Dramatischer Rückgang der Artenvielfalt in den Meeren

Florian Rötzer 30.07.2005

Nach einer weltweiten Kartierung der Artenvielfalt ist der Hauptfaktor für den Schwund die Überfischung

Nicht immer sind schleichender Klimawandel oder Umweltverschmutzung die primären Ursachen für schnelle und tiefgreifende Veränderungen der Ökosphäre. Bei den Meeren ist schon lange bekannt, dass der Rückgang der Meerestiere sich vor allem der Fischerei verdankt, die mit immer raffinierteren Mitteln aus kurzfristigen Profitinteressen die letzten Bestände ausräubert.

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Schon jetzt lässt sich feststellen, wie Wissenschaftler behaupten, dass das Fischen in großem Stil einen evolutionären Druck auf die Meerestiere ausübt, bei dem bezweifelbar ist, ob dahinter das "intelligent Design" eines Schöpfergottes steckt, wie dies wohl die Ansichten von Kreationisten sein würde (Und die Erde ist doch eine Scheibe). Weil systematisch die größeren Exemplare abgefischt werden, würden die Fische kleiner und schneller geschlechtsreif (Schnelle Evolution durch menschliche Eingriffe). Auf der anderen Seite scheinen sich Kraken und Tintenfische aufgrund der Überfischung ihrer Feinde sowie durch die Klimaerwärmung geradezu explosionsartig zu vermehren (Im Spiegel der Kopffüßer).

Artendichte in den 50er Jahren. Bild: Science/Worm et al.

Die Wissenschaftler Boris Worm und Ransom Myers von der Dalhousie University, Halifax, sowie Marcel Sandow, Heike K. Lotze und Andreas Oschlies vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften berichten in der aktuellen Ausgabe von Science, dass innerhalb von 50 Jahren die Artenvielfalt in allen Meeren zwischen 10 und 50 Prozent zurück gegangen ist, während der Fischfang in der gleichen Zeit um das Zehnfache zugenommen hat. So ist die Artenvielfalt nach den Berechnungen im Atlantik und im Indischen Ozean um 50 Prozent, im Pazifik um 25 Prozent gesunken.

Den Beleg für diesen dramatischen Rückgang der Artenvielfalt entnahmen die Wissenschaftler einer Analyse der Daten von japanischen, amerikanischen und australischen Fischflotten, die mit Langleinen (bis zu 100 km) fischen. Aufgrund der Auswertung haben sie die erste weltweite Karte der Artenvielfalt der Thun- sowie Speerfische erstellt. Der Rückgang betrifft die Raubfische am stärksten. Boris Worm veranschaulicht das Ergebnis der Studie plastisch so: "Wo man vor 50 Jahren eine Leine ausgelegt und 10 Arten gefangen hat, fängt man heute mit demselben Aufwand noch 5 Arten. Das ist ein Beleg für eine ökologische Katastrophe."

Artendichte in den 90er Jahren. Bild: Science/Worm et al.

Thun- und Speerfische sind ökologisch bedeutsam und die am weitesten verbreiteten sowie wirtschaftlich wichtigsten Raubfischarten. Das Vorkommen dieser beiden Arten ist ein Indikator für die Vielfalt anderer Raubfische, aber auch ganz allgemein für die Vielfalt aller anderen Arten bis hin zu der des Zooplanktons. Die Wissenschaftler haben bei ihrer Kartierung auch fünf große subtropische "hot spots" der Artenvielfalt (Ostküste Floridas, im Süden von Hawaii, in der Nähe des Großen Barriere Riffs, bei Sri Lanka und nördlich der Osterninsel) entdeckt, die man unbedingt schützen müsse, da sie globale Bedeutung für den Erhalt der Vielfalt besitzen. Auch ihre Größe hat in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen. Sie zeichnen sich durch eine Temperatur um die 25 Grad Celsius und eine Sauerstoffkonzentration von 0,2 ml pro Liter in 100 Meter Tiefe aus. Warme Quellen sorgen hier für ein dicht bevölkertes Habitat.

Neben der Überfischung spielen aber neben der Sauerstoffkonzentration vor allem die Temperatur der Meeresoberfläche eine Rolle für die Artenvielfalt. So wirkt sich El Nino auf den Bestand der Fische aus. Erwärmt sich das Meer regional, nimmt die Artenvielfalt etwas zu. Die großen mobilen Raubfische wandern dann ihrer Nahrung hinterher. Diese klimatischen Veränderungen aber seien kurzfristig, wenn es sich nicht um anhaltende Veränderungen handelt. Hauptfaktor für den kontinuierlichen Rückgang der Arten ist aber nach den Wissenschaftlern eindeutig die Überfischung.

http://www.heise.de/tp/artikel/20/20620/1.html
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