Handy weg, Unanständiges drin?
..oder sicherheitsrelevante Daten, welche die Firma ruinieren können
Dem großen neuzeitlichen Weltumgürter, dem Internet, zum Trotz wissen wir doch nur Weniges über alltägliche Nöte und Ängste der saudi-arabischen Bevölkerung. Außer deren Mitglieder fordern, wie jüngst zwei Universitätsprofessoren und ein Poet, die Einführung einer konstitutionellen Monarchie, was einer Gotteslästerung gleichkommt und mit neun Jahren Haft beantwortet wird - derartige Nachrichten dringen dann dank Internet (und Al-Jazeera) auch in unsere Gefilde; ihr Überraschungsgehalt ist allerdings nicht allzu groß, die Augenbrauen des abgeklärten Lesers der Weltzeitung bleiben auf ihren Plätzen. Anders dagegen bei folgender Meldung.
Ein saudischer Mann fiel in Ohnmacht, nachdem ihm ein junger Mann in einem Geschäft für Telefone das Mobiltelefon gestohlen hatte, berichtete die saudi-arabische Zeitung ArabNews vor wenigen Tagen. Nach Auskunft des Ladenbesitzers hatte der Mann sein Handy kurz auf einen Tisch abgelegt. Innerhalb weniger Sekunden habe dann ein junger Mann, der den Laden soeben betreten hatte, das Kamera-Handy geschnappt und sei weggelaufen. Der Mann, dem das Kamera-Handy gehört hatte, habe daraufhin das Bewusstsein verloren und erst nach mehreren Minuten wieder erlangt.
Die Beliebtheit von Kamerahandys in Saudi-Arabien ist bereits an anderer Stelle (vgl. Der Satan im Taschentelefon) ausführlich erwähnt worden: "Araber im Allgemeinen und die Saudis im Besonderen leben für ihre Mobiltelefone, auf eine Weise, die man in anderen Teilen der Welt nicht verstehen würde", war etwa vom unermüdlichen Berichterstatter aus dem saudi-arabischen Alltag, vom Blogger "The Religious Policeman" (leider aus den ortsüblichen Gründen im Ruhestand), zu erfahren.
Doch der Besitzer des Handys fiel nicht aus Liebe in Ohnmacht, wie früher bei uns die Frauen in Theaterstücken, sondern aus Angst: Er gab an, dass private Familienfotos und Videoclips auf dem Gerät gespeichert seien und er fürchtete, dass diese Bilder via Bluetooth weiter verbreitet werden könnten, ein Missbrauch, der in Saudi-Arabien nicht unüblich ist, wie der Zeitungsbericht anmerkt. Dass Bilder von unverschleierten Lehrerinnen oder weiblichen Hochzeitsgästen beim Tanzen von Telefon zu Telefon weitergegeben werden (und zum Teil im Netz landen) ist dabei noch ein relativ harmloser, im Königreich jedoch schwer wiegender Missbrauch der neuen Techniken. Im letzten Jahr sorgte ein auf Fotokameras kursierender Videoclip, der eine Vergewaltigung zeigte, für einen Skandal in Saudi-Arabien.
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Sorgen, dass sich im verlorenen Handy private Bilder befinden, die in falsche Hände geraten könnten, dürften auch Bewohnern westlicher Länder nicht ganz fremd sein, von einem darauf folgenden Ohnmachtsanfall war aber bislang noch keine Zeitungsmeldung zu lesen. Von Panikattacken schon. Nur aus anderen Gründen.
Die beliebten Sei-immer-bei-mir-Geräte der Geschäftsreisenden im 21.Jahrhundert, Smartphones, BlackBerrys und Handhelds, würden immer mehr vertrauliche Daten enthalten, die bei einem Verlust der Taschengeräte die Besitzer und deren Firmen, in denen sie arbeiten, in arge Verlegenheit bringen können. Die Fähigkeit der Geräte große Mengen an Daten in kleinster Hardware unterzubringen, habe einerseits die Arbeitsweise der Amerikaner verändert, andrerseits aber das Risiko von unerwarteten, großen Sicherheitslücken, "major security breachs", vergrößert, heißt es in einem Bericht der Washington Post.
Schock, Panik und Horror, wenn der Mini-Datenträger mit den persönlichen Telefonnummern von führenden Kongressabgeordneten, Daten von Patienten, Details der Unternehmensstrategie, Hinweise auf Geschäftsabschlüsse, finanzielle Transaktionen und Email-Adressen verloren geht "als ob man einen Arm oder ein Bein verloren hätte". Allein in Chicago werden jährlich 160.000 solcher Taschengeräte in Taxis verloren. Nach einer Untersuchung einer amerikanischen Software-Firma speichern 37% von Smart-Phone-Nutzern vertrauliche Geschäftsdaten auf ihren Geräten; die Ängste, die mit dem Verlust des Geräts verbunden sind, sind der Angst des saudischen Handynutzers nicht unähnlich:
Das ist meine größte Angst, dass es einem in die Hände fällt, der die Informationen weiterverbreitet oder sie gegen meinen Boss benutzt.
Natürlich hat man in den USA längst Mittel ersonnen, dieser Katastrophe vorzubeugen: die Sicherheitsvorschriften der Firmen verlangen mehrere Passwörter auf mehreren Ebenen, automatische Sperren werden installiert; man ist dabei, Techniken weiterzuentwickeln, so genannte "digital neutron bombs", die Informationen aus längerer Distanz vernichten können, was allerdings oft nur dann klappt, wenn das verlorene Gerät eingeschaltet ist.
Auch das saudisch-arabische Diebstahlopfer versuchte, den Schaden aus der Entfernung zu beheben. Zuerst versuchte er es über die Code-Nummer des Herstellers, was aber nicht klappte, da er das Handy auf dem Schwarzmarkt gekauft hatte. Dann versuchte er es mit Viren, die er an sein Handy schickte. Doch auch das funktionierte nicht: Die Viren-Schutzprogramme, die er installiert hatte, waren zu gut.
http://www.heise.de/tp/artikel/20/20603/1.html- Duden: Pizzen (31.7.2005 7:35)
- Nummern im Handy (31.7.2005 7:23)
- Da gibts auch durchaus Kompromisse.. (28.7.2005 16:49)
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