Quo Fahdis, Saudi?
Die Blumen der Mudschahedin III
Was macht ein legendärer König eines legendären Königreiches nach einem legendären Leben? Er stirbt. Aber etwas anders als die Gewöhnlichen und er hinterläßt neben einer Hundertschaft an Nachkommen, zig Milliarden Dollar und eine Trillion Spekulationen.
Der saudische König Fahd ist, wie heute offiziell bekannt gegeben wurde, gestorben. Der Tod des larger than life-Königs ist keine große Überraschung; die vielen Nachrufe, die im Laufe der nächsten Tage veröffentlicht werden, dürften schon länger in Word-Programmen auf ihre letzte Aktualisierung gewartet haben.
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Der saudische König ist dreimal gestorben. 1995 erlitt er einen Schlaganfall, dem er beinahe erlag: sein politischer Tod. Seither führte sein Bruder, der neue König Abdullah, die Regierungsgeschäfte. Bereits letzten Freitag machte eine Meldung des Saudi Institutes in Washington die Runde, wonach der König informierten Quellen in Riad zufolge gestorben sei. Heute dann die offizielle Todesnachricht.
"Best Age"-Herrscher
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Während die Glanz-Glamour-Medienarbeiter in den Archiven nach Bildern und Geschichten aus dem früheren, sagenumwobenen Playboy-und Spielerleben von König Fahd suchen und an legendäre Nächte erinnern, in denen der König eine Million Dollar in Monte Carlo verspielte, und Ferien-Aufenthalte in Marbella, die ihn 5 Millionen am Tag kosteten, eröffnen sich für die politischen Kommentatoren ebenfalls eine Fülle von möglichen Geschichten, die allerdings in der Zukunft des Königreiches liegen.
Denn der Nachfolger von Fahd, Abdullah, zählt mittlerweile auch schon 81 Jahre und dessen Nachfolger, Kronprinz Sultan, ist ebenfalls über 80. Da Abdullah, der als ältester Bruder nach dem gültigen Senioritätsprinzip die Nachfolge des heute verstorbenen Königs antritt, seit einem Jahrzehnt das Land geführt hatte, ist vorderhand keine große politische Änderung in Saudi-Arabien zu erwarten.
Heerscharen an Nachkommen
Zwar gibt es Konflikte zwischen Abdullah und seinen mächtigen Brüdern (vgl. Blumen der Mudschahidin) - alles Söhne des Vorgänger-Königs Abdul-Asis Ibn Saud -, aber die dürften zunächst im inneren Kreis geklärt worden sein. Die rasche Ankündigung des Nachfolgers und des Kronprinzen spricht dafür; problematisch dürfte es aber nach dem Ableben des Kronprinzen Sultan werden. Hier finden die Spekulationen über die Zukunft des Königreichs ihre üppigsten Quellen.
Wer einmal einen Blick in die Heerscharen der Nachfolgerschaft des Hauses Saud geworfen hat, beschwert sich nicht mehr über das unübersichtliche Personal in Tolstois "Krieg und Frieden". Der Vater der derzeit mächtigen Herrscherbrüder zeugte alleine 44 Söhne mit 17 verschiedenen Frauen, seine Söhne haben ebenfalls für unzählige Nachkommen gesorgt. Schätzungen über saudische Prinzen übersteigen die Zehntausend.
Welche Nachkommen hier die mächtigsten sind, ist schwer zu beantworten - und ein guter Anlass für allerhand Spekulationen -, zumal vieles davon abhängt, von welchen Frauen sie abstammen. So sind viele der derzeitigen Minister und Provinzherrscher des Landes Söhne von Abdul-Asis Frau As-Sudairi, weswegen man sie die "Sieben Sudairis" nennt. (Der gegenwärtige König Abdullah ist eine Ausnahme, was schon zu Spekulationen über seinen Reformkurs geführt hat, dem sich manche seiner Halbbrüder widersetzt haben.)
Beziehungen zum "Planet Bin Laden"
Bei aller Unübersichtlichkeit stellt sich jedoch eine klare Frage, welche für die Zukunft des Hauses Saud, die Zukunft des Königreiches, seine Beziehungen zu den Nachbarländern, zum Westen - und für den Ölpreis - von großer Bedeutung sein wird: Welche Stellung wird die zweite, bzw. dritte Generation der saudischen Herrscher zum religiösen Extremismus einnehmen?
Viele westliche Beobachter sehen hier vor allem schwarz. Für John Bradley, ist Saudi-Arabien ein "fruchtbarer Rekrutierungsboden" für Waffen, Geld und Freiwillige für den Dschihad. Nicht nur dass die saudischen Sicherheitskräfte nach seinen Informationen von Al-Qaida-Männern infiltriert seien, es gebe im Land sehr viel Sympathie für die Terrororganisation, erwartungsgemäß im religiösen Establishment der Wahabiten, deren Macht traditionell aufs Engste mit dem Königshaus verbunden ist (verhalf der Gründer doch dem Stamm der Sauds zur Macht), und in der Familie der Sauds selbst.
Dass bislang kein Angehöriger der Herrscherfamilie Ziel eines A-Qaida-Anschlags war, zeigt die komplexe Verbindung zwischen Al-Qaida und dem Königshaus:
Es wurde lange damit argumentiert, dass der Hauptgrund, weshalb kein Prinz angegriffen wurde, darin zu suchen ist, dass das Regime einen Pakt mit al-Qaida in den 90er Jahren geschlossen habe, um sein eigenes Überleben zu sichern. Verhält sich das Regime deswegen blind gegenüber den Saudis, die in den Irak reisen, weil man der zynischen Auffassung ist, dass sie, wenn sie sich in Bagdad in die Luft sprengen, dies schließlich nicht in Riad machen? Die Fakten sprechen dafür, dass nur diejenigen verfolgt und bestraft werden, die gewählt haben, das "Spiel" nicht mitzumachen und in Saudi-Arabien Anschläge verüben.
Den übrigen gehört die Sympathie der herrschenden Kreise, auch der zukünftigen?
Künftige Konkurrenzen und Sympathien
Sobald die zweite Generation, welche jetzt an der Macht ist - wovon keiner unter siebzig ist -, von der dritten abgelöst wird, ist eine Konkurrenzsituation im Lande wahrscheinlich, die sehr destabilisierend sein kann. Hat man bislang darauf geachtet, dass die Verantwortlichkeiten im Haus Saud gut aufgeteilt waren, damit alle Familienzweige zufrieden gestellt waren, so könnte dies unter anderen Machtverhältnissen das Gegenteil bewirken.
Umso mehr als die bewaffneten Kräfte, das Militär, die Sicherheitskräfte des Innenministers und die Nationalgarden, in der Hand rivalisierender Brüder, Sultan, Najef und Abdullah, sind.
Diejenigen, die in den Flügeln warten und am diszipliniertesten und am entschlossensten sind, sowie verzweifelt darauf bedacht, den Ölreichtum zu erhalten und das Prestige, welches von der Hoheit über die zwei heiligsten Schreine der muslimischen Welt kommt - das sind die Anhänger des saudischen Dissidenten Osama Bin Laden.
Dass derzeit einige Spuren der Londoner Bombenattentate auch nach Saudi-Arabien weisen, zeigt, dass die Arbeit für den neuen König Abdullah nicht leicht sein wird, sollte er es ernst meinen mit seinem "War on Terror". Wie eng die Grenzen sind, die sein Reformkurs hat, für den er international gelobt wird, zeigen die drakonischen Strafen, die kürzlich über Regimekritiker verhängt wurden: neun Jahre Haft.
http://www.heise.de/tp/artikel/20/20641/1.html- Re (15.10.2005 19:07)
- Ack... (5.8.2005 9:55)
- interpretierter Schwachsinn (4.8.2005 19:58)
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