Kopitus interruptus

Wolf-Dieter Roth 13.07.2005

Verbesserte Tonqualität und bunte Bildchen am PC: Sonys Key2audioXS-Kopierschutz kommt mit Zuckerbrot und Peitsche

Niemand will die Schikanen durch kopiergeschützte CDs. Außer den Plattenfirmen natürlich. Sony will nun zumindest dem 64KB-Streamingsound auf dem PC der bisherigen Systeme ein Ende bereiten. Telepolis konnte Entwicklungsmuster des neuen Systems testen.

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Auf der High End 2005 sorgte ein Vortrag Klangverlust durch Kopierschutz für Verwirrung (HiFi und Heimkino im Kampf gegen den Kopierschutz). Was, Sony gibt offen zu, dass Kopierschutz nicht nur dem Musikgenuss an sich schadet, weil die Un-CDs gerade auf höherwertigen Geräten oft nicht laufen, sondern auch noch dem Klang? Also nicht, dass dieses Problem unter HiFi-Fans jetzt etwa neu oder unbekannt wäre die Bitfehler, über die Brennprogramme beim Kopieren stolpern sollen, werden auch nicht von jedem Player abgefangen und auf dem Computer gibt es bei Un-CDs entweder Schweigen oder bitratenreduzierte Töne, die mit HiFi nichts mehr zu tun haben , aber dass es einer der Schuldigen so direkt ausspricht?

GIF-Animation mit Dame: Shakira mit Sony Key2audioXSV3-Berühr-, Verzeihung: Kopierschutz

Doch der ketzerische Titel war von der Messegesellschaft gewählt worden, nicht von Sony. Es handelt sich dabei um eine neue Entwicklung von Sony DADC Österreich, Sonys Softwareabteilung, an die Sony Deutschland nicht sofort gedacht hatte. Der Grund: Für Sony BMG ist als zukünftiger Kopierschutz neben dem österreichischen Key2audioXS Version 3 aus dem eigenen Haus auch noch das englische System XCP von First 4 Internet und Suncomm Mediamax mit ähnlichen Funktionen in der Diskussion, das Sony BMG im bislang Audio-CD-kopierschutzfreien Amerika bereits testet. Im Herbst soll dann auch Key2audioXS mit Sony BMG in die USA kommen andere Firmen haben das System bereits in Europa getestet.

Die Systeme haben ähnliche, offensichtlich von Sony BMG als Pflichtenheft vorgegebene Eigenschaften: Sie sollen im Gegensatz zu anderen Kopierschutzsystemen zu Audio-CDs führen, die zumindest halbwegs Red-Book-konform sind und damit nicht mehr auf der Mehrzahl der fortgeschrittenen Unterhaltungselektronik streiken. Zudem soll die volle Audioqualität auch auf dem Computer verfügbar sein, während zuvor meist proprietäre Windows-Player auf 64 KB/s reduzierte WMA-Dateien abspielten und die Original-CD-Audio-Spuren für den PC tabu waren.

Funktionen der verschiedenen Generationen des Sony Key2audioXS-Kopierschutzes (Bild: Sony)

Dafür ist der Kopierschutz nun auch nicht mehr so aggressiv: Er soll per Definition nur noch den unbedarften Standard-Anwender schikanieren. Wer sich auskennt, schafft ohnehin jeden Kopierschutz, kauft jedoch auch keine Un-CDs, weil er für den Preis einer CD ein direkt benutzbares Produkt erwartet und keins, an dem er eventuell herumdoktorn muss.

Technisch erreichen die Systeme dies wie die meisten Kopierschutzsysteme durch eine Mode-2-Daten-CD-ROM mit einer Audio-CD als erste Komponente. Ein Audio-Player sieht nur den Audioteil, ein Computer nur den Datenteil, so die Theorie. Und da der Audio-CD-Teil ebenso wie die Ankopplung des Datenteils hier Red-Book-konform sein soll, sollen auch keine Abspielprobleme auftauchen, so die Theorie.

Dennoch sind für den Käufer deutliche Einschränkungen vorgesehen: Er soll die CD am Computer nicht mehr mit seinen gewohnten Programmen wie den Windows-CD-Player zum Abspielen, Nero zum Kopieren oder Musicmatch zum Erzeugen (Rippen) von MP3-Files verwenden. Ja, er soll überhaupt keine MP3-Files mehr zur Übertragung auf tragbare Player verwenden, sondern ausschließlich Microsoft WMA. Für Apples I-Pods gibt es dann unter der Hand noch solange Hilfe, bis Apple endlich klein beigibt und den I-Pod auf Microsoft-WMA-Technik umbaut. Mit WMV (Windows Media Video) hat Apple ja offensichtlich bereits angebandelt. Wobei das Problem ohnehin nur für Windows-I-Pod-Benutzer auftritt auf Mac OS und Linux bleibt der neue Kopierschutz inaktiv, nachdem frühere Versionen Autonavigationssysteme und Apple-Computer blockierten.

Erreicht wird die Einschränkung auf Windows-Rechnern über eine übergestülpte Windows-Software, die automatisch beim Einlegen der CD in den Computer startet und über die sowohl das Anhören der CD, das Kopieren und das Rippen geregelt werden. Dabei kann spezifiziert werden, wie oft die CD kopiert und gerippt werden darf. Das Anhören ist dagegen noch unbegrenzt. Hier werden zudem die Original-Audio-CD-Spuren abgetastet und nicht mehr extra komprimierte Dateien.

Damit der Käufer sich über die Einschränkung nicht zu sehr ärgert, bekommt er noch ein paar Zuckerl: Links zu der Homepage des Künstlers, Videos und ein E-Mail-Tool, mit dem er seinen Freunden Titel von seiner neuen CD zuschicken kann. Besonders attraktiv bei Künstlern, bei denen die Optik mitunter interessanter ist als die Musik. Shakira, die einst schon erst Macs mit Sony-CDs flachlegte und dann PCs mit Viren, ist auch hier wieder das geeignete Verführungs-Objekt: Das Testmuster des neuen Sony-Systems war mit fünf Tracks des Albums Laundry Service sowie einem Video der Blondine bestückt.

So kann man den Shakira-Virus weiterverbreiten

Im DVD-Player lief die CD mit Verhütleri ohne Probleme. Auf portablen MP3-CD-ROM-Spielern startet sie mit deutlicher Verzögerung, weil die Geräte die Scheibe wegen der Datenspur zunächst für eine MP3-CD-ROM halten. Auf einem Centrino-Notebook mit Windows XP sprang einem dagegen sofort das Abspielmenü ins Gesicht und damit wurde es auch laut. Nicht nur wegen Shakira auch der CPU-Lüfter stieg jaulend ins Konzert ein. Der Grund: Die Windows-Applikation wurde mit Macromedia Director entwickelt, was zur Musikwiedergabe 20 bis 30% CPU-Last benötigt, um Shakira scharf abzubilden und auch das animierte Banner anzuzeigen, das im Muster als Demo allerdings nur Sony DADC selbst bewirbt. Wie Flash ist Macromedia Director sehr rechenintensiv; am Notebook sollte man folglich mit Kopfhörern arbeiten, da die üblichen kleinen Lautsprecher sonst gegen den Lüfter anstinken müssen.

Man kann die CD mit dem Macromedia-Director-Menü auch beim Muster bis zu dreimal 1:1 kopieren oder ihren Inhalt als 128-KB/s-WMA auf die Festplatte enkodieren lassen. Die Kopien sind dann nicht mehr kopier- oder enkodierbar. Ebenso kann man die CD benutzen, um MP3- und WMA-Dateien von der Festplatte wieder zu einer CD zu brennen. Sollte es sich dabei allerdings um die WMAs handeln, die aus der CD erzeugt wurden, so ist dies nur siebenmal möglich. Zudem laufen auch diese eigenen Zusammenstellungen, bei denen die Nero-Brenn-Engine verwendet wird, dann am Computer über die Sony-Abspielsoftware.

Shakira geht unter die Wäsche

Will man Freunden einzelne Stücke aus der CD zukommen lassen, so generiert die Software einen Link zu einer Sony-Website, wo der so Beglückte sich sein Musikstück abholen kann. Die Empfehlungsmail bleibt allerdings leicht in Spamfiltern hängen und kann auch gute Freundschaften gefährden: Das per DRM zehn Tage abspielbare WMA-File verlangt als erstes ein Sicherheitsupdate des Media-Players, um bei diesem das DRM nachzurüsten. Die Ähnlichkeit mit Active-X-Trojanern und Viren dürfte selbst den misstrauisch machen, der gegen DRM auf seinem Rechner nichts einzuwenden hat.

Wer nicht ahnt, dass er eine kopiergeschützte CD vor sich hat und diese ganz unschuldig mit üblicher Software wie Nero 1:1 kopieren will, wird daran zunächst nicht gehindert: Es wird sowohl die Audio- als auch die Datenpartition ohne Fehlermeldung kopiert. Allerdings stottert die Wiedergabe von der Kopie wie bei einer extrem verschmutzten CD, nur das Video ist noch brauchbar.

Keine Feier ohne Microsoft

Auf einem Windows-98-Rechner mit abgeschaltetem Autostart reagierte die Shakira-Scheibe deutlich angenehmer: Im DVD-Laufwerk wurden hier die Audio-Spuren zugänglich, die sich mit dem bei Windows 98 noch existierenden normalen CD-Spieler ohne große CPU-Belastung abspielen lassen. Im CD-Brenner-Laufwerk erschien stattdessen der Datenteil mit Video und Abspielsoftware. Wurde diese verwendet, so wurde es anschließend öfters erforderlich, Updates zu fahren.

Versucht man unter Windows 98, mit Musicmatch Jukebox die CD zu rippen, um sich MP3s guter Qualität zu ziehen, so ergibt dies meist Fehlermeldungen, außer man legt erst die CD ein und startet dann Musicmatch Jukebox. Digital kann die Software zwar die CD nicht auslesen, doch schaltet sie anschließend auf Analogbetrieb um. Die ersten zwei MP3s sind anschließend stumm, der Rest einwandfrei.

Installiere ich oder nicht? die Frage wird einem unter Windows 98 abgenommen

In Deutschland benutzt Sony BMG jedoch bislang ohnehin keines der neuen Verfahren, sondern das aggressivere Cactus Data Shield CDS 200, das im Praxistest sowohl auf DVD-Spielern, PCs mit DVD-Laufwerken, Macs und tragbaren CD-MP3-Spielern blockierte und dessen proprietäres Low-Quality-Computerabspielprogramm nur auf einem Windows-XP-Rechner startete und auch da nur, wenn man die Scheibe in den CD-Brenner einlegte und nicht ins DVD-ROM.

Da man erst nach dem Kauf einer Un-CD merkt, ob das Kopierschutzverfahren mit der eigenen Hardware kompatibel ist, inzwischen aber klar als kopiergeschützt gekennzeichnete CDs nicht mehr so einfach wegen Kopierschutzproblemen zurückgebracht werden können und das Knacken des Kopierschutzes mit dem neuen Urheberrecht strafbar geworden ist, sollte man auch weiterhin kein unnötiges finanzielles und juristisches Risiko eingehen und keine kopiergeschützten CDs kaufen, auch wenn so manche eigentlich geschätzten Künstler außen vor bleiben.

Eine eigene Musikzusammenstellung mit der Shakira-Software für den, der einen Brenner, jedoch keine geeignete Brennsoftware hat

Von daher ist das Ziel der Musikindustrie, Kopierschutz ohne Musikverlust zu erzeugen, zwar erfreulich, aber ziemlich nahe an dem berühmten Satz Mit Computern kann man Probleme ausgezeichnet lösen, die man ohne Computer gar nicht hätte!. Der Musikkäufer will für sein Geld ein unkompliziertes Produkt und die gewöhnliche Audio-CD wäre dies auch heute noch. Die Verführung zur Kopierschutz-CD per Zusatzvideo und Skins mit viel Haut mag bei Shakira noch funktionieren bei Herbert Grönemeyer wird dieser Trick schon schwieriger werden. Am Ende wird sich nur noch Britney Spears verkaufen mit dem Satz, den schon ertappte Playboy-Leser seit Jahrzehnten benutzen:

Ich lese/höre das Blatt/die Platte doch gar nicht ich schau mir nur die Bildchen an!

http://www.heise.de/tp/artikel/20/20484/1.html
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