NATO-AWACS für den Papst

Jörg Kronauer 14.08.2005

Papst-Besuch ermöglicht Probe für "Heimatschutz" in großem Stil und soll als Ausgang der Neuevangelisierung dienen

Der Papst kommt, und mit ihm kommt der Ausnahmezustand. Brückensperrungen, Sicherheitsschleusen, Flugverbote, aufgestockte Blutkonserven, AWACS im Einsatz, erhöhte Alarmbereitschaft bei der GSG 9: Die Sicherheitsmaßnahmen, die für den Weltjugendtag und den Papstbesuch in Köln angekündigt werden, nehmen gewaltige Ausmaße an. Das katholische Großereignis ermöglicht die Probe von "Heimatschutz"-Aktivitäten auf US-Niveau, dient aber vor allem der "Neuevangelisierung" Deutschlands und Europas. Ihr wird seit dem Pontifikat Johannes Paul II. in der katholischen Hierarchie ein besonderer Stellenwert eingeräumt. Ultrakonservative Kräfte haben dabei die Initiative inne.

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Bis zu 800.000 Menschen zwischen 16 und 30 Jahren werden im Laufe dieser Woche zum Weltjugendtag in Köln erwartet. Von Dienstag bis Sonntag dauert die katholische Großveranstaltung an, am Donnerstag wird Papst Benedikt XVI. seine erste Auslandsreise antreten und vier Tage in der rheinischen Metropole verbringen. Eine Willkommensfeier, eine Nachtwache und die Abschlussmesse will Joseph Ratzinger gemeinsam mit den jugendlichen Massen abhalten, bevor er am Sonntag abend Deutschland wieder verlässt. Den katholischen Glauben in der jungen Generation zu stärken, das ist das Ziel, auf das es der Vatikan abgesehen hat.

Neuevangelisierung

Zu diesem Zweck hatte Johannes Paul II. bereits 1986 den Weltjugendtag ins Leben gerufen. In den "Gebieten der alten Christenheit", in Europa, sei eine "Neuevangelisierung notwendig geworden", verkündete er 1990 - unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus - in seiner Enzyklika Redemptoris Missio. Der Einfluss, den der Vatikan durch Aufklärung und realsozialistische Experimente verloren hat, soll wieder gewonnen werden, die "Neuevangelisierung" ist das katholische Schlagwort dafür. Besonderes Augenmerk legen die kirchlichen Hierarchien, deren Strategien auf Jahrzehnte hin konzipiert sind, dabei auf die Jugend.

"Sehen Sie sich diese Eltern an!", schimpfte etwa jüngst der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner, der Gastgeber des Weltjugendtages, im Interview mit Spiegel Online. "Viele gehören noch zu den 68ern. Das sind metaphysische Asylanten, Obdachlose. Die wissen nicht, wo sie hingehören." Meisner ist ärgerlich: "[W]eil Eltern und Lehrer die Jugend nicht mehr an die Quellen des Lebens führen, kommt es zu Ersatzhandlungen wie etwa zum Griff nach Kondomen und der Pille." Zugleich hofft er auf missionarische Erfolge: "Viele junge Menschen machen das nicht mehr mit."

Die "Neuevangelisierung" spielt auch bei Benedikt XVI. eine wichtige Rolle, sie spiegelt sich bei ihm sogar im Papstnamen wider. Der Heilige Benedikt gilt in der katholischen Lehre als "Patron Europas", dem auf ihn zurückgehenden Benediktinerorden wird eine entscheidende Rolle bei der Christianisierung des Kontinents zugeschrieben. In Benediktinerklöstern wurde auch der Heilige Bonifatius erzogen, der "Apostel der Deutschen", der hierzulande erfolgreich missionierte und nun offiziell zu einem der "Patrone" des Weltjugendtages ernannt wurde. Dieses Patronat ist alles andere als ein Zufall: Die "Neuevangelisierung" soll nach dem Vorbild der Bonifatius-Mission insbesondere Deutschland erfassen, das Land, dem auch der neue Papst entstammt.

"Positivruck"

Kardinal Meisner bestätigte dies kürzlich gegenüber der Nachrichtenagentur ddp. "Papst Johannes Paul II. hat sehr bewusst entschieden, dass der XX. Weltjugendtag in Deutschland stattfindet", erklärte er. "Der Papst wollte, dass am Anfang des 21. Jahrhunderts von Deutschland eine Positivbewegung in die Welt ausgehe."

Der mächtigste Staat der Europäischen Union soll offenbar bei der "Neuevangelisierung" eine bedeutende Rolle spielen. Vielleicht wurde deswegen auch Joseph Ratzinger anstelle eines Lateinamerikaners zum Papst gewählt. Auf jeden Fall soll, so Kardinal Meisner, der Weltjugendtag nun einen "Positivruck nach vorne" bringen.

Für den "Positivruck" spricht Benedikt XVI. bei seinem Deutschlandbesuch auch mit politischer Prominenz. Auf seinem Programm stehen ein "Höflichkeitsbesuch beim Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland" und "Audienzen für einige Autoritäten des politischen und gesellschaftlichen Lebens" (Gerhard Schröder, Wolfgang Thierse, Angela Merkel, Jürgen Rüttgers). Auch mit den Intendanten von ARD, ZDF und WDR wird Joseph Ratzinger konferieren. Außerdem nimmt sich der Papst für Seminaristen an der Kirche Sankt Pantaleon Zeit; die Kirche wird vom ultrareaktionären Opus Dei kontrolliert.

Die exklusiven Papst-Gespräche mit dem Opus Dei geben einen deutlichen Hinweis auf den Charakter der anvisierten Neuevangelisierung. Der Umgang des Weltjugendtagsbüros mit verschiedenen Angeboten, den hunderttausendfach anreisenden Jugendlichen für alle Fälle Kondome zur Verfügung zu stellen, spricht ebenfalls Bände. "Der Mann hat den Gedanken des Weltjugendtags offensichtlich nicht verstanden", kritisierte Weltjugendtags-Teamleiter Peter Gebhardt einen Unterstützer, der unter Verweis auf HIV kostenlos Präservative verteilen wollte: "Das Treffen dient zwar Begegnungen, aber nicht solchen." Kirchliche Stellen gehen eben auch in Köln systematisch gegen sexuelle Sicherheitsvorkehrungen vor.

Sicherheitsmaßnahmen

Ganz andere Sicherheitsvorkehrungen finden dagegen in enger Absprache mit dem Weltjugendtagsbüro statt. Besonders spürbar dürften die Eingriffe in den Straßenverkehr sein, die vorgenommen werden, um Anschlägen jedweder Art zuvorzukommen. Auf umfangreiche Straßen- und Brückensperrungen wird die Kölner Bevölkerung seit Wochen vorbereitet. Zeitweise wird es im gesamten Innenstadtbereich selbst zu Fuß unmöglich sein, den Rhein zu überqueren. Auch die Einrichtung von Flugverbotszonen ist im Gespräch. Für Sonntag Abend, wenn der Papst den Heimflug antritt, werden auf dem Flughafen Köln/Bonn umfangreiche Behinderungen des internationalen Flugverkehrs vorhergesagt.

Die Verkehrseingriffe sind freilich nur ein besonders auffälliges Element des Sicherheitskonzepts, bei dem unterschiedlichste Stellen von Stadt, Land und Bund mit dem kirchlichen Weltjugendtagsbüro zusammenarbeiten. "Zum Weltjugendtag werden Einsatzkräfte der Polizei und von Feuerwehr und Katastrophenschutz in einem für Nordrhein-Westfalen bislang einmaligen Umfang zusammengeführt", heißt es in einer Pressemitteilung des nordrhein-westfälischen Innenministeriums. Gewaltig ist die Aufgabe, die beteiligten Instanzen, Institutionen und Verbände zu koordinieren. Sie bietet zugleich den bundesdeutschen Sicherheits- und Zivilschutz-Experten eine einzigartige Möglichkeit, ihre Konzepte und Strategien an einem realen Großereignis zu überprüfen. Die Dimensionen erinnern an US-"Heimatschutz"-Programme.

Krisenstäbe für den Weltjugendtag sind auf Kreis-, Regierungsbezirks- und Landesebene eingerichtet worden, das Bundesinnenministerium koordiniert die Beteiligungen von Bundesministerien und Bundesbehörden. Zum Einsatz kommen neben rund 4.000 Polizistinnen und Polizisten sowie ebenso vielen privaten Sicherheitskräften die Bundespolizei (Ex-Bundesgrenzschutz) und das Bundeskriminalamt, das für den Personenschutz des Papstes zuständig ist. Auch das bundeseigene Technische Hilfswerk (THW), das eng mit Polizei und Feuerwehr kooperiert, ist involviert, ebenso das im vergangenen Jahr gegründete Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Schließlich wird die Sondereinheit GSG 9 in Alarmbereitschaft gehalten.

Militärische Aktivitäten

Auch auf den militärischen Bereich erstrecken sich die Sicherheitsplanungen. Jagdflugzeuge der Luftwaffe übernehmen den Begleitschutz für die Papst-Maschine, sobald sie deutsches Hoheitsgebiet überfliegt. Das Nationale Lage- und Führungszentrum in Kalkar, an dem die Bundeswehr beteiligt ist, kontrolliert den Luftraum über Köln, die NATO wird die deutsche Behörde dabei mit einem AWACS-Flugzeug unterstützen. Bundeswehr-Transporthubschrauber stehen für den Notfall bereit. In Nörvenich werden Presseberichten zufolge gar Fuchs-Spürpanzer bereitgestellt.

Die Bundeswehr beteiligt sich auch an der medizinischen Versorgung. Das in Hamm stationierte Sanitätsregiment 22 errichtet am Rande des so genannten "Marienfelds", wo Benedikt XVI. die Abschlussmesse halten wird, ein "Medical Center", für das 130 Soldaten zur Verfügung gestellt werden. Und nicht zuletzt beteiligt die Bundeswehr sich auch am eigentlichen Geschehen, an den religiösen Veranstaltungen nämlich. Rund 600 Soldaten werden in Camp Altenrath, einer ehemaligen belgischen Kaserne, erwartet. Von dort aus wollen sie am regulären Weltjugendtagsprogramm teilnehmen.

http://www.heise.de/tp/artikel/20/20733/1.html
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