Komprimierte Geschichte oder 60 Jahre auf einer Scheibe

Thorsten Stegemann 12.06.2005

Der Bonner Politikwissenschaftler Hans Georg Lehmann über D-DOK, Deutschlands größte Quellenbibliothek

Wie präsentierte Walter Ulbricht am 22. April 1946 in der Berliner Staatsoper die neue Fahne der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands? Welchen Eindruck machte Konrad Adenauer, als er sich mit den Alliierten Hochkommissaren McCloy, Kirkpatrick und François-Poncet am 25. September 1950 im Hotel Petersberg in Königswinter traf? Wie begrüßte der unvergessene Generalsekretär des ZK der KpdSU, Leonid Breschnew, den neu gewählten deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt bei seinem Besuch in Moskau am 28. Oktober 1974? Und führte der offene Gedankenaustausch, den der DDR-Staatsratsvorsitzende Egon Krenz und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Johannes Rau am 9. November 1989 über Aspekte der Beziehungen DDR-BRD führten, noch zu bewegenden Ergebnissen?

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Eine einzige DVD kennt die Antworten auf diese und viele tausend andere Fragen. Jedenfalls die offiziellen, denn in den Hinterzimmern der Macht waren die Historiker der Universität Bonn leider auch nicht zu Gast. Aber immerhin das Team des Politikwissenschaftlers Hans Georg Lehmann hat in den letzten fünf Jahren die größte und umfassendste historisch-politische und juristische Quellenbibliothek zu Deutschland seit 1945 erarbeitet und auf über 100.000 Textseiten die Geschichte der Besatzungszonen, der DDR und der Bundesrepublik Deutschland dokumentiert. Darüber hinaus ist mittlerweile ein Begleitbuch als e-Book erschienen, das die wissenschaftliche Methodik ausführlich vorstellt und die Beschäftigung mit dem historischen Material in den Mittelpunkt eines lebenslangen Lernprozesses stellt.

Denn Lehmann geht es nicht um die bloße Datenfülle nebst technischem Mehrwert, sondern um etwas, das Historikern bestens bekannt ist Quellenarbeit. Die sei noch immer das Gegenteil von Historytainment, das Geschichte mit Unterhaltung vermarktet, das Gegenteil von Politainment, das Politik multimedial inszeniert. Außerdem, mit Nachdruck steht es am Ende der Gegenteil-Reihe:

Die D-Dok. ist das Gegenteil jener aufwändigen populären "Dokumentationen", die über die deutschen Bildschirme flimmern.

Wer nun mehr oder weniger verstaubte Akten statt eines frisch frisierten Guido Knopp erwartet, wird nicht enttäuscht. Die D-DOK, wie die Deutschland-Dokumentation in Fachkreisen bereits liebevoll genannt wird, umfasst in schlichter Aufmachung die wichtigsten Text-, Bild- und Tondokumente zu politischen, gesellschaftlichen, ökonomischen und juristischen Fragen, die Deutschland zwischen 1945 und 2004 beschäftigt haben. Neben Verträgen und Gesetzen wurden unzählige Reden, Vorträge und Protokolle ediert.

Stolz verweisen Herausgeber und Verlag auf die fünfsprachige Datenbank und die Übersetzung der bedeutendsten deutschen und englischen Texte ins Französische und Spanische. Wer noch die türkischsprachigen Quellen berücksichtigt, hat praktisch keine Chance, den europäischen und globalen Bezugsrahmen zu übersehen. Ulrich Kasparick, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, das die Herausgabe von DVD und Begleitbuch mit über 450.000 Euro gefördert hat, lobte das Projekt Anfang Mai denn auch als wissenschaftliche und didaktische Ausnahmeleistung: Diese DVD bietet neue Chancen für die Beschäftigung mit der Vergangenheit und für die politische Bildung.

Hans Georg Lehmann hat als Mitglied der Editorengruppe des Auswärtigen Amtes für die Herausgabe der Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik 1918 1945 und als zeitweiliger Privatarchivar von Altkanzler Helmut Schmidt langjährige Erfahrungen mit der Dokumentation historischer Quellen gesammelt. In dem e-Book zur aktuellen DVD zählt er die vielfältigen Chancen auf, die sich für die Geschichts- oder in diesem Fall präziser: die Editionswissenschaft im Informationszeitalter ergeben.

Digitale Bibliotheken eröffnen die Möglichkeit, praktisch unbegrenzte Informations- und Datenmengen (z.B. Massenquellen) authentisch und multimedial zu digitalisieren, virtuell zu veröffentlichen und dauerhaft zu sichern. Sie können prozesshaft angelegt, also dauerhaft weitergeführt werden, sind außerdem platzsparend, kostengünstig und in besonderer Weise individuell benutz- und auswertbar.

Die EDV-Präsentation demokratisiert nach Lehmanns Einschätzung aber auch die Informationen und den Zugang zu ihren Fundstellen und begünstigt damit die Teilhabe an der Demokratie, sofern ihre Chancen wahrgenommen werden. Sie versetzt den Interessenten in die außergewöhnliche Lage, historische und sozialwissenschaftliche mit lebensgeschichtlichen Quellen zu verknüpfen, und trägt dazu bei, die eigene Persönlichkeit und Identität weiterzuentwickeln. Schließlich geht es nicht nur um Handlungswissen, sondern auch um emotionale Einsichten. Lehmanns folgerichtige Descartes-Adaption lautet: Disco, ergo sum.

Telepolis sprach mit dem Bonner Politikwissenschaftler über die praktischen Folgen dieser Erkenntnisse.

Keine Spielesammlung

Arbeitet Ihre DVD Geschichte auf, oder bestimmt sie, was Geschichte ist?

Hans Georg Lehmann: Weder noch. Sie stellt zunächst das Rohmaterial zur Verfügung, mit dem Historiker oder Sozialwissenschaftler umgehen und dann ihrerseits Geschichte aufarbeiten können. Der Rohstoff, den wir zusammengetragen haben, muss erst noch zu Wissen gemacht werden, und das erfordert sehr viel Arbeit.

Trotzdem haben Sie durch die Auswahl der Quellen doch eine Art Vorentscheidung getroffen. Wie würden Sie Ihre Auswahlkriterien beschreiben?

Hans Georg Lehmann: Wir hatten das Ziel, Deutschland nach innen und außen so umfassend wie möglich zu repräsentieren. Natürlich konnte nicht alles berücksichtigt werden, und doch steht das Projekt auf einer sehr breiten Basis. Dass subjektive Kriterien immer eine Rolle spielen, liegt in der Natur der Sache. Die Quellen sind objektiv, ihre Auswahl nicht.

Sie blenden bestimmte Themen, die sicher auch zur Geschichte der Bundesrepublik gehören, vollständig aus, beispielsweise den Kultur- oder Sportbereich. Eine Mentalitätsgeschichte kann die DVD deshalb wohl nicht sein.

Hans Georg Lehmann: Nein, das ist richtig. Der Schwerpunkt liegt auf den historisch-politischen Quellen, und ich finde, dass schon der gesellschaftliche Aspekt ein wenig unterrepräsentiert ist. Aber es war auch unbedingt notwendig, das Projekt zu konzentrieren, und bei diesem geht es vor allem um staatliche Dokumente.

Sie unterscheiden mit Nachdruck zwischen der von Ihnen angebotenen Quellenarbeit auf der einen und Historytainment oder Politainment auf der anderen Seite.

Hans Georg Lehmann: Die D-DOK ist keine Spielesammlung, das soll schon deutlich werden. Wir wollen im Gegensatz zum ZDF oder anderen Fernsehsendern - Geschichte nicht mit Unterhaltung vermarkten. Auch wenn sich diese Formate ganz sicher besser verkaufen. Stattdessen sollen die Nutzer sich selbst mit Sachverhalten auseinandersetzen können. Wer sich länger mit den Quellen beschäftigt, wird feststellen, dass Geschichte nicht einfach so serviert werden kann. Geschichte ist etwas, das in uns lebt und sich entfalten muss.

Das von Ulrich Sarcinelli beschriebene Aktualitätenkino mit prominenter Besetzung scheint für die große Mehrheit der Bundesbürger Sie sagen es selbst - trotzdem ungleich attraktiver zu sein. Hoffen Sie noch auf eine Trendwende? Kann Ihr Projekt vielleicht sogar dazu beitragen?

Hans Georg Lehmann: Die DVD richtet sich in erster Linie an Historiker und Sozialwissenschaftler, aber natürlich auch an deren Schüler und Studenten. Auf Breitenwirkung ist das Projekt bei einer Auflage von 1.200 Exemplaren nicht unbedingt angelegt. Aber ich hoffe natürlich, dass dieses Thema von den Medien noch umfangreicher aufgenommen wird.

Die von Hans Georg Lehmann herausgegebene DVD D-DOK - Deutschland-Dokumentation 1945-2004. Politik, Recht, Wirtschaft und Soziales ist im Verlag J. H. W. Dietz Nachf. erschienen und kostet 49,80 Euro.

http://www.heise.de/tp/artikel/20/20262/1.html
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