Saubere Kohle?
Das Kohlekraftwerk Lippendorf als Vorzeigeprojekt - und Sorgekind (Teil I)
Im Zuge der Wiedervereinigung wurden bekanntlich alte DDR-Industrieanlagen wie die Leuna-Werke teuer modernisiert. Die Modernisierung der ostdeutschen Braunkohleindustrie ist einer der Hauptgründe dafür, dass die BRD sich im Kyoto-Protokoll dazu bereit erklärt hat, seine CO2-Emissionen nicht lediglich - wie der Durchschnitt der OECD-Länder - um 8% (Referenzjahr: 1990), sondern um ganze 21% bis 2012 zu senken. Das scheinbar ehrgeizige Ziel ist jedoch nicht etwa in weite Ferne gerückt, sondern dank der Sanierung der maroden DDR-Industrie bereits fast erreicht: Deutschland hat seine CO2-Emissionen schon um 19% gesenkt. Ein Schlüssel in dieser Modernisierung war das Kraftwerk in Lippendorf südlich von Leipzig.
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| Alt trifft Neu: Links der alte Kühlturm, rechts das moderne Kraftwerk mit zwei Blöcken. Hier steigt Dampf jedoch nur aus einem der Blöcke... |
Ende der 1980er waren in der Kohleindustrie in und um Lippendorf ganze 54.000 Menschen beschäftigt. Heute sind es nur noch rund 2.000. Neben den Modernisierungsmaßnahmen im Kraftwerk selbst, die die Kohlekraft wesentlich sauberer gemacht haben, ist der Abbau auch noch modernisiert worden. In beiden Fällen hat die Technik die Muskelkraft ersetzt. Hinzu kommt, dass viele kleine Brikettfabriken seit der Wende geschlossen haben, da immer mehr Kohleöfen durch moderne Heizungen ersetzt werden.
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Die Wende brachte aber neben rund 50.000 Arbeitslosen auch viele Verbesserungen für die Umwelt. So wird laut Firmenangaben ein Drittel weniger Kohle pro Kilowattstunde verbraucht als in den alten abgelösten Kohlekraftwerken Lippendorf und Thierbach. Der elektrische Wirkungsgrad beträgt ganze 43%, und das Nahwärmenetz erhöht diese Zahl um weitere 3% auf 46%. Während also in solchen alten Kraftwerken rund 2/3 der in der Kohle enthaltenen Energie ungenutzt als Abwärme entweicht, wird im neuen Lippendorf fast die Hälfte sinnvoll verwertet.
Der Schornstein entfällt
Das neue Kraftwerk ist in noch einer Hinsicht umweltfreundlicher als die alten Drecksschleudern: Der für den sauren Regen verantwortliche Schwefel wird aus dem Rauchgas mit Kalkmilch gewaschen. Aus diesem Abschneidungsvorgang entsteht hochwertiger Gips, der in der Baubranche verwendet werden kann. Das Kraftwerk Lippendorf produziert also laut Firmenangaben statt saurem Regen rund 1 Million Tonnen hochwertigen Gips jährlich.
Nach dem Betreiber Vattenfall werden rund 95 Prozent des Schwefeldioxids und sogar 45 % der Stickoxide herausgewaschen, so dass das Kraftwerk ohne Schornstein auskommt. Das bisschen verbleibendes Rauchgas wird einfach durch den Kühlturm mit abgeleitet. Laut Firmenangaben haben die Dampfkessel des Kraftwerks einen Wirkungsgrad von rund 91 Prozent und liegen damit auf Platz 1 weltweit für Braunkohlekraftwerke.
Das Lippendorfer Kraftwerk ist auch noch geographisch ideal aufgestellt - direkt zwischen dem sogenannten Tagebau Vereinigtes Schleenhain und der Großstadt Leipzig. Das Abbaugebiet ist durch eine 14 Kilometer lange Bandanlage mit dem Kraftwerk verbunden. Braunkohlekraftwerke stehen am besten nahe an Abbaugebieten, weil die Braunkohle schlecht transportiert werden kann. Erstens besteht die Braunkohle aus Schleenhain zu mehr als 50% aus Wasser, d.h. sie ist relativ schwer. Zweitens kann man die Braunkohle schlecht lagern, weil sie unter ihrem eigenen Gewicht anfängt zu schwelen, wenn sie mit Sauerstoff in Kontakt kommt. Ende 2004 wurde beispielsweise darüber spekuliert, dass die Titanic untergegangen sein könnte, weil die riesigen Kohlebunker im Schiff zu brennen begonnen hätten und das Schiff deshalb mit Volldampf hätte laufen müssen, um die Kohle zu verbrauchen.
Solche Kohlefeuer stellen auch weltweit eine große Gefahr dar. Besonders in China, dem größten Kohleförderer der Welt, schwelen die Kohleflözen - und setzen dabei Unmengen an CO2 frei. Manche Forscher schätzen, dass diese Emissionen so hoch sind wie die aus allen Autos in den USA.
Wenn ein Braunkohleabbaugebiet weit entfernt ist von einer großen Siedlung, stellt man deshalb das Kraftwerk besser aufs Land und transportiert den Strom. Dann entfällt nicht nur der gefährliche Transport der Braunkohle, sondern die Emissionen belasten menschliche Siedlungen weniger. Freilich leidet die Natur gleichermaßen.
Im Falle Lippendorf muss der Strom auch gar nicht soweit transportiert werden, denn die Großstadt Leipzig ist gleich nebenan. Die Sachsen freuen sich also ob der sauberen Luft, aber die Region leidet unter den rund 50.000 Arbeitsstellen, die im Zuge der Modernisierung weggefallen sind. Der größte Arbeitgeber im benachbarten Sachsen-Anhalt ist übrigens der Windanlagenhersteller Enercon mit rund 2700 Arbeitsplätzen in Magdeburg.
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| Ein Blick über das Abbaugebiet auf das nahegelegene Kohlekraftwerk Lippendorf. Neben dem einen funktionierenden Block, aus dem Dampf steigt, sieht man auch den alten Schornstein im Vordergrund. Solche Schornsteine wurden besonders hoch gebaut, um das Rauchgas besonders dünn über große Fläche zu verteilen. Unten erkennt man das lange Förderband. Wo heute niemand mehr steht, haben früher viele Menschen gearbeitet; Waggons wurden einzeln von Menschen mit Braunkohle beladen und Richtung Kraftwerk geschoben. Im Winter erstarrte die Braunkohle, und da musste die Armee der DDR rausrücken, um die gefrorene Braunkohle abzukratzen - ausgerechnet dann, wo am meisten Strom und Wärme gebraucht wurde. Man stelle sich das Geschrei vor, wenn das THW jeden Winter die Rotorblätter moderner Windkraftanlagen vom Eis befreien müsste... |
Heute hat die Förderanlage eine Teflonbeschichtung, von der die gefrorene Braunkohle im Winter locker abfällt. Moderne Braunkohlekraftwerke verwenden außerdem die Abwärme aus dem Kraftwerk, um die Braunhohle vorzuwärmen und vorzutrocknen.
Lippendorf scheint also bestens aufgestellt: relativ saubere Energie und gute aufgestellt zwischen Abbaugebiet und Großstadt. Lippendorf ist außerdem komplett auf die Qualität der nahegelegenen Braunkohle abgestimmt. Das Kraftwerk ist gewissermaßen ein Pilotprojekt, meinte Firmensprecher Lutz Dornberg gegenüber dem Autor im April. Es gibt kein anderes Kraftwerk auf der Welt, das genauso ausgelegt ist.
In Lippendorf kann neben Braunkohle eine bestimmte Menge an Klärschlamm mit verfeuert werden, aber es gibt keine Freigabe für die Beimischung von Biomasse, wie dies prinzipiell in Kohlekraftwerken möglich ist (Die Energie-Bilanz der Biomasse). Womöglich würde diese, so Lutz Dornberg, den Mix verschlechtern, und das Kraftwerk würde nicht mehr optimal laufen, weil das Kraftwerk genau auf die dortige Braunkohle abgestimmt sei.
Die Verluste könnten also größer als der Nutzen für die Umwelt sein. Schließlich sei das Kraftwerk zu 95% ausgelastet, so Dornberg, denn es deckt die Grundlast - und das bei einem Gestehungspreis von 3 Cent pro kWh. Fluktuationen in der Verfügbarkeit der Windenergie würden diese Auslastung drücken, denn die vielen Windanlagen in der Gegend würden teilweise voll laufen, wenn wenig Strom verbraucht wird.
Regelmäßige Wartung?
Auf die Frage hin, weshalb offenbar nur ein Block momentan läuft, wies Herr Dornberg Anfang April auf regelmäßige Wartung hin. Der Block würde nach der Wartung in etwa einer Woche wieder in Betrieb gehen. Aber es kam anders: Erst knapp zwei Monate später - Ende Mai - ging er endlich wieder in Betrieb.
Was war passiert? Offiziell heißt es, einige Schaufeln an der Turbine mussten komplett ausgetauscht werden, und da habe man die Gelegenheit genutzt, um die Verkleidung im Kühlturm zu erneuern, die an übermäßiger Korrosion gelitten hatte. Ursprünglich sollte diese Generalüberholung alle 12 Jahre stattfinden, aber bereits nach 5 Jahren war es soweit.
Die Erklärungen von Kraftwerksleiter Joachim Kahlert gegenüber der Presse waren während der Reparaturen leider alles andere als erhellend. Zwar bestätigte er die Schaufelreparatur und die Korrosion im Kühlturm, aber die Frage nach der Ursache bleibt ungeklärt - jedenfalls in der Öffentlichkeit: Ist das Kraftwerk vielleicht doch nicht so optimal auf die dortige Braunkohle angestimmt, wie man erhofft hatte? Oder funktioniert die Technik einfach nicht?
Nach den Reparaturen sind wir leider auch nicht schlauer. Mitte Juni lobte Herr Kahlert die schnelle Arbeit in der Leipziger Volkszeitung: In weniger als 90 Tagen wurden nun die Instandhaltungsarbeiten an der Turbine und am Dampfkessel vorgenommen. Aus demselben Bericht geht auch hervor, dass die Reparaturen schon seit Oktober anstünden, allerdings erst für den Sommer 2005. Wieso müssten sie vorgezogen werden? Die LVZ gab sich diplomatisch und fragte nicht nach.
Jedenfalls soll die nächste Generalüberholung nicht schon wieder in 5 Jahren stattfinden, sondern in 12 Jahren wie ursprünglich geplant. Und der andere Block müsse laut Lutz Dornberg nicht auch noch einer ähnlich langen Generalüberholung unterzogen werden, weil man dort diese Schäden bereits in laufenden Inspektionen und Wartungen aufgefangen habe.
Dabei ist Lippendorf nicht unwichtig auf dem Weg zur sauberen Kohlekraft der Zukunft. Funktioniert das Kraftwerk wie anvisiert, kann man den nächsten Schritt zur CO2-Vermeidung gehen. Manche Skeptiker halten solche Kohlekraftwerke, die praktisch gar nichts mehr emittieren, entweder für technisch nicht machbar oder nicht bezahlbar. In den USA läuft ein solches Kraftwerk seit fast 10 Jahren schon in Florida, doch es findet trotz reibungslosen Betriebs keine Nachahmer. Die Technik funktioniert offenbar, ist aber für die Amerikaner schlicht zu teuer.
Man wünscht sich also einen Erfolg in Lippendorf, aber bei so vielen Problemen und so wenig Aufklärung kann man nicht umhin zu fragen, ob die wahren Probleme nicht vertuscht werden. Konnte Herr Dornberg - immerhin der Pressesprecher des Kraftwerks - Anfang April das wahre Ausmaß des Problems wirklich nicht einschätzen, als er mir sagte, der stillgelegte Block würde in einer statt in sieben Wochen wieder in Betrieb gehen? Oder hatte der Vorstand den eigenen Pressesprecher noch gar nicht informiert? Oder wussten Vorstand und Pressesprecher beide Bescheid, wollten der Presse aber nichts erzählen?
Im nächsten Beitrag schauen wir uns die Zusammenhänge in und um Lippendorf näher an.
Craig Morris übersetzte bei Petite Planète www.petiteplanete.org. Vor kurzem ist sein Buch Zukunftsenergien in der Telepolis-Reihe erschienen.
- Sicherheitsprobleme (11.7.2005 16:54)
- Sehr gefaehrlich ist Kernfusion in der Tat nicht (11.7.2005 9:30)
- ...was zur kernfusion... (11.7.2005 8:54)
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