Netznotizen eines Zeitgenossen

Ernst Corinth 29.05.2005

Pop-Literat Thomas Meinecke schreibt sechs Monate lang im und fürs Internet

Aller Anfang ist schwer. Auch für einen Literaten, der im Auftrag der niedersächsischen Literaturbüros von April bis November regelmäßig und ausschließlich Texte im Internet auf einer recht spartanisch aufgemachten Website veröffentlichen soll. Ausgeguckt haben sich für diesen Job die amtlichen Literaturförderer den DJ, Musiker und Pop-Literaten Thomas Meinecke, weil "dessen Vorliebe für die Arbeit auf der Grundlage des bereits medial Vermittelten bekannt ist".

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Am 6. April machte sich der gebürtige Hamburger, der zuletzt den Roman "Musik" veröffentlicht hat (Im Diskurs-Cyberspace), dann endlich an die Schreibarbeit:

(...) Wieder zu Hause, im oberbayerischen Dorf, besorgte E-Mails aus Niedersachsen, dessen glücklicher Stipendiat, genauer: Stipendiat der Literaturbüros Niedersachsens, ich seit Anfang des Monats bin. Ich nenne es: Turmschreiber ohne Turm, denn ich darf zu Hause arbeiten. Von zu Hause aus. Aber ich sollte alle paar Tage mal was von mir im Internet sehen lassen, stehen lassen. Sogenannte Netznotizen. Das klingt angenehm flüchtig und muß nicht gleich große Kunst sein. Vorsichtige, freundliche Anfragen aus Hannover, Braunschweig, Oldenburg: Ob ich mit der Technik zurechtkäme. Ob ich auch regelmäßig die Braunschweiger Zeitung erhielte. Diverse dringende Interviewanfragen.
(...)
Rainald Goetz erhält den Raabe-Preis. Bester literarischer Text im Netz: Rainald Goetz Abfall für Alle. (Es damit gar nicht erst aufzunehmen versuchen. Ich gegen Rainald sowieso immer irgendwie: Der Hallodri. Der Bizet. ...)

Dass Meinecke den Vergleich mit Rainald Goetz scheut, ehrt den Autor. Und wer die bereits veröffentlichen Netznotizen liest, spürt, dass Meinecke noch nach einer Form sucht. Was er übrigens bei einer Veranstaltung in Hannover kürzlich bestätigt hat: "Ich habe wie immer keinen Plan, und das finde ich spannend." Die ersten Einträge sind beispielsweise oft kleine Presseschauen, also Zitatensammlungen aus den niedersächsischen Zeitungen, die man dem in Bayern Lebenden zur Verfügung gestellt hat. Später folgen recht unvermittelt die ausführliche Beschreibung eines Waldspaziergangs und Kindheitserinnerungen, die von einer Zeitungsnotiz angeregt wurden. "Dass ich plötzlich soviel von mir preisgebe, hat mich selbst überrascht", sagt Meinecke, der zwischen den längeren Texten dann auch mal "richtige" Notizen veröffentlicht:

Als Netzautor momentan virtuell in Hannover.Stadt des Evangelischen Kirchentags. Stadt der Chaostage. Expo 2000: Ganzen Abend mit Klaus Theweleit zu zweit auf einem Podium. (Später mit ihm auf Podien in Hamburgs Thalia Theater und Karlsruhes ZKM, wo wir uns Sun Ra-Platten vorspielen durften.) - (Aktuelles Phänomen: Herumreisendes Podiumsproletariat.

Wie das Projekt sich weiterentwickelt, ist auch aus der Sicht des Autors noch völlig offen. Man kann nur hoffen, dass die zukünftigen Netznotizen spannender oder wenigstens interessanter werden und dass sie sich vielleicht auch mal mit dem Medium auseinandersetzen, in das sich der Suhrkamp-Autor nun einmal begeben hat. Bisher jedenfalls wirken seine Notizen bemüht, wie eine leidige Pflichtaufgabe, was sie ja vielleicht auch sind.

Was man zudem vermisst, ist die Möglichkeit der Leser, die Texte zu kommentieren oder über sie zu diskutieren. Zwar ist für die Veranstalter die Netzseite ein "virtueller Veranstaltungsort", den sie erstmals gemeinsam "bespielen". Aber das ist natürlich kein Grund, die interaktiven Möglichkeiten des Netzes so beflissentlich zu ignorieren inhaltlich wie formal. Oder gibt es da doch noch ein Literaturverständnis, das noch nicht auf der Höhe der Internetzeit ist oder das Angst davor hat, den Leser auch zu Wort kommen zu lassen?

http://www.heise.de/tp/artikel/20/20185/1.html
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