"Alarmstufe Rot" in Chiapas

21.06.2005

Zapatistas gehen in den Untergrund und scheinen sich auf Kämpfe vorzubereiten

In einem knapp gehaltenen, von Subcomandante Insurgente Marcos unterzeichneten Sieben-Punkte-Kommunique (englisch), das Montag Nacht die Öffentlichkeit erreichte, erklärte die mexikanische Guerilla EZLN die Schließung aller zapatistischen Institutionen, von den Verwaltungen der autonomen Landkreise bis zu den „Häusern der Junta der guten Regierung“, die fünf Caracoles, „Schneckenmuscheln“, die im August 2003 als neue Kommunikationsstruktur mit der Zivilgesellschaft und Sitz der neuen Regionalregierungen installiert wurden. Im gesamten zapatistischen Einflussbereich im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas gelte „allgemeine Alarmstufe Rot“. Die Arbeit der Institutionen werde nun heimlich fortgesetzt, hieß es kommentarlos. Die Sendungen des UKW- und Kurzwellensenders „Stimme der Stimmlosen“ wurden „für unbestimmte Zeit eingestellt“ und eine allgemeine Mobilmachung verkündet. Alle EZLN-Angehörigen, die sich für verschiedenste Tätigkeiten in den Gemeinden befanden, seien bereits zu den Waffen gerufen, die Truppen befänden sich in ihren Camps.

Die Erklärung lässt kaum einen Zweifel zu, dass sich die Zapatistas auf einen erneuten militärischen Konflikt vorbereiten, auch wenn es nicht offen ausgesprochen wird. Es wird angekündigt, dass die medizinische Versorgung in den Gemeinden aufrecht erhalten werde. Die Mitarbeiter seien Zivilisten und hätten keinerlei Verbindung zu zukünftigen Aktionen der EZLN, für sie wird seitens der Regierung die Behandlung als Zivilisten eingefordert. Das gleiche gilt für die Mitarbeiter des Zapatistischen Informationszentrums CIP, das nach Verschickung des Kommuniques aufgelöst wurde.

Alle im zapatistischen Territorium anwesenden Unterstützer und Unterstützerinnen werden aufgefordert „das rebellische Territorium zu verlassen” oder, wenn sie auf eigenes Risiko bleiben wollen, sich in den fünf „Caracoles“ zu sammeln. Schlussendlich entbindet die EZLN auch alle Personen, Gruppen und Organisationen, die sie in den vergangenen zwölf Jahren unterstützt haben, von jeder Verbindung zu „jedweder unserer zukünftigen Aktionen“.

Nur wenige Tage zuvor hatte Subcomandante Marcos eine Erklärung mit dem Titel Die (unmögliche) "Geometrie" der Macht in Mexiko veröffentlicht, in der alle drei großen Parteien des Landes scharf kritisiert wurden. Die regierende PAN sei von der extremen Rechten kontrolliert und versuche sich als Projekt der Mitte zu verkaufen, die PRI sei weiterhin eine Partei von Kriminellen, verwickelt in Drogenhandel und Entführungen, mit einer Geschichte staatlich organisierter Morde und brutaler Repression. Auch die PRD unter Manuel López Obrador sei keine linke Option. Es handele sich um ein erklärtes „Projekt der Mitte“, das Mexiko kontrolliert modernisieren und vollends in den globalen Markt integrieren wolle. Das Projekt sei „moderat rechts“, daher die steten Bemühungen Obradors „sich von Lula, Chávez, Castro und Tabaré zu unterscheiden“.

Die Erklärung endete mit dem Satz: „Es ist Zeit, mit dem Kampf zu beginnen, damit alle, die dort oben die Geschichte verachten und uns verachten, ihre Rechnung bekommen und zahlen.“ Und: „Gesundheit und aufgepasst, denn die Uhr unten zeigt schon auf die sechste Stunde“.

Während in den vergangenen Jahren die Konsolidierung und teilweise sogar die Ausweitung der Strukturen der EZLN in Chiapas – von der internationalen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – gut voranschritt, war es nach zwölf Jahren immer noch nicht möglich, eine Ebene der Verständigung mit offiziellen Regierungsinstitutionen zu finden. In seiner Erklärung zu den mexikanischen Parteien berichtete Marcos auch davon, dass die Autonomen Gemeinden seit Dezember vergangenen Jahres keinerlei Beziehungen mehr zu der PRD-gestützten Regierung von Chiapas unterhalten, da diese sich nicht an die wenigen Verpflichtungen gehalten habe, die sie eingegangen war. Sie seien „genauso rassistisch wie alle anderen“, so Marcos Fazit.

Was nun geschieht ist offen, aber die EZLN ist sicher keine Guerilla der schnellen Entscheidungen oder schlechten Vorbereitung. Beobachter berichten bereits seit Monaten von „erhöhter Bewegung“ in Chiapas.

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