Verschärftes Tanzverbot in Utah

24.08.2005

Woodstock ist für immer Hippie-Vergangenheit: Raveparty mit Anti-Terror-Kommandos geräumt

Zwar mag es auf Freiluft-Tanzveranstaltungen und in Diskotheken auch mal unerwünschte Drogen geben, doch sie sind eine friedliche und legale Veranstaltung. Nicht umsonst hieß Deutschlands größte Freiluft-Tanzmusikveranstaltung „Love-Parade“. Doch mit dem Polizeieinsatz gegen tschechische Technofans ("Keine tanzenden Kinder") scheinen alle Dämme zu brechen: Hubschrauber, Tränengas, Maschinen- und Sturmgewehre, Sondereinschutzkommandos hinter Schutzschilden, sogar Panzer wurden gesehen. Und derartige Ereingnisse sind nun auch in den USA und Berlin angesagt.

10 cc besangen einst – in historischer Fortsetzung und Konsequenz von Elvis’ “Jailhouse Rock” – eine Tanzveranstaltung im Kittchen, die mit Gummigeschossen und Tränengas aufgelöst wurde, weil sich solch Halligalli im Gefängnis nun einmal nicht gehört.

Well the band were playing
And the booze began to flow
But the sound came over on the police car radio
Down at Precinct 49
Having a tear-gas of a time
Sergeant Baker got a call from the governor of the county jail

Load up, load up, load up with rubber bullets
Load up, load up, load up with rubber bullets

I love to hear those convicts squeal
It's a shame these slugs ain't real
But we can't have dancin' at the local county jail
10 cc – Rubber Bullets

Dabei ist es heutzutage weit ungefährlicher, im Gefängnis eine Party zu feiern, als beispielsweise in der Berliner Diskothek Jeton. Auf der Suche nach Fußball-Hooligans und Fußballfans, die in einem Raum der Diskothek eine Privatparty feiern wollten, stürmte am letzten Samstag, den 20. August 2005 um 1.30 Uhr morgens ein Sondereinsatzkommando der Polizei mit 300 Beamten in die Discothek.

158 Personen, darunter auch ein Journalist wurden vorbeugend fast 24 Stunden lang festgesetzt; erst wurden sie auf dem Boden in der Discothek niedergeknüppelt, ohne die Toilette aufsuchen zu dürfen, bis sich genügend in die Hose gemacht hatten, dann ging es im Einsatzwagen und Polizeipräsidium weiter, wobei dort unbeteiligte Polizisten den Betroffenen empfahlen, später gegen diese Behandlung Anzeige zu erstatten.

Sondereinsatzkommando in der Diskothek

Fußballfans gab es sehr wohl unter den Niedergeprügelten und Festgenommenen, doch nur wenige Hooligans. Zudem wurden etliche ganz normale Gäste der Diskothek ebenfalls erkennungsdienstlich behandelt und verletzt. Die Diskothek sah sich sogar Vorwürfen ausgesetzt, die Polizei angefordert zu haben und hat nun neben Beschädigungen am Inventar mit einen massiven Imageverlust zu kämpfen.

Nun sind Fußball-Hooligans nicht ohne und ein Einsatz dieser Art deshalb prinzipiell noch irgendwo nachvollziehbar, auch wenn er hier eindeutig am falschen Ort stattfand und die falschen Leute mit einbezog – solche Überfälle hätte man eher den Hooligans zugetraut als ihren Gegnern. In Amerika ist man dagegen noch einen Schritt weiter und will an solchen Hippiekrams wie Woodstock heute tunlichst nicht mehr erinnert werden. In Salt Lake City in Utah regieren die Mormonen, bei denen man zwar mehr als eine Frau haben darf, andere Freuden aber eher unerwünscht sind. Als da beispielsweise sind: Raveparties.

Eine solche war in derselben Nacht am 20. August 2005 im Spanish Fork Canyon nahe Salt Lake City, Utah angesetzt. Doch um 23.30 Uhr stürmte ein mit Maschinenpistolen, Tarnuniformen und Masken ausgestattetes Kommando von 90 Beamten regulärer Polizei- und Spezialeinheiten (SWAT) unterstützt von Hubschraubern den Rave Versus 2 und erklärte die Veranstaltung für aufgelöst. Die Musik wurde auf Anweisung sofort abgestellt, die Anwesenden (Zahlenangaben laut Polizei 1000, laut Veranstalter 3000) wurden aufgefordert, das Gelände unverzüglich zu verlassen.

Sondereinsatzkommando auf Freiluftrave

Innerhalb einer halben Stunde wurde das Privatgrundstück geräumt, das von den Veranstaltern in den Monaten zuvor bereits öfter für Partys gemietet worden war. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei/SOK und den Partygängern mit teilweise brutalen Kampfhund-, Tazer-, Schlagstock- und Tränengaseinsätzen, die zu Dutzenden Verletzter führten. 60 Leute wurden in Gewahrsam genommen und sind teilweise immer noch in Haft.

Die Polizei richtete Maschinenpistolen auf Minderjährige und beleidigte, trat und schlug Partybesucher. Mehrere Augenzeugen berichten von vier Polizisten in voller Kampfmontur, die ein minderjähriges Mädchen mit Tritten und Schlagstöcken bearbeiteten. Nach Angaben der Veranstalter war die Veranstaltung angemeldet und legal, die Polizei weist dies zurück, zerriss die Genehmigung, als der Veranstalter ihr diese zeigte, hielt ihm ein Sturmgewehr an den Kopf und jagte ihn vom Gelände.

Utah County Sheriff James Tracy sieht den Einsatz als Erfolg und die Gewaltanwendungen der Polizei als der Situation angemessen ("I stand by everything that was done there that night. We did use some force. It was appropriate and necessary to take those who were fighting us into custody"). Das im Internet verbreitete Video von Jeffrey Coombs zeigt jedoch, wie teilweise mehrere Polizisten auf am Boden liegende mit Schlagstöcken einschlagen. Die meisten anderen Videoaufnahmen wurden dagegen von der Polizei beschlagnahmt.

Sicherheitsbeamten verhaftet

Ein für das Event gebuchter DJ berichtete in einem Forum, wie die Polizeieinheiten Tränengas in die Menge warfen und konnte es verständlicherweise gar nicht erwarten, Utah verlassen zu können. Die Party war professionell organisiert und auf zwei Millionen Dollar versichert worden und es waren lizenzierte Sicherheitsbeamte angeheuert, um den Besuchern Drogen abzunehmen. Doch diese wurden prompt bei dem Überfall von der Polizei verhaftet – wegen Drogenbesitzes aus den Beschlagnahmen. Ecstasy, Marihuana, Kokain und Pilze wurden von der Polizei konfisziert.

In früheren Fällen wurde sogar die Grundstückseigentümerin selbst von ihrem eigenen Grundstück gejagt, wenn die Polizei das Gelände räumen ließ. Die Polizei will klar dafür sorgen, dass vor Angst niemand solche Ravepartys mehr besucht. Die Veranstalter wollen nun gegen den Staat klagen.

Wer nicht verletzt werden will, sollte also seine Party doch besser gleich im Gefängnis feiern. Oder mal auf eine Demo gehen. Aber nicht zum Tanzen. Das ist einfach zu gefährlich.

Sergeant Baker started talkin'
With a bullhorn in his hand
He was cool, he was clear
He was always in command
He said "Blood will flow;
Here Padre
Padre you talk to your boys..."
"Trust in me -
God will come to set you free"

Well we don't understand
Why you called in the National Guard
When Uncle Sam is the one
Who belongs in the exercise yard
We all got balls and brains
But some's got balls and chains
At the local dance at the local county jail
10 cc – Rubber Bullets

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Kommentare lesen (343 Beiträge) mehr...
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
Cover

Die Moral in der Maschine

Beiträge zu Roboter- und Maschinenethik

Die Form folgt den Finanzen

Der Hochhausbau verstärkt die Defizite, die er beseitigen soll

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.