Fernsehen: Angriff auf das Gehirn?

06.07.2005

Vor allem bei sehr jungen Kindern wirkt sich Fernsehkonsum schlecht auf die späteren Schulleistungen aus

Es gibt ungezählte Untersuchungen über die Auswirkungen des Fernsehkonsums auf Kinder und Jugendliche. Ob bestimmte Fernsehinhalte eine Neigung zu bestimmten Verhaltensweisen wie beispielsweise Gewalt verstärken, dürfte wegen der vielen Faktoren schwierig bleiben zu belegen. Was sich aber wohl eher zu bestätigen scheint, ist, dass längerer Fernsehkonsum schon bei Kleinkindern sich negativ auf kognitive Leistungen auswirkt.

Die Gehirne der Kinder in den ersten Lebensjahren sind hochaktiv, verbrauchen doppelt so viel Energie wie von Erwachsenen und sind sehr empfänglich für Erfahrungen, die buchstäblich "Ein-Drücken" gleichen können. Es wäre so in der Tat verwunderlich, wenn eine kontinuierliche Aussetzung an bestimmte Erfahrungen keine Auswirkungen auf ein solches wahrhaft offenes, höchst plastisches System haben würde, das beispielsweise beliebige menschliche Sprachen erlernen und sich höchst unterschiedlichen kulturellen Lebensweisen anpassen kann.

Kinder auch unter drei Jahren sitzen immer öfter vor der Glotze, auch wenn für dieses Alter eigentlich keine Sendungen angeboten werden, schon gar keine, die irgendetwas mit dem Erwerb irgendwelcher Kenntnisse zu tun haben. Programme für ältere Kinder, die derartiges auf ansprechende Weise vermitteln, können, wenn sie überhaupt angeschaut werden, durchaus auch anregend für die kognitive Entwicklung sein, zumal wenn Kinder in ihrer Umgebung sonst wenig Angebote erhalten. Bislang haben Untersuchungen ergeben, dass sich exzessiver Fernsehkonsum auf spätere kognitive Leistungen eher negativ auswirkt, auch wenn dies gegenüber anderen Faktoren wie Intelligenz und sozioökonomischen Bedingungen geringfügig ist. Dosierter Fernsehkonsum hingegen scheint eher leicht positive Folgen für Schulleistungen zu haben.

Bislang aber fehlen zu einer genaueren Beurteilung umfassend angelegte Langzeitstudien. Frederick J. Zimmerman und Dimitri A Christakis von der University of Washington, Seattle, haben nun Daten einer Langzeiterhebung, die 1986 begann und zahlreiche Informationen über mehr als 11.000 Kinder umfasst, benutzt. Für ihre in den Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine (2005; 159:619-625) veröffentlichten Studie zur Auswirkung von Fernsehkonsum im frühkindlichen Alter werteten sie die Daten von fast 1.800 Kindern aus, die während der letzten Interviews (1994, 1996, 1998 und 2000) sechs Jahre alt waren. Beurteilungen für Rechen- und Lesekompetenzen wurden dabei mit dem Fernsehkonsum im Alter bis zu drei Jahren und zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr abgeglichen.

Durchschnittlich zwei oder mehr Stunden sitzen Kinder im Alter zwischen drei und fünf Jahren vor dem Fernseher. Meist sehen sie keine Sendungen oder Videos, die nicht pädagogisch ausgerichtet sind. Zwei Drittel der Kinder unter zwei Jahren sitzen bereits durchschnittlich 1,3 Stunden täglich vor der Glotze.

Ergebnis der Auswertung ist, dass Kinder, die regelmäßig vor dem Alter von drei Jahren fernsehen, mit sechs und sieben Jahren in der Schule schlechter abschneiden, auch wenn man den elterlichen Hintergrund, die Fähigkeiten der Kinder und die Bemühungen um kognitive Förderung berücksichtigt. Anders sieht es im Alter zwischen drei und fünf Jahren aus. Hier wirkt sich Fernsehkonsum zumindest auf die Lesekompetenz und das Kurzzeitgedächtnis positiv aus. Im Hinblick auf Rechnen oder Verständnis von Texten lassen sich aber keine Einflüsse erkennen.

Eine andere Langzeitstudie von neuseeländischen Wissenschaftlern, ebenfalls in den Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine (2005;159:614-618) veröffentlicht, kommt zu dem Ergebnis, dass erhöhter Fernsehkonsum im Alter von 5-15 Jahren die Wahrscheinlichkeit verringert, mit 26 Jahren einen Schulabschluss oder einen Universitätsabschluss erreicht zu haben. Ein Fernsehkonsum ab zwei Stunden täglich wirkt sich dabei negativ aus. Der erhöhte Fernsehkonsum korrelierte mit niedrigerem sozioökonomischen Status der Eltern und einem niedrigeren Intelligenzquotienten. Die negative Auswirkung des häufigen Fernsehens bleibt allerdings auch bestehen, so die Wissenschaftler, wenn man diese Faktoren berücksichtigt.

Eine im selben Heft veröffentlichte Untersuchung (159:607-613.), die Dina L. G. Borzekowski und Thomas N. Robinson von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health bei kalifornischen Drittklässlern an sechs Schulen während eines Jahres durchgeführt haben, weist darauf hin, dass Kinder, die Fernseher in ihren Zimmern haben, signifikant schlechtere Schulleistungen beim Rechnen und Lesen haben. Ihr Fernsehkonsum ist wöchentlich etwa zwei Stunden höher als bei den Kindern, die kein eigenes TV-Gerät besitzen. 70 Prozent der Kinder haben übrigens einen Fernseher in ihrem Zimmer. Allerdings dürfte hier der Zusammenhang nahe liegen, dass Eltern, die ihre Kinder nicht mit einem Fernseher versorgen, sich auch sonst mehr um diese kümmern.

Gleichzeitig kamen die Wissenschaftler auch zu einem anderen Ergebnis: Wenn Kinder einen Zugang zu einem Computer haben, schnitten sie besser vor allem besser im Rechnen, aber auch in Lesetests ab. Kinder mit TV im Zimmer, aber ohne Computer, zeigten die schlechtesten Leistungen, während diejenigen, die keinen Fernseher im Zimmer, aber Zugang zu einem Computer haben, am besten waren. Die Höhe des Fernsehkonsums hat bei dieser Studie keine Unterschiede ergeben. Allerdings wurden die Schüler schlechter, die während des Beobachtungsjahres einen Fernseher erhielten, während diejenigen besser wurden, denen der Fernseher weggenommen wurde. Die Wissenschaftler sagen zwar, dass man aus der Studie nicht folgern könne, dass ein Fernseher im Kinderzimmer schlechtere Schulleistungen verursachen müsse, aber dass es zumindest keine gute Idee sei.

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