Frankreich strahlt

28.06.2005

Der Internationale Experimentelle Fusionsreaktor (ITER) wird im südfranzösischen Cadarache gebaut

Mit der Entscheidung für den Bau des ITER in Frankreich beendeten die sechs Partner China, Europa, Japan, Russland, Südkorea und die USA den langen Streit um den Standort. Nach einer Vorauswahl, bei der neben Kanada auch Spanien ausgeschieden war, blieben nur noch Frankreich und Japan übrig, das sich ebenfalls als Standort des Forschungsreaktors stark gemacht hatte (Streit um Standort für den Fusionsreaktor geht weiter).

Iter in Cadarache

Die Einigung in Moskau wurde möglich, nachdem sich Frankreich als Standortland verpflichtet hat, für 50 Prozent der Kosten aufzukommen, teilte die russische Atombehörde Rosatom mit. Die übrigen Teilnehmer werden sich jeweils mit zehn Prozent beteiligen. Japan hat erreicht, dass seine Firmen am Bau des Reaktors zu 20 Prozent beteiligt werden. Angeblich, sei die Entscheidung schon letzte Woche in Genf gefallen. In Moskau seien nur noch Einzelfragen geklärt worden. Schon jetzt arbeiten in dem Technologiepark in der südfranzösischen Provence 5.700 Experten in der Nuklear-, Umwelt- und Informationstechnologie.

Das ITER-Projekt wird Investitionen in Höhe von 10 Milliarden Euro erfordern und ist auf 35 Jahre angelegt. In weiter Ferne liegen mögliche Fusionsreaktoren zur Energieversorgung, die dann aber, so wird versprochen, reichlich vorhanden und noch dazu sicher und umweltfreundlich sein soll. Die Technologie beruht darauf, dass in einem magnetischen Käfig Temperaturen über 100 Millionen Grad Celsius erzeugt werden. Aus Schwerem Wasserstoff (Deuterium) und Lithium, aus dem das radioaktive Tritium entsteht, kommt es im Unterschied zur unkontrollierten Reaktion, die für die Wasserstoffbomben benutzt wurde, durch die Deuterium-Tritium-Reaktion zu einer kontrollierten Fusion der Atomkerne. Durch sie wird Helium gebildet, wobei große Mengen an Energie frei werden. Deuterium und Lithium sind reichlich und überall vorhanden, zudem benötigt man auch nur geringe Mengen, so dass bei der Fusion von nur einem Gramm Wasserstoff so viel Energie freigesetzt wird wie bei der Verbrennung von acht Tonnen Erdöl. Der Abfall von radioaktivem Material ist weitaus geringer als bei herkömmlichen Atomkraftwerken, die Halbwertszeit auch sehr viel kürzer. Das aus Lithium erbrütete Tritium soll weitgehend wieder verbrannt werden, zudem sucht man nach Material für die Reaktorwände, die möglichst wenig Radioaktivität aufnehmen. Trotz der gewaltigen Hitze sei die kontrollierte Fusion ein sicheres Verfahren, da nach Angaben der Forscher nicht mehr passieren könne, als dass das Plasma erlischt.

Plasmakammer des geplanten Fusionsreaktors Iter

Nach all den Niederlagen der letzten Wochen kann Staatspräsident Jacques Chirac nun wieder einmal richtig strahlen. Denn Erfolge hatte er die letzte Zeit wenige zu vermelden. Streiks gegen Sozialkürzungen und gegen die Streichung eines Feiertags legten teilweise das Land lahm. Als Folge davon kam der harte Schlag, als die Franzosen beim Referendum Nein zum EU-Staatsvertrag sagten (Das NON triumphiert) und eine Krise in der EU auslösten, die sich dann beim EU-Gipfel manifestierte. Der scheiterte, weil man sich nicht auf eine Finanzierung der Union bis 2013 einigen konnte (Brüssler Betroffenheit).

Jetzt aber schwelgt Chirac in Zufriedenheit: „Das ist ein großer Erfolg für Frankreich und für Europa“, ließ er per Presseerklärung vermelden. Schon am Donnerstag macht sich Chirac ins Rhone-Tal auf, um seinen Erfolg in Cardarache zu feiern. „Der Staatschef dankt der Europäischen Kommission und der Gemeinschaft der EU-Staaten für deren volle Unterstützung während der Verhandlungen“, beschwört Chirac eine Einigkeit, die nicht besteht. Er bedankte sich auch bei Russland und China, die sich als Gegner der US-Politik im Irak für Frankreich eingesetzt hatten, statt den US-Verbündeten Japan zu unterstützen.

Wie der französische Staatschef ist auch der EU-Forschungskommissar Janez Potocnik entzückt von der Entscheidung, die er als „historisch“ bezeichnete. „ITER bedeutet für die internationale Forschungszusammenarbeit einen gewaltigen Schritt nach vorn“, sagte er. „Geschichte“ werde in der internationalen Forschungskooperation geschrieben, fügte Potocnik an. Schnell müssten nun die Details geklärt werden, damit der Bau beginnen könne. Die EU hatte sich kürzlich noch optimistisch gezeigt, dass noch in diesem Jahr mit dem Bau des ITER begonnen werden könne, damit er nach 2015 in Betrieb gehe.

Kritik an ITER und an anderen Kernkraftwerkprojekten in Frankreich

Möglicherweise aber übersehen die EU und Chirac die Ablehnung des Vorhabens. Die Technik des ITER wird gerne als „katastrophenfrei“ bezeichnet, heißt es zum Beispiel bei Forschern des Max-Planck-Instituts, die den Bau begrüßen. Kritik am ITER kommt zum Beispiel von Greenpeace zum ITER-Bau. „Viel Lärm um nichts“, so beschreibt die Organisation die Nachricht . Es sei „völlig abwegig“ so viel Forschungskapazität in dieses Projekt zu stecken „das nicht zu konkreten Ergebnissen führen wird“. Die weltweite Herausforderung bestehe vielmehr darin, die Treibhausgase bis 2050 auf ein Viertel zu reduzieren“. Die Umweltorganisation betont, der Fusionsreaktor werde „große Mengen“ von radioaktivem Tritium freisetzen. Ähnlich äußern sich auch Vertreter der Grünen, die Investitionen in erneuerbare Energie fordern.

Das Netzwerk der Anti-Atom-Organisationen hält das Projekt gar für „sehr gefährlich“. Die Fusion von zwei Arten von schwerem Wasserstoff sei nur schwer zu kontrollieren, weil sehr große Menge an Energie frei würden. Der Verband bezieht sich dabei auf den japanischen Physik-Nobelpreisträger Masatoshi Koshiba. Der sei zu der Einschätzung gelangt, dass der ITER besonders im Sicherheitsbereich „bestimmte Voraussetzungen“ nicht erfülle.

Neben dem ITER treibt die Regierung Pläne für eine zweite Kraftwerksgeneration voran. Der Bau des European Pressurized Reaktor (EPR) in Penly (Normandie) wurde beschlossen. Drei Milliarden hat die etwas sicherere Neuentwicklung die Framatome gekostet. Das ist ein Gemeinschaftsunternehmen von Siemens und der französischen Areva. Die Investition muss sich lohnen, der erste Meiler wird derzeit in Finnland gebaut und soll 2009 ans Netz gehen. In Frankreichs Regierung hat die Firma einen willigen Unterstützer und auch die CDU denkt ja an einen Ausstieg aus dem Kernkraft-Ausstieg nach (Ausstieg aus dem Kernkraft-Ausstieg?).

Modell für das Endlager in Bure

Chirac weiß, dass er für den ITER und den EPR die lästige Endlagerfrage für den strahlenden Müll vom Tisch bekommen muss, um den Einstieg in die neue Reaktorlinie rechtfertigen zu können. Deshalb soll das „Untersuchungslabor“ im lothringischen Bure zum definitiven Endlager festgeklopft werden. Dabei setzt man sich über eigene Gesetze hinweg.

Noch in diesem Jahr soll die Nationale Agentur für Radioaktive Abfälle (Andra) dem Parlament einen Bericht vorlegen, auf dessen Grundlage 2006 eine Entscheidung fällt. Doch viel wurde in der Nähe der 100-Seelen-Gemeinde bisher nicht untersucht. Die Arbeiten standen oft still. Oberirdisch mussten Versuche mit gezogenen Proben aus der Lehm-Ton-Schicht gemacht werden. „Die Resultate sind kohärent zu den Voruntersuchung und Hypothesen, die wir über das Gebiet angestellt hatten“, gab sich der Laborleiter, Jaques Pierre Piguet dem Autor in einem Gespräch optimistisch.

Kernkraftwerk im Rhone-Tal

Nach dem Gesetz von 1991 hätte die Andra ohnehin mehrere Standorte und mehrere Lagermedien, darunter auch Granit, untersuchen müssen. Doch die Versuche, im Granit ein Versuchslabor einzurichten, sind alle am massiven Widerstand der jeweiligen Bevölkerung gescheitert. So wich Michele Chouchan, Direktionsmitglied der Andra, im Gespräch mit dem Autor der Frage nach dem gesetzlich vorgeschriebenen Zweitstandort aus: „Es ist sehr schwer für uns, auf diese Frage zu antworten.“ Das Gesetz sehe zwar mehrere Standorte vor, aber man werde den Bericht vorlegen: "Ob danach ein zweiter Standort gesucht wird, wissen wir nicht.“

So haben die Atomkraftgegner den hochradioaktiven Müll zur Schlüsselfrage gemacht, der Tausende von Jahren sicher gelagert werden muss. Seit Jahren gibt es Widerstand gegen das Projekt und mit einem „Widerstandshaus“ sind die Gegner nun auch dauerhaft in der fast menschenleeren Gegend anwesend. Sie wollen verhindern, dass in Bure mangels Alternative die etwa 140.000 Tonnen hochradioaktiver Abfall vergraben werden, die Frankreich in den letzten 40 Jahren angehäuft hat. Auch die deutschen Anti-Atomkraftgruppen rufen in diesem Sommer wieder zur Unterstützung der Nachbarn auf. „Gegen die Renaissance der Atomkraft gilt es grenzüberschreitend aktiv zu werden“, erklärte Markus Pflüger, Sprecher der südwestdeutschen Antiatominitiativen Telepolis.

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