Die Präsentation von Forschungsergebnissen in Deutschland

Bernd Schröder 24.07.2005

Informationsdienst Wissenschaft: Forschungsvielfalt oder Science-Spam-Schleuder?

Wer einen Überblick über Forschung in Deutschland haben will, schaut vielleicht auch mal beim Informationsdienst Wissenschaft vorbei oder abonniert besser gleich. Der idw hat den Abfluss des Elfenbeinturms der Wissenschaft direkt angezapft und bewässert damit hauptsächlich die Medienmühle. Was man dort lesen kann, treibt einem mitunter Tränen in die Augen.

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Im Rahmen der Plattform Informationsdienst Wissenschaft (idw) bemühen sich Myriaden von Schreibern, die harten Resultatbrocken wissenschaftlicher Forschung massenkompatibel vorzuverdauen, um so den Kontakt zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu verbessern.

Neben zweifelsohne tatsächlich Wegweisendem (Wohin treibt Europa? ) und vielem Interessanten (Die Werra ist noch immer schwer krank) gibt es dort manch Unverständliches (Vom Sinn des Verzichtes), allerlei Ödnis (Konsortial-Benchmarking - Fünf Unternehmen mit herausragendem Technologiemanagement), jede Menge hanebüchene Studien und wirklich wichtige Expertendienste wie Pfingsten, Papst oder Busentführung in Athen zu bestaunen. Hin und wieder wird auch für gute Unterhaltung gesorgt. So ist man ständig direkt dabei, wenn Großes ansteht, wie z.B. der Lifestyle-Grill.

Lifestyle-Grill. Bild: Fachhochschule Hannover

Für eine Handvoll Kompetenz - und ein bisschen Gender

Der idw verwendet gern die Worte Exzellenz und Kompetenz manchmal will es scheinen, geradezu inflationär (aber nicht öfter als den gern gebrachten Vergleich von Äpfeln mit Birnen). Und wo Kompetenz dran steht, kann das Kompetenzzentrum Frau und Auto (Handtaschenhaken? Chicks on wheels!) nicht weit sein. Mit einer sensationellen Mystery-Shopping-Episode kommt der Leser auch auf seine Kosten. Denn das Kompetenzzentrum Frau und Auto versteht nach wie vor zu überraschen und wenn es bloß mit der These: Ein Auto kauft frau am besten beim Juwelier ist:

Im Auftrag des Kompetenzzentrums "Frau und Auto" sollte beim "Mystery Shopping" die Frauenorientierung von Autohäusern mit der in Musikalienhandlungen, Nähmaschinen-Fachgeschäften, Küchenstudios, Juwelieren und Elektro-Fachgeschäften verglichen werden. Dazu traten die Studierenden jeweils als Paar auf und gaben sich als junge Familie mit jüngeren oder auch älteren Kindern, Unternehmerinnen, Berufstätige oder Migrantinnen aus.

Das war sicherlich ein Bild für die Götter.

Schon beim Eintreten in die Geschäfte gab es Minuspunkte für die Autohäuser, denn weniger als die Hälfte der Kundinnen wurde hier sofort begrüßt. Im Verkaufsgespräch selbst erweisen sich nur die Küchenstudios ähnlich uninteressiert an ihren Kunden und Kundinnen wie die Autohäuser. Nur bei jeder zweiten Kundin signalisierte das Verkaufspersonal, dass man sie bemerkt habe und sich alsbald um sie kümmern werde. Hinweise auf den Nutzungszweck des neuen Autos wurden in einem Viertel der Fälle nicht wahrgenommen.

"Hier besteht auf jeden Fall erheblicher Schulungsbedarf für das Personal", stellt Prof. Dr. Doris Kortus-Schultes fest, die Leiterin des Kompetenzzentrums Frau und Auto. Eine Studentin, die eine Unternehmerin "gespielt" hatte: "Obwohl ich das Auto kaufen wollte, wurde immer mein Freund angesprochen". Eine andere: "Ich wollte ein Auto in Silber, mein Freund in Schwarz. Der Verkäufer hat uns dann nur noch Autos in Schwarz gezeigt". Eine dritte begann sich unwohl zu fühlen, als sich der Verkäufer beim Erklären der Instrumente dicht über sie beugte. Um das Einfühlungsvermögen steht es generell nicht zum besten, denn häufig wurden die Testkäuferinnen nicht zum Wagen ihrer Wünsche begleitet. "Jeder zehnte Kunde geht hier schon verloren", stellt Professorin Kortus-Schultes fest.

Gott sei Dank ist das alles nicht statistisch abgesichert. Aber gleichwohl aussagekräftig. Auf jeden Fall gut, dass mal darüber geforscht wurde.

Und zu allem Überfluss gibt es nun sogar erstmals wissenschaftlich ausgebildete Genderexperten in Schleswig-Holstein:

In insgesamt 147 Stunden haben sieben Teilnehmerinnen und Teilnehmer, allesamt in verantwortlichen Positionen in ihren Organisationen, den Zertifikatskurs "Genderkompetenz und Gendermainstreaming" absolviert, den die Institute der Fachhochschule Kiel für Frauenforschung und Genderstudien sowie für Weiterbildung gemeinsam anbieten. Die Genderexpertinnen und -experten verfügen durch diese Weiterbildung nicht nur wie bisher über Fach-, Methoden- und soziale Kompetenz, sondern jetzt auch über die neue Führungsqualifikation "Genderkompetenz".

Neusprech-Fieber in Biberach

Biberach, ach, Biberach. Der Kenner liest Biberach (Wie einmal ganz viele Goldbären nach Biberach kamen) und schnalzt mit der Zunge. Eine Diplomarbeit mit dem unglaublich geschmeidigen Titel: "Eignung des Balanced Scorecard Ansatzes als Controlling Instrument im Facility Management" jedenfalls scheint ein ausgezeichneter Jahrgangs-Lesestoff zu sein.

Zum Wohl

Ein lebendiger Beweis, dass es auch in der Wissenschaft nicht immer knochentrocken zugehen muss und an dieser Stelle haben wir uns eine kleine Erfrischung verdient - ist eine Diplomarbeit, die sich mit der gesellschaftlichen Funktion von Trinkhallen befasst. Der dazugehörige Vortrag "Wasserhäuschen - Vom Babbeln mit Bier am Büdchen. Stadtentwicklung im Zeichen der Trinkhalle" ist leider schon vorbei. Doch Interessenten können sich die Arbeit als solche herunterladen.

Andere Projekte wiederum werden erst durch die direkte Einwirkung von Alkohol auf die Beteiligten überhaupt möglich: Neue Säcke braucht das Land.

Die Idee mit dem neuen Sack hatte Dr. Elmar K. Wolff nach einer feuchtfröhlichen Nacht an einer Hotelbar im russischen Rostow am Don. Da kam der Leiter des Instituts für angewandte Biotechnik und Systemanalyse an der Universität Witten/Herdecke mit einem Unternehmer ins Gespräch. Der klagte über die personalintensive Herstellung von Transportsäcken, so genannten Big Bags, in denen von Pflastersteinen bis Getreide so ziemlich alles transportiert werden kann, was auf Paletten passt. Wolff tat in dieser Nacht kein Auge zu. Am nächsten Morgen hatte er die Lösung: Laserschweißen statt personalintensives Nähen.

Technology Related Anger

Hin und wieder ist der idw auch Sprungbrett zu einer weiterreichenden Medienbekanntheit, so z.B. für eine Magisterarbeit zur Aggression gegen Computer:

Eine Menge Menschen brüllen ihre Computer an, sie schimpfen und fluchen, einige schlagen und treten auch nach ihnen. Sie sind nicht in der Minderheit, wie die Auswertung von 340 Fragebögen belegt. Brinks hat für ihre Abschlussarbeit Menschen befragt, die beruflich mindestens 30 Stunden jede Woche am Computer arbeiten. Sie hat herausgefunden, dass zwei Drittel der Befragten ihrem Computer gegenüber schon einmal laut geworden sind - und über 30% zumindest mal nach der Maus geschlagen haben. Immerhin noch 1,5% geben zu, gleich den ganzen Monitor vom Tisch gestoßen oder den PC absichtlich fallen gelassen zu haben.[...]

Entwickeln Menschen zu ihren Computern emotionale Beziehungen wie zu anderen Menschen? [...] Insgesamt ist "Technology Related Anger", Aggression gegen Technik, ein breites Feld: Menschen ärgern sich über Fahrkartenautomaten, beschimpfen Scannerkassen, treten Autos. Und sie schlagen Computer. Erforscht ist das nicht.

Mit einigem Glück wird es also Nachschlag geben in Form einer Dissertation.

21? Zwanzigeins!

Der viel beachtete lustige Zahlensprechverein Zwanzigeins, der sich unverdrossen für die unverdrehte Aussprache von Zahlen einsetzt, darf in diesem Panoptikum freilich nicht fehlen.

Nano

Fast scheint es, dass bei bloßer Nennung des Kennworts Nano heutzutage alles publiziert werden kann (siehe Im NanoLoft zieht Leben ein). Auch der idw liefert beinahe täglich neue Beispiele von den bahnbrechenden Erfolgen an der Nano-Front, z.B.: Molekularer Formationstanz beobachtet - Choreographie aufgeklärt.

"2960 Mannstunden, 9000 Farben, 1 DiscoPixel!" Oder, wie hier, gleich drei auf einmal. Bild: Projektlabor Technische Universität Berlin

Pixel zum Wohlfühlen

Studenten der TU Berlin entwarfen ein spezielles Wohlfühlgerät: den DiscoPixel:

Vor Beginn der Präsentation des Elektrotechnik-Projektlabors im Grundstudium herrschte trotz 250 Besuchern fast absolute Stille. Plötzlich hüllte ein Farbpunkt vor dem Rednerpult den Raum in ein angenehmes Licht. "2960 Mannstunden, 9000 Farben, 1 DiscoPixel!", durchbrach Oscar Koller, einer der Projektteilnehmer, das Schweigen. Gebannt verfolgten die Zuschauer die sanften, aber doch kräftigen Farbwechsel des 30cm großen Würfels. Der Würfel, der "DiscoPixel", ist eine übergroße Nachbildung eines einzelnen Bildschirm-Pixels. Die aufwendige Elektronik ermöglicht es, je nach persönlicher Neigung jede beliebige Farbe einzustellen.

Perfekt wird der "Disco-Pixel" aber erst durch seine Funktion als Lichtorgel. Das Licht pulsiert im Rhythmus der Musik, die über Mikrofon oder einen integrierten MP3-Player eingespielt wird. Aufwendige Algorithmen in der Musikverarbeitung übertreffen dabei herkömmliche Lichtorgeln bei Weitem. Je nach Art der Musik oder Sprache werden andere Lichteffekte erzeugt.

StartUp

Für welchen Karriereweg ist man prädestiniert, wenn man in der Jugend die Buddenbrocks verschlang und anschließend eine Magisterarbeit über drei (!) kurkölnische Weihbischöfe des 18. Jahrhunderts anfertigte? Nun, man schreibt Autobiografien für den Ottonormalbürger. Etwas Geld sollten die interessierten Hinz und Kunz als Klienten in spe jedoch mitbringen, denn:

Das beginnt so bei 10.000 Euro...

Ein Geschichtsstudium ist bei diesem Gründungskonzept hilfreich:

Bei der Einordnung der Gesprächsnotizen bietet ein fundiertes Geschichtswissen naturgemäß Vorteile. "Bei Daten, die mir nicht plausibel erscheinen oder die schlicht falsch sind, hake ich schon einmal nach", erklärt sie; "das Gedächtnis trügt!"

Und ein potentieller Auftraggeber sollte sich auf einige Überraschungen gefasst machen:

Als biografisches "Testobjekt" diente Barbara Hillen übrigens ihre Schwiegermutter - mit vollem Erfolg: "Als mein Mann das Buch gelesen hat, war er überrascht, wieviel davon selbst für ihn neu war."

Mampf! Schmatz! Schnorchel!

Probiotischen Joghurt kennt fast jeder, aber probiotische Schokolade? Die kann auch niemand kennen, weil es die noch gar nicht gibt.

Dann besteht ja noch Hoffnung, dass das auch so bleibt. Aber während die Fachwelt inmitten von Empirie und Marketing-Geschrei weiterhin über Sinn und Unsinn probiotischer Zusätze streitet - eine gesunde und ausgewogene Ernährung würde vielleicht unter Umständen auch schon ausreichen - wird in den Laboren gehandelt und an der Lebensmittel-Reise durch den Verdauungstrakt gefeilt. Neben Säften, Quark und Wurst erscheint also auch probiotische Schokolade erstrebenswert und geeignet, unsere Darmflora im wahrsten Sinne des Wortes windschlüpfrig zu rendern und werbewirksam neue Produkte in den Supermarktregalen zu platzieren.

Deutsches Depressionsthermometer. Bild: Management Zentrum Witten

Wie depressiv ist Deutschland wirklich?

[] Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Das galt früher. Heute scheinen die Deutschen sogar noch die Hoffnung verloren zu haben. Nie seit der Nachkriegszeit scheint die Stimmung in unserem Land - berechtigt oder unberechtigt - so schlecht gewesen zu sein wie jetzt.

Wirtschaftswissenschaftler des Management Zentrums Witten wollen jetzt wissen, wie tief Deutschland wirklich im Selbstmitleid versunken ist und haben ein Depressionsbarometer fürs Internet entwickelt. []

"Natürlich ersetzt das System nicht den Psychologen oder Psychiater, erklärt der Organisationsberater Prof. Dr. Fritz B. Simon, der für das Barometer verantwortlich zeichnet. "Aber es gibt anhand der Fragen wichtige Anhaltspunkte für eine bessere Selbsteinschätzung und Einschätzung der Gemütslage der Deutschen." Wer auf der Skala mehr als sieben Punkte erreicht (möglich sind 21), dem wird empfohlen, einen Experten aufzusuchen. Ab 11 Punkten könne man sogar von Symptomen für eine "schwere Depression" sprechen, die auf jeden Fall behandelt werden sollte, so Simon.

Die Studienverantwortlichen regen an, dass das Depressionsbarometer als sich täglich aktualisierender Präsenzindikator der Stimmungslage Deutschlands in Zukunft neben dem Geschäftsklimaindex zu den wichtigsten Indikatoren der wirtschaftlichen Entwicklung der Bundesrepublik zählen sollte.

Deutliche Anzeichen für eine depressive Verstimmung oder gar eine krankhafte Depression sind: vermindertes Interesse oder verminderte Freude an fast allen Aktivitäten, Angstgefühle, deutlicher Gewichtsverlust oder -zunahme, Schlaflosigkeit oder vermehrter Schlaf, Müdigkeit oder Energieverlust, das Gefühl des Wertverlustes oder unangemessene Schuldgefühle, verminderte Fähigkeit zu denken oder sich zu konzentrieren oder Entscheidungsunfähigkeit, wiederkehrende Gedanken an das eigene Ende. Wer fünf von ihnen über zwei Wochen nach seiner eigenen Selbstbeobachtung oder der Beobachtung anderer fast täglich zeigt, sollte sich möglichst bald in psychiatrische Behandlung begeben.

Bitte nehmen Sie sich 3 Minuten Zeit und machen Sie mit!

Ausblick

Die mit der Lissabon-Agenda 2000 geprägten Worthülsen rund um das Ziel, die Union zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen - einem Wirtschaftsraum, der fähig ist, ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und einem größeren sozialen Zusammenhalt zu erzielen" (und das alles bis 2010), kollidieren in schöner Regelmäßigkeit mit der Realität.

Das ruft mitunter Bestürzung hervor: Europäischer Forschungsetat in Gefahr - EuCheMS reagiert bestürzt auf Kürzungsvorschläge.

Bei der zunehmend schwerer werdenden Hatz nach neuen Projekten und den damit verbundenen Fördermitteln wird mancherorts verstärkt Wert auf publikumswirksame Präsentationen in der Öffentlichkeit gelegt. Der schon fast zwanghaft anmutende Umstand, wissenschaftliche Ergebnisse immer farbenprächtiger verkaufen zu wollen, treibt jedenfalls bisweilen tolle Blüten. Mehr davon!

http://www.heise.de/tp/artikel/20/20522/1.html
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