Ein Monat Urlaub auf der Autobahn

Wolf-Dieter Roth 04.06.2005

Ein verrückter Film nach einem verrückten Buch

Meine Frau und ich erwägen derzeit die Möglichkeit einer etwas verrückten und surrealistischen Expedition so beginnt einer der ungewöhnlichsten und skurrilsten Reiseberichte der jüngeren Literaturgeschichte. Julio Cortázar und seine Frau Carol Dunlop verbrachten kurz vor ihrem Lebensende einen Monat auf der Route du soleil, der vielbefahrenen Autobahn zwischen Paris und Marseille, und bewiesen einmal mehr, dass der Weg das Ziel eines jeden Reisenden ist.

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Wer aus einem Buch einen Roadmovie machen will, der knüpft sich etwas Fotogenes wie beispielsweise die Fahrt auf der US Route No. 1 von San Francisco nach Big Sur vor sollte man meinen. Argentinier haben jedoch mitunter andere Vorstellungen von interessanten Autoreisen.

Im Mai 1982 beschließen der argentinische Schriftsteller Julio Cortázar und seine Frau Carol Dunlop einen ganzen Monat auf der Autobahn Paris-Marseille zu verbringen. Das Autobahnprojekt Grundlage für den im selben Jahr veröffentlichten Roman Die Autonauten auf der Kosmobahn unterliegt strengen Spielregeln, die sich die beiden Reisenden selbst setzen:

Auf allen 36 Rastplätzen wird Halt gemacht, auf jedem zweiten wie grässlich der auch sein mag übernachtet. Es gilt, mit anderen Worten, unerschrockenen Forscher- und Abenteurergeist aufzubringen, so als ginge es mit Alexander von Humboldt über die Anden oder mit Marco Polo nach China. Wie es sich für eine ordentliche Expedition gehört, wird ein Logbuch geführt, das im Stil der großen Entdeckungsreisenden die jeweilige Position und den Tagesablauf dokumentiert. Auch Fernrohr und Kompass dürfen an Bord nicht fehlen. Und tatsächlich: die Fahrt auf der vielbefahrenen Autobahn entpuppt sich als Reise in exotische Gefilde

Gut zwanzig Jahre später spielen der ebenfalls in Argentinien geborene Regisseur Sebastían Martínez und seine Frau das absurde Autobahn-Projekt mit filmischen Mitteln noch einmal durch. Ihr Dokumentarfilm begibt sich auf die Spuren seines literarischen Vorgängers. Eine Frau glaubt, es werde ein Pornofilm gedreht, ein Journalist von France Info will sie interviewen. Es geht im Kameltempo voran und was nicht im Laden in Dosen zu kaufen ist, wird als Pilz an der Autobahn gesammelt vielleicht nicht die optimale Nahrung für eine schwangere Frau.

Textpassagen aus dem Buch von Cortázar unterlegen die Reise, die überraschende Begegnungen mit sich bringt und die Gesellschaft aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel darstellt. Weitere Nachahmung nicht empfohlen.

Julio Cortázar wurde am 26. August 1914 geboren. Er arbeitete zunächst als Gymnasiallehrer in Buenos Aires, später als Dozent für französische Literatur. Als Gegner des Peronismus emigrierte er 1951 nach Paris. Seinen Debütroman veröffentlichte Julio Cortázar erst im Alter von sechsundvierzig Jahren (Los premios, 1960; deutsch: Die Gewinner, 1966). Sein Gesamtwerk umfasst außer Romanen und Erzählungen auch Theaterstücke, Lyrik und Essays; es weist ihn als einen der originellsten Autoren des 20. Jahrhunderts aus. Cortazar starb 1984 in seiner Wahlheimat Paris.

Sebastian Martinez Pineiro wurde 1968 in Argentinien geboren. Er studierte an der Filmhochschule von Paris und erwarb einen Master im Bereich Dokumentarfilm an der Universität seiner Wahlheimat Barcelona.

Paris Marseille, Frankreich 2005, Dokumentarfilm von Sebastian Martinez, Arte TV, Erstausstrahlung Samstag 4. Juni 2005, 0.20 Uhr

http://www.heise.de/tp/artikel/20/20198/1.html
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