Renovierungsarbeiten und Ansätze zu Interaktion
Über den Onlinewahlkampf zur Bundestagswahl - Teil III: Die Webaktivitäten einzelner Kandidaten
Der Wahlkampf ist die Zeit, in der viele Kandidaten zuerst an eines denken: Renovierung. Zumindest die ihres Internetauftritts. Dabei gibt es zwei Hauptgründe für die spontane Neuentdeckung: Zum einen lässt sich eine hübsche Pressemitteilung verfassen, wenn das Werk vollbracht ist. Zum anderen verändert sich zwischen den Wahlen einiges im Internet und so müssen neue Trends integriert werden - so man denn mit der Zeit gehen will.
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Die Webauftritte der Spitzenkandidaten gehören wohl eher zur ersten Kategorie. Abgesehen von Oskar Lafontaine, der sich den Webauftritt bislang komplett spart, und Angela Merkel, deren Webauftritt eh noch frisch ist, haben sich alle Spitzen neue Seiten gestalten lassen. Die eigene Domain gehört - anders als 1998 (Auf Wahlkampf-Tour im Internet) - zu den Selbstverständlichkeiten der Webpräsenz. Zu den Standardinhalten gehört ebenfalls eine Kurzbiografie, Hinweise auf Kontaktmöglichkeiten und Presseinformationen und natürlich diverse politische Standpunkte in Fließtextform. Noch kein Standard sind interaktive Elemente - sie könnten Arbeit verursachen.
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Fast schon traditionell mutet die Homepage des Spitzenkandidaten der Grünen Joseph Fischer an. Seit 1998 gibt es zum früheren Turnschuhminister die Seite auf der passenden Sponti-Domain joschka.de. Seit wenigen Wochen ist Fischers Website in einem dezenten Grünton online - mit diversen Geektools, wie einem MMS-Blog. Außerdem bloggt der Außenminister im Gruppenblog der Grünen Spitzenkandidaten. Seine Website ist in einem Punkt fast schon typisch für die Grünen. Denn dem Corporate Design der Grünen entspricht sie nicht. 2002 hatte ein anderer Grüner ganz bewusst mit vielen Identifikationsmerkmalen gebrochen: Hans-Christian Ströbele, einziger direkt gewählter Abgeordneter der Grünen. 2005 verzichtet der Berlin-Kreuzberger auf eine Neugestaltung seiner Website - und auf alle Tools wie SMS/MMS-Spielchen, Blogs und Foren.
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Als Spitzenkandidat der FDP ließ sich Guido Westerwelle vor wenigen Tagen ein digitales Facelifting verpassen, seine Website ist entweder in einer grafiküberladenen oder einer barrierefreien Version zu besuchen. Interaktivität kennt der Kanzlerkandidat von 2002 offenbar nicht. Lernen könnte er dabei zum Beispiel von Birgit Homburger, der umweltpolitischen Sprecherin der FDP-Fraktion im Bundestag. Sie betreibt nicht nur eine umfangreiche eigene Website, die sehbehindertenfreundlich ist, sie bloggt auch aktiv in einem parteiübergreifenden Gruppenblog.
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Bei der CDU ist das Spektrum der Abgeordnetenaktivitäten im Netz stark durchwachsen. Eine der aktivsten ist Hildegard Müller, Präsidiumsmitglied in der der Union. Die 38-jährige Düsseldorferin bloggt seit dem Ausscheiden von Ursula von der Leyen, der Tochter des ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, in der illustren Runde der Focus-Blogger. Weniger bekannt aber im Internet mindestens genauso aktiv ist Olav Gutting. Seine Website ist nicht nur optisch State of the Art. Sie bietet auch ein persönliches Blog, einen E-Mail-Newsletter und umfangreiche Informationen zur Person, Politik und Wahlkreis des Abgeordneten.
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Der Bundeskanzler Gerhard Schröder hat eine ganz im aktuellen Farbton Umbra gestaltete Website bekommen. Nicht, dass die alte schon besonders altbacken gewesen wäre. Doch wenn schon Wahlkampf ist, kann man derartige Gelegenheiten ja auch für einen Relaunch im aktuellen Corporate Design nutzen. Natürlich bloggt Schröder nicht - wie generell der Inhalt bei seiner hübsch anzuschauenden Website deutlich zu kurz kommt.
In der SPD ist das Bloggen zwar nicht von oben verordnet, wird aber offiziell gern gesehen (vgl. Farbenspiele, Blogs und Negative Campaigning). So verwundert es nicht, dass eine ganze Reihe SPD-Politiker sich entschlossen haben, den kurzen Draht zum Wahlvolk zu suchen. So zum Beispiel die Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, die in der Online-Community in den vergangenen Jahren nicht nur Freunde fand. Das Bloggen an und für sich macht der Hessin Spaß, aber gewisse Themen klammert sie bewusst aus, denn: "Es geht natürlich nicht, dass auf dem Weblog nur zu computerimplementierter Software diskutiert wird." Und etwas mehr ernsthafte Kommunikation von Wählerseite in den Kommentaren wäre auch wünschenswert.
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Kein Problem mit der Kommunikation hat der Bonner SPD-Abgeordnete Ulrich Kelber: Er betrieb früher ein Forum auf seiner Website, auf der der "Gläserne Abgeordnete" sogar seine Steuererklärungen veröffentlicht. Jetzt bloggt der Diplom-Informatiker und in den Kommentaren wird eifrig diskutiert.
Die Spitzenkandidaten der Linkspartei.PDS Gregor Gysi und Oskar Lafontaine haben den Weg ins Web bis dato nicht gefunden. Die beiden zwischenzeitlichen Politrentner benötigen offenbar keine neuen Formen der Öffentlichkeit - sind sie doch im Fernsehen beinahe omnipräsent. Einige "Fans" von Gysi nutzen die Gelegenheit und betreiben ein Angebot unter der Adresse ggysi.org, bei dem der PDS-Kandidat nicht gut wegkommt.
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Einen professionellen, wenn auch sparsamen, Webauftritt hat sich die brandenburgische Kandidatin Dagmar Enkelmann geschaffen. Etwas perplex macht das Aufpoppen eines Werbebanners - die PDS-Kandidatin spart Domainkosten durch Werbeeinblendungen. Doch auch die Beinahe-Ministerpräsidentin Brandenburgs versucht den direkten Kontakt mit dem Wahlvolk im Netz: Wie Birgit Homburger schreibt sie bei Politikerscreen.de in einem Blog über ihre aktuellen Erfahrungen mit dem Wahlkampf und der Linkspartei.
Alles in allem wird bei der Beschäftigung mit den Webseiten und Aktivitäten einzelner Politiker deutlich: Die zweite und dritte Reihe sind deutlich mehr am Netz und seinen speziellen Möglichkeiten interessiert und weiß sie auch zu nutzen. Ob sich dies im Wahlergebnis niederschlägt, kann zwar kaum gemessen werden. Schaden dürften die Onlineaktivitäten den Wahlkämpfern allerdings kaum - für die eine oder andere Pressemitteilung ist auf jeden Fall Anlass gegeben.
Der vierte Teil der Serie wird sich mit Webseiten beschäftigen, die nicht von Parteien oder Kandidaten betrieben werden.
http://www.heise.de/tp/artikel/20/20777/1.html- Der vierte Teil der Serie wird ... (25.8.2005 2:12)
- Retuschierte Bilder von vorgestern (24.8.2005 13:13)
- Also dafür ist er zu groß und zu schlank! ;-) (kT) (24.8.2005 3:20)
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