Recht auf den natürlichen Tod

Florian Rötzer 06.06.2005

Nach einem britischen Gerichtsurteil haben Patienten das Recht auf künstliche Ernährung, das Gesundheitsministerium legte Einspruch ein und warnt vor den Folgen

Wenn es um Schwerkranke geht, die zum Weiterleben auf Apparate und/oder künstliche Ernährung angewiesen sind, diskutiert man in aller Regel darum, unter welchen Umständen und wie Sterbehilfe, auch aktive, gewährt werden darf. In dieser Problemstellung ist impliziert, dass ohne eine legale Sterbehilfe der Patient auch über Jahre hinweg mit Apparaten oder auch nur mit einer Magensonde am Leben erhalten werden muss. Ein aktueller Rechtsfall in Großbritannien kehrt das Problem aber nun um. Ein Patient mit einer schweren Gehirnerkrankung fordert nicht das Recht auf Sterben, sondern das Recht auf unbegrenzte Anwendung lebensverlängernder Maßnahmen. Das britische Gesundheitsministerium will dies nicht akzeptieren.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Burke hatte gegen die Möglichkeit Klage eingelegt, dass nach den Richtlinien des General Medical Council (GMC) unter bestimmten Bedingungen auch bei Patienten, die nicht kurz vor dem Tod stehen, aber sich nicht mehr äußern können, die künstliche Ernährung eingestellt werden kann. Damit versuchte er sicher zu stellen, dass die Ärzte oder ein Krankenhaus nicht irgendwann die Entscheidung treffen können, in seinem angeblichen Interesse die künstliche Ernährung einzustellen, sondern er eines natürlichen Todes sterben kann.

Where death is not imminent, it usually will be appropriate to provide artificial nutrition or hydration. However, circumstances may arise where you judge that a patient's condition is so severe, and the prognosis so poor that providing artificial nutrition or hydration may cause suffering, or be too burdensome in relation to the possible benefits. In these circumstances, as well as consulting the health care team and those close to the patient, you must seek a second or expert opinion from a senior clinician (who might be from another discipline such as nursing) who has experience of the patient's condition and who is not already directly involved in the patient's care. This will ensure that, in a decision of such sensitivity, the patient's interests have been thoroughly considered, and will provide necessary reassurance to those close to the patient and to the wider public.

Withholding and Withdrawing Life-prolonging Treatments: Good Practice in Decision-making

Das Gesundheitsministerium hat gegen das Urteil Widerspruch eingelegt. Nach Ansicht des GMC können entscheidungsfähige Patienten bestimmen, welche medizinische Maßnahmen sie akzeptieren. Die Ärzte hätten hingegen die Aufgabe, die medizinisch geeigneten Maßnahmen auszuwählen, um den Bedürfnissen des Patienten zu genügen. Würden die Patienten wie im Fall von Burke aber das Recht erhalten, bestimmte Maßnahmen verlangen zu können, so würde dies die Ärzte in eine unmögliche Position bringen. Sie müssten beispielsweise auch Behandlungen ausführen, die nach ihrer Sicht den Bedürfnissen des Patienten nicht ent- oder diesen widersprechen.

Philip Sales erklärte als Vertreter des britischen Gesundheitsministeriums vor dem Berufungsgericht nun, dass nach dem Urteil ein Patient nicht nur das Recht auch auf eine für ihn ungeeignete, eine ungeprüfte oder sehr teure medizinische Behandlung erlangen kann, sondern dies auch zu einer "ineffizienten und ungerechten Verwendung der Mittel des öffentlichen Gesundheitsdienstes" führt. Großbritanniens öffentliches Gesundheitssystem wird ganz von Steuergeldern finanziert. Alle Briten sind hier kostenlos versichert. Die Folge ist, dass es beispielsweise lange Wartelisten für Operationen und nur relativ wenige Krankenhausbetten auf Intensivstationen gibt. Während es hier vier Betten pro 100.000 Einwohner vorhanden sind, sind es in den USA 24 und in Deutschland 25.

http://www.heise.de/tp/artikel/20/20172/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Sterben lernen

Der Mensch als Pflanze, ein Tod und das Recht

Peanut Pill oder Patientenverfügung?

In Australien hat der Arzt Philip Nitschke mit seinen Todesmaschinen die Diskussion über das Thema Sterbehilfe wieder angeheizt. In Deutschland beschäftigt sich das Kabinett ab dem Frühjahr damit

Fetisch Lebensverlängerung?

Eine agile 80-jährige britische Philosophin und Medizinethikerin meint, pflegebedürftige Alte sollten sich umbringen, um nicht der Gesellschaft zur Last zu fallen

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS