Im Visier der Kamerahandys

19.06.2005

Während die einen von den "Smart Mobs" träumen, erfinden andere Gangs mit der Technik neue Spiele der Gewalt wie "Happy Slapping"

Handys haben sich rasant verbreitet und das Verhalten der Menschen verändert, die nun überall und immer verbunden sind. Mittlerweile sind Handys Grundbestand des Alltags, der kaum mehr wegzudenken ist. Aber es gibt natürlich auch "kreative" Anwendungen dieser neuen Technik, die unerfreulich sind.

Handys erlauben die räumlich dezentrale mobile Koordination von Schwärmen oder Smart Mobs, die natürlich auch kriminellen Gruppen zugute kommt. Handys haben wie iPods, Notebooks oder andere tragbare und begehrte Gadgets zu einer Epidemie des Diebstahls und damit zu einer neuen Form der Bedrohung geführt. Aus Russland wird beispielsweise gerade berichtet, dass bereits mehrere Kinder und Jugendliche getötet und viele verletzt worden, weil sie wegen ihrer Handys überfallen wurden. Oft sind die Täter ebenso jung wie ihre Opfer.

Bemerkenswert ist aber auch, wie ansteckend die Anwendung bestimmter Möglichkeiten sind, die eine Technik anbietet. Besonders die Verbindung von Digitalkamera und Handy hat die Menschen erfasst. Alles wird nun mit den Kamerahandys fotografiert und schnell weitergereicht oder ins Internet gestellt. Die Benutzung von Kamerahandys hat sich nicht nur wie ein Mem verbreitet, auch die verschickten Bilder gehorchen diesem Prinzip, selbst wenn sie bislang noch nicht an die viralen Epidemien heranreichen, die über das Internet fluten.

Vor der Kamera wird alles zum Schauspiel

Aufgenommen als Bild oder als kurzes Video wird alles Mögliche oder auch Beliebige, um es festzuhalten und in ein Medienereignis zu verwandeln. Nur was in die Medien als den Techniken einfließt, die Aufmerksamkeit schaffen und diese verkörpern, scheint noch Anspruch darauf erheben zu können, wirklich oder bedeutungsvoll zu sein. Ereignisse oder Personen, die aufgenommen werden, sind bezeugt, erhalten Aufmerksamkeit und Anerkennung und sind als solche potenziell prominent. Geradezu magisch halten daher die Menschen die Kameraobjektive auf alles, was um sie herum geschieht. So wird noch das Banalste, wie immer auch schnell dem Vergessen und dem digitalen Nirwana anheim fallend, aufgewertet, die Akteure selbst werden zu Schauspielern auf einer Bühne, die auf Zuschauer wartet und auf Gewinnung von Aufmerksamkeit ausgerichtet ist.

Der Drang scheint so mächtig zu sein, sich ins mediale Gedächtnis einzutragen, dass Ereignisse oder eher Schauspiele für das Kameraauge inszeniert werden, das die Anwesenheit des Anderen und damit Aufmerksamkeit verspricht. So werden Situationen, Ereignisse oder Handlungen aufgenommen, auch wenn sie für die "Täter" höchst negative Folgen haben können, sie dem Spott oder dem Gelächter aussetzen, aber auch Strafverfolgung nach sich ziehen können, wenn begangene Straftaten durch eigenes Zutun öffentlich werden und die Zirkulation der Bilder der Kontrolle entgleitet. Herrscht hier soviel Naivität vor? Oder ist der Drang so groß, aus dem Schatten endlich herauszutreten und im hellen Strahl der Aufmerksamkeit zu stehen? Erstaunlich ist immer wieder, dass Menschen sich gerade auch dann aufnehmen, wenn sie anderen Schlimmes zufügen. Die Bilder von Abu Ghraib sind dafür symptomatisch, da die Täter sich als Schauspieler bei einer sadistischen Aufführung offen dem noch imaginären Publikum bei der Aufnahme zeigen.

Meist noch sehr viel harmloser, aber zur selben "Gattung" gehörig ist das in Großbritannien grassierende "Happy Slapping" (Das brutale Spaß-Happening für die Handy-Kamera). Jugendliche schwärmen aus auf der Suche nach Opfern, die sie meist grundlos plötzlich angreifen und mehr oder weniger heftig schlagen. Das wird von einem der Gruppe mit dem Kamerahandy aufgenommen und dann gleich weiter verschickt. Vermutlich geht es dabei auch ein Spiel, wer die die besten Überfälle inszeniert. Geplanter oder immanenter Nebeneffekt ist die Demütigung der Opfer, die in Form der Bilder ebenfalls weiter gereicht wird. Und es ist durchaus wahrscheinlich, dass sich das "Happy Slapping", das sich wohl aus einem nicht bösartigen Streich heraus als Anschlagsform entwickelt hat, sich brutalisiert und aufgrund der Logik der Überbietung, die der Aufmerksamkeitsökonomie zu eigen ist, in Richtung von immer brutaleren Videos geht.

Schon jetzt sind Menschen, zumeist Jugendliche, durch die Schläge für die kurzen Videofilme verletzt worden. Zwei Jugendliche schossen einer 17-Jährigen in die Beine und nahmen das auf. Im Mai wurden zwei britische Jugendliche verurteilt, weil sie einen Mann, der in einem Busbahnhof schlief, angezündet hatten. Auch das filmten sie mit der Handykamera und präsentierten sich als lachende und scherzende Täter. Das Opfer überlebte mit schweren Verbrennungen. Der neueste Fall einer gefilmten Vergewaltigung zeigt womöglich, dass brutales Verhalten durch Live-Aufnahmen gefördert wird, weil Schranken fallen, wenn die Täter als Schauspieler auftreten und in die Rolle des Bösen für den Blick der imaginierten Zuschauer schlüpfen.

Nach Angaben der Polizei hatten am 25. April drei 14-Jährige, die in dieselbe Klasse gehen, in London nach der Schule ein 11-jähriges Mädchen dazu aufgefordert, mit ihnen Gruppensex zu machen. Das Mädchen weigerte sich und wurde daraufhin in einem Haus, in dem sie sich befanden, von zwei Jungen vergewaltigt, während der dritte mit der Handykamera die Tat festhielt.

Kurz darauf, offenbar stolz auf die gefilmte Tat, versendeten die Jungen das Video, das am Tag darauf auch an der Schule des Mädchens zirkulierte. Dutzende von Schülern sollen es gesehen haben. Als Lehrer auf das Video aufmerksam wurden und das Mädchen erkannten, meldeten sie den Vorfall der Polizei. Die Jungen wurden daraufhin festgenommen. Sie hätten wegen des Alters des Mädchens nach dem neuen Sexual Offences Act auch dann eine Straftat begangen, wenn der Sex freiwillig geschehen wäre. Wenn das Mädchen die Wahrheit sagte und nicht erst von einer Vergewaltigung sprach, um sich zu schützen, als bereits die Bilder zirkulierten, dann scheint das Kamerahandy zumindest eine Stimulans dafür zu sein, Spektakel für die Aufnahme zu inszenieren und so das Leben, auch wenn dies auf Kosten von anderen geht, zu ästhetisieren oder es in eine Reality Show umzuwandeln. Vielleicht bleibt "Happy Slapping", das wie Gewalt ansteckend zu sein scheint, für die Akteure ein Spiel, in dem der Stärkere die Regeln setzt

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