Der Mensch brachte den Tod

Vorfahren der Aborigines trampelten und fackelten in Australien alles nieder

In Australien lebten einst große Säugetiere und riesige Laufvögel. Ein Paradies der großen Viecher jedenfalls solange, bis der Mensch auftauchte. Viel ist diskutiert worden, ob die Tiere ausstarben, weil es Klimaschwankungen gab oder ob der Mensch sie ausrottete. Jetzt legt eine internationale Gruppe von Wissenschaftler neue Beweise für die verhängnisvolle Rolle des Homo sapiens vor.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Vor 45.000 bis 50.000 Jahren starben die meisten der großen Säugetiere Australiens aus. Kurz zuvor, maximal vor 55.000 Jahren, hatten die Menschen den Kontinent besiedelt. Über ihre Rolle bei der eklatanten Veränderung der Tierwelt wird seit Jahren heftig debattiert. Es gab zu diesem Zeitpunkt keine außergewöhnlichen Klimaveränderungen.

Vom Wind gezeichnete Landschaft in Zentralaustralien, Williams Point, wo Fragmente von Eierschalen des ausgestorbenen Genyornis gefunden wurden. (Bild: Gifford H. Miller)

In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsjournals Science berichten jetzt Gifford H. Miller von der University of Colorado in Boulder und Kollegen von anderen Instituten in den USA und Australien über den Zusammenhang zwischen dem Verhalten des Menschen, dem Kollaps des Ökosystems und dem Aussterben der Megafauna.

Das Sterben der Giganten war unaufhaltsam. Am Ende waren 85 Prozent der großen Säugetiere, Riesenvögel und Reptilien mit einem Gewicht von mehr als 50 Kilogramm vom australischen Kontinent verschwunden. Darunter waren der Beutellöwe (Thylacoleo carnifex), das nilpferdgroße Riesenbeuteltier Diprotodon optatum, bis zu 7 Meter lange und 600 Kilo schwere Reptilien (Megalania prisca) sowie volkswagengroße Schildkröten (Australia's Lost Kingdom).

Und gleichzeitig veränderten die Vorfahren der Aboriginies, die immer wieder systematisch Feuer legten und die Vegetation abfackelten, die Landschaft nachhaltig. Wo vorher eine Mischung von Bäumen und einem Dickicht von Buschwerk auf Gras gestanden hatten, wuchs danach nur noch flacher Bewuchs, Halbwüsten und Wüsten entstanden.

Beinahe komplette Eierschale des ausgestorbenen Riesenvogels Genyornis newtoni, entdeckt 2002 bei Port Augusta in Südaustralien. Diese Ei hat ein Alter von 60.000 Jahren. (Bild: Gifford H. Miller)

Das Team um Miller analysierte fast 1.500 Bruchstücke von versteinerten Eiern, sowohl von Emus als auch von den straußenähnlichen riesigen Laufvögeln Genyornis newton, die vor 40.000 Jahren ausstarben. Die untersuchten Eierschalen sind bis zu 140.000 Jahren alt und stammen aus drei verschiedenen Regionen Australiens, die jeweils ein eigenes lokales Klima aufweisen. Geforscht wurde nach Kohlenstoff-Isotopen in den Fragmenten, um durch Vergleiche festzustellen, ob die Tiere eher C3- oder C4-Pflanzen gefressen hatten (Wirkung von Kohlendioxid auf Pflanzen). C4-Pflanzen sind vor allem nährstoffreiche, tropische und andere Grassorten, dagegen sind C3-Pflanzen die schmälere Kost in Form von Büschen und anderem Bewuchs, wie er in trockeneren Wüstengebieten zu finden ist.

Vergleichend untersuchten die Forscher auch noch die versteinerten Zähne von Wombats. Dabei konnten sie nachweisen, dass sich Emus und Wombats vor ungefähr 45.000 Jahren erfolgreich auf die weniger nährstoffreiche Ernährung der C3-Pflanzen umstellten, während das dem Genyornis nicht gelang er starb aus. Alle diese Tiere hatten sich bis vor 50.000 Jahren in ihrer vegetarischen Kost an C4-Pflanzen gehalten.

Die Tiere, die ihr Futter umstellen konnten, adaptierten sich, während die heikleren, die das nicht schafften, ausstarben

Gifford H. Miller

Es gibt keinen Hinweis auf gravierende Klimaschwankungen in dieser Zeit, aber die frühen Ureinwohner Australiens machten Feuer, um zu kochen, Signale zu geben oder auf der Jagd die Beutetiere zu treiben. Wahrscheinlich veränderten sie dadurch den Austausch zwischen Biosphäre und Atmosphäre nachhaltig. Monsunregenfälle blieben aus und das Land vertrocknete.

Ein kontrollierter Brand in der Nähe von Darwin. Das Ökosystem dieser Landschaft hat sich über tausende von Jahren an die regelmäßigen, vom Menschen gelegten Feuer adaptiert. (Bild: Gifford H. Miller)

Die Veränderung der Flora hatte dramatische Auswirkungen auf die Fauna. Die Reduktion der Pflanzenvielfalt führte zum Aussterben der Tiere, die sich nicht an die schmalere Kost gewöhnen konnten und in der Folge zum Verschwinden der Raubtiere, die sie jagten. Die Nahrungskette veränderte sich und ein beträchtlicher Teil der Tiere überlebte das nicht.

Miller ist überzeugt, dass die neuen Daten belegen, dass weder die Jagd durch Menschen noch Krankheiten das Artensterben auslösten, sondern im Grund kleine Feuer mit enormen Konsequenzen:

Diese Studie zeigt, dass die Fußspuren des Menschen in der Umwelt sehr umfassende und unerwartete Folgen haben können ich denke, das ist auch bezüglich der menschlichen Aktivitäten auf der Erde heute relevant. Eine kumulative Serie von kleinen Veränderungen kann nicht beabsichtigte Konsequenten im großen Stil nach sich ziehen, in diesem Fall eine komplette Restrukturierung eines Ökosystems.

http://www.heise.de/tp/artikel/20/20488/1.html
Kommentare lesen (106 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Teuflische Bedrohung des tasmanischen Teufels

Das letzte Maskottchen Tasmaniens ist vom Aussterben bedroht

Südostasiens Artenvielfalt in der Krise

Wie ökonomische Zwänge und vermeintlicher Fortschritt der Natur bekommen

Ältester Verwandter des Kängurus gefunden

Fossil ist trotz seines Alters von 125 Millionen Jahren gut erhalten - Entwicklung der Säuger in ein neues Licht gerückt

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen
Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Abgefahren

Auch der endgültige Stillstand gehört zur Dromologie

bilder

seen.by


TELEPOLIS