Aufmerksamkeit

"Hilfe, wir werden von einem Piratensender gestört!"

01.06.2005

Peinliches Guerilla-Marketing im US-Radio

Piratensender? Die gibt es heute kaum noch, obwohl das aktuelle Dudelradio, das vielerorts einem einzigen Konzern gehört, durchaus mal wieder frischen Wind brauchen könnte. Aber was, wenn das Programm nicht mal mehr Piraten hinterm Ofen hervorlockt? Na dann ist man halt sein eigener Pirat!

In Deutschland passiert es regelmäßig, vor allem kurz vor dem „MAFO-Tag“, dem Tag, an dem die Marktforscher die Popularität der Sender durch Telefoninterviews abfragen: In biedersten Radiosendern passieren auf einmal irgendwelche total bescheuerten Dinge, mit denen sich der Sender auf Teufel komm raus ins Gedächtnis der Hörer brennen will.

So sperrt sich bei dem Hamburger Sender Fun-Fun 95,0 plötzlich ein Discjockey ein und sendet den ganzen Tag nur noch Hermans Hermites’ „No Milk today“ und „Dancing Queen“ von Abba. Alle Verantwortlichen sind angeblich weit weg auf einer Tagung und niemand kann die angebliche Amok-Aktion stoppen. Die Verteilung der Pressemeldungen über den irren DJ klappt allerdings wunderbar, der übrigens auch am nächsten Tag merkwürdigerweise keineswegs seinen Job los ist.

MAFO-Tag kommt? Chaos im Sender!

Oder die Geschäftsführung von Radio Charivari in München entschuldigt sich ganz offiziell in einer immer wieder auf dem Sender verlesenen und auch auf der Homepage präsentierten Erklärung für die Entgleisung des Morgen-Diskjockeys und gibt bekannt, dass dies auch personelle Folgen haben wird. Was da wohl passiert ist? In allen Büros ist der Charivari-Morgenskandal Gesprächsthema. Nur gehört hat die ominöse „Entgleisung“ niemand, auch die Frühaufsteher nicht. Und am nächsten Morgen ist der Morgenmann wieder am Mikrofon, als sei nichts geschehen. Ist ja schließlich auch nicht.

In den USA gehören inzwischen praktisch alle Radiosender der Radiokette Clear Channel, was auf deutsch „sauberer Empfang“ bedeutet, aber von manchem auch schon mit den Säuberungsprogrammen von Scientology assoziiert wird: Wer nicht mitspielt und wie Tom Petty in seinem Song The last DJ gegen Clear Channels Politik aufbegehrt, landet in keinem US-Radio mehr auf dem Plattenteller.

Stay Free Magazine hat nun allerdings eine amerikanische Piratenverschwörung aufgedeckt. Auch wenn die USA freiere Radiogesetze haben als wir, so gilt dies nur für kommerzielle Stationen. Die Strafen für Piratensender sind dort keinesfalls von Pappe. Umso verblüffender, dass sich der Piratensender Radio Free Ohio über Wochen ungehindert in Programme der regulären Radiosender in Akron, Ohio einblenden konnte, ohne aufzufliegen.

“Radio Free Ohio“ wird nicht erwischt

Alle „gestörten“ Programme gehörten Clear Channel, was allerdings wie erwähnt in den USA nichts Ungewöhnliches ist – wohl aber, dass diese sich das so lange bieten ließen. Auf der Website des Piraten wurde gar die Playlist-Politik des Radiogiganten direkt angegriffen. Da schien aber jemand sehr vergnügungssüchtig zu sein.

Doch in einem Monopol sind natürlich auch die Piraten hausgemacht: Die ganze Aktion war von Clear Channel selbst aufgeführt. Die Mittelwellenstation „Tomorrow“ in Akron – natürlich auch ein Clear-Channel-Sender – soll das Format von „Sport Talk“ auf „Progressive Talk“ wechseln und man wollte mit den ominösen Pirateneinblendungen möglichst viel Aufmerksamkeit für die Station erzielen, nach der zuvor kaum noch ein Hahn krähte.

Das scheint gelungen zu sein. Clear Channel ist sich jedenfalls keiner Schuld bewusst, die Hörer so zu veräppeln und verteidigt sein Monopol.

PS: Verlag und Redaktion entschuldigen sich hiermit ganz offiziell für die Entgleisung im Beitrag von Wolf-Dieter Roth vom Samstag, den 28. Mai 2005 und versprechen, dass derartiges nicht wieder vorkommen wird.

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