Trick 101A

19.05.2005

Das Guantanamo Virus II: Gewinner und Verlierer der Affäre um die mutmaßliche Koran-Schändung

Ganz Amerika gestattete sich eine mediale Erregung; gleich mehrere Tage lang tobte der Meinungskrieg über den "Newsweek"-Bericht, demzufolge in Guantanamo Islam verachtende Verhörmethoden praktiziert wurden (vgl. Das Guantanamo-Virus). Der Schlussvorhang des Schlamassel-Dramas blieb auch gestern noch oben und sogar alte Recken wie Norman Mailer nutzten die Gelegenheit zu einem Auftritt im vorläufig letzten Akt " das dazu gehörige Drama in den muslimischen Ländern folgt natürlich ganz eigenen Timing-Gesetzen: Erregte Muslime in Afghanistan, wo Ausschreitungen, vom Newsweek-Bericht ausgelöst, mehreren Menschen das Leben gekostet hat, und Pakistan ließen verlauten, dass sie sich mit dem Rückzieher des amerikanischen Magazins nicht zufrieden geben und kündigten weitere Demonstrationen an.

Norman Mailer, Schriftsteller in Würden und ausgewiesener Bush-Gegner, hat ein Faible für den Boxsport und knallig-kernige Aussagen, weshalb er auch bei diesem Thema nicht lange fackelt und die (rhetorische) Kern-Frage stellt: "Wem nützt es?" Den Rechten natürlich, weiß Mailer, genauer dem "Department of Dirty Tricks", das den Trick 101A angewandt hat: Man baut die Glaubwürdigkeit eines Agenten-Informanten (sprich: die anonyme Regierungsquelle von Newsweek) erst mit echten Informationen auf, um den Gegner (Newsweek) mit falschen Informationen zur rechten Zeit auszuhebeln. Da man auch noch das CIA hat, bereitet es keine Mühe ein paar gewalttätige Demonstrationen in Afghanistan zu inszenieren. Beweise dafür hat er natürlich keine.

Seine Frage kann man allerdings als Leitfaden nehmen, um im Wirbel über den Newsweek-Skandal nach Konturen zu suchen: wem nützt die Affäre oder wer hat sie wie genützt? Wer ist Verlierer, wer Gewinner?

Die ersten Nutznießer des Berichtes waren all jene pakistanischen und afghanischen Politiker und Kräfte, die sich gegen Muscharraf bzw. Karsai profilieren wollen und auf einen rigiden Islam setzen. Die mutmaßlichen Schandtaten aus Guantanamo boten guten Stoff für Stimmungsmache gegen die US-freundlichen Präsidenten. Ob sie nun nachgewiesen sind oder nicht, das ist hier von zweitrangiger Bedeutung. Aufgrund dessen, was man bereits an Missbrauchsfällen in Abu Ghraib oder Guantanamo gehört hat, ist auch die Geschichte vom Koran auf der Toilette so glaubwürdig, dass sie für große Teile der Bevölkerung keinen Beweis nötig hat, um plausibel zu sein. In Beweisnot ist hier nicht so sehr "Newsweek" wie die amerikanische Regierung:

Obwohl die Proteste scheinbar abgeflaut sind, macht es den Eindruck, als ob das Eingeständnis (von Newsweek) der Glaubwürdigkeit der USA einen zusätzlichen Schlag versetzt hat. Als Beispiel hierfür kann man die Überlegung eines afghanischen, muslimischen Geistlichen heranziehen, wonach "sogar ein gewöhnlicher, des Lesens unkundiger Landbewohner weiß", dass die Entschuldigung von Newsweek "eine Entscheidung Amerikas war, um sich selbst zu retten. Sie erfolgte auf Druck der amerikanischen Regierung.

Dienstags-Editorial der Jordan Times

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass US-Militärs in Afghanistan die "Koran-Story" zunächst gar nicht als Leitmotiv der Ausschreitungen wahrnahmen:

But only a few days earlier, in a briefing on Thursday, Gen. Richard B. Myers, chairman of the Joint Chiefs of Staff, had said that the senior commander in Afghanistan believed the protests had stemmed from that country's reconciliation process. "He thought it was not at all tied to the article in the magazine," General Myers said.

Diese Einschätzung der Aufstände deckt sich mit einigen anderen Berichten, welche die Aufstände entweder mit der erwarteten Frühjahrsoffensive der Taliban in Verbindung bringen oder mit der Machtdemonstration einer islamischen Gruppierung namens Hizbut Tehrir. Beide Erklärungen laufen darauf hinaus, dass der Newsweek-Bericht nur ein willkommener Funke war, um einen Vorwand für längst geplante Manöver zu haben.

Den Newsweek-Journalisten also die Verantwortung für die 17 Toten aufzubürden, wäre demnach ein schlichtes Denken oder eine willkommene Ablenkung von schwierigeren Fragen. Womit wir schon bei den beiden "Interims-Siegern" der Newsweek-Affäre sind: den Kapitänen des neuen "Citzen-Media"-Ethos, exemplarisch seien hierfür Jeff Jarvis und Jay Rosen genannt, und die amerikanische Regierung, innenpolitisch.

Für Jarvis und Rosen, beide ehemalige Journalisten und nun Blogger-Giganten, zeigt der Newsweek Bericht genau die Schwächen, die sie dem etablierten Journalismus immer wieder vorhalten: ungenaues, schlampiges Arbeiten, das mit alten, arroganten Attitüden gedeckt wird. Weil es ein Newsweek-Artikel ist, verfasst von namhaften Journalisten - der Verfasser des Berichts, Isikoff, hat sich in Amerika einen Ruf als investigativer Journalist erworben ", sollte dies für die Öffentlichkeit allein schon für die Wahrheit des Behaupteten bürgen: "Newsweek's Take-Our-Word-For-It World".

Faktisch habe man sich aber mit einer anonymen Quelle begnügt, statt die vielen anderen möglichen Quellen (Mitglieder der Untersuchungskommission, Verhörpersonal, Gefangene usw.) zu befragen. Da die Old-School-Journalisten von Newsweek obendrein noch von einer altvorderen Informationsgesellschaft ausgehen, hätten sie keinen Sinn dafür gehabt, wie schnell im neuen Zeitalter Informationen in den letzten Winkel der Erde gelangen, und vor allem, was sie auslösen können. Und dergleichen Belehrungen mehr. Die selbstherrlichen Vertreter der Citizen-Media feierten einen moralischen Sieg über ein Feinbild aus den Mainstream-Medien: Newsweek " A Malevolent Magazine?

Und schließlich kann die US-Regierung auch ein paar Erfolge in der Affäre verbuchen. Zwar gibt es Kritik an ihrer späten Reaktion, die den Imageschaden nicht mehr beheben konnte, aber es gelang ihr einen Vorstoß zu machen, der vor einiger Zeit noch undenkbar war. Die Rücknahme des Berichts sei ein erster Schritt, so Scott McClellan, zuständig für Pressearbeit im Weißen Haus, aber dem müssten andere folgen, um den angerichteten Schaden zu reparieren, vorzugsweise eine positive Berichterstattung:

One way is to point out what the policies and practices of our United States military are.Our United States military personnel go out of their way to make sure that the Holy Koran is treated with care.

PR-Arbeit also für einen fortdauernden Skandal namens Guantanamo. Man kann es durchaus als Erfolg für die US-Regierung werten, dass die Diskussion über den Newsweek-Bericht nicht darüber geführt wurde, ob man das Gefangenenlager in Kuba nicht endlich auflösen müsse oder dort zumindest allgemein verbindliches Recht herrschen zu lassen; bislang scheint dort ohne Nachprüfung alles Ungeheuerliche möglich: Unschuldige, die seit Jahren einsitzen, ohne Anwalt, ohne ordentliches Verfahren, ohne Auskunft darüber, wie lange sie noch inhaftiert sind, Verhöre mit Folter usw.

Egal ob die Koran-Schändungen tatsächlich stattgefunden haben - derartige Anschuldigungen tauchen nicht zum ersten Mal auf und erscheinen im Kontext dessen, was man bislang aus der kubanischen Gefangenfestung erfahren hat, als konsistent -, die Grundlagen für jedwede spekulative Anschuldigungen mit großer Sprengkraft liefert hier die US-Regierung selbst. Das ist im Verlauf der Debatte völlig in den Hintergrund getreten. Wie wäre es damit, mehr Transparenz (DAS große Stichwort der Citizen-Media-Blogger) nicht nur von den Journalisten, sondern von dieser Regierung zu fordern?

Der Verlierer der Debatte ist bislang der investigative, regierungsunabhängige Journalismus. Wer von den Blogger-Journalisten wird diese Old-School-Tradition neu beleben?

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