Das eigentliche Amerika I

20.06.2005

Sam Huntington korrigiert einige der Amerikabilder, die hierzulande Jahrzehnte lang herumgereicht wurden

Es war ein überwältigender Sieg, den George W. Bush letztes Jahr im November eingefahren hat. Und das trotz massivsten Gegenwinds, der ihm vor der Wahl aus New York, Hollywood oder Boston entgegen geblasen hatte. Zudem eroberten die Republikaner die Mehrheit in beiden Häusern und jagten den Demokraten obendrein auch vier Sitze im Repräsentantenhaus und fünf Senatsposten ab. Darunter sogar den des Oppositionsführers Tom Daschle, was es seit über fünfzig Jahren nicht mehr gegeben hatte.

Der Katzenjammer, der daraufhin in den Ivy Leagues, in Harvard, in Yale oder am MIT losbrach, war gewaltig. Von Scham und Verzweiflung, ja sogar von Auswanderung war die Rede. Umgesetzt wurde diese Ankündigung jedoch nicht. Zumindest ist nicht bekannt, dass ein gut bezahlter Professor aus Stanford, Berkeley und Princeton oder irgendein Big Boss von Time Warner, Microsoft oder Goldman Sachs, die im Vorfeld eifrig für John Kerry Stimmung gemacht und Geld für ihn gesammelt hatten, ihren Wohnsitz nach Europa, nach Hawaii oder gar auf die Caymans oder Phi Phi Islands verlegt hätte.

Samuel Huntington

Aber auch in Berlin, Paris oder Liverpool, wo lange Zeit der demokratische Rivale gepuscht und inständig mit seinem Sieg gerechnet wurde, war die Enttäuschung riesig. Entsprechend aufgebracht und wütend gerieten auch die Kommentare. Räumte die Süddeutsche Zeitung eine Doppelseite ihres Feuilletons frei, um fünfzehn Autor und Autorinnen Gelegenheit zu geben, ihrem Unmut freien Lauf zu lassen, verstieg sich ein Magazin gar zu der Titelzeile, wie 60 Millionen Amerikaner aus freien Stücken zu dem Schluss gekommen sein könnten, einen ehemaligen Säufer und "wiedergeborenen Christen" zu ihrem Präsidenten zu wählen.

Wir sind von vornherein verdächtig, nicht ganz bei Trost zu sein

Kante, Zombie

Fischen im Trüben

Wer diese teils düsteren, teils hysterisch-paranoiden Zeugnisse las, konnte alsbald glauben, dass mit Bushs Wiederwahl der Untergang der ältesten Demokratie der Welt, das Ende der Aufklärung oder gar die Wiederkehr des Mittelalters unmittelbar bevorstünde. Auf den naheliegenden Gedanken, dass eine satte Mehrheit von Durchschnittsamerikanern Bush einfach deswegen gewählt haben könnte, weil sie sich mit den von ihm vertretenen Werten, Idealen und Prinzipien identifizierten und eher ihm als dem liberalen Herausforderer die Lösung ihrer und des Landes Nöte zutrauten, kamen die erbosten Kritiker nicht. Statt auf Zahlen und nüchterne Wahlanalysen zu warten und sich sachlich mit dem Wahlergebnis auseinanderzusetzen, gaben sie lieber noch mal all jenem "linken" Alarmismus Nahrung, der bereits Tage zuvor noch lautstark vor einem dumpfen oder "sanften Faschismus" (Im Zeitalter der Angst) gewarnt hatte, der Amerika befallen könnte, wenn Bush erneut ins Weiße Haus einzöge.

Andere zogen es dagegen vor, den Geschlagenen politischen Mut zu machen und den haushohen Sieg Bushs in eine Niederlage umzudeuten, da durch ihn (so die etwas naive Hoffnung) die bevorstehende Konfrontation zwischen Europa und Amerika um den richtigen Weg in die Moderne schärfer hervorträte (Das liberale Waterloo).

Stimmen, die für mehr Gelassenheit und Abgeklärtheit plädierten, hatten es in da verständlicherweise schwer. Sieht man mal von Jeffrey Gedmin, dem streitbaren Leiter des Berliner Aspen Instituts ab (Das fromme Amerika), dann gab es meines Wissens nur zwei Wortmeldungen, die um Verständnis für die Entscheidung ihrer Landsleute warben: Das unerwünschte Amerika von Sepp Gumbrecht, sowie: Es gibt Schlimmeres als George W. von Gundolf F. Freyermuth. Die bissigen, teilweise gar gehässigen Reaktionen, die das auslöste, und zwar auch bei Freunden und ehemaligen Weggefährten, waren erschreckend, irgendwie aber auch bezeichnend für die vergiftete Atmosphäre.

Die Beantwortung der Frage, was das eigentlich für Leute waren, die republikanisch gewählt, den Propagandawirbel der aufgeklärten Eliten ignoriert und Bush trotz Irak-Desaster, weltweiter Isolation und Rekordhaushaltsdefizit, trotz gebrochener Versprechen und losem Umgang mit Bürgerrechten zu einer komfortablen Mehrheit verholfen hatten, schien dagegen kaum jemanden wirklich zu interessieren. Handelte es sich bei den Menschen, die Bush ihre Stimme gegeben hatten, wirklich um geistig Verwirrte oder hirnlose Idioten, wofür manche die Rednecks aus dem Süden bzw. die Gottesfürchtigen aus dem Bible Belt erklärten, weil sie angeblich einen Kulturbegriff pflegen, den auch Achtjährige noch verstehen?

Kam da, wie ein Kommentator der taz tatsächlich formulieren durfte, jenes "Gesocks" zum Vorschein, das in den Folterknechten Charles Graner und Lynndie England bereits seine wahre Fratze gezeigt hatte? Kündigte sich in dem Kerry-Desaster gar ein Aufstand des amerikanischen Herzlandes gegen die Individualistenzonen in New York, Boston und San Francisco an? Rebellierte mithin eine Lebensform, die sich mittlerweile abseits der großen Städte entwickelt hat, Sehnsucht nach verbindlichen Werten und Normen zeigt und statt für Vielfalt und Minderheitenrechte (wie die Ostküstenintelligenz) für eine homogene Leitkultur plädiert?

Unsere erste und grundlegendste Maxime sollte sein, uns niemals in europäische Streitigkeiten zu verwickeln. Unsere zweite, es niemals zu dulden, dass Europa sich in Angelegenheiten diesseits des Atlantiks einmischt.

Thomas Jefferson an James Monroe

Amerikanisches Credo

Wem simpel gestrickte Erklärungsmuster oder plumpe Anti-Amerikanismen nicht ausreichen, sondern wer nach Aufklärung und Material zur Lösung solcher Fragen sucht, der sollte das jüngste Werk von Samuel P. Huntington zur Hand nehmen, jenen schrullig-schrägen Wissenschaftler also, der in einer der Hochburgen des liberalen Geistes Politik lehrt, als "Zuchtmeister" von so unterschiedlichen Charakteren wie Francis Fukuyama und Henry Kissinger, Fareed Zakaria und Madelaine Albright gilt und mit seiner "Kulturkampfthese" vor mehr als einem Jahrzehnt für weltweites Aufsehen gesorgt hat.

Hatte er sich dort noch dem Kampf gegen den "äußeren Feind" verschrieben und war für eine strikte räumliche Trennung der verschiedenen Kulturen (Kulturkreislehre) eingetreten, wendet sich der Harvardprofessor in "Who We Are", das letztes Jahr bei Simon & Schuster und gleich darauf auch bei uns im Europa Verlag erschienen ist, dem Kampf gegen den "inneren Feind" zu. Im Focus des Professors steht diesmal die Frage nach der Herkunft und Identität der amerikanischen Bevölkerung, die er aktuell für gefährdet und in der Krise wähnt und um deren Fortbestand er sich deshalb mächtig Sorgen macht.

Man könnte natürlich sofort einwenden, dass Patchwork und Identitätsdiffusion Begleit- und Nebeneffekt des entgrenzten Globalverkehrs von Waren, Menschen und Nachrichten sind. Annäherung, Angleichung und Vermischung der Rassen, Regionen und Kulturen (Stichwort: Capuccinisierung) ist ein unumkehrbarer Tatbestand der sozialen Evolution, der die Staaten dieser Welt mehr oder weniger alle berührt, Amerika mehr noch als andere. Das Näherrücken von Arm und Reich, Schwarz und Weiß, fremd- und inländischen Kulturen verändert auch ihr äußeres und inneres Erscheinungsbild. Dass Ideen, Kulturen und Identitäten sich rascher verändern als vorher, angestammte sich binnen kurzer Zeit auflösen und neu zusammensetzen, ist eines der (von manchem sehnlichst erwünschtes) Nebengeräusche der wirtschaftlichen Globalisierung.

Für Huntington jedoch, dem unermüdlichen Kämpfer wider die Globalisierung, ist die beispielslose Erfolgsgeschichte der amerikanischen Nation, die sie in den letzten zweihundert Jahren geschrieben hat, eng mit dieser Identität verknüpft. Ohne ihre Überzeugungs-, Anziehungs- und Integrationskraft, die sie in all den Jahren auf Alt- wie Neubürger ausgestrahlt habe, wäre der rasante Aufstieg des Landes zur alleinigen Supermacht nicht möglich gewesen. Als Kern ihrer Macht, ihres Wohlstands und weltweiten Ansehens identifiziert er jene Kultur, die Land nehmende Siedler einst bei ihrer Flucht aus Europa und auf ihrer Suche nach einem "Neuen Jerusalem" in die Neue Welt verpflanzt haben.

Wie eine "City upon a Hill" sollte es aus der Wildnis herausragen. "Wir dürfen nicht vergessen", so der Prediger John Winthorp damals vor Neuankömmlingen, "dass wir sein werden wie eine Stadt auf dem Hügel. Die Augen aller sind auf uns gerichtet." Als Sinnbild puritanischer Verheißung gehört dieses Bild längst zum Standardvokabular amerikanischer Präsidenten. Kennedy und Reagan, Clinton und Bush haben sich bei ihrer feierlichen Inthronisation auf dem Capitol Hill darauf bezogen, zumal es auch als starkes religiöses Symbol für den globalen Erfolg des Kapitalismus gilt.

Als Eckpfeiler dieser Kultur benennt Huntington: eine christliche Religion, eine Arbeitsethik, die englische Sprache, die Beschränkung der Regierungsgewalt und das Erbe europäischer Kunst und Literatur. Mögen Historiker auch darüber streiten, wie das geistige Erbe, das die Puritaner hinterlassen haben, letztlich zu bewerten ist (Kritiker Huntingtons haben sich auch genau an dieser Frage festgebissen), einig sind immerhin darüber, dass die vor Satan, Hexen und Zauberlehrlingen zitternden, vor Armut, Elend und gesellschaftlicher Stagnation fliehenden und um ihr Seelenheil tief besorgten Siedler (nicht Immigranten, worauf Huntington besonderen Wert legt) dem amerikanischen Nationalcharakter seine spezifische Prägung gegeben haben. Erst im Laufe der Jahrzehnte hat sich daraus ein hybrides Glaubenssystem formiert, der sog. "American Creed", der von "politisch-moralischen Werten" unterfüttert und vom Individualismus und Privateigentum, von Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde, aber auch vom Bekenntnis zur Gleichheit getragen wird.

Dieser spezifische Glaube, den Thomas Jefferson einst formuliert und der auch Eingang in die Unabhängigkeitserklärung gefunden hat, bildet in den Augen Huntingtons die Grundlage des amerikanischen Selbstverständnisses. "The creed became the touchstone of our national identity”, so Huntington an anderer Stelle. Das Besondere an ihm ist, dass er alle ethnischen, kulturellen, religiösen oder sonstigen Zuschreibungen abgestreift hat, sich mithin nicht mehr auf sog. "native" Merkmale beruft, sondern ausschließlich auf universellen Prinzipien und Glaubensüberzeugungen gründet, die auf alle uns bislang bekannten Gesellschaften oder Gesellschaftstypen anwendbar sind. Dies ist der Grund, warum Amerikaner (und der ständige Zuzug von Menschen aus aller Herren Länder sowie das freiwillige Takeover diese Werte durch andere Kulturen gibt ihnen da recht) felsenfest davon überzeugt sind, dass ihr Land die erste und bislang einzige "universelle Nation" ist, die es auf dem Planeten gibt. Amerika wird nicht von einer Ideologie getragen, einem Glauben oder gar Mythos, Amerika selbst (und die Freiheitsstatue symbolisiert das) ist Ideologie, ist Glaube, ist Mythos.

Dieses Land kann auf keinen Verbündeten setzen, der ihm hülfe, seine Arbeit zu tun.

Theodore Roosevelt

Amerikanischer Exzeptionalismus

Der Vergleich mit anderen Nationen und Völkern fällt vor diesem Hintergrund entsprechend klar und eindeutig aus. Als rückständig oder unzivilisiert gilt, wer diese Werte nicht teilt oder noch nicht erreicht hat; als besonders wertvoll, herausgehoben oder überlegen gilt, wer sich diese Werte zu Eigen macht und nach ihnen lebt und regiert. Weder das viel gescholtene "Either they are with or against us" noch der Unilateralismus oder die Zivilisierung, Missionierung und weltweite Verbreitung von Demokratie und Freiheit sind private Marotten oder fixe Ideen eines tumben Präsidenten, sondern finden sich schon in den Gründungsakten und -dokumenten einer aufstrebenden Nation, die um Eigenständigkeit und Unabhängigkeit vom europäischen Mutterland ringt und die ihre Einswerdung mit Blut, Tod und Gewalt geschrieben hat, wie uns Martin Scorsese vor nicht allzu langer Zeit in "Gangs of New York" eindrucksvoll vor Augen geführt hat (Auf der Straße ist Gewalt der Naturzustand).

Nicht nur der Bürgerkrieg, der Völkermord an den Indianern oder der Kampf gegen die Sklaverei sind Ausdruck dieses starken nationalen Wehr- und Behauptungswillens. Auch die "Monroe-Doktrin" von 1823, die platt gesagt nur besagt, dass "Amerika den Amerikanern" gehört und alle fremden Elemente davon ferngehalten werden müssen, ist es. Vor allem sie, Anfang Dezember auf Geheiß Thomas Jeffersons vom Präsidenten James Monroe dem Kongress vorgetragen, beweist, dass Amerikaner durchaus auch "feste Bindungen" zu Örtlichkeiten entwickeln. Es mag sein, dass Amerikaner gerne umherziehen und sich darum wenig mit Plätzen, Landschaften oder Regionen identifizieren, an denen sie leben. Daher sind sie auch besser auf die neuen Arbeits- und Lebensbedingungen des modernen Kapitalismus vorbereitet als die Sesshaftigkeit gewohnten Europäer. Aber dass US-Bürger nationale Identität frei schwebend oder gar Raum vergessen definieren, wie Huntington behauptet, dürfte übertrieben sein. Nicht zuletzt der elfte September und alle Maßnahmen, die seitdem zum Heimatschutz von der US-Regierung ergriffen worden sind, zeigen, dass Amerikaner eine besondere Affinität auch zum Raum und erst recht zu ihrem Territorium besitzen.

Diese Entkopplung von Identität und Raum ändert aber nichts daran, dass das Gefühl für Einzigartigkeit, Herausgehobenheit und Superiorität, mithin auch das privilegierte Wissen um den Unterschied von gut und böse, richtig oder falsch, als besondere Spielart einer säkularisierten Religion gedeutet werden kann. Da sie trotz republikanischer Läuterungen weiter vom puritanisch-missionarischen Geist der Siedler und Pilger beseelt bleibt, zählt die US-amerikanische Gesellschaft neben der israelischen, pakistanischen oder saudiarabischen mit zu den religiösesten der Welt.

Für Huntington, und jüngst hat David Gelernter in einem ausgesprochen breit angelegten Beitrag für den "Commentary" (Americanism – and Its Enemies) ihn darin nochmals bestätigt, bezeichnet diese tief in der christlichen Tradition wurzelnde amerikanische Gewissheit, der zufolge Amerika "die letzte und edelste Hoffnung der Menschheit sei und seine beste Zukunft noch vor sich habe", als Kern und "primäre Quelle" des Begriffs des "Amerikanismus", den europäische Religionsführer beizeiten schon mal gern als "Irrlehre" angeprangert haben. "Anti-Amerikanismus" in diesem Sinn (die intellektuellen Wurzeln des Anti-Amerikanismus hat Lee Harris vor einiger Zeit zu ergründen versucht) hat nichts mit üblichen US-amerikanischen Stereotypen zu tun: mit dem amerikanischen Hinterwäldler und Cowboy, dem korrupten und vulgären Politiker oder Sklavenhändler etwa; dem neureichen Amerikaner, der nicht weiß, wie man mit Messer, Gabel und Löffel richtig hantiert; oder den steinreichen Eltern, die nach Europa reisen, alte Kunstwerke aufkaufen und dabei nach aristokratischen Ehemännern für ihre dumm glucksenden Töchter Ausschau halten, sondern richtet sich hauptsächlich gegen den globalen Anspruch des Landes, den Rest der Welt zu führen und nach seinem "Way of Life" zu formen.

Anders als in Europa, wo Religion und Politik aufgrund leidvoller Erfahrung vor etlichen Jahrhunderten getrennte Wege gegangen sind, bilden in Amerika der "Geist der Religion und der Geist der Freiheit", so der Franzose Alexis de Toqueville nach seinem Besuch um 1850, eine wunderbare Symbiose. Dieser "Exzeptionalismus", der sowohl in der Verfassung und im Regierungssystem als auch in religiösen Symbolen tief verankert ist und bei öffentlichen Veranstaltungen, Ritualen oder Gedenktagen ständig zelebriert wird, erlaubt es Amerikanern, Land und Gott, Individualismus und Gemeinschaft mühelos miteinander in Einklang zu bringen und dadurch den Patriotismus religiös zu grundieren.

Die Expropriation […] nimmt in verschiedenen Ländern verschiedene Färbung an und durchläuft die verschiedenen Phasen in verschiedener Reihenfolge und in verschiedenen Geschichtsepochen.

Karl Marx, Die ursprüngliche Akkumulation

Königsberger Blick

Die "Spaltung des Westens", die Habermas jüngst bitterlich beklagt und ausgerufen hat, ist folglich keine Neuentdeckung, die erst mit der Kanonenpolitik eines entscheidungsfreudigen und unilateral handelnden Präsidenten in Gang gekommen ist, sondern wohnt bereits von Beginn an der westlichen Ideen- und Geistesgeschichte inne. Durch den Transfer nach Neu-England und ihre Aufnahme durch die dort lebenden Bürger haben Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde eine eigenständige Qualität erhalten, die sie von alteuropäischen Vorstellungen strikt unterscheiden.

Das Gerede von "gemeinsamen Werten", an das Otto Schily kürzlich in unerträglich anbiedernder Weise erneut hingewiesen hat (Mut zur Amerikanisierung), um bei Amerikanern wieder Liebkind zu machen, ist daher ein Euphemismus. Stattdessen muss man ehrlicherweise, um überflüssigen Missverständnissen zu entgehen, von unterschiedlichen Wegen sprechen, die Amerika und Europa in die Moderne gegangen sind und weiter gehen. Gertrude Himmelfarb, Ehefrau des Neocon Irving Kristol und Mutter von Bill Kristol, dem Herausgeber des "Weekly Standard", jener Zeitschrift also, die mit Beginn der ersten Präsidentschaft von George W. Bush Stil bildend für die Politik des Landes geworden ist, hat diese Unterschiede kürzlich einer eingehenden Erörterung unterzogen. In "The Roads to Modernity. The British, French, and American Enlightenments" weist sie glaubhaft nach, dass Aufklärung und Moderne in den jeweiligen Ländern unterschiedliche Formen und Gestalten angenommen haben und ein Bild der Vielfalt bieten.

Betrachtet man beispielsweise nur den britischen Beitrag zur Aufklärung, dann steht hier der Begriff der "gesellschaftlichen Tugend" im Vordergrund, und nicht eine abstrakte Vorstellung von Vernunft und Rationalität, wie sie etwa Franzosen pflegen und mittlerweile auch die Deutschen teilen. Neben David Hume steht auch Adam Smith für diesen moralistischen Blick auf die sozialen und politischen Verhältnisse Pate. Keineswegs ist er nur jener kühle Verfechter von Markt und Wettbewerb gewesen, als der er heute üblicherweise gehandelt wird. Vielmehr hat er, was häufig gern vergessen wird, dem marktwirtschaftlichen Gedanken den des "moralischen Gefühls" an die Seite gestellt. Mit Empathie, mit mild- oder wohltätigem Handeln, aber auch durch Mitleiden mit anderen oder Zukurzgekommenen sollen Wunden geheilt und all jene negative Folgen ausbalanciert werden, die Freihandel und Gewinnstreben im Haushalt der Individuen schlagen.

Mit den amerikanischen Gründervätern, die mit ihrer pragmatischen Politik dem Rest der Welt als erste den Weg zu Demokratie und Freiheit geebnet und gewiesen haben, wird dieser Streit zwischen den Kulturen auf ein qualitativ anderes (aus amerikanischer Sicht wohl auch), höheres Niveau geführt. Die "Ideologie der Vernunft" mutiert in Philadelphia via London und Edinburgh zu einer "Politik der Tugend". Zwar entsagen die Gründerväter vernünftigerweise in ihrer Deklaration einer Festlegung auf eine bestimmte Religion. Sie gewähren dort nicht nur allen Bürgern des Landes volle Religionsfreiheit und sichern auf diese Weise gleichzeitig und auf Dauer religiöse Toleranz und Vielfalt.

Anders aber als die vom Rationalismus bewegten (nach amerikanischer Lesart wohl eher geblendeten) Alteuropäer bleiben die amerikanischen Aufklärer ihren religiösen Wurzeln weiter treu. Für sie bedürfen Moral und Freiheit, so sie denn von Bestand geprägt sein sollen, der ständigen religiösen und metaphysischen Unterfütterung. Nur in den Vereinigten Staaten sind Kapitalismus und Moralismus, religiöser Glauben und soziale Tugendhaftigkeit auf höchst erfolgreiche Weise amalgamiert worden. Ausdruck dieses festen Glaubens an einen den Menschen von Gott mitgegebenen "moralischen Sinn" ist der "mitfühlende Konservatismus", der armen Mitbürgern oder US-Gemeinden, häufiger als irgendwo anders in der Welt, Erlebnisse liebevoller Solidarität beschert. Beispiellos auch das Spendenaufkommen, das reiche Amerikaner wie Bill Gates und andere alljährlich Stiftungen, Projekten und Notleidenden in aller Welt zukommen lassen.

Bemerkenswert am "Kampf der Kulturen" um das richtige Vermächtnis und die richtige Fortschreibung von Aufklärung und Moderne ist, dass durch ihn die längst für überholt geglaubte Vorstellung von der Raumgebundenheit von Ideen, Werten und Urteilen neue Nahrung bekommt. Durch die Hintertür wird ein Zusammenhang wieder eingeführt, worauf der Schweizer Philosoph Elmar Holenstein mit seinem "Philosophie-Atlas" (Ammann Verlag, 2004) aufmerksam gemacht hat. Ihm zufolge folgen auch Denken und Geist den Handels-, Lauf- und Verkehrswegen der Waren und Kaufleute; auch sie sind an konkrete Orte, Plätze und Territorien gebunden. Was die Bewohner dort aus ihnen machen, wie sie die von Händlern und Kaufleuten importierten Ideen im Lichte eigener geschichtlicher Erfahrungen und Traditionen aufnehmen, verarbeiten und ausdeuten, ist unprognostizierbar. Der Mensch ist, wo er ist.

"Es gibt nichts, was den geschulten Verstand mehr kultiviert und bildet als die Geographie", weiß auch Kant. Diese tiefe Verwurzelung der Bewohner mit ihrer Heimat, die einst auch Heidegger bewogen hat, den Ruf nach Berlin abzulehnen und im Schwarzwald zu bleiben, ist der tiefere Grund, warum Kulturen wesentlich heterogen sind und Ideen nicht universalisierbar sind.

Dass angesichts der Vormacht globaler Echtzeitmedien Ideen und Werturteile rasch zirkulieren und weltweite Verbreitung finden (memetische Evolution), stellt dazu nicht unbedingt einen Widerspruch dar. An vielen Ess- und Bekleidungsgewohnheiten kann man das gut ablesen, am globalen Kapitalismus, der hierzulande wieder im Kreuzfeuer der Kritik steht, auch. Im historischen Teil des ersten Bandes des Kapitals, im Kapitel über die "ursprüngliche Akkumulation" also, weist Karl Marx explizit darauf hin, dass sich der Kapitalismus zwar überall durchsetzt, aber überall anders. Auf welche Weise aber, darüber entscheiden die geschichtlichen Arbeitsvermögen, die aus gesellschaftlichen Trennungs- und Vereinigungsprozessen hervorgehen, wie Negt/Kluge in "Geschichte und Eigensinn" gezeigt haben.

Das spürbare Entsetzen über Fahnen schwingende US-Patrioten, das Habermas post Nine-Eleven bei seinem Besuch in Manhattan befallen hat; die laute Klage darüber, dass Amerika mit der Bush-Doktrin, der Irak-Kampagne und dem Bruch des Völkerrechts bewusst gegen seine liberalen Prinzipien verstoßen habe, die politische Aufklärung von 1800, den Pragmatismus und den Internationalismus nach den beiden gewonnenen Weltkriegen, beruht auf einer eigenmotivierten Selbsttäuschung.

Wer sein Amerikabild vornehmlich aus den Enklaven von Harvard, Yale oder Princeton bezieht und es zusätzlich noch via Königsberg definiert, dem bleibt nur noch lautes Poltern und Wehklagen. Die "besseren Traditionen", die er in Amerika zu finden glaubt, sind seine eigenen. Seine eigene, nicht die "normative Autorität Amerikas liegt in Trümmern". Das "andere" und "bessere Amerika", das er und viele seiner Zeitgenossen imaginiert, ist geschönt, durch die "re-education-policy der Besatzung" erzwungen. Mit dem "eigentlichen Amerika", das Huntington meint und das Bush gewählt hat, hat es herzlich wenig zu tun.

In vielerlei Hinsicht erinnert das Selbstmissverständnis des Aufklärers fatal an Jean Baudrillards Polemik (Malibu oder Pompeji), die er nach seinem Besuch dort verfasst hat und das anlässlich des Irak-Kriegs pünktlich wieder aufgelegt wurde. Es erinnert aber auch an jene Soziologengeneration von 1890 (Deutschland ist nicht Amerika), an Max Weber, Ferdinand Tönnies und Werner Sombart also, die Amerika 1904 auf Einladung von Harvard-Kollegen besucht haben. Statt aber auf ihrer Reise das Land für sich neu zu entdecken, fanden sie ihre schlimmsten Vorurteile, die sie sich zuvor über das Land zusammenfabuliert hatten, nur bestätigt, ein kulturell verwahrlostes Land, das ausschließlich dem "materialisierten Prinzip des zivilisatorischen Fortschritts" frönt.

Ich denke, dass in vieler Hinsicht das amerikanische Modell besser ist.

Kardinal Joeseph Ratzinger

Kampf der Ideen

Ist der "American Way of Life" nun Königs- oder Sonderweg in die Moderne?

Ich kann und will diese Frage hier nicht beantworten. Vieles spricht dafür, dass das US-amerikanische dem alteuropäischen Modell überlegen ist. Sicher ist aber auch, dass der ideologische Kampf darum weitergehen wird. Schon hat neuerdings auch Habermas (zum Erstaunen des Publikums) die Ressource "Religion" als "Instrument und Waffe" entdeckt. Er will sie gegen eine "entkernte", nur von den Imperativen Macht und Markt geleitete Modernisierung ins Feld schicken und hat dafür im neuen Papst einen Komplizen und Mitstreiter gefunden. Und mit dem chinesischen Modell, dem autokratisch verfassten Kapitalismus, steht ein ernsthafter Rivale Gewehr bei Fuß, die westliche Sicht der Dinge zu unterlaufen und dem Weg in die Moderne eine neue Duftnote zu verpassen.

Kojève, Adorno und Fukuyama hatten Unrecht. Es gibt keine Systemkonvergenzen. Amerika und Europa verhalten sich wie Körper und Geist, wie Zivilisation und Kultur zueinander. Die Geschichte ist, natürlich, nicht zu Ende. Sie geht erst dann zu Ende, wenn die Sonne ihre Stahlkraft einbüßt, also in ca. vier Milliarden Jahren. So wie die Einführung des Euro eher die Unterschiede zwischen den Staaten als ihre Angleichung zum Vorschein bringt (weil nun ein Vergleichsmaßstab für alle vorliegt), lässt auch die Globalisierung Werte, Ideen und Weltbilder zunächst näher rücken, um sie danach umso weiter voneinander zu entfernen. Daher auch der Unmut der Europäer über Europa. Konkurrenz und Wettbewerb zwischen verschiedenen und unterschiedlichen Modellen, Kulturen und Werten muss sein. Erst recht, wenn sie von unterschiedlichen Machtpositionen aus geführt werden. Sie beleben das Geschäft, zumal sie wirtschaftliche Dynamiken fördern, Stillstand verhindern und Selbstzufriedenheit und Bequemlichkeit bestrafen.

Richtig ist, dass das schwedische oder das deutsche Modell, das US-Liberale (links und sozialdemokratisch) mal nach Amerika importieren wollten, an Strahlkraft schwer eingebüßt hat. Für die Erwartungen und Ansprüche der modernen Welt sind solche vormundschaftlichen Systeme nicht flexibel genug. Sie ersticken Eigeninitiativen und bestärken Menschen darin, sich an Vergünstigungen und Ansprüche zu klammern, an großzügig gewährte Sozialleistungen etwa, an arbeitsrechtlichen Schutz oder an Zusatzleistungen wie Kinderbetreuung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Alterssicherung. So wünschenswert das auch sein mag (man denke nur an all die sozialistischen Arbeitsutopien, die André Gorz entworfen hat) – wegen des raueren Klimas, das auf den Weltmärkten herrscht, können das solche Staaten ihren Bürgern auf Dauer weder zusichern noch bieten.

Das zivilreligiöse Bewusstsein der Auserwähltheit, das aus der Verschränkung von religiösem Glauben und tugendhaftem Verhalten hervorquillt, mag Alteuropäern zutiefst missfallen. Es als "christlich-fundamentalistisch" zu verteufeln und ihm einen "schwachsinnigen Charakter" (Das liberale Waterloo) anzudichten, schießt nicht nur über das Ziel hinaus, es ist auch falsch, weil es nur latent vorhandene Vorurteile über Land und Leute repliziert und verstärkt. Solange der Beweis nicht erbracht und angetreten wird, dass der paternalistisch gelenkte Weg wirklich der bessere und dem individualistischen haushoch überlegen ist, sollte man darauf verzichten. Man denke dabei nur an den kläglich gescheiterten Lissabon-Prozess, wonach Europa in zehn Jahren mit Amerika wirtschaftlich gleichziehen und es sogar überholen wollte. Angesichts solcher kläglichen Resultate sollte sich kein Alteuropäer auf das hohe Ross begeben und vom Feldherrenhügel herab über andere urteilen. Lahmende Ökonomie mit stetig wachsender Arbeitslosigkeit, Bedenkenträgerei und Fortschrittsfeindlichkeit, wie sie in Alteuropa nun schon seit Jahrzehnten grassieren, könnten schon bald dafür sorgen, dass dieser Fall sehr schmerzhaft ausfallen wird.

Doch auch billigstes Amerika-Bashing kommt nicht um die historische Tatsache herum, dass die erste voll funktionsfähige Republik der Moderne in Amerika ihren Ausgang genommen hat, und nicht erst durch die Erstürmung der Bastille. "That all men are created equal", wie es in der Declaration of Independence heißt, war der allererste Schritt zur politischen Realisierung der Aufklärung. Als das in Philadelphia geschah, sprachen europäische Vordenker darüber nur hinter vorgehaltener Hand. Es bedurfte erst eines Aufstandes in Boston und Umgebung, um das zum Ereignis werden zu lassen und sie vom Himmel der Ideen auf die Erde zu holen.

Im zweiten Teil werden wir uns kulturellen Herausforderungen widmen, denen sich der American Creed aktuell als handlungsleitende Maxime der amerikanischen Erfolgsgeschichte gegenübersieht. Für Huntington sind das: der grassierende Multikulturalismus der transnationalen Eliten und der wachsende Migrationsdruck, der vom ärmeren Süden ausgeht. Beides hat zu heftigen Kontroversen geführt, in Amerika ebenso wie in Alteuropa. Unverständlicherweise, wie wir meinen, weil Huntington nur jene Probleme beim Namen nennt, die alle wohlhabenden westlichen Staaten, also auch Europa, haben. Stichwort: "Kapitalflucht", Stichwort: "Parallelgesellschaft". Die Augen davor zu verschließen, könnte den sozialen Sprengstoff, der sich darin verbirgt, befeuern.

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