Enigma-Schwachstellen auf der Spur

29.08.2005

Enigma-Zeitzeugen berichten - Teil 3

Der dritte und letzte Artikel aus dieser Reihe berichtet von den Erinnerungen Prof. Dr. Gisbert Hasenjaegers, der im Zweiten Weltkrieg als angehender Mathematiker die Sicherheit der Verschlüsselungsmaschine Enigma untersuchte. Er entdeckte Schwächen, doch er konnte nicht ahnen, dass diese von den Alliierten zu diesem Zeitpunkt schon längst ausgenutzt wurden.

Über das derzeit große Interesse an der legendären Verschlüsselungsmaschine Enigma (für eine Simulation siehe hier), die von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde, wurde bereits in den vorhergehende Artikeln berichtet: "Eine Ansammlung von spinnerten oder genialen Individuen" - Teil 1 und Probleme beim alltäglichen Einsatz - Teil 2. Erst in den letzten Jahren ist Historikern bewusst geworden, dass die Entschlüsselung zahlreicher Enigma-Funksprüche durch britische Spezialisten einen erheblichen Einfluss auf den Kriegsverlauf hatte. Das Knacken des Enigma-Codes war für die Briten so wichtig, dass sie dafür in Bletchley Park bei London eine ganze Entschlüsselungsfabrik mit mehreren Tausend Arbeitskräften aufbauten.

Die Enigma im Einsatz. Die bekannte Verschlüsselungsmaschine wurde im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen eingesetzt. Zeitzeugen, die damals mit der heute legendären Maschine gearbeitet haben, gibt es nur noch wenige. Quelle: Crypto AG

Leider ist es 60 Jahre nach Kriegsende mehr als schwierig, noch Zeitzeugen aufzuspüren, die während des Zweiten Weltkriegs mit der Enigma gearbeitet haben. Der Autor dieses Artikels kam jedoch nach Erscheinen seines Buchs "Die Welt der geheimen Zeichen". (W3L Verlag, Bochum 2004), in dem es um die Geschichte der Verschlüsselung geht, mit insgesamt drei Enigma-Veteranen in Kontakt, die über ihre über 60 Jahre zurückliegenden Erlebnisse berichten konnten. Auf Basis der Berichte entstand diese dreiteilige Telepolis-Artikelserie.

Zeitzeuge Gisbert Hasenjaeger

Einige Monate nach Erscheinen des besagten Buchs machte der Leser Ralf Bülow aus Berlin den Autor auf Prof. Dr. Gisbert Hasenjaeger aufmerksam, der während des Zweiten Weltkriegs mit der Enigma zu tun gehabt hatte. Dessen Erinnerungen erwiesen sich als besonders interessant, weil er als Mitglied der damals wichtigsten deutschen Kryptologen-Gruppe mit einer Untersuchung der Enigma auf ihre Sicherheit betraut war.

Gisbert Hasenjaeger wurde 1919 in Hildesheim geboren und wuchs als Sohn eines Juristen in verschiedenen deutschen Städten auf. Nach dem Abitur im Jahr 1936 meldete er sich zunächst freiwillig zum Arbeitsdienst, um anschließend studieren zu können. Da jedoch der Krieg dazwischen kam, wurde er zum Militärdienst eingezogen. Bereits vor dem Abitur hatte Hasenjaeger Kontakte zu dem bekannten Philosophen und Mathematiker Heinrich Scholz geknüpft, der seinerzeit den ersten deutschen Lehrstuhl für mathematische Logik (zunächst noch "Logistik" genannt) und Grundlagenforschung innehatte. Da der Krieg ein reguläres Studium verhinderte, wurde Hasenjaeger mit einer so genannten Fernimmatrikulation vertröstet.

Sein Militärdienst im Zweiten Weltkrieg führte Hasenjaeger an die Ostfront nach Russland. Am 2. Januar 1942 wurde er dort schwer verwundet und anschließend zurück nach Deutschland gebracht. Nach seiner Genesung bewahrten Hasenjaeger seine Kontakte zu Heinrich Scholz vor einem erneuten Fronteinsatz. Scholz vermittelte den begabten Mathematikstudenten an die Chiffrierungsabteilung des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW/Chi) in Berlin. Die OKW/Chi war damals die wichtigste von insgesamt neun (andere Quellen sprechen von sieben) Einrichtungen im Deutschen Reich, die sich unabhängig voneinander mit kryptologischen Fragestellungen beschäftigte. Es gilt heute als großer Fehler des Nazi-Regimes, dass es das Know-how in Verschlüsselungsfragen auf derart viele Einrichtungen verteilte, die in der Regel nicht miteinander kooperierten. Als Konsequenz daraus wurden später die kryptologischen Aktivitäten der Bundesrepublik Deutschland in einer Behörde - der Zentralstelle für das Chiffrierwesen (ZfCh), aus dem später das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hervorging - konzentriert.

Am 16.10.1942 kam Hasenjaeger in Berlin an, wo er mit 24 Jahren jüngstes Mitglied der OKW/Chi wurde. Sein Arbeitsplatz lag zunächst in einer Parallelstraße der Bendlerstraße und später im Haus des Fremdenverkehrs, einem der wenigen halbwegs kompletten Teile der "Welthauptstadt Germania". An seiner neuen Dienststelle absolvierte Hasenjaeger zunächst einen Chiffriertechnik-Kurs, der von Dr. Erich Hüttenhain geleitet wurde. Hüttenhain war damals Abteilungsleiter in der OKW/Chi und gilt heute als bedeutendster deutscher Kryptologe seiner Zeit. Hüttenhain war maßgeblich daran beteiligt, dass die OKW/Chi Weltniveau erreichte, wenn es um das Entziffern fremder Codes ging. Er konnte jedoch nicht verhindern, dass die Deutschen im Zweiten Weltkrieg mit unsicheren Verschlüsselungsmaschinen wie der Enigma arbeiteten. Nach dem Krieg wurde Hüttenhain der erste Präsident der besagten Zentralstelle für das Chiffrierwesen (ZfCh).

Schwächen der Verschlüsselungstechniken

Dass die Spezialisten der OKW/Chi die Schwächen der eigenen Verschlüsselungstechniken nicht bemerkten, ist sicherlich auf eine falsche Setzung von Prioritäten zurückzuführen. So gesehen ist es auch typisch, dass ausgerechnet Gisbert Hasenjaeger als OKW/Chi-Neuling in das neu gegründete Referat "Sicherheitskontrolle eigener Schlüsselverfahren" gesteckt wurde. In diesem Referat, das von Dr. Karl Stein geleitet wurde, untersuchten gerade einmal vier Mitarbeiter die drei wichtigsten deutschen Verschlüsselungsmaschinen auf etwaige Schwächen. Stein gehörte der OKW/Chi ebenfalls noch nicht lange an.

Gisbert Hasenjaeger (Jahrgang 1919) arbeitete im Zweiten Weltkrieg für die Chiffrierungsabteilung des Oberommandos der Wehrmacht (OKW/Chi). Quelle: Hasenjaeger

Auf Anweisung von Karl Stein kümmerte sich Hasenjaeger um die Enigma, während Stein selbst die beiden anderen bedeutenden deutschen Chiffriermaschinen untersuchen sollten: die T-52 von Siemens & Halske (heute als "Geheimschreiber" bekannt) sowie den Schlüsselzusatz 42 (besser bekannt als "Lorenz-Maschine"). Leider kann sich Gisbert Hasenjaeger an keine Resultate der Untersuchung seines Kollegen erinnern.

Die Enigma-Variante, die Hasenjaeger untersuchte, arbeitete mit drei Rotoren und besaß kein Steckerbrett. Enigmas dieser Bauart wurden damals von den Deutschen zur Devisenbeschaffung ins neutrale Ausland verkauft, wo sie - mit geänderter Verdrahtung - im diplomatischen Dienst zum Einsatz kamen. Eine auf diese Weise verschlüsselte Nachricht von einigen Hundert Zeichen Länge lag Hasenjaeger zur Analyse vor. Außerdem hatte er den augenscheinlich gleichen Text in einer bereits gelösten Verschlüsselung vorliegen. Wie sich zeigte, enthielt die eine Textfassung die Buchstabenkombination ESSESS, wo in der anderen SS stand. Dieser Unterschied hinderte Hasenjaeger jedoch nicht daran, die Nachricht zu knacken: Er fand die richtige Rotorenverdrahtung und zudem die passenden Rotorstellungen.

Nach diesem Achtungserfolg beschäftigte sich Gisbert Hasenjaeger weiterhin mit der Enigma, ohne jedoch weitere Entdeckungen zu machen. So entging dem jungen Kryptologen auch die wichtigste Schwachstelle der Enigma, die zu diesem Zeitpunkt den Briten bereits bekannt war und ihnen die Dechiffrierung vieler deutscher Nachrichten erlaubte (Details dazu finden sich in: Friedrich L. Bauer: Entzifferte Geheimnisse. Springer-Verlag, Berlin Heidelberg 2000). Doch Hasenjaeger kann sich trösten: Selbst Alan Turing, der als einer der bekanntesten Mathematiker seiner Zeit gilt und damals in Bletchley Park aktiv war, hatte diese Schwäche der Enigma nicht entdeckt. Dieses Verdienst seinem weniger bekannten Kollegen Gordon Welchman zu.

Hasenjaeger untersuchte auch einige Enigma-Prototypen, bei denen sich die Rotoren nicht im Tachometer-Prinzip, sondern nach komplizierteren Mechanismen bewegten. Heute weiß man, dass dies der richtige Ansatz gewesen wäre, um die Enigma sicherer zu machen. Die OKW/Chi-Experten kamen jedoch wieder davon ab, weil sich die Periode (also die Zahl Fortschaltungen bis die Rotor-Anfangsstellung wieder erreicht war) dadurch verkleinerte. Dieses Problem hätte man jedoch durch die Hinzunahme weiterer Rotoren lösen können.

Als 1945 die Alliierten in Richtung Berlin marschierten, blieb auch den Mitarbeitern der OKW/Chi das baldige Ende des Kriegs nicht mehr verborgen. Einige Wochen vor der Einnahme der Reichshauptstadt wurde Gisbert Hasenjaeger in einen Vorort im Südwesten von Berlin entsandt, um dort Dokumente zu verbrennen. Kurze Zeit später schickte der OKW/Chi-Leiter Erich Hüttenhain Hasenjaeger und einige seiner Kollegen per Zug in Richtung Süden, wo sie - so die offizielle Anweisung - irgendwo ihre Arbeit für den immer noch erwarteten Endsieg fortsetzen sollten. Ihre Geräte ließen sie in Berlin zurück. Über Prag gelangte die kleine Gruppe in die Gegend von Salzburg, wo sie in Werfen von US-Soldaten festgesetzt und in einen Ort östlich von München gebracht wurde.

Es ist heute bekannt, dass die USA zusammen mit den Briten nach dem Zweiten Weltkrieg große Anstrengungen unternahmen, um deutsche Kryptologen aufzuspüren und diese mit ihren Arbeitsmaterialien nach Großbritannien oder in die USA zu verfrachten. Diese unter dem Namen TICOM bekannte Aktion verfehlte ihre Wirkung nicht. Insbesondere gelangte der ehemalige OKW/Chi-Leiter Erich Hüttenhain in diesem Zusammenhang nach Großbritannien, wo er von dortigen Spezialisten vernommen wurde.

Gisbert Hasenjaeger und seine Kameraden, die in Kirchseeon interniert worden waren, entgingen jedoch den TICOM-Agenten. Die US-Soldaten, unter deren Bewachung sie nun standen, konnten nicht einordnen, mit wem sie es zu tun hatten und stellten keine entsprechenden Fragen. So wurde Gisbert Hasenjaeger kurze Zeit danach in die Freiheit entlassen, ohne jemals von den Alliierten zu seiner Tätigkeit vernommen worden zu sein.

Bereits 1945 setzte Gisbert Hasenjaeger sein Studium der mathematischen Logik in Münster fort. 1950 promovierte er bei Heinrich Scholz, der ihn zur OKW/Chi vermittelt hatte, und wurde wissenschaftlicher Assistent, bevor er 1953 habilitierte. Sein weiterer Berufsweg führte ihn als Professor an die Universität Bonn und vorübergehend in die USA. 1984 wurde er emeritiert.

Erst in den siebziger Jahren erfuhr Gisbert Hasenjaeger, dass die Briten im Zweiten Weltkrieg die Enigma geknackt hatten. Dabei beeindruckte ihn vor allem, dass mit Alan Turing einer der größten Mathematiker des 20. Jahrhunderts eine führende Rolle bei der Enigma-Dechiffrierung gespielt hatte. Der große Alan Turing war also, wie sich herausstellte, neben Gordon Welchman Hasenjaegers Gegenspieler gewesen. Dass die Deutschen im Gegensatz zu Welchman und Turing die Schwächen der Enigma unterschätzten, sieht Gisbert Hasenjaeger heute positiv: "Wäre es nicht so gewesen, dann hätte der Krieg vermutlich länger gedauert und die erste Atombombe wäre nicht auf Japan, sondern auf Deutschland gefallen."

Klaus Schmeh arbeitet als Produktmanager für die cv cryptovision gmbh in Gelsenkirchen und ist Autor des Buchs "Die Welt der geheimen Zeichen - Die faszinierende Geschichte der Verschlüsselung". In Telepolis veröffentlichte er: Hitlers letzte Maschinen und Als deutscher Code-Knacker im Zweiten Weltkrieg.

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