Probleme beim alltäglichen Einsatz

23.08.2005

Enigma-Zeitzeugen berichten - Teil 2

Der zweite Artikel dieser Reihe berichtet über die Erinnerungen von Armin Born, der als Funker im Zweiten Weltkrieg mehrere Jahre lang mit einer Enigma-Verschlüsselungsmaschine arbeitete. Natürlich ahnte der heute 84-Jährige seinerzeit nicht, dass er mit einem interessanten Stück Technikgeschichte zu tun hatte, das heute noch eine große Faszination ausübt.

Die Enigma ist die bekannteste Verschlüsselungsmaschine aus der Ära vor dem Computer. Sie kam im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz. Quelle: Crypto AG

Wie schon im ersten Artikel aus dieser Reihe berichtet ("Eine Ansammlung von spinnerten oder genialen Individuen"), stößt die Verschlüsselungsmaschine Enigma, die von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde, seit einigen Jahren wieder auf ein großes Interesse (Enigma-Simulation in Java: http://w3l.de/enigma/). 60 Jahre nach Kriegsende ist es jedoch alles andere als einfach, Zeitzeugen zu finden, die die Enigma noch im praktischen Einsatz erlebt haben. Durch einen Aufruf in seinem Buch „Die Welt der geheimen Zeichen“[1], in dem es um die Geschichte der Verschlüsselung geht, kam der Autor dieses Artikels jedoch mit insgesamt drei Personen in Kontakt, die noch über Enigma-Erlebnisse aus dem Zweiten Weltkrieg berichten konnten.

Armin Born wurde als Sohn eines Lehrers 1921 in Plettenberg geboren und wuchs dort auch auf. 1940, ein halbes Jahr nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, hatte Born im nahe gelegenen Altena gerade sein Abitur absolviert, als er zum Militärdienst eingezogen wurde. Dort kam der damals 18-Jährige zur Luftwaffe, wo er zum Funker ausgebildet wurde. Zunächst erhielt er eine mehrmonatige Ausbildung in einer Funkkompanie in Berlin, anschließend ging es für etwa sechs Wochen auf eine Nachrichtenschule. Während seiner Ausbildung kam Born zum ersten Mal mit einer Enigma in Kontakt. Vom großen Einfluss, die diese Maschine auf den Kriegsverlauf nahm, ahnte er natürlich nichts, weshalb er ihr auch keine große Beachtung schenkte.

Armin Born arbeitete im Zweiten Weltkrieg als Funker. Der Umgang mit der Enigma war für ihn eine Routinetätigkeit. Quelle: Born

Vom Dezember 1940 an arbeitete Born als Funker für das Luftnachrichten-Versuchs-Regiment in Köthen (im heutigen Sachsen-Anhalt). Im Mai 1941 wurde er von der Köthener Zentrale in die Nähe von Paris geschickt, wo eine neu gegründete Abteilung Versuche mit drahtgebundener Nachrichtentechnik durchführte. Born war jedoch nicht in diese Experimente involviert, sondern gehörte zu den etwa fünf Funkern, die für den Nachrichtenaustausch mit den Kollegen in Köthen zuständig waren. Alle Funksprüche wurden per Morsezeichen übermittelt und grundsätzlich verschlüsselt. Zur Verschlüsselung wurde eine Enigma verwendet, die nun zu einem alltäglichen, wenn auch kaum beachteten Arbeitsgerät für Armin Born wurde. Den Namen „Enigma“ kannte Born übrigens nur, weil die von ihm und seinen Kollegen verwendeten Exemplare ein entsprechendes Typenschild trugen. Im Sprachgebrauch der Soldaten hieß das Gerät schlicht „Schlüsselmaschine“.

In Borns Funkstelle wurde nur mit einem Enigma-Exemplar gearbeitet, da das Nachrichtenaufkommen vergleichsweise gering war. Es wurde auch nur bei Tage gefunkt. Wie die meisten im Zweiten Weltkrieg eingesetzten Enigma-Typen arbeitete auch das von Born benutzte Exemplare mit drei Rotoren und einem Steckerbrett. Der Schlüssel, der jeden Tag neu eingestellt werden musste, bestand aus drei Teilen:

die Auswahl und Reihenfolge der Rotoren (es standen fünf zur Verfügung, drei wurden eingesetzt)

die Ringstellung (die Buchstaben auf einem Rotor konnten gegenüber der Verdrahtung verdreht werden)

die Steckerkombination auf dem Steckerbrett

Die Anfangsstellung der Rotoren gehörte interessanterweise nicht zum vorgegebenen Schlüssel, sondern wurde stets vom Bediener selbst gewählt. Eine solche Vorgehensweise wird auch von Wolfgang Gruhle bestätigt, der im ersten Artikel dieser Serie zu Wort kam. Interessant ist dies deshalb, weil in der Literatur eine Rotoranfangsstellung meist als Bestandteil des Schlüssels genannt wird. Bei genauer Betrachtung macht der Verzicht darauf jedoch Sinn, denn bei einer unbekannten Ringstellung liefert eine bekannte Stellung der Rotoren dem Dechiffrierer keinerlei Vorteile.

Auch in einer anderen Hinsicht stimmen die Berichte von Gruhle und Born überein: Beide verwendeten ihrer Erinnerung nach bei den selbstgewählten Rotorenstellungen keine einfach zu erratenden Kombinationen wie AAA oder ABC, obwohl eine solche Praxis in der Literatur immer wieder erwähnt wird. Armin Born liefert einen einleuchtenden Grund dafür:

Wenn wir eine neue, zufällige Rotorenstellung wählen sollten, bewegten wir die Walzen mit der Hand ein paar Mal hin und her, ohne auf die Buchstaben zu achten. Bewusst eine bestimmte Buchstaben-Kombination herbeizuführen wäre uns daher gar nicht in den Sinn gekommen.

Der dreiteilige Schlüssel wurde täglich geändert. Beim Verschicken einer Nachricht stellte der Funker dem verschlüsselten Spruch zunächst zwei Zufallsbuchstaben voran, dann kamen die drei Buchstaben, die die Rotorenanfangsstellung markierten. Danach wurde die verschlüsselte Nachricht in Fünfergruppen übertragen. Das Schlüsselmaterial erhielten die Funker täglich ausgehändigt, am Wochenende teilweise auch für zwei Tage. Dass britische Spezialisten seine Funksprüche möglicherweise entschlüsseln konnten, erfuhr Born erst Jahrzehnte später. Größere Kopfschmerzen bereitete ihm das nicht: „Die von uns verschickten Nachrichten hatten sowieso keinen besonderen taktischen Wert.“

Während sich Born und seine Kollegen verständlicherweise wenig um die historische Dimension der Enigma kümmerten, bereitete ihnen deren alltäglicher Einsatz mitunter durchaus Kopfzerbrechen. Die von ihnen verwendete Maschine erwies sich nämlich als recht unzuverlässig, insbesondere, weil die elektrischen Kontakte immer wieder ihren Dienst versagten. Da den Funkern aus Sicherheitsgründen Reparaturen verboten waren, musste die Maschine öfters in die Funkwerkstatt geliefert werden. Für solche Fälle stand ein zweites Gerät als Reserve zur Verfügung.

Um den Ausfall einer Buchstabenlampe auch ohne Reparatur zu überbücken, verwendeten Born und seine Kollegen einen Trick. Wenn beim Drücken eines Buchstabens keine Lampe aufleuchtete, dann hielt der Bediener die Taste erst einmal gedrückt, da sich beim Drücken eines weiteren Buchstabens sonst die Rotoren bewegt hätten. Währenddessen probierte er alle anderen Tasten durch, bis die zur gedrückten gehörende Lampe aufleuchtete. Da bei einer Enigma die Ver- und Entschlüsselung stets äquivalent waren, entsprach der am Ende gedrückte Buchstabe dem gesuchten.

Doch auch bei einer korrekt arbeitenden Enigma gab es ab und zu Probleme. Da die Enigma keine Leerzeichen-Taste hatte, musste sich der Empfänger nach dem Entschlüsseln erst einmal überlegen, an welchen Stellen die Wortzwischenräume einzufügen waren. Dies konnte vor allem dann ein schwieriges Unterfangen werden, wenn sich falsche Buchstaben in die Nachricht geschlichen hatten. Um dieses Problem zu lösen, konnte der Funker auf Empfängerseite den Sender um die erneute Zusendung einer bestimmten Fünfergruppe bitten, wobei zur Aufforderung ausnahmsweise Klartext verwendet wurde. Außerdem fügte der Sender manchmal am Satzende oder zur Abgrenzung von Eigennamen den Buchstaben X ein (es war allerdings unüblich, jeden Wortzwischenraum mit einem X auszufüllen, obwohl derartige Vorgehensweisen aus der damaligen Zeit bekannt sind).

Dieses „Einixen“, wie das Einfügen von X-Zeichen genannt wurde, führte einmal zu einer lustigen Gegebenheit: Ein Soldat in Köthen forderte in Frankreich eine Sache an, die die Funker mit PATHEX entschlüsselten. Bis heute weiß Born nicht, ob damit die ihm bekannte Firma Pathé oder eine ihm nicht bekannte Bezeichnung namens „Pathex“ gemeint war. Auch 60 Jahre später ließ sich die Frage nicht mehr klären: Eine Internet-Recherche ergab kurioserweise, das es ein Filmformat gab, das sowohl Pathé als auch Pathex genannt wurde

Erinnerungen an den D-Day

Mitte 1943 wurde Born im Zuge einer Personalreduktion beim Luftnachrichten-Versuchs-Regiment zurück nach Deutschland beordert, wo er zunächst zum Ersatztruppenteil in Augsburg geschickt wurde. Dort erhielt er die Aufgabe, Mitglieder der so genannten Nachrichten-HJ zu schulen. Die Nachrichten-HJ war eine Teilorganisation der Hitlerjugend (HJ), die sich mit nachrichtentechnischen Belangen (z. B. Funk) beschäftigte. Die Arbeit in der NS-Jugendorganisation sagte Born jedoch nicht zu, zumal er schnell Differenzen zu seinen Vorgesetzten entwickelte. So war er nicht unglücklich, als er im Januar 1944 wieder zurück nach Frankreich versetzt wurde.

Seine nächste Dienststelle war eine Funkstube im nordfranzösischen Amiens unweit der Küste zum Ärmelkanal. Seine Aufgabe bestand nun darin, den Funkkontakt zu zahlreichen kleineren Abteilungen an der Kanalküste zu halten, wobei wiederum alle Sprüche mit der Enigma verschlüsselt wurden. Erneut war nur ein Exemplar im Einsatz, für das wiederum ein Ersatzgerät für durchaus vorkommende Ausfälle zur Verfügung stand.

Eingestellte Rotoren der Enigma

Während seiner Zeit in Amiens hatte Born eine kurze Begegnung mit einer anderen Verschlüsselungsmaschine. Ein Kamerad zeigte ihm stolz ein Gerät, das zur Verschlüsselung von Fernschreiben diente und einen ganzen Schreibtisch ausfüllte. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelte es sich dabei um ein Exemplar des Siemens & Halske Schlüsselfernschreibers T-52, der heute meist als „Geheimschreiber“ bezeichnet wird. Der Geheimschreiber war nach der Enigma das zweitwichtigste deutsche Verschlüsselungsgerät im Zweiten Weltkrieg, wurde jedoch nur etwa 600 bis 1.200 Mal hergestellt (von der Enigma wurden dagegen geschätzte 40.000 Exemplare bis Kriegsende produziert). Leider hat Armin Born keine weiteren Erinnerungen an dieses technisch wie historisch ausgesprochen interessantes Verschlüsselungsgerät.

Während Armin Born in Amiens seinen Dienst tat, bahnte sich in Nordfrankreich eines der wichtigsten Ereignisse des Zweiten Weltkriegs an: die Landung der Alliierten auf dem europäischen Kontinent. Bekanntermaßen nahm die lange zuvor erwartete Invasion am 6. Juni 1944, dem so genannten D-Day, in der Normandie ihren Anfang – nur etwa 200 Kilometer von Amiens entfernt. Entlang der Kanalküste hatte angesichts der angespannten Lage schon vorher erhöhte Alarmbereitschaft geherrscht, zumal die deutsche Militärführung den genauen Ort der Landung nicht kannte. Um den Standort der Abteilungen an der Kanalküste nicht zu verraten, herrschte in Borns Funkbüro fast völlige Funkstille.

Die Lage in Amiens erwies sich jedoch als Ruhe vor dem Sturm, denn nach der geglückten Landung der Alliierten stieg der Funkverkehr stark an. Als sich die US-Armee Amiens immer mehr näherte, trat Borns Einheit schließlich den Rückzug an. Über Belgien und die Niederlande ging es in die Nähe von Siegen, wo sich die Einheit im Herbst 1944 niederließ und die mitgeführte Funktechnik aufbaute. Bei dieser Gelegenheit bekamen Born und seine Kollegen einige so genannte Nachrichtenhelferinnen zugeteilt, die beim Funkverkehr Unterstützung leisten sollten. Da die Frauen zwar eine Ausbildung im Umgang mit der Funktechnik erhalten hatten, ihnen jedoch noch die Erfahrung fehlte, erhielten diese hauptsächlich die Aufgabe, Nachrichten mit der Enigma zu ver- und zu entschlüsseln. Nach Kenntnis des Autors ist dies der einzige bisher dokumentierte Fall, in dem die Bedienung einer Enigma durch Frauen erfolgte.

In Siegen blieb die Einheit von Born bis zum März 1945. Danach ging es auf der Flucht vor den Amerikanern weiter in Richtung Norden. Die stationäre Funktechnik ließen die Soldaten nun zurück, lediglich einen Funkwagen inklusive einer Enigma nahmen sie mit. Schließlich wurden Born und seine Kameraden von den US-Truppen bei Eutin in Schleswig-Holstein gestellt und gefangen genommen. Am Tag vor der Gefangennahme übergossen die Funker den Vorschriften gemäß die Enigma-Schlüsselunterlagen mit Benzin und verbrannten sie. Born kann sich nicht mehr daran erinnern, was genau mit der mitgeführten Enigma passierte. In jedem Fall machte sie ein Kamerad unbrauchbar. Möglicherweise warf dieser sie anschließend in den Sumpf.

Armin Born ist heute 84 und lebt mit seiner Frau in Plettenberg. Quelle: Schmeh

Im September 1945 wurde Born aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Er studierte anschließend, ergriff den Lehrerberuf und wurde später Leiter einer Grundschule in Plettenberg. Mit Verschlüsselung hatte er nach dem Krieg nichts mehr zu tun, mit dem Funken dagegen schon. 1957 bestand er seine Amateurfunkprüfung und blieb diesem Hobby bis heute treu. Darüber hinaus fand er in der Naturkunde und den Gesteinen seiner Heimat eine Freizeitbeschäftigung, um die er sich seit seiner Pensionierung im Jahr 1984 verstärkt kümmern kann. Heute lebt er 84-jährig mit seiner Frau in Plettenberg, wo er sich ab und zu mit dem ebenfalls in dieser Serie beschriebenen Gisbert Hasenjaeger trifft. Die Enigma ist dabei allerdings nur ein untergeordnetes Gesprächsthema.

Klaus Schmeh arbeitet als Produktmanager für die cv cryptovision gmbh in Gelsenkirchen und ist Autor des Buchs „Die Welt der geheimen Zeichen - Die faszinierende Geschichte der Verschlüsselung“. In Telepolis veröffentlichte er: Hitlers letzte Maschinen und Als deutscher Code-Knacker im Zweiten Weltkrieg.

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