Die Eingeborenen der Republik
Ist Frankreichs koloniale Vergangenheit schuld an der Misere in der urbanen Peripherie?
Ein die mediale Aufmerksamkeit erregender Appell von Wissenschaftlern, Philosophen und Mitarbeitern sozialer Netzwerke sorgt seit Anfang des Jahres für zusätzlichen Sprengstoff in der quasi permanenten öffentlichen Debatte rund um die argwöhnisch beäugten gefährlichen Vororte der französischen Großstädte. Der bewusst provokant gehaltene Aufschrei des Kollektivs: Wir sind die Eingeborenen der Republik! soll an die koloniale Vergangenheit und Gegenwart gemahnen, die noch immer die Vorstellungswelten und den Diskurs zu den Themen Immigration/Integration und Diskriminierung/Rassismus präge.
Jüngste gesetzliche Maßnahmen der bürgerlichen Regierung, die das islamische Kopftuch aus den öffentlichen Schulen verbannen oder den Schulbüchern die denkwürdige Anmerkung zur positiven Rolle Frankreichs in Nordafrika verordnen, verbessern das ohnehin schon aufgeheizte Klima auch nicht gerade. Ganz abgesehen vom tatkräftigen Innenminister, der in den Pariser Vorstädten mit dem Hochdruckreiniger aufräumen möchte. Aber selbstverständlich stehen auch die heiklen Stadtränder im Rest Frankreichs, in der Provinz, wie es hier heißt, auf seinem Reinigungsprogramm. Es ist wohl unnötig hier anzumerken, dass sich diese heiklen Zonen durch einen besonders hohen Einwanderer- und Arbeitslosenanteil auszeichnen.
Personen, die aus den Kolonien oder der post-kolonialen Immigration stammen, (...) sind dem sozialen Ausschluss und prekären Lebensbedienungen ausgeliefert, indem sie am Arbeits- und Wohnungsmarkt, bei der Gesundheitsversorgung, an den Schulen und in der Freizeit diskriminiert werden. Unabhängig von ihrer effektiven Abstammung, werden die Bewohner der Viertel auf den Status von Eingeborenen reduziert, die an die Ränder der Gesellschaft abgeschoben werden. Manche Viertel werden zu Zonen des Nicht-Rechts (zones de non-droit) erklärt, die es für die Republik zurückzuerobern gilt.
So die einleitenden Sätze des virulent formulierten Aufrufs, der die Probleme dieser unkontrollierbaren Viertel und der Einwanderer im Allgemeinen auf die schwerfällige koloniale Vergangenheitsbewältigung der Grande Nation zurückführen möchte. Die Autoren erinnern an Frankreichs aktive Rolle im Sklavenhandel und an die durch Massaker aufgezwungene Vorherrschaft über Dutzende von Völkern, deren Reichtümer geplündert und Traditionen ruiniert wurden. Um sogleich die gegenwärtige Situation in Neu-Kaledonien, Guadeloupe, Martinique, französisch Guyana, Reunion, und französisch Polynesien an den Pranger zu stellen, deren Abkömmlinge in Frankreich auf den Status von Immigranten verwiesen blieben, und die trotz französischer Staatsbürgerschaft, wie Franzosen zweiter Klasse behandelt würden. Tatsächlich kann man sich eines gewissen Unbehagens nicht ganz erwehren, wenn man die strahlenden Gesichter der Eingeborenen sieht, welche der offiziellen Site des französischen Überseeministeriums wahrscheinlich einen Hauch von Urlaub und Exotik verleihen sollen.
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Weiterer Stein des Anstoßes im offenbar schmerzhaften Prozess der Dekolonialisierung: Ein Gesetz, das erst letzten Februar erlassen wurde und das den Schulbüchern eine ganz bestimmte Sichtweise der kolonialen Geschichte verordnet:
Die Lehrpläne anerkennen insbesondere die positive Rolle der französischen Anwesenheit in Übersee, namentlich in Nordafrika, und gestehen der Geschichte und den Opfern der Soldaten der französischen Armee, welche aus diesen Territorien abstammen, jenen bedeutenden Platz zu, auf den sie Anspruch haben.
Der Schrei nach der sofortigen Abschaffung dieses Gesetzes ließ natürlich nicht lange auf sich warten, und kam u.a. von Historikern und Universitätsprofessoren, die darin einen Bruch mit der Gedankenfreiheit und religiösen Neutralität der Schulen und die Vorschreibung einer offiziellen Geschichte sehen:
Dieses Gesetz muss abgeschafft werden, weil nur die positive Rolle der Kolonialisierung festgehalten und dadurch eine offizielle Lüge über Verbrechen, Massaker, die teilweise bis zum Völkermord gingen, Sklaverei und ererbten Rassismus durchgesetzt wird.
Ostentativ getragenes Kopftuch
Fast genau ein Jahr vor der verordneten offiziellen Geschichte der Kolonialisierung hatte die damalige Regierung Raffarin versucht, per Gesetz Ordnung ins mulikulturelle Chaos der Republik zu bringen: Das im öffentlichen Diskurs flugs Kopftuchgesetz getaufte legislative Machwerk vom März 2004 sollte der Franzosen heiliges Prinzip der Laïcit, jener unübersetzbare Begriff also, der u. a. die religiöse Neutralität der öffentlichen Schulen meint, in den Pausenhöfen wieder Gehör und Anerkennung verschaffen ("La Nation" in Gefahr).
Immer mehr Kopftuchaffären manche Schuldirektoren wussten nicht mehr, was sie mit den Schülerinnen anfangen sollten, die mit dem islamischen Kopftuch zum Unterricht antraten- , hatten den Gesetzgeber dazu veranlasst, die ohnehin konstitutionell verankerte Laïcit nochmals zu betonen: Ostentativ getragene Zeichen der religiösen Zugehörigkeit wurden unter der Androhung von disziplinären Maßnahmen ausdrücklich verboten. Die Folge war eine monatelang brandende öffentlich Diskussion für und wider das Kopftuch und eine weitere Infragestellung der muslimischen Gemeinde Frankreichs, die abgesehen von den Nachwehen der Kolonialisierung, auch noch die Konsequenzen von 9/11 und dem allseits präsenten Terrorismusverdacht zu verdauen hat.
Das umstrittene Anti-Kopftuchgesetz erregte auch in den muslimischen Ländern die negative Aufmerksamkeit, und das bis in den Irak hinein: Zu Beginn der vier Monate währenden Geiselnahme der beiden französischen Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot stellte die Islamische Armee im Irak noch ein 48-Stunden Ultimatum an Frankreich mit der Forderung nach der Abschaffung des Gesetzes (Diskurs gegen Kill-Kultur). Das Ultimatum lief glücklicherweise ohne Konsequenzen aus, und das Gesetz trat rechtzeitig zum herbstlichen Schulbeginn 2004 unverändert in Kraft. Die beiden Journalisten wurden dann erst knapp vor Weihnachten freigelassen, ohne dass die Forderung nach Abschaffung des Kopftuch-Gesetzes wieder gestellt worden wäre.
Für die streitbaren Eingeborenen der Republik bleibt das ostentative französische Beharren auf die Bewahrung der textilen Laïcit an den öffentlichen Schulen allerdings nach wie vor ein rotes Tuch: Das Gesetz sei diskriminierend, sexistisch und rassistisch und nur ein weiterer Beweis für eine nicht bewältigte koloniale Vergangenheit. Eine Argumentationsweise die der Historiker und Spezialist der algerischen Kolonisierung, Benjamin Stora, im Wochenmagazin Le Nouvel Observateur in Frage stellt:
Die koloniale Angelegenheit ist eine schwerwiegende Angelegenheit. Man kann sie nicht so einfach verwenden, um mediale Coups zu landen (...) Das heutige Frankreich als kolonialen Staat zu bezeichnen, ist eine historische Absurdität.
Die gegenwärtigen Schwierigkeiten mancher Satellitenstädte einzig und allein auf eine unbewältigte koloniale Vergangenheit zurückzuführen, sei eine Ethnisierung von sozialen Problemen, wie es weiter heißt.
Es bleibt auch fraglich, ob der aufgeregte Appell des Kollektivs der französischen Eingeborenen, das man, um im derzeitigen medialen Jargon zu bleiben, durchaus als zu den Eliten gehörig bezeichnen kann, überhaupt bis an die Ohren der hauptsächlich Betroffenen vorgedrungen ist. Die müssen sich derzeit eher des öffentlichkeitswirksamen Aktivismus des Innenministers Sarkozy erwehren, der den Zonen des Nicht-Rechts, da wo Banden das Gesetz machen, sein spezielles Säuberungsprojekt verordnet.
Effektive und wirksame Hilfestellungen bei den alltäglich gewordenen Problemen bei der Wohnungs- und Arbeitssuche von Franzosen mit der falschen Adresse, der falschen Hautfarbe und/oder dem falschen Namen gibt es freilich nach wie vor nicht. Wie zwei aktuelle Fälle von ethnischer Diskriminierung leider nur allzu deutlich zeigen, kann eine maghrebinische oder afrikanische Abstammung hinderlich bei der Wohnungssuche sein. Zwei Immobilienagenturen stehen nach einer Klage von SOS-Racisme derzeit vor Gericht, weil sie auf ausdrückliche Bitte Hunderter von Vermietern hin, Ausländer bewusst nicht weitervermittelt hätten. Gewöhnlicher Rassismus oder nicht auszumerzender kolonialer Glaube an die Überlegenheit des weißen Mannes? Die Konsequenz bleibt jedenfalls die gleiche.
http://www.heise.de/tp/artikel/20/20468/1.html- Heile Welt (12.7.2005 11:51)
- Ein Hoch den Orientalen (12.7.2005 9:25)
- Kopftücher, Muslime und Gesetze (11.7.2005 21:38)
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