Aus den Banlieues in ein anderes Leben bomben?

Bernard Schmid 14.07.2005

Mitte der 90er Jahre verübten bereits französische Jugendliche arabischer Herkunft Anschläge der Hintergrund dieser islamistischen Terroristen könnte auch für die Motive der Täter von London erhellend sein

In den letzten 24 Stunden zeigten sich britische Medien und Medien entsetzt von der Entdeckung: Die vier mutmaßlichen Attentäter, die identifiziert werden konnten, waren britische Staatsbürger. Obwohl pakistanischer Herkunft, waren sie in England geboren und aufgewachsen. Damit schien sich ihr "Kampf gegen unsere westliche Zivilisation und Lebensweise" in neuem Licht darzustellen. Fragen über Fragen stellen sich nun: Sitzt der vermeintliche Hass auf die westliche, liberale, individualistische Kultur etwa in den Chromosomen? Haben wir es mit angeborenen Monstern zu tun? Oder produziert die westliche Gesellschaft gar selbst jene destruktiven Energien, welche potenziell perfekt "integrierte" junge Männer zu Selbstmördern werden ließen, die über 50 Menschen mit in den Tod rissen ("British born bombers")?

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Ist derzeit die Rede von einer "völlig neuen Situation" oder ­ wie Le Figaro vom Mittwoch schreibt - einer "Premiere in Westeuropa", so übersieht dies völlig, dass es Präzedenzfälle von in Westeuropa geborenen oder jedenfalls aufgewachsenen islamistischen Attentätern gibt. Auch in diesen Fällen wurden mitunter zufällige Personen, etwa Fahrgäste in öffentlichen Transportmitteln, zu Opfern.

Im Sommer und Herbst 1995 fand eine Serie von ­ erfolgten und vereitelten - Bombenanschlägen in Frankreich statt. Der erste Sprengsatz explodierte am 25. Juli 1995 in der Station Saint-Michel des Pariser Vorortszugs RER, mitten im historischen Zentrum der französischen Hauptstadt. Acht Menschen starben und 200 wurden verletzt. Die Polizeidienste waren gewarnt. Das konnte weitere Anschläge nicht verhindern, allerdings konnten einige vereitelt werden. Im August 1995 wurden unter anderem eine Bombe im Hochgeschwindigkeitszug TGV zwischen Paris und Lyon und ein weiterer Spengkörper vor einer jüdischen Schule im Lyoner Vorort Villeurbanne entschärft.

Einen Monat später wurde der Hauptverdächtige im Umland von Lyon durch die Polizei gestellt: Der 25jährige Khaled Kelkal, dessen Fingerabdrücke auf einem Klebeband auf der Bombe im TGV gefunden worden waren. Am 29. September 1995 wurde er in einem Waldstück bei Maison-Blanche, in der Nähe von Lyon, erschossen. Ein anwesendes Kamerateam des französischen Fernsehens sprach im Anschluss von einer regelrechten Hinrichtung, da dem bereits schwer verletzt am Boden liegenden Khaled Kelkal in den Rücken geschossen worden sei. Das sorgte für eine kurze Polemik mit dem damaligen Innenminister Jean-Louis Debré, derzeit Parlamentspräsident der französischen Nationalversammlung.

Khaled Kelkal

Am 6. Oktober 1995 detonierte eine neue Bombe in der Pariser Metro-Station Maison-Blanche, höchstwahrscheinlich eine Anspielung auf den Ort, an dem Khaled Kelkal zu Tode gekommen war. Der Anschlag, der 18 Verletzte hinterließ, erfolgte zeitgleich zur Beerdigung von Kelkal. Am 17. Oktober wurden weitere 30 Menschen bei einer Explosion im RER-Bahnhof Musée d¹Orsay in Paris verletzt. Doch 14 Tage später aber wurde eine Kleingruppe militanter Islamisten im nordfranzösischen Lille verhaftet, die nach Polizeiangaben bei den Vorbereitungen für ein Bombenattentat auf einen Wochenmarkt ertappt wurde. In der Folgezeit fanden keinen weiteren Anschläge statt, abgesehen von einer Explosion 13 Monate später, die am 3. Dezember 1996 drei Personen in der Pariser RER-Station Port Royal tötete.

Der junge Terrorist aus den Banlieues

Die "Kelkal-Affäre" war aber mit dem Tod dieses mutmaßlichen Protagonisten der 1995er Anschlagsserie nicht abgeschlossen. 10 Tage nach seinem Tod publizierte die liberale Pariser Abendzeitung Le Monde auf drei vollen Zeitungsseiten ein langes Interview, das der deutsche Soziologe Dietmar Loch im Jahr 1992 aufgenommen hatte. Dietmar Loch, der für die Universität Bielefeld tätig war, hatte 1991/92 ein volles Jahr lang in den Banlieues (Trabantenstädten) von Lyon gearbeitet und über Jugendliche aus Migrantenfamilien geforscht. Der Interviewte war niemand anders als der damals 22jährige Khaled Kelkal. Der deutsche Soziologe hatte ihn an seinem Wohnort in der Lyoner Vorstadt Vaulx-en-Velin getroffen.

Khaled Kelkal wurde 1971 in Mostaganem, an der westalgerischen Mittelmeerküste, als viertes von insgesamt zehn Kindern geboren. Als Zweijähriger kam er nach Frankreich, wo sein Vater bereits seit 1969 als Arbeiter beschäftigt war. Er wuchs in Vaulx-en-Velin auf, einer jener Schlafstädte mit zahlreichen Hochhäusern, hohem Immigranten-, Armen- und Erwerbslosenanteil, in den sich zahllose soziale Probleme konzentrieren. Im Gegensatz zu den Schwarzen-"Ghettos" vieler US-amerikanischer Großstädte handelt es sich dabei aber nicht um "ethnisch" strukturierte Wohngebiete, sondern um Zonen, in denen all diejenigen abgeschoben werden, die in den städtischen Zentren von Paris oder Lyon die horrenden Mieten nicht mehr bezahlen können. Vaulx-en-Velin wurde zum Symbol der daraus resultierenden sozialen Spannungen, nachdem es dort im Oktober 1990 zu ­ für die damalige Zeit noch spektakulären ­ Unruhen gekommen war.

Khaled Kelkal schien anfänglich dafür prädestiniert, aus der Banlieue heraus- und zu einem besseren Leben zu kommen. Als guter Schüler gelang ihm nach dem collège (Mittelschule) der Sprung auf das lycée (Oberschule) ­ in Frankreich besteht zwar kein dreigliedriges Schulwesen wie in der Bundesrepublik, aber am Ende des collège wird streng sortiert, um zu entscheiden, wer auf die Oberschule gehen kann und wer nicht. Migrantenkinder wurden durch die "Orientierungsberater" (conseillers d'orientation) lange Zeit bevorzugt auf das Berufsschulwesen, statt auf das Lycée, verwiesen.

Doch nunmehr erlebte der jugendliche Khaled zum ersten Mal, welchen riesigen Unterschied es machen kann, aus der Stadt Lyon, wo die Oberschule liegt, oder aus der Banlieue zu kommen. Er würde Dietmar Loch erzählen:

In meiner Klasse gab es nur Reiche. (...) Sie hatten noch nie in ihrem Leben 'einen Araber' gesehen, und sie sagten selbst: Offen gesagt, du bist der einzige Araber, den wir kennen'...

Auf dem Lycée, diesen Satz wiederholt Kelkal in dem Interview immer wieder und wieder, "habe ich meinen Platz nicht gefunden". Gegen den ausdrücklichen Rat seiner Eltern bricht er die Schulausbildung ab:

Ich hatte die Möglichkeiten, die Fähigkeiten dazu, aber rein gar nichts motivierte mich zum Weitermachen.

Mit einigen Freunden begeht er Einbrüche und kleinkriminelle Delikte, deswegen muss er Erfahrungen mit der französischen Justiz und mit dem Gefängnis machen. Er wird dem deutschen Soziologen erzählen:

Offen gesagt, uns als Araber liebt die Justiz nicht.

Er hat den Eindruck, dass die Herkunft sich de facto strafverschärfend auswirkt.

Sehnsucht nach der Heimat

In der Zelle sitzt Khaled Kelkal ein Jahr lang zusammen mit einem anderen "Araber". Von ihm lernt er zum ersten Mal, richtig Arabisch zu sprechen und die moslemische Religion zu kennen. Bisher hatte er weder mit der Sprache noch mit dem Islam viel zu tun gehabt ­ was klar gegen die These vom "angeborenen" Charakter des vermeintlichen "islamischen Fanatismus" sprechen dürfte. Als die Sprache auf diese Periode kommt, werden die Gedanken Khaled Kelkals in dem Interview reichlich obskur:

Einer der größten Professoren für Astronomie in Japan hat bezeugt, dass der Koran die Stimme Gottes sei. Ein großer NASA-Gelehrter hat es ebenfalls bezeugt.

Das klingt ziemlich stark nach jemandem, der Anhaltspunkte oder "Beweise" für seinen neu angenommenen Glauben zur Rechtfertigung benötigte, aber nicht eben nach jemandem, dem der Glaube "in die Wiege gelegt" worden wäre.

Ein weiterer Gedanke, der in dem Interview stark hervortritt, ist folgender: "Ich will Frankreich ganz verlassen, für immer, zu mir nach Hause gehen, nach Algerien." Das war aber in den frühen 90er Jahren nur unter hohen Risiken denkbar, da das nordafrikanische Land just in jenen Jahren im Bürgerkrieg zu versinken begann. Es ist nicht genau bekannt, warum Kelkal nicht in jene "Heimat" ging, die er selbst nicht kannte. Mehrere Jugendliche, die Le Monde parallel zur Veröffentlichung des Kelkal-Interviews interviewte, bezeugten jedoch, "mancher" habe dieses Traum gehabt, "aber alle sind hierher zurückgekehrt".

Le Monde veröffentlichte dieses Interview begleitet von einem Kommentar, der unter der bemerkenswerten Überschrift stand: "Khaled Kelkal, Opfer des ordinären Rassismus." Eine Rechtfertigung der Anschläge, die damals fast alle Franzosen und Französinnen erschreckten und potenziell treffen konnten, war damit sicherlich nicht intendiert. Sie enthält aber ein wesentliches Stück Wahrheit, will man die ­ kurze - Lebensgeschichte eines Khaled Kelkal annähernd verstehen. Dennoch geben die Ausführungen aus dem Interview allein noch keine hinreichende Antwort darauf, wie er in die Vorbereitung solch blutiger Attentate verstrickt werden konnte.

Die Antwort darauf hängt mit der Organisationsstruktur der algerischen GIA (Groupes islamiques armés, Bewaffnete islamische Gruppen) zusammen. Diese politisch-terroristische Bewegung, die in Algerien zahlreiche Morde an der Zivilbevölkerung zu verantworten hat, versuchte ab 1994 die ehemalige Kolonialmacht Frankreich zu treffen und dadurch in den algerischen Bürgerkrieg hinein zu ziehen, als wichtiges Symbol dafür, dass die "gottlosen Machthaber" in Algier mit den ehemaligen Kolonialherren im Bunde stünden. Deswegen unternahmen die GIA logistische Anstrengungen, um Brückenköpfe in Europa zu installieren.

Von Brüssel aus wurden ihre Aktivitäten durch Ali Touchent koordiniert, der Ende der 90er Jahre ­ folgt man den offiziellen Angaben ­ in der Nähe von Algier bei Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften getötet wurden. Ein weiterer Schwerpunkt der GIA in Europa lag in London. Dort wurde Raschid Ramda, der ebenfalls der Beteiligung an den Attentaten auf französischem Boden verdächtigt wird, festgehalten, aber erst seit den jüngsten Anschlägen in London erklärte der britische Staat sich jüngst zu seiner Auslieferung an Frankreich bereit. Aber auch wenn die GIA einige ihrer Kader nach Europa eingeschleust hatten, so waren sie zur Vorbereitung und Durchführung von Anschlägen offenkundig doch auf in Frankreich aufgewachsene Nachfahren von Migranten als "Fußvolk" angewiesen. Die französische Gesellschaft hatte allem Anschein nach genügend solcher Menschen an den Rand gedrängt, dass ein Rekrutierungspotenzial zur Verfügung stand.

Ausbildung als Glaubenskrieger in Afghanistan und Pakistan

Im Dezember 1996 kamen in Paris 37 jugendliche Islamisten vor Gericht - Immigrantenkinder, die von einem "harten Kern" islamistischer Fanatiker in den Banlieues von Paris sowie Orleans rekrutiert worden waren. Diese Jugendlichen wurden in militärische Trainingslager in Afghanistan und Pakistan verschickt, wo sie den Umgang mit Waffen und Sprengstoff erlernten. Viele von ihnen kehrten vorzeitig zurück, weil sie von den dazu erforderlichen Mathematik- und Physikkenntnissen überfordert waren.

Vier Gruppen wurden schließlich nach Marokko entsandt, um den religiösen Krieg gegen das "ungläubige" Regime von König Hassan II. zu entfachen. Die erste Gruppe in Marrakesch schoss am 24. August 1994 in die Halle eines Hotels und tötete dabei zwei spanische Touristen, eine Französin wurde schwerverletzt. Eine andere Gruppe in Fez versuchte einen Taxifahrer auszurauben und schoss auf eine sie verfolgende Polizeistreife. Die dritte Gruppe in Casablanca schoss auf die Mauern eines jüdischen Friedhofs; ursprünglich war vorgesehen gewesen, auf an der Friedhofsmauer betende Juden anzulegen. Das letzte Kommando in Tanger - es sollte auf am Strand liegende Touristen schießen - verzichtete darauf, in Aktion zu treten.

Die 37 Angeklagten von Paris, die überwiegend logistische Hilfeleistungen verrichtet hatten, wurden wegen "Gründung einer terroristischen Vereinigung" angeklagt, die Aktivsten unter ihnen wurden deswegen zu zehn Jahren Haft verurteilt. Gegen zwei der Angeklagten wurde jedoch in Abwesenheit verhandelt - sie saßen wegen der Schüsse auf die Touristen von Marrakesch bereits in marokkanischer Haft, theoretisch droht ihnen die Todesstrafe.

Einer der beiden ist der 22jährige Stephane Alt Idir, ein Kind algerischer Immigranten. Über seine Beweggründe, den "Glaubenskrieg" aufzunehmen, kann man Näheres erfahren, was wiederum einige schnellgefasste Urteile über die "von Natur aus fanatischen Muslime" widerlegen dürfte, ja nahelegt, dass die französischen Gesellschaft ihn zu dem machten, was er - in seiner Jugendzeit weder gläubiger Moslem, noch der Regeln der Religion oder der arabischen Sprache mächtig - geworden ist.

Im Februar 1991 hatte er ­ ähnlich wie im folgenden Jahr Khaled Kelkal - akzeptiert, auf die Fragen einer Gruppe von Universitätssoziologen zu antworten, die an einer Untersuchung über die Banlieues arbeiteten. Seine damaligen Antworten wurden am 18. Dezember 1996 durch die linke bzw. den Grünen nahe stehende Satire- und Wochenzeitung Charlie Hebdo publiziert.

Traum vom besseren Leben?

Stephane, der in der Plattenbausiedlung Cité des 4.000 in der nördlichen Pariser Vorstadt La Courneuve lebte, beschreibt darin "seine" Banlieue:

Scheiß-Courneuve. Es gibt uns (die Jugendlichen), die Bullen, die Dealer und die Arbeitslosigkeit...

Befragt, ob er eine glückliche Kindheit gehabt habe, kommt kein wirkliches Idyllegefühl bei ihm auf:

Meine Eltern lebten und gaben uns zu essen, gerade so, dass wir nicht verhungerten. (...) Glücklich oder nicht, der Alte hielt uns kurz. Das ist nicht die zarte Methode, so ein Faustschlag. Bei uns wird ordentlich zugeschlagen, die Erziehung, man muss auf den rechten Weg kommen...

Es folgt die Frage nach der Rolle der (muslimischen) Religion. Der Sohn nordafrikanischer Immigranten antwortet:

Mein Vater ist Moslem, er glaubt nicht allzu sehr dran, aber er befolgt den (Fastenmonat) Ramadhan. Mich würde das nicht allzu sehr anmachen, aber man muss trotzdem in seiner Rasse bleiben, ich heiße Stephane, zum Teufel, und trotzdem glaubt mir keiner, dass ich Gallier (Spitzname für die gebürtigen Franzosen) bin! Einmal habe ich einen Job gesucht (...), ich habe mich vorgestellt, und der dicke Gallier sagte, bevor er mich ein Wort sagen hörte: Ich will keine Probleme. Ich war ein Problem, weil ich Araber war...

Es folgt eine Nachfrage der Sozialforscher, ob er die Regeln der muslimischen Religion kenne.

lch glaube an Gott, aber darüber hinaus habe ich keine Ahnung. Den Koran wage ich nicht mal anzufassen, ich kann kein Arabisch. Das ist heilig, der Koran, man muss clean sein, um ihn anzufassen. Die Alten (gemeint sind die Kader des Islamismus, die manche Vorstädte abklappern), die zu uns kommen, um uns von der Religion zu erzählen, ich höre ihnen zu. Manchmal sage ich mir, dass wir auf dem Planeten Mars leben und die auf dem Mond. (...) Sie zitieren den Koran von einem Ende zum anderen. Das sind Burschen, die uns doch Gutes wollen.

Später stellt der Immigrantensohn fest, dass diese Kader "selbst den Galliern in der Siedlung den Kopf verdrehen." Ein einziges Mal sei er in einer Moschee gewesen:

Es waren drei Alte da, einer von ihnen ein (zum Islam) konvertierter Gallier. Er hat uns zwei Stunden lang die Moral gepredigt. Das war gut, ich war wie... wie soll man sagen... Ich fühlte mich klein und unwissend. Er wusste alles von der Religion. Ich hatte einen Kumpel, der auf den Trip kam, er ist jetzt 24 Stunden am Tag Gläubiger geworden, er steckt seine Nase nicht mehr in die Siedlung.

Einige Monate später würde auch Stephane "24 Stunden am Tag Gläubiger" geworden sein, der ­ angeblich - für die Religion zu töten bereit war. Oder vielleicht für das, was er für einen Traum vom besseren Leben hielt...

http://www.heise.de/tp/artikel/20/20514/1.html
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