Ein ungerichteter Befehl, Anschläge auszuführen?
Die Abu Hafs al-Masri-Brigaden, die allgemein als Trittbrettfahrer gelten, haben den europäischen Ländern wieder einmal ein Ultimatum gestellt
Wer hinter der den Verlautbarungen der Abu Hafs al-Masri-Brigaden wirklich steht, ist nicht bekannt. Die Gruppe hatte sich im Internet für die Anschläge auf das UN-Gebäude in Bagdad, auf die Synagogen in Istanbul (Terrorismus und Medien) sowie auf die Züge in Madrid und London (Verbindungen zwischen den Attentätern in London und Madrid?) als verantwortlich bezeichnet. Man darf aber nicht vergessen, dass sie mit diesen Bekenntnissen, mit denen Aufmerksamkeit und damit auch Einfluss erzeugt werden soll, aber auch in Konkurrenz mit anderen Gruppen lag. Nun haben die Brigaden allen europäischen Ländern ein Ultimatum gestellt, ihre Truppen aus dem Irak zurückzuziehen, sonst müssten sie mit ähnlichen Anschlägen wie die in London rechnen.
Drohungen gehören allerdings zum Geschäft von Terroristen oder von Menschen, die in deren Schatten mitschwimmen wollen, ähnlich wie das Instrumentalisieren von Ängsten zu dem von Sicherheitspolitikern gehört. Bekennerschreiben und Drohungen sind auf jeden Fall Propagandamittel, die in aller Regel, zumindest nach einem Terroranschlag, leicht Eingang in die Medien finden und von diesen verbreitet werden. Sie fungieren gewissermaßen wie ein Wirt, der durch Viren infiziert wird, die zum Überleben und zur Verbreitung auf solche Wirte angewiesen sind.
Die Abu Hafs al-Masri Brigaden sind schon mehrmals aufgrund solcher Botschaften aufgefallen, beispielsweise auch vor den Präsidentschaftswahlen in den USA. Damals wurde dem amerikanischen Volk, das sich mit den Wahlen als verantwortlich für die Politik der US-Regierung zeigt, eine "unerträgliche Hölle" angekündigt. Kurz zuvor hatte Bin Laden in einem Video die Amerikaner gewarnt (Noch ein bin Laden-Video - aber als Computerwurm). Nach den Anschlägen von Madrid hatte bin Laden auf einem Tonband einen "Waffenstillstand" für Europa angekündigt, wenn diese ihre Truppen aus dem Irak und aus Afghanistan abziehen (Al-Qaida bietet Europa Waffenruhe an). Am 15. Juli 2004 war das Ultimatum abgelaufen. Auch gegen Italien und einige andere Länder hatten die Brigaden Drohungen geäußert, Blutbäder anzurichten und ganze Städte zu zerstören. Der orientalische Stil, die stets nach Anschlägen folgenden Bekennerschreiben und Warnungen lassen jedoch vermuten, dass es sich hier weniger um eine wirkliche Terrororganisation handelt, sondern eher um "psychologische Operationen", die aber auf dem Hintergrund von Anschlägen durchaus wirksam sind und für Verunsicherung sorgen.
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Sollten die Anschläge vom 7.7.2005 die Einlösung der Drohungen sein? Die Abu Hafs al-Masri-Brigaden, die hier mit einer anderen Gruppe in Wettstreit um die Urheberschaft stehen (Die Website des Bekennerschreibens), hatten gesagt, dies sie nur der erste der kommenden Anschläge. Die Gruppe stellt sich in die Nähe von al-Qaida, was auch schon der gewählte Name zum Ausdruck bringen soll. Abu Hafs (al-Masri = der Ägypter) wurde der Ägypter Mohammed Atef (Subhi Abu Sitta etc.) genannt, der 2001 möglicherweise zu den ersten Opfern einer bewaffneten US-Drohne geworden ist. Er galt als enger Vertrauter Bin Ladens, den dieser als seinen Nachfolger nominiert haben soll, und als militärischer Anführer von al-Qaida, der bereits hinter den Anschlägen auf die US-Botschaften in Afrika gesteckt haben soll.
Nun also haben die Brigaden am 16. Juli erneut die europäischen Länder in einer "letzten Warnung" aufgefordert, innerhalb eines Monats ihre Truppen aus dem Irak abzuziehen, sonst werde es einen "blutigen Krieg" gegen die Städte geben: "Nach dem 15. August wird es keine Warnungen mehr geben, nur noch Aktionen, die sich in das Herz Europas eingraben. Es wird ein blutiger Krieg im Dienste Gottes sein." Namentlich genannt werden Dänemark, Italien, Großbritannien und Holland. Nach den "lobenswerten" Anschlägen in London habe man das Ultimatum erneuert, um den europäischen Ländern die Chance zu geben, "nicht mehr hinter den USA und den Zionisten herzulaufen, ohne auf das Blut zu achten, das im Land des Islam im Irak, in Afghanistan und in Palästina vergossen wurde und weiterhin vergossen wird."
Botschaften an all die, die sich angesprochen fühlen
Die Frage ist, ob man solche Bekennerschreiben und Warnungen Ernst nehmen will oder sie als Äußerungen von Trittbrettfahrern versteht, die sich wichtig machen wollen (und vielleicht handelt es sich ja nur um Einen, der im Plural spricht). Der ägyptische "Terrorexperte" Diaa Rashwan äußert in Islam Online allerdings eine andere Vermutung, die freilich auch wieder nach Panikmache klingt:
Diese Botschaft ist ein Befehl loszuschlagen, auch wenn dies nicht notwendigerweise bedeutet, dass derjenige, der sie aussendete, gegenwärtig die Möglichkeit besitzt, das zu machen.
Rashwan glaubt, dass die Ausgabe eines solchen ungerichteten Befehls der fehlenden zentralen Organisation des islamistischen Terrorismus entspricht. Für ihn ist eine Aufforderung von Bin Laden an all jene, die sich irgendwie den Zielen und Mitteln von al-Qaida zugeordnet fühlen oder damit sympathisieren. Das lose Netz von Netzwerken und Grüppchen, das sich auf der ganzen Welt verteilt, würde so eher der Struktur von Tauschbörsen ohne zentrale Server gleichen. Vermutlich kann man sich, gleich, ob es sich hier um einen Aufruf handelt oder nicht, die Kommunikation so ähnlich vorstellen, die dann auch ohne Steganografie und ähnliche technische Kniffe auskäme, weil die Botschaft dank des Transports durch die Medien überall ankommt. Jedenfalls ist es eine interessante These:
Wenn Osama Bin Laden eine solche Botschaft sendet, dann sagt er damit lokalen Gruppen, von denen er höchstwahrscheinlich gar nichts weiß, dass sie zu einem Teil al-Qaidas werden, wenn sie solche Angriffe ausführen. Das erfüllt den Lebenstraum von Bin Laden, dazu imstande zu sein, Angriffe auf westliche Länder auszulösen, ohne überhaupt die Täter zu kennen.
Rashwan ist der Überzeugung, dass es die Abu Hafs al-Masri-Brigaden nicht gibt. Die Anschläge, die sie angeblich ausgeführt hat sie wollte auch hinter dem Stromausfall im Nordosten der USA im Jahr 2003 gestanden haben -, wurden, so Rashwan, von irgendwelchen Gruppen ausgeführt, die sich die "Ideologie von al-Qaida" zu eigen gemacht haben und dazu gehören wollen. Die Suche nach den Masterminds und Hintermännern könnte daher in die Irre gehen, weil sie noch immer nach Organisationsstrukturen herkömmlicher hierarchischer Gruppen sucht, die durch die direkte miteinander verknüpften Ebenen der Chefs, Rädelsführer und An- bzw. Verführer und denen des Fußvolks, der Mitläufer oder der Verführten gekennzeichnet sind.
http://www.heise.de/tp/artikel/20/20566/1.html- 300 ft oder 300 m ? (22.7.2005 23:55)
- puzzig (22.7.2005 14:45)
- Aber bitte .. (22.7.2005 1:20)
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