Sinkende Bruttolöhne und steigende Inkompetenz
Die CDU-Kanzlerkandidatin steckt im Formtief - Deutschlands Presse bei ihrer Wahlkampfberichterstattung offensichtlich auch
Was tun politische Redakteure und Berliner Korrespondenten deutscher Nachrichtenagenturen, Zeitungen, Radio- und Fernsehsender am frühen Sonntagabend? Vermutlich sehen sie nicht das ARD-Politmagazin Bericht aus Berlin. Anders ist es wohl kaum zu erklären, dass der peinliche Patzer von Angela Merkel in der Frage der Lohnzusatzkosten tagelang unkommentiert im Raum stehen blieb. Die CDU-Kanzlerkandidatin hatte am 31. Juli im Interview mit Thomas Roth und Thomas Baumann wörtlich erklärt, dass die Bruttolöhne um ein Prozent sinken, wenn wir die Lohnzusatzkosten senken.
Merkel hatte in dem Interview entweder brutto und netto schlichtweg verwechselt, was ein peinlicher Fauxpas wäre - oder sie weiß es nicht besser, was auf mangelnde Kompetenz schließen lässt. Für die zweite Annahme spricht, dass die Kanzlerkandidatin diese Äußerung inhaltlich gleichlautend in einem Interview mit der Zeitschrift Bunte wiederholte, das in der Ausgabe vom 4. August veröffentlicht wurde. Doch weder die ARD-Politikexperten Roth und Baumann, noch Bunte-Chefredakteurin Patricia Riekel, die das Merkel-Interview höchstpersönlich geführt hatte, bemerkten den Blödsinn, zumindest fragten sie nicht nach.
Und auch die anderen politischen Berichterstatter der Republik schwiegen über Tage. Erstmals am Mittwoch (3. August) tauchten Meldungen und Berichte wie Merkel in der Brutto-Netto-Falle (Handelsblatt) oder Merkels Fauxpas mit Brutto und Netto (Frankfurter Allgemeine Zeitung) auf. In Anspielung auf vergleichbare Patzer des ehemaligen SPD-Kanzlerkandidaten Rudolf Scharping im Bundestagswahlkampf von 1994 überschrieb die Süddeutsche Zeitung ihren vorab am 2. August im Internet veröffentlichten Bericht mit Angela Scharping. Ganz auf das Internet beschränkte bislang die ARD ihre Pannenberichterstattung. Bei Tagesschau.de erschien am 3. August ein Hintergrundbeitrag unter der Überschrift Merkels Versprecher. Für die ARD-Fernsehredakteure, in deren Programm die falsche Aussage schließlich gesendet wurde, war der Patzer der wahrscheinlich künftigen Kanzlerin bislang kein Thema.
Vermutlich wäre Angela Merkel die öffentliche Brutto-Netto-Blamage ganz erspart geblieben, wenn die PR-Strategen in der eigenen Partei nicht versucht hätten, die Falschaussage ihrer Kandidatin durch Manipulation zu vertuschen. Die hatten auf der offiziellen CDU-Internetseite das Sommerinterview angeblich im Wortlaut veröffentlicht, jedoch die entscheidende Passage verändert. Dort hieß es zeitweise, dass die Bruttolöhne durch Absenken der Lohnnebenkosten um einen Prozent steigen und nicht sinken würden. Wieder falsch - die Nettolöhne steigen um einen Prozent. Es dauerte einen Tag bis dieser Irrtum bemerkt - und die Aussage auf der CDU-Seite erneut manipuliert wurde. Inzwischen hat man das Interview komplett aus dem CDU-Wahlportal entfernt.
Diese Tollpatschigkeiten werden von der Presse inzwischen mit viel Häme begleitet. Dabei hätten manche politische Redakteure auch guten Grund, die eigenen Fehlleistungen in der Wahlkampfberichterstattung zu reflektieren. Bereits die Ankündigung von Neuwahlen durch Gerhard Schröder nach dem Debakel der SPD bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen am Abend des 22. Mai hatte die meisten Redaktionen auf dem falschen Fuß erwischt. War das wirklich ein Coup des Kanzlers, mit dem niemand rechnen konnte angesichts jahrelanger Konjunkturflaute, Rekordarbeitslosigkeit und Stimmungstief in der Bevölkerung? Für Deutschlands politische Berichterstatter offenbar ja. Während ausländische Medien das Szenario bereits einkalkuliert hatten, war die Ankündigung Schröders beispielsweise für die renommierte Frankfurter Allgemeine Zeitung die Überraschung. Ähnlich auch der Tenor nahezu aller Kommentatoren in den großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen sowie in den politisch einflussreichen Fernsehsendungen.
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Als am 30. Mai CDU und CSU Angela Merkel offiziell zur Kanzlerkandidatin kürten, waren erstaunliche Viten über die vermeintlich künftig erste Kanzlerin der Bundesrepublik zu lesen. Sie taucht Ende 1990 praktisch aus dem Nichts in der Bundespolitik auf, verbreitete zum Beispiel die Nachrichtenagentur AP. In einigen Beiträgen wurde noch erwähnt, dass Merkel stellvertretende Sprecherin der letzten DDR-Regierung unter Lothar de Maizière war. Über ihren politischen Karrierestart im Frühjahr 1990 als Pressesprecherin von Wolfgang Schnur, dem Vorsitzenden der Bürgerrechtsbewegung Demokratischer Aufbruch und enttarnten Stasispitzel, berichtete allerdings niemand. Die Position hatte Merkel als persönlichen Auftrag von Schnur erlangt, der nicht auf einen Vorstandsbeschluss zurückging, wie in der gerade erschienen Angela Merkel-Biografie von Gerd Langguth nachzulesen ist.
Auch in der aktuellen Diskussion um Angela Merkels Brutto-Netto-Pannen beweisen gestandene Journalisten durchaus nicht immer hohen Sachverstand. In seinem wöchentlichen Zwischenruf aus Berlin hielt der stellvertretende Chefredakteur des Stern, Hans-Ulrich Jörges, der Kanzlerkandidatin vor Sie ist unfähig zu erklären, was sie will. Ähnlich erging es wohl dem sonst souverän argumentierenden Journalisten, als er am Donnerstag (4. August) im ZDF-Morgenmagazin Merkels Irrtum aufklären wollte. Jörges faselte von steigenden Bruttolöhnen, bis er schließlich entnervt mit den Worten jetzt komme ich schon selbst durcheinander aufgab.
Kaum kompetenter war auch der Erklärungsversuch in der Süddeutschen Zeitung (4. August) für die Begriffe brutto und netto: womit eine Gesamtsumme vor beziehungsweise nach Abzug der Unkosten gemeint ist. Blödsinn. Die Redakteure hätten zuvor besser den Rat von Kollegen aus Buchhaltung oder Controlling einholen sollen. Ihnen wäre vermutlich erklärt worden, dass es den Begriff Unkosten betriebswirtschaftlich überhaupt nicht gibt - und wenn, wären damit keine Kosten gemeint.
Prof. Horst Müller MBA ist Inhaber des Lehrstuhls für Redaktionspraxis an der Hochschule Mittweida (FH), Fachbereich Medien
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