Oma mit 30?

Craig Morris 05.08.2005

Das Statistische Bundesamt und die Deutsche Bank zu vertikaler und horizontaler Zeugung

Neben anderen wichtigen Themen wie "Legehennenhaltung und Eiererzeugung" oder "Verkehrsunfälle" befasst sich das Statistische Bundesamt destatis in der Juniausgabe von Wirtschaft und Statistik mit der deutschen Lieblingsbeschäftigung: mit der Vermeidung des Kinderkriegens. Und die Deutsche Bank erklärt im englischsprachigen Newsletter dazu, dass deutsche Frauen vertikal noch mehr Kinder als horizontal haben.

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Letztes Jahr wurden zwei Freundinnen von mir schwanger - das erste Kind mit 38 bzw. 39. "Wie schlägt sich das statistisch nieder?", frage ich mich seitdem.

Klar, jede hat jeweils ein Kind. Aber wenn beide ein Kind mit 20 statt erst mit 40 bekommen hätten, müsste die Statistik eigentlich anders aussehen, denn wenn jede Frau ein Kind mit 20 statt mit 40 kriegt, hat man zwar ein Kind pro Frau, aber doppelt so viele Kinder.

Zum Glück hat destatis meinen schlaflosen Nächten nun ein Ende gemacht. Die "Geburtenziffer" (horizontal) liegt nämlich niedriger als die "Kinderzahl" (vertikal). Erstere spiegelt die Zahl der Geburten in einem Jahr pro zeugungsfähige Frau, letztere die durchschnittliche Zahl der Kinder pro Frau wieder. Anders ausgedrückt: Das späte Kinderkriegen unter den Deutschen war schon immer mit angegeben.

Während also eine deutsche Frau eigentlich ganze 1,6 Kinder bekommt, liegt die Geburtenziffer seit 30 Jahren bei 1,3 bis 1,4, weil deutsche Frauen so spät schwanger werden: 1973 im Schnitt bereits mit 26,8, aber 2003 erst mit 29,6.

Zum Vergleich: Die "Geburtenrate", spiegelt die Zahl der Geburten pro 1.000 Einwohner wieder. Auch wenn Wikipedia diese Geburtenrate als Synonym der Geburtenziffer verstehen will, setzt destatis die Zahl der Frauen im zeugungsfähigen Alter an, nicht die Einwohnerzahl. Deutschland hatte Ende der 1990er 9 Geburten pro 1000 Einwohner, die USA beispielsweise 14.

Vorsprung durch Eisprung

"Die Deutschen muss man bezahlen, damit sie Kinder kriegen?", höre ich immer wieder von erstaunten Amerikanern, denen ich das deutsche Sozialsystem zu erklären versuche. Trotz Kindergelds werden im Jahre 2009 20% der Deutschen über 65 sein. Das schaffen die Amerikaner erst 2036.

Vielleicht liegt es daran, dass die Deutschen zu "grün" sind. Schließlich verträgt die Erde keine mehr von uns. Menschenkinder: eine Plage für die Erde. Ist es überhaupt noch ökologisch vertretbar, Kinder zu bekommen? Ausgerechnet in einem Konsumland Europas oder Nordamerikas? Es gelte, diese Menschheit auszumerzen

Da man die Zahl der Einwanderer vor lauter Deutschtümelei ("kein Einwanderungsland") nicht wesentlich erhöhen kann, müsste man die Geburtenziffer schleunigst erhöhen, um dieses Land vor der Vergreisung zu retten. Für alle, die die Erde nicht für sich selbst, sondern für spätere Generationen von Menschen retten wollen, schlage ich ein Programm vor - frei nach dem US-Südstaaten-Motto: If it's old enough to bleed, it's old enough to breed.

Mit 15 ist man eigentlich, wenn ich mich recht erinnere, überhaupt nicht in der Lage, sich auf das Lernen zu konzentrieren. Warum quälen wir diese von Hormoncocktails durchtränkten Jungerwachsenen überhaupt in der Schule? Wie sagte es einst der Kirchenvater Augustinus, kurz bevor er seine Familie verließ und in die Einöde zog, um Gott und seinen Flöhen näher zu sein (und damit späteren Generation von jungen Priestern als gutes Beispiel zu dienen)? "Gib mir Keuschheit - aber jetzt noch nicht". Immerhin besaß der Jüngling genug Scharfsinn zu erkennen, dass er fürs Abtrünnigwerden noch zu jung und geil war.

Dafür wünscht man sich - daran kann ich mich besser erinnern - die strotzende Kraft eines 15-Jährigen, wenn man mit 30 alle zwei Stunden in der Nacht ein schreiendes Kind auf den Arm nehmen muss.

Trotzdem gilt ein schwangeres Mädchen in der Schule als eine Katastrophe, nicht etwa als die Rettung des Landes. Später als Berufsanfänger oder Student passen Kinder genauso wenig, muss man sich doch erst beweisen. "Es passt nicht, dass ich jetzt ein Kind kriege", hört man allenthalben -- als würden Kinder irgendwann passen. Man verschiebt das Ganze, bis die Natur nicht mehr mitmacht. Dabei lernen Eltern vermutlich mehr von ihren Kindern als umgekehrt.

Ich schlage deshalb vor, die Geburtenkontrolle zu verbieten, bis man mindestens zwei Kinder hat. Die Schule könnte man dann ruhig mit 15 abbrechen, und mit 20 hat man bestimmt sein zweites schon. In dem Alter besitzt man genügend Kraft für diese Aufgabe, genauso wie es die Natur vorgesehen hat. Später - mit 25 vielleicht - kann man die Schule und das Studium zu Ende machen, denn das Älteste wäre bis dahin selbst fast zeugungsfähig, und man wäre so langsam froh, endlich studieren zu dürfen und wüsste auch, was man machen wollte. Bis man seinen Beruf anfängt, ist man eh 30 - und hat bald Enkel.

Wenn man mit 30 nicht nur Kinder, sondern auch Enkel hat, geht man bestimmt anders ans Arbeiten. Schließlich wäre man nicht nur mit 30 noch komplett pleite, sondern man wüsste auch, wofür man arbeitet. Da man so lange ohne Geld ausgekommen wäre, gäbe es eigentlich keinen Grund, warum man jetzt individualistisch sein sollte.

Sicher: Der Mensch vom ersten Mal ist nicht unbedingt der fürs Leben, aber angesichts unaufhörlich steigender Scheidungszahlen ist es der Göttergatte offenbar ebenso wenig. Wenn mein Plan implementiert wird, wird vielleicht vieles nicht besser, aber alles anders.

http://www.heise.de/tp/artikel/20/20663/1.html
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