Der Whizzinator

22.05.2005

US-Kongress will synthetischen Urin aus falschen Pimmeln verbieten, weil damit Drogentests ausgetrickst werden können

Der Whizzinator, ein Fake-Penis mit einem verborgenen Urinbehälter, der bei Drogentests unter Aufsicht "saubere" Urinproben ermöglicht, stand vergangenen Dienstag im Mittelpunkt einer dreistündige Anhörung im US-Kongressauschuss.

Das vollständige Paket

Vorgeladen waren die Inhaber von Firmen, die Produkte zur Beeinflussung von Urinproben vertreiben, darunter auch der Hersteller des "Whizzinator" aus Kalifornien, der das an einem Gürtel zu befestigende Gerät, sowie dehydrierten, synthetischen Urin zur Füllung und ein Heizkissen zur Erwärmung auf Körpertemperatur für 150 $ vertreibt. "Diese Firmen versuchen durch Täuschung Geld zu verdienen, sie zerstören unser Vertrauen und behindern die Sicherheit", so der Ausschussvorsitzende Ed Whitfield. Sein Kollege Bart Stupak hielt eine Anzeige für den "Whizzinator" hoch und beklagte, dass derartige "Drogentest-Subversion" überall frei erhältlich sei. Auf seine Frage "Wie können wir diesen Fluss stoppen?" notierte der "Washington Post"-Reporter "hörbares Kichern" im Saal. Dies sei nicht zum Lachen, ergänzte der Politiker, "wenn man sich vorstellt, dass eine Person das Gerät benutzt, die für ein Atomkraftwerk verantwortlich ist, einen 1.000 Tonnen Tanker oder einen Schulbus mit Kindern steuert."

Auch diese dramatische Drohung konnte das Amusement der Zuhörer nicht bremsen. Zu Recht, denn da Urinproben nicht den aktuellen Berauschungszustand einer Person messen können, werden Atomkraftwerke durch ein Whizzinator-Verbot nicht sicherer gemacht und Busunfälle nicht eingedämmt. Dagegen reicht es, ein Mohnbrötchen zu essen, um beim Urintest als Opiatkonsument aufzufallen und ein mit Hanföl angemachter Salat kann noch nach Wochen zu einem positiven Cannabis-Befund - und damit zum Verlust des Jobs führen.

Dies blüht jetzt auch einem Star der "National Football League", mit dem der Whizzinator Ende April zu nationaler Berühmtheit aufstieg. Bei einer Taschenkontrolle am Flughafen in Minnesota wurde beim Running Back der "Minnesota Vikings" ein Whizzinator entdeckt. Dass der 24-Jährige behauptete, das Gerät für seinen "Cousin" besorgt zu haben, half ihm wenig - nachdem er schon im Vorjahr einmal positiv auf Marihuana getestet worden war und einen der regelmäßigen Tests 2005 versäumt hatte, droht Smith jetzt von der NFL eine einjährige Sperre.

Die im Zuge des "war on drugs" Ende der 80er Jahre eingeführten Drogentests sind mittlerweile in vielen großen Unternehmen obligatorisch - ohne Pinkelprobe geht bei General Motors, Wal-Mart, McDonalds & Co gar nichts. Andere Großunternehmen hingegen, wie etwa Hewlett-Packard, haben die in den 90er Jahren durchgeführten Tests mittlerweile wieder eingestellt, weil ihr Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen steht, wie auch eine Studie der Bürgerrechtsorganisation ACLU feststellte.

Die Bush-Regierung unterdessen stellte Anfang 2004 23 Millionen Dollar für Schulen zur Verfügung - nicht zur Verbesserung des darbenden Bildungssystems, sondern für "random drug testing" bei Schülern und Studenten. Dass Maßnahmen wie diese untauglich sind, den Drogenmissbrauch insgesamt und vor allem bei Jugendlichen einzudämmen, zeigen die Drogenstatistiken zwar jedes Jahr aufs Neue. Doch neben den milliardenschweren Institutionen, die vom kontraproduktiven Drogenkrieg (und den unschlagbaren Profitmargen illegaler Drogen ) leben, ist auch die Testindustrie mit 40 Millionen Drogentests pro Jahr und einem Umsatz von 1 Milliarde Dollar zu einer starken Lobby für die Ausweitung der Urinschnüffelei geworden.

Dass im Gegenzug auch eine Nachfrage nach Produkten entsteht, mit denen diese Repression abgewehrt werden kann, ist eigentlich selbstverständlich. Wer will schon riskieren, eine Lehrstelle nicht zu bekommen (oder aus der NFL zu fliegen), weil er vor zwei Wochen auf einer Party an einem Joint gezogen hat?

Während der Fanshop der Football-Liga die Sache schon richtig erkannt hat, und gleich ein Whizzinator-Trikot auflegte, sieht der Kongressauschuss dringenden Handlungsbedarf für ein Verbot: "Federal action is needed!" Neben dem Pinkelgerät selbst, das in fünf Hautfarben lieferbar ist, wird dabei auch ein Verkaufsverbot für synthetischen Urin erwogen. Auf den Rechtsstreit, der sich daraufhin entspinnen wird, dürfen wir gespannt sein. Die Kriegskassen von Mr. Whizzinator, der vor dem Ausschuss von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machte, sind nach der kostenlosen Werbekampagne sicher reichlich gefüllt..

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