Tanz ins Gen-Feld

Brigitte Zarzer 31.07.2005

Ein öffentliche Protestaktion gegen den kommerziellen Anbau von GV-Mais ärgert nicht nur den betroffenen Landwirt, sondern auch die Grünen, für Katherina Reiche (CDU) handelt es sich um "Bioterrorismus"

Die Aktion trägt den martialisch klingenden Namen Gendreck weg. Die Initiatoren sind allerdings keine verqueren Anarchisten. Ein Imkermeister und ein Diplom-Agraringenieur wollen mit einer freiwilligen Feldbefreiung (sic! Gen-Feldzerstörung) vor den Toren Berlins gegen den heuer erstmals kommerziell in Deutschland betriebenen Anbau von gentechnisch verändertem Mais protestieren (Gentechnik-Standortregister). Sie machen das nicht geheim, sondern luden auch die Polizei ein. Obwohl sich bereits einige Hunderte Unterstützer fanden, stößt der Tanz in den Mais bei Bauernvertretern und der SPD auf wenig Gegenliebe. Und auch die Grünen finden die Aktion kontraproduktiv. Sinnloser Aktionismus also oder berechtigter ziviler Ungehorsam?

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Das de facto EU-Moratorium für gentechnisch veränderte Pflanzen (GVOs) ist längst gefallen. Am 18. März 2005 passierte das Gentechnik-Gesetz Teil II den Bundestag. Und obwohl noch etliche Punkte strittig sind, eines ist inzwischen Realität in Deutschland: Zum ersten Mal darf dieses Jahr gentechnisch veränderter Mais auch kommerziell angebaut werden.

Von den ursprünglich dafür angemeldeten 1.100 Hektar werden bislang allerdings insgesamt nur 250 Hektar mit gentechnisch verändertem Mais bestellt an 18 Standorten in Baden-Würtemberg, Bayern, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt.

Nur 250 Hektar? Das sind immer noch 250 Hektar zuviel, meinen der Diplom-Agraringenieur Michael Grolm und der Imker Jürgen Binder. Sie riefen deshalb die Aktion Gendreck weg ins Leben und fanden inzwischen auch etliche prominente Unterstützer, beispielsweise die Trägerin des alternativen Nobelpreises Vandana Shiva oder den französischen Agrar-Rebellen Jose Bove. Insgesamt an die dreihundert Unterstützer haben sich inzwischen gefunden, berichten die Initiatoren.

Nach einer Debatte am Samstag unter anderem mit einem Vertreter des Gentech-Mulits Monsanto soll es am Sonntag 14 Uhr in medias res gehen. Genauer gesagt haben die Aktivisten ein Feld nahe des Naturparks Märkische Schweiz ins Visier genommen. Vor den Toren Berlins hat dort Jörg Piprek auf etwa 50 Hektar gentechnisch veränderten Mais MON 810 von Monsanto gepflanzt. Dass sich ausgerechnet in einem Naturpark GV-Mais wachsen soll, hat die Kritiker besonders aufgebracht. Das Feld soll befreit werden, im Klartext wohl zerstört.

Der Imker Binder hat durchaus handfeste Gründe für sein Handeln. Er fürchtet um seine Existenz:

Wenn Anfang Juni in der Flur sonst fast nichts mehr blüht, suchen die Bienen die Maisfelder auf. Dort sammeln sie zwar keinen Nektar, bedienen sich aber fleißig an dem üppig vorhandenen Pollenangebot. Der Maispollen ist ein begehrter Eiweißspender für den Bienennachwuchs und wird zudem für die Überwinterung im Bienenstock eingelagert. Geraten die Bienen nun an gentechnisch veränderten Mais, so transportieren sie die biologische Verunreinigung nicht nur in die eigene Behausung und damit am Ende auch in ihr Produkt, den Honig. Sie infizieren mit dem an den Hinterbeinen 'zwischengelagerten' Pollen auch die ursprünglich gentechnikfreien Felder. Ein Übriges tut der Wind, der den Pollen bis zu 20 Kilometer weit über das Land trägt. Damit ist ein unerbittliches 'Schneeballsystem' in Gang gesetzt, auf das der Mensch als Verursacher keinen Einfluss mehr hat.

Unrecht hat Binder damit sicher nicht. Die kanadischen Imker können von der Verunreinigung ihres Raps-Honigs durch GV-Raps ein trauriges Lied singen. Selbst die Zeitschrift Öko-Test hat erst kürzlich bei einer Untersuchung GV-Spuren in einem kanadischen Rapshonig gefunden und zwar in einer bekannten Marke, die in vielen deutschen Handelsketten erhältlich ist. Das Naturprodukt Honig bekommt so einen schalen Beigeschmack. Und das ist Binder wie vielen anderen Imkern gar nicht recht. Nahezu die gesamte Imkerschaft in Deutschland ist gegen Gentech-Anbau.

Der Agraringenieur Grolm wiederum hofft, mit diesen Aktionen die Öffentlichkeit aufrütteln und Gentechnik in Deutschland letztlich verhindern zu können:

Wir wollen erreichen, dass die Abkehr von der Gentechnik und notfalls auch die aktive Gegenwehr zum guten Ton gehören.

Landwirt soll entschädigt werden

Die Initiatoren wollen in der "Feldbefreiung" keinen Akt willkürlicher Aggression, sondern wohl durchdachte Öffentlichkeitsarbeit" sehen. Polizei und Presse werden offiziell zur Beobachtung eingeladen. Der betroffene Landwirt wird für seinen Ernteausfall symbolisch entschädigt, betonen die Initiatoren.

Der Bauer hat aber seinerseits inzwischen die Polizei um Hilfe gebeten. Er täte schließlich nichts Illegales und glaubt, dass sich der insektenresistente GV-Mais für ihn rechnen wird, gab er gegenüber der taz an. Inzwischen hat sich auch die Staatsanwaltschaft eingeschalten. Einige Textpassagen mussten unkenntlich gemacht werden. Diverse Bauernvertreter und SPD-Agrarminister Dietmar Woidke sprachen sich ebenfalls gegen die Aktion aus.

Auch grüne Abgeordnete können mit dem Tanz in den Mais (Veranstalter-Titel der Aktion) nicht wirklich etwas anfangen. Eine Zerstörung von Gentech-Feldern sei kontraproduktiv, so Ulrike Höfken, agrar- und verbraucherpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, und die brandenburgische Bundestagsabgeordnete Cornelia Behm. Die Aktion würde lediglich dem politischen Gegner nutzen:

Die kritischen Diskussionen zum Thema Agrogentechnik sind richtig und gut. Die Initiativen und Aktionsgruppen müssen aber Sorge tragen, dass Felder und Einrichtungen nicht zerstört werden. Ein guter Protest wird sonst durch die falschen Mittel diskreditiert. Deswegen lehnen wir nachdrücklich Aktionen ab, die Zerstörungen zur Folge haben und rufen stattdessen zu einer intensiven öffentlichen Diskussion auf. Seit Jahren beschwören CDU/CSU und FDP bei jeder Gelegenheit Feldzerstörungen geradezu herbei, um ihre Geheimhaltungspolitik bei der Standort-Veröffentlichung von Genfeldern besser rechtfertigen zu können. Wer in die schwarz-gelben Fettnäpfchen tritt, erweist besonders dem Ziel eines transparenten Standortregisters einen Bärendienst und handelt klar gesetzeswidrig. Verbesserungen werden so nicht erreicht, sondern behindert. Wir warnen davor, Feldzerstörungen als Anlass zu nehmen, pauschal Gentechnik-Kritiker zu verleumden. Auf Risiken durch die Gentechnik weisen nicht nur Umwelt- und Verbraucherorganisationen, sondern auch renommierte Wissenschaftler hin. Es ist eine Unverschämtheit der CDU diese Menschen und Renate Künast quasi als Wegbereiter für die Zerstörungen von Feldern zu diffamieren.

Doch gerade vor der schleichenden Verbreitung von Gentechnik hatte Renate Künast immer gewarnt. Diese schreitet sicher ohne mediale Aufmerksamkeit besser voran. Und, was immer sich nun am Sonntag in Strausberg-Hohenstein abspielen wird, eines haben die Initiatoren der Aktion jedenfalls bereits mit der bloßen Ankündigung einer beabsichtigten Feldzerstörung erreicht: mediale Aufmerksamkeit.

Die CDU-Abgeordnete Katherina Reiche, forschungspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, hat die "militanten Gentechnikgegner" als "Bioterroristen" bezeichnet. Sie wirft schon ganz im Wahlkampf der Regierung vor, "dass sie immer noch mit Rücksicht auf die Ideologien des grünen Koalitionspartners durch ihr beharrliches Schweigen Duldung signalisiert".

Deutschland muss endlich die Chance ergreifen und in die Zukunftsbranchen einsteigen, damit es in unserem Land wieder aufwärts geht. Weltweit werden schon rund 80 Mio. Hektar gentechnisch gezüchteter Sorten angebaut, ohne dass ein Sicherheitsrisiko oder Schäden aufgetreten wären. Die weltweiten Erfahrungen und auch der im letzten Jahr in Deutschland durchgeführte Erprobungsanbau zeigen, dass ein ungestörtes Nebeneinander von konventionellem, ökologischem und gentechnischem Anbau möglich ist.

Katherina RFeiche

Reiche fordert eine Veränderung des Gentechnikgesetzes, nach dem die Standorte bekannt gegeben werden müssen und die Anbauer für etwaige Schäden haften. Die "behindernden Sonderauflagen", die über die EU-Freisetzungsrichtlinie hinausgehen, sollen wieder aus dem Gesetz entfernt werden.

Die Polizei hat den Protest in Hohenstein inzwischen das Betreten des Feldes verboten. Die Teilnehmer der Veranstaltung müssen mindestens 250 Meter Abstand zum Feld halten, und es darf nicht zu Straftaten aufgerufen werden. Die Initiative "Gendreck weg" will dennoch an ihrem Plan festhalten, das Feld zerstören.

http://www.heise.de/tp/artikel/20/20631/1.html
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