Wechselwirkungen von Literatur und Medien. Was hat sich da in den letzten zehn Jahren getan?

Hubert Winkels: Autoren gehen in die Medien, bedienen sich der Medien und umgekehrt. Da hat sich zwischen 1995 und heute vieles normalisiert. Es ist heute sehr viel einfacher ein gutes Schriftstellerporträt in Zeitungen und Magazinen zu finden als noch vor zehn Jahren, das gilt auch für ausländische Literatur. Andere Schriftsteller tauchen mittlerweile auch mal in der "Bild-Zeitung" auf. Das liegt nicht an ihrer Literatur, sondern an ihrer Popularität. Sehen Sie sich auch mal die Fernsehformate von Elke Heidenreich bis Denis Scheck an - Literatur kann populär sein. Mit Literaturkritik im engeren Sinn hat das natürlich wenig zu tun. Da wird etwas personalisiert oder abgefeiert, aber niemand muss deswegen ein schlechtes Gewissen haben, das ist nun mal in den populären Medien so.

Beeinflusst das die Literatur?

Hubert Winkels: Ja. Aber wichtiger ist mir der Aspekt, wie Literatur darauf reagiert, dass moderne Medien so prägend für die Gesellschaft sind. Literatur kann ja nicht so tun, als hätten ihr andere Kommunikationsformen nicht schon längst den Rang abgelaufen. Fernsehen und Internet sind zentral für die Gesellschaften der Gegenwart, Literatur nicht. Das ist natürlich eine Schmach. Schon eine ganze Weile mühen sich die Schriftsteller damit ab, reagieren allergisch, wo Gelassenheit angebracht wäre. Denn literarisch behandeln, was heute der Fall ist, kann doch nur der, der ein zumindest neutrales Verhältnis zu den vorhandenen Kommunikationsformen hat. Es bringt doch nichts, einfach darauf zu beharren, dass es schöner wäre nur über zwei, drei seriöse Zeitungen oder gar ausschließlich literarisch miteinander zu kommunizieren.

Also muss die Literatur doch zumindest zur Kenntnis nehmen wie wir uns medial-kommunikativ, individuell oder kollektiv, verhalten, und sie muss es so nehmen wie es kommt. Ganz egal ob es sich um RTL oder ums Internet handelt, man muss da rein. Und dafür braucht man Übung, Medienkompetenz, zumindest aber Aufmerksamkeit. Joachim Lottmann etwa ist darin gut, er ist in der Lage all das ohne Zorn, mit hohem empathischen Interesse zu beobachten und wiederzugeben. Vielen anderen fehlt diese Neugier, diese Offenheit. Auf jeden Fall aber sollte es nicht verpönt sein, wenn einer so ist und wenn einer so schreiben kann. Darauf habe ich immer gehofft, und ich glaube, diesen Zustand haben wir im Literaturbetrieb mittlerweile erreicht.

Welche Rolle spielt dabei das Internet?

Hubert Winkels: Was das Verhältnis von Literatur und Internet angeht, da ist vor zehn Jahren noch viel befürchtet oder gehofft worden - je nach Standpunkt. Vom Ergebnis aber sind die meisten Beobachter, mich eingeschlossen, enttäuscht. Man hat noch die ganzen Ankündigungen von Verlagen, Autoren und Kritikern im Kopf, das Ende des gedruckten Buches wurde beschworen und wer wollte nicht alles nur noch im Internet publizieren. Aber außer Stephen King und in Deutschland Rainald Goetz mit seinem "Abfall für alle" und außer ein paar Anthologien und Literaturkritiknischen ist da am Ende nicht viel passiert. Ich glaube, es war ein Sturm im Wasserglas, man kann das bedauern oder nicht, muss aber eines sicher nicht mehr haben: Angst um das gedruckte Buch.

Auch umgekehrt, also was die Bedeutung des Netzes und der damit vebundenen Kommunikation oder des entsprechenden individuellen oder gesellschaftlichen Verhaltens angeht, konnte man mehr erwarten. Aber außer Neal Stephenson und William Gibson gibt es da immer noch nicht viel, ...

Hubert Winkels: ...das ist ganz ähnlich wie beim Fernsehen, es wird zu wenig beachtet und nicht ernst genug genommen. Das mag an der Art der Kommunikation liegen, die schneller und leichter ist als die literarische oder die von Literaten bevorzugte. Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum das nicht aufgenommen wird, denn im modernen Roman, auch im Bildungsroman, ist doch der richtige Platz dafür. In den Motiv- und Themenschatz der Weltliteratur gehört auf jeden Fall das Internet mit seinen unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Kommunikationsformen und den multiplen und unkomplizierten Identitäten, Marken, Figuren, der Geschwindigkeit etc. Und: Das Internet ist doch, bei aller Kritik, die man an Ausdruck und Laxheit haben kann, vor allem ein Schriftmedium. Aber vielleicht verhält es sich mit dem Internet wie mit so manchen anderen Themen auch und es braucht einfach Zeit, bis es soweit in die Literatur eingesickert ist, dass es kenntlich wird.

Hubert Winkels: Gute Zeichen. Deutsche Literatur 1995 - 2005. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005. 256 Seiten, 24,90 Euro

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