Aufstieg und Grenzen der "Kommunikationsguerilla"

Peter Nowak 06.08.2005

Eine Ausstellung in Berlin über die "Semiotik des Widerstands"

Was gibt der deutschen Jugend Kraft Apfelsaft, Apfelsaft." Mit dieser Parole haben im letzten Jahr in Leipzig Antifaschisten unter dem Namen Front deutscher Äpfel gegen einen NPD-Aufmarsch protestiert. Sie karikierten damit den sächsischen NPD-Kader Holger Apfel, sorgten allerdings auch in den eigenen Reihen für Fragen. Schließlich trugen sie Armbinden, die bei genauerem Hinsehen einen Apfel zeigten, von Ferne aber auch für ein rechtes Symbol gehalten werden konnten.

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Die Verwirrung war beabsichtigt. Schließlich wollte die Apfelfront zum kreativen Straßenprotest beitragen, der sich nicht in Nazi-Raus-Rufen erschöpft. Deshalb ist ein Video der Aktion auch in der Ausstellung THE ABC - Macht und Kommunikation: Zur Semiotik des Widerstandes in der Berliner Neurotitan-Galerie zu sehen.

Logo der von rebel:art organisierten Ausstellung

Trotz des hochtrabenden Titels kommt die Ausstellung seltsam untheoretisch daher. Die Theorien der Kommunikationsguerilla werden im Internet unter The ABC nachgeliefert. Die Ausstellung hat etwas Unfertiges. Man hat den Eindruck, ein Convergence-Center zu betreten, in denen vor Großdemonstration gebastelt und gewerkelt wird. Manchmal hat man auch den Eindruck, hier habe gerade eine gesellige Trinkerrunde den Platz verlassen, wenn man Bierflaschen und -kisten um einen Fernsehapparat herum drapiert sieht. Doch auch hierbei handelt es sich um eine der 26 Installationen, die Beispiele der breit gefächerten Kommunikationsguerilla darstellen sollen.

Manche Arbeiten erscheinen banal. So kann man auf einem Video in einer Endlosschleife beobachten, wie Aufkleber mit mehr oder weniger verständlichen Botschaften auf Laternenpfähle geklebt werden. Daneben findet sich gleich ein Stapel Aufkleber zum Ausprobieren. Manche haben sich gleich der Galerie betätigt und die Heizungsrohre und den Papierkorb mit Aufklebern gespickt. Kunst, Politik oder eher Langeweile?

Eine Frage, die man sich bei der Ausstellung häufiger stellt. So wird die Kampagne Google will eat itself auf Pappen so konfus dargestellt, dass wohl kaum jemand wirklich durchblickt, wenn er nicht schon vorher informiert ist. So hat die sympathische Amateurhaftigkeit der Ausstellung den Nachteil, dass sie wohl nur die Insider erreicht.

Dabei ist der kreative Straßenprotest ist mittlerweile ein Massenphänomen, das droht, gelegentlich in der Eventkultur unterzugehen. Das ist das Fazit des kürzlich erschienenen Buches go.stop.act Die Kunst des kreativen Straßenprotests des Tübinger Künstlers und Diplompsychologen Marc Amanns. Der Herausgeber ist selber erklärter Anhänger der Kommunikationsguerilla und will mit seinem grafisch lesefreundlich gestalteten, mit vielen Linksammlungen und Lesehinweisen gespickten Buch zu deren Verbreitung und Popularisierung beitragen. Aber er ist bei aller Sympathie nicht blind für die Grenzen des kreativen Straßenprotestes. Auch der hat seine Verfallszeit und kann genau zu der Langeweile beitragen, die man den traditionellen Protestformen vorwirft.

Im Buch finden sich viele Beispiele. So galt die Aktion Reclaim The Street um 2000 als Highlight der Protestkultur. Schließlich scheint es einfach gute Laune zu verbreiten, wenn ein Soundsystem auf einem belebten Ort aufgestellt und somit eine Temporäre Autonome Zone geschaffen wird. Trotzdem ist die Protestform in der letzten Zeit in der Krise. Amann zählt zu den Gründen auch die Etablierung: "Das subkulturelle Umfeld der Party-Szene hat sich wieder in Nischen und legalisierten Clubs eingerichtet. Einen ähnlich kurzen Hype gab es bei der Aktionsform Critical Mass, wo sich Menschen spontan im dichtesten Straßenverkehr zum gemeinsamen Fahrradfahren versammelten und damit den Automobilverkehr Grenzen setzten. Nach anfänglicher Euphorie ist es wieder ruhig um die Aktionsform geworden. Bleibt davon ein wöchentliches genehmigtes Skatertreffen übrig, könnte man fragen?

Auch die Aktionsform Flashmob wird in dem Buch behandelt, obwohl die Aktivisten in der Regel keinerlei politische Absichten verfolgen, wenn sie Menschen per SMS an einen bestimmten Ort zu einer bestimmten Handlung motivieren wollten. 2003 als neuer Hype gefeiert, hat sich die Begeisterung schnell wieder erschöpft. Eindeutig politisch ist die Straßenmusik. Doch auch diese Szene hat sich schon lange ausdifferenziert. Waren Straßenmusiker anfangs oft ein Ärgernis für die Geschäftswelt und wurden polizeilich vertrieben, so werden sie heute schon mal als Werbeträger eingesetzt.

http://www.heise.de/tp/artikel/20/20676/1.html
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