Al Gores Mitmach-Fernsehen

Peter Sennhauser 29.07.2005

Der gescheiterte Präsidentschaftskandidat zettelt in den USA eine Revolution an, am Montag startet sein Jugend-Fernsehen Current TV

Der Mann holt Anlauf, rennt los und springt über die Klippe. Seine Helmkamera zeigt eine Sekunde des freien Falls, dann öffnet sich der Fallschirm. Hackbeile und Messer zerteilen riesige Thunfischkadaver, während eine Frauenstimme die Fischereiarbeiter interviewt. Eine lächerliche Figur in einem wabbeligen Pfannkuchen-Kostüm bestreitet eine Rapshow und ein ironisches Musikvideo. Das ist der Stoff, aus dem die amerikanische TV-Revolution besteht. Davon ist der glücklose Präsidentschaftskandidat Al Gore überzeugt.

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Al Gores Jugendsender Current.tv soll die Revolution ab Montag in einigen US-Kabelnetzen mit 20 Millionen Zuschauern lostreten: "Wir geben der jungen Generation die Möglichkeit, sich im am Fernsehen im gleichen Rahmen auszudrücken wie im Internet."

Die Beiträge über Base-Jumper, den New Yorker Fischmarkt und "DJ Jelly Donut" sind allesamt Amateurproduktionen. Auf der Webseite können junge "Videojournalisten" (VJ) Ideen oder ganze Beiträge hochladen und abstimmen, welche Videos über den Sender gehen sollen. Deren Autoren erhalten eine Entschädigung und werden mit etwas Glück als Jungtalente persönlich präsentiert. Später sollen Online-Kurse den angehenden VJ Tipps und Anleitungen bieten.

Auf der Website vorgestelltes Video: "Hip Hop Pastry"

Einen Viertel seines 24-Stunden-Programms will der Sender aus solchen Publikumsbeiträgen bestreiten. Sie werden in einen ständigen Strom ("Current") marketingegerecht "Pods" genannter Videoschnipsel eingeflochten, die eine Maximallänge von fünf Minuten nicht übersteigen und kunterbunt alle Themenbereiche abdecken sollen, die junge Amerikaner zwischen 18 und 35 Jahren angeblich interessieren: Musik, Mode, Technik, Abenteuer, Satire, Religion, Elternschaft und Weltgeschehen.

Auf der Website vorgestelltes Video: "Tuna Just Works"

Für das Marketing des stilgerecht in San Francisco und nicht etwa in den Entertainment-Metropolen New York oder Los Angeles angesiedelten Senders hat Gore einen mächtigen Verbündeten ins Boot geholt: Internet-Gigant Google bekommt jede halbe Stunde einen Auftritt in Form eines News-Flash. Darin wird nicht etwa das aktuelle Geschehen in der realen, sondern jenes der Cyberwelt behandelt: Die Moderatorinnen reden über die meistbenutzten Google-Suchbegriffe der letzten dreißig Minuten.

Auf der Website vorgestelltes Video: "Jumper"

Gores ständiger Versicherungen zum Trotz, es handle sich um ein kommerzielles Projekt ohne jede Verbindung zu seiner politischen Ausrichtung: Der Anspruch des Senders liegt offensichtlich deutlich über den pausenlosen Reality-, Unfall-, Polizeivideo- und sonstigen Voyeurclips, mit denen die Konkurrenzsender Spike, Bravo oder VH1 die Videospiel-Generation an den Bildschirm zu holen vermag. Entsprechend rasch könnte sich Current das Image des Streber-Senders einhandeln und sein Publikum schrumpfen.

Drei Tage vor Sendestart sind jedenfalls erst 400 Beiträge eingegangen. Und auch obwohl Gore sich bei der Visionierung von deren Qualität begeistert gezeigt haben soll - Anlass zu Stirnrunzeln dürfte zugleich der Hinweis der Current-Profis an ihre Stofflieferanten geben, wonach sie die Einsendungen nicht auf richtige Fakten überprüfen könnten. Zu den rechtlichen Problemen, die sich damit nach der Ausstrahlung ergeben könnten, gesellen sich Fragen der journalistischen Ethik. Schon die Beispiele auf der Website lassen wenig Zweifel an ihren Vorbildern aufkommen. Sie sind intransparent und lassen kaum eine Unterscheidung zwischen Dokumentation und gespielten Szenen zu. Wie die vollkommen zusammenhanglosen Sensations-Schnipsel auf den konventionellen Pop-Sendern.

http://www.heise.de/tp/artikel/20/20619/1.html
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