Lieber auffallen

Schluss mit den Ausreden gegen Verschlüsselung

Noch immer werden die meisten E-Mails unverschlüsselt verschickt. Ein Blick auf die Gründe zeigt, dass der Geist des Panoptikums längst allgegenwärtig ist. Dazu beigetragen haben viele, darunter auch jene, die diese Entwicklung eigentlich vermeiden wollten.

Wer verschlüsselt kommunizieren will, kennt das Problem: Die Mehrheit der Mailkontakte kann mit dem Begriff Verschlüsselung vielleicht etwas anfangen, nutzt sie jedoch nicht. Somit greift die Idee, sich dem weiter zunehmenden Trend zur Überwachung durch technische Möglichkeiten zu entziehen, zumindest in Bezug auf E-Mail kaum, will man nicht die Anzahl seiner Kontakte stark reduzieren. Zu der noch immer nur bedingt als einfach zu nennenden Installation vieler Verschlüsselungsprogramme sowie den Kompatibilitätsproblemen (oftmals hilft nur der umständliche Umweg über selbstgeschriebene Scripte oder die Kommandozeile, um eine Mail zu entschlüsseln) gesellt sich zunehmend aber auch eine Begründung ganz anderer Art: Verschlüsselte Mails fallen auf!

Immer schön unauffällig

"Es verschlüsseln zu wenige. Wenn ich dann meine Mails mit PGP oder GnuPG schütze, dann falle ich doch umso mehr auf, dann wirkt das als hätte ich was zu verbergen." lautete die letzte Antwort auf meine eigene Anfrage, warum derjenige nicht die Möglichkeiten der Verschlüsselung nutze. Weitere Nachfragen ließen keinen Zweifel daran: derjenige wusste genau, wie die Programme funktionierten, wie er sie installieren konnte. Aber sich freiwillig auffällig verhalten, indem er seine Privatsphäre schütze, von dem Kommunikationsgeheimnis Gebrauch machte, was ihm laut Grundgesetz zusteht? Das war ihm zu heikel.

Mit seiner Meinung steht der Verschlüsselungsablehner nicht alleine da. Genau wie sich viele, werden sie durch eine Videokamera beobachtet, betont unauffällig verhalten, jedes ungewöhnliche Verhalten vermeiden, vermeiden auch viele eine Verschlüsselung, um nicht den Eindruck zu erwecken, man verdiene eine nähere Beobachtung. Wie im Panoptikum wird verdächtiges Verhalten von vorneherein vermieden, weil die Folgen nicht klar sind und weil man eben nicht abschätzen kann, ob man tatsächlich beobachtet wird oder nicht. Der Ausbruch aus dem Gefängnis ohne Privatsphäre wird somit gar nicht erst erwogen, von vorneherein ausgeschlossen, da schon der Versuch strafbar ist.

"Was wäre wenn" – Folgen des 11.9.

Wie kommt es zu dieser allgegenwärtigen Angst vor dem, was sein könnte? Einerseits muss man natürlich die Entwicklungen seit dem 11. September 2001 betrachten. Wenn in manchen Ländern auf bloßem Verdacht hin Menschen monate- oder jahrelang eingesperrt werden, ohne Zugang zu Anwälten, ohne Verfahren, dann führt dies logischerweise zu Ängsten und zu der Überlegung, ob dies einem selbst auch passieren könnte. Meldungen über vermeintlich harmlose Daten, die zu peinlichen Befragungen und Sicherheitsüberprüfungen führten, tragen ihren Teil dazu bei, diese Überlegungen zu verstärken.

Doch nicht immer ist es die Angst vor dem Verlust der per Gesetz garantierten Rechte auf Freizügigkeit, körperliche Unversehrtheit oder dem Leben, die zu einer Lähmung der Widerstandskräfte führt. Schon die Angst, Freunde zu verlieren oder die Arbeitsstelle, reichen hier aus. Und bedenkt man, wie schnell auffälliges Verhalten zu derartigen Folgen führen kann, wie schnell beispielsweise kritische Berichterstattung auch zu Abmahnungen oder Strafanzeigen führen kann, die neben Anwaltskosten auch die Existenz bedrohen, so sind die Ängste verständlich. Wer möchte schon gerne ins Fadenkreuz geraten, selbst aus noch so hehren Gründen?

Keine Paranoia bitte – das Problem der Datenschützer

Aber neben diesen Ängsten, die auf Berichten und Artikeln, auf also tatsächlichen Begebenheiten beruhen, bleibt es nicht aus, auch eine Mitverantwortlichkeit zu suchen bei jenen, die versuchen, durch allzu pessimistische und oft genug paranoid anmutende Zukunftsvorstellungen auf Missstände aufmerksam zu machen, ohne gleichzeitig aber darauf hinzuweisen, dass ein Bewusstsein für die Möglichkeiten nicht mit einer durch Angst bedingten Lähmung einhergehen sollte. Auch ein bei Telepolis-Beiträgen mitunter geäußerter Vorwurf.

Wer sich z.B. darüber klar ist, was mit Daten geschehen kann, sollte dies nicht zwangsläufig als Grund dafür nehmen, jegliche Datenabgabe zu vermeiden oder sich komplett aus allem, was mit Datenabgabe zu tun hat, mit der Aufgabe der Anonymität, herauszuhalten. Dass gerade die Zukunftsvisionen mancher nur noch die Angst schüren, ohne gleichzeitig aber auch den Gedanken daran wecken, diese Vision zu verhindern, ist ein Zeichen dafür, wie gut das Panoptikum schon funktioniert. Zusammen mit dem Gedanken, dass man ja sowieso nichts ändern kann ist diese Tendenz natürlich Gift für einen wirklichen Wandel hinsichtlich der Privatsphäre und der Bürgerrechte im Allgemeinen.

Dabei ist der Gedanke verständlich, sieht man sich an, wie Bürgerstimmen zu Tausenden ignoriert wurden, wenn es beispielsweise um die Vorratsdatenspeicherung ging oder um Parlamente bei der Praxis der Politikwäsche (Umgehung nationaler Beschlüsse durch Ausweichen auf EU-Ebene bei gewünschten Gesetzesvorhaben). An seiner zerstörenden Wirkung, was Engagement angeht, ändert dies aber nichts.

Aber erst wenn den Betroffenen nicht nur die möglichen Folgen sondern auch effektive Möglichkeiten, diese anzuwenden, aufgezeigt werden, kann die Angst hier bekämpft und in die Kraft, sich wieder für die eigenen Rechte einzusetzen, umgewandelt werden. Diese Möglichkeiten zu schaffen bedarf natürlich der Unterstützung der Betroffenen, womit wir das klassische Henne/Ei-Problem haben. Die eigentliche Herausforderung, was die Bürgerrechte angeht, besteht darin, Angstmacherei zu vermeiden ohne dabei verharmlosend zu sein, vor Augen zu führen ohne Panik zu kreieren.

Ausbruch aus dem Panoptikum

In Zeiten, in denen Datenschützer nicht selten gegen Totschlagargumente wie internationaler Terrorismus, Kinderpornographie und Rechtsradikalismus argumentieren müssen, kein leichtes Unterfangen. Der Automatismus, diesen Killerphrasen seinerseits mit "Argumenten" wie 1984 oder dergleichen zu begegnen, greift sehr schnell. Doch die Betroffenen, die das Panoptikum verlassen wollen, müssen wissen, das dies möglich ist, dass jedes freiwillige Zurückziehen in die Zelle es einfacher macht, sie in Schach zu halten und sie sich somit gegebenenfalls selbst ihr Gefängnis schaffen. Und dass eben nicht jede Bewegung beobachtet wird, eine Totalüberwachung niemals möglich ist.

In Bezug auf Verschlüsselung bedeutet dies, das Kommunikationsgeheimnis aktiv zu schützen, auch wenn es bedeutet, dadurch in der Menge der betont Unauffälligen auffällig zu sein. Je stärker die Zahl derer steigt, die sich dem Trend der Unauffälligkeit widersetzen, die Mut zum Auffallen zeigen, desto geringer wird logischerweise die Menge derjenigen, die Unauffälligkeit praktiziert, wodurch irgendwann diese die Auffälligen sind. Im Hinblick auf eine Aufklärung, die nicht nur auf Horrorszenarien basiert, haben Bürgerrechtler, egal ob sie ihre Warnungen in Presseerklärungen oder aber Literatur kleiden, noch sehr viel Arbeit vor sich. Dis bisherige Praxis jedenfalls erweist sich zunehmend nicht nur als wirkungslos sondern als kontraproduktiv.

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