Große Koalition beim Lauschangriff

Peter Nowak 16.06.2005

Der im Vermittlungsausschuss des Bundestags gefundene Kompromiss erweitert die Abhörmöglichkeiten

Da sage noch jemand, in Berlin werde jetzt nur noch Wahlkampf statt Politik gemacht. Manchmal gibt es sogar merkwürdige Koalitionen. So hat sich im Vermittlungsausschuss des Bundestages die Bundesregierung mit der CDU/CSU auf eine Neuregelung des Lauschangriffs geeinigt. Der Katalog der Straftaten, die das Abhören von Wohnungen erlauben, wird auf Insistieren der Union ausgeweitet. Künftig soll auch dem Verdacht auf gemeinschaftlich begangene Sexualdelikte und die bandenmäßige Fälschung von Kreditkarten und Schecks mit einen Lauschangriff nachgegangen werden.

  • mobil
  • drucken
  • versenden
Die Neuregelung war nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom März 2004 notwendig geworden. Es hatte dem Gesetzgeber eine Frist bis Ende Juni 2005 gesetzt, um das bisher bestehende Gesetz so nachzubessern, damit der private Kernbereich der Abgehörten besser als bisher geschützt wird. Über die Umsetzung der Entscheidung des höchsten Gerichts gab es zwischen den Parteien Streit. Die Union favorisierte die Lösung, zunächst alles aufzeichnen zu lassen und anschließend einen Richter entscheiden zu lassen, welche Passagen wegen des privaten Inhalts gelöscht werden müssen. Die Regierungskoalition setzte sich mit ihrer Vorstellung durch, dass die Abhörgeräte umgehend ausgeschaltet werden müssen, wenn private Kernbereiche betroffen sind.

Wie diese Bereiche in der Praxis auseinander zu halten sind, wird künftig sicher noch häufiger die Gerichte beschäftigen, wenn bei Strafverfahren entschieden werden muss, ob die Ergebnisse von Lauschangriffen verwertet werden dürfen. Die Ermittlungsbehörden haben die Vorgaben aus Karlsruhe schon als unpraktikabel bezeichnet. Viele Bürgerrechtler hatten gehofft, es werde zu keiner Einigung gekommen. Dann wäre die akustische Wohnraumüberwachung ab Juli nicht mehr zulässig gewesen.

Das von Anfang an umstrittene Gesetz hatte schließlich sogar zum Rücktritt der damaligen FDP-Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger geführt. Diese lange Zeit in der politischen Versenkung verschwundene Linksliberale (Quo vadis, Liberalismus?) ist in der FDP in letzter Zeit wieder wichtiger geworden. Denn die FDP hat beim Versuch, vom Image der reinen Wirtschaftspartei wegzukommen. die Bürgerrechte wieder entdeckt. Damit kann sie sich auch gegenüber ihren künftigen Koalitionspartner Union profilieren. Das hat sicherlich zu den Einigungsbemühungen der CDU/CSU beigetragen. Denn schließlich soll die neue Koalition nicht gleich mit einem Streit um die Bürgerrechte beginnen. Außerdem hat die Union damit gegenüber einer zu selbstbewussten FDP deutlich gemacht, dass sie noch andere Koalitionsoptionen hat. Die Grünen hingegen haben sich mit ihrer angesichts der Mehrheitsverhältnisse völlig überflüssigen Zustimmung zur Fortführung des Lauschangriffs selbst um die Chance gebracht, wieder mehr Profil als Bürgerrechtspartei zu entwickeln. Peter Schaar, der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, kritisiert dass der Kompromiss es möglich macht, die akustische Wohnraumüberwachung bei mehr Straftaten anzuwenden, als dies in dem vom Bundestag verabschiedeten Gesetzentwurf der Bundesregierung vorgesehen war.

Um auf die zunehmende Überwachung und Einschränkung des Datenschutzes aufmerksam zu machen, hat Ruben Wickenhäuser die Aktion Owl content - Weblogs für Datenschutz gestartet. Weblogs seien zu einem nicht zu unterschätzenden Faktor bei der Bildung der öffentlichen Meinung geworden.. Daher sollten die Betreiber sich ihrer Verantwortung bewusst werden. Angeboten wird ein Logo, das zeigen soll, dass der oder die Betreiber des Blogs datenschutzrechtliche Entwicklungen kritisch beobachten und für das "Recht auf informationelle Selbstbestimmung" eintreten.

http://www.heise.de/tp/artikel/20/20335/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Hört der Staat bald alles?

Der Lauschangriff soll zukünftig auch ohne Verdacht möglich sein und Journalisten, Anwälte, Pfarrer und Ärzte einschließen

Überwachung? Ja, bitte!

Nach einer aktuellen Umfrage würde die Mehrheit der Deutschen fast jede Ausweitung von Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen akzeptieren

Wozu brauchen wir eigentlich einen Bundespräsidenten?

Oder: Warum das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zum großen Lauschangriff viel über das Amt des Bundespräsidenten aussagt

Bundesrat verabschiedet Lauschangriff

Nachbesserungen im Vermittlungsausschuß

Die Diskussion um den Großen Lauschangriff - eine Farce.

Auch weitere Ausnahmeregelungen verhindern nicht den zunehmenden Trend zum Überwachungsstaat.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS