Die Wolfsmeuten der Sieger

Thomas Pany 21.08.2005

Irak: Willkürherrschaft der Milizen

Die Zauberformel für die Lösung des großen Problems im Irak klang einfach: Der Widerstand im Irak könnte "sofort" beendet werden, sagte der neu gewählte irakische Präsident Dschalal Talabani Mitte April: Die Regierung müsse nur die kurdischen und schiitischen Milizen einsetzen. Das sei effektiver als darauf zu warten, bis die irakischen Sicherheitskräfte für geordnete Verhältnisse sorgen könnten. Vier Monate später ist der Widerstand nach wie vor ein Albtraum für das Land, sind die irakischen Sicherheitskräfte weiter denn je davon entfernt, den Guerillas Einhalt zu gebieten und die kurdischen wie schiitischen Milizen Zauberlehrlinge, die mit hartem Besen kehren und dem großen Problem weitere große hinzufügen.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Schon im April warnten kritische Beobachter vor den Folgen die Talabanis Zauberformel haben könnte: verstärkte Angst und Unsicherheit innerhalb der Bevölkerung, die sich von den Milizen eher belästigt und bedroht als geschützt fühlt, Verstärkung der schwelenden Feindseligkeiten zwischen den unterschiedlichen religiösen und ethnischen Gruppen, "Warlordisierung", Säuberungsaktionen, die Gefahr, dass kriminelle Akte unter dem Deckmantel eines offiziell legitimierten Auftrags ausgeführt werden.

Wie namhafte Irak-Reporter der Washington Post gestern berichteten, sind die düsteren Vorahnungen mittlerweile bittere Realität:

Schiitische und kurdische Milizen, die oft als Teil der irakischen Sicherheitskräfte operieren, sind nach Angaben von politischen Führern, Familienmitgliedern von Opfern, Menschenrechtsaktivisten und irakischen Offiziellen für eine Welle von Entführungen, Mordanschlägen und anderen Akten der Einschüchterung verantwortlich, um ihre Kontrolle über Territorien im nördlichen und südlichen Irak zu konsolidieren und vertiefen damit die Kluft zwischen den konfessionellen und etnischen Gruppen.

Anthony Shadid

Die Milizen würden sich ihre eigene Machtzentren in kurdischen wie schiitischen Dörfern und Städten schaffen, die sich wenig um die Macht der gewählten Volksvertreter und lokalen Regierungen scherten. Die dort ansässige Bevölkerung fühle sich ähnlich machtlos und Willkürakten ausgeliefert wie zu Zeiten von Saddam Hussein.

Das lange Zeit währende Machtvakuum in Bagdad und der Wahlsieg der schiitischen wie kurdischen Parteien im Januar habe die Position der Milizen deutlich gestärkt. In schiitischen Basra seien Dutzende von ehemaligen Baath-Partei-Mitgliedern, Mitglieder sunnitischer Parteien wie konkurrierender schiitischer Parteien getötet worden - von Männern in Polizei-Uniform und Polizeiwagen, die ganz offensichtlich zu schiitischen Milizen gehörten. 90% der Polizeikräfte sind nach Angaben eines Vertreters der dortigen Provinzregierung den dominierenden religiösen Parteien ergeben - SCIRI und Badr, dem einstigen militärischen Arm der Partei, jetzt offiziell als eigenständige politische Organisation fungierend. Die meisten Kämpfer der so genannten Badr-Brigaden sind im iranischen Exil ausgebildet worden und verfügen über noch immer "gute Beziehungen" zu den Revolutionären Garden.

Im kurdischen Norden haben Milizen nach jüngsten Enthüllungen ein Netzwerk von mindestens fünf Gefängnisanstalten errichtet, in dem Hunderte sunnitischer Araber, Turkmenen und andere Minderheiten, die aus Mosul verschleppt wurden, festgehalten werden. Nach Angaben von Familienmitgliedern dauert es oft Wochen, bis der Aufenthaltsort eines willkürlich Festgenommenen ermittelt werden kann, falls dies überhaupt möglich ist.

Niemand außer den Kurden und Schiiten habe irgendein Recht, wird eine Sprecherin der Human Rights Organisation, Nachrain Toma, zitiert. Und dafür mache man letztendlich auch die Amerikaner und Briten verantwortlich, die dem freien Schalten und Walten der Milizen nur zusehen würden. Deren Macht ist freilich auch begrenzt: Es gibt nur einige Hundert amerikanische Soldaten im kurdischen Norden und 8.500 britische Soldaten im schiitischen Süden.

Das Problem mit kurdischen wie schiitischen Milizen sei, dass sie jetzt eine offizielle Deckung haben, so ein Berater des irakischen Verteidigungsministeriums:

Sie bekommen Geld vom Staat, Kleidung und Fahrzeuge. Aber ihre Loyalität gilt den Parteien. Wer immer damit nicht einverstanden ist, den findet man am nächsten Tag tot auf der Straße.

http://www.heise.de/tp/artikel/20/20775/1.html
Kommentare lesen (79 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Milizen-Gamble

Bitterer Kampf gegen Altbaathistan

Sunniten am Katzentisch

Irak: Alte Rechnungen und noch immer keine neue Regierung

Das Land der Milizen

Irak: Koalition der Willigen schrumpft Schwierigkeiten innerhalb der irakischen Sicherheitskäfte wachsen

Rachemorde

Irak: Im Schatten des Konflikts zwischen Regierung, Besatzern und Aufständischen begleichen Milizen ihre eigenen Rechnungen

Pop-Ups, irakisch

Plötzlich aus dem Nirgendwo: Neue Milizen

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS