Föten empfinden vor dem 7. Monat keinen Schmerz

26.08.2005

In den USA hat sich die Abtreibungsdebatte aufgrund einer neuen Studie entzündet, ab wann Föten bei der Abtreibung Schmerzen erleiden können

Eines der wichtigen Anliegen der konservativen Christen, die der Bush-Regierung zum Erfolg verholfen haben, ist der Versuch, ein Verbot der Abtreibung durchzusetzen. Hier ziehen papsttreue Katholiken mit fundamentalistischen Protestanten aus den USA an einem Strang. Dahinter steht die Absicht, nicht nur moralisch, sondern auch gesetzlich in die Ausübung der Sexualität (Keuschheit vor der Ehe, Homosexualität, Verhütungsmittel etc.) eingreifen und vor allem auch die Stellung der Frau in der Gesellschaft regeln zu können. Auch bei anderen Themen wie der Evolutionstheorie wird eifrig darum gekämpft, eine christliche Version durchzusetzen und so die Religion wieder als Instanz vor der Wissenschaft zu etablieren (US-Präsident Bush stellt sich hinter die Lehre vom "Intelligent Design").

Die Mehrheit der Amerikaner (60%) findet es allerdings nach einer aktuellen Umfrage noch immer richtig, dass Abtreibung in den USA nach einem Urteil des Supreme Court aus dem Jahr 1973 legal ist. Ein Drittel ist dagegen, überwiegend Anhänger der republikanischen Partei. Auch beim Streit über den von US-Präsident Bush als Richter für den Supreme Court vorgeschlagenen John Roberts geht es gegenwärtig primär darum, welche Haltung er gegenüber der Abtreibung einnimmt (Supreme Court: Bush ernennt weitgehend unbekannten Konservativen). Bislang hat er sich dazu nicht eindeutig geäußert. Die konservative Pro-Life-Bewegung hofft darauf, dass eine Veränderung der Mehrheitsverhältnisse im Supreme Court die bisherige liberale Rechtsprechung kippt. In den USA wurde schon einmal ein neues Gesetz lanciert, das den Frauen die Abtreibung zumindest madig machen soll.

Einer der großen Streitpunkte bei der Abtreibung ist, wann menschliches Leben beginnt oder ab welcher Entwicklungsstufe Abtreibung als Mord zu qualifizieren wäre. Im Hintergrund der Abtreibungsgegner steht der Gedanke, dass Leben, einmal empfangen, nicht den Menschen gehört, sondern Gott. Ganz so streng denken dann manche christlichen Abtreibungsgegner in den USA nicht, wenn es um die Todesstrafe oder um die Jagd auf Terroristen oder andere Feinde geht. Ganz heilig scheint das menschliche Leben also nicht unbedingt für alle Abtreibungsgegner zu sein. Nun ist ungebornes Leben aber natürlich unschuldig und darf deswegen nicht aus selbstsüchtigen Gründen getötet werden, auch wenn die Lebensaussichten der Zwangsgeborenen die derart um jedes Leben Besorgten oft nicht sehr zu interessieren scheint, da sonst die Forderung nach dem Lebenserhalt um jeden Preis mit dem Kampf für eine gerechte und solidarische Gesellschaftsordnung einhergehen müsste.

Um schwangere Frauen von der Abtreibung abzuschrecken, wenn man diese nicht schon verbieten kann, wurde von einem republikanischen Abgeordneten ein Gesetzesvorschlag in den Kongress eingerbacht. Der "Unborn Child Pain Awareness Act of 2005" geht davon aus, dass ein Embryo spätestens in der 20. Woche nach der Befruchtung Schmerz empfindet und darauf ähnlich reagiert wie ein Säugling oder ein Erwachsener. Es gäbe auch hinreichende Beweise dafür, dass die Embryos Schmerzen durch die Abtreibungsmethoden erleiden, selbst wenn die Frau selbst bei der Abtreibung durch Anästhesie keine empfinde. Ärzte, die Abtreibungen vornehmen, müssten nach dem Gesetzentwurf zuvor die Frauen davon in Kenntnis setzen, dass die Embryos angeblich – nach Meinung des US-Kongresses - mit 20 Wochen schmerzempfindlich sind (pain-capable unborn child). Man könne mit Anästhesie zwar die Schmerzen des Embryos eliminieren, aber das gehe mit Risiken für die Frau einher, müsste den Frauen mitgeteilt werden, die dann ihr explizites Einverständnis zur Abtreibung geben müssten.

Die in dem Gesetzesentwurf aufgestellte Behauptung, dass die Schmerzempfindlichkeit von Embryos im Alter von 20 Wochen wissenschaftlich erwiesen sei, stellen nun aber Wissenschaftler in dem Artikel Fetal Pain in Frage, der in der aktuellen Ausgabe des The Journal of the American Medical Association erschienen ist. Nach Durchsicht von Forschungsergebnissen bei Embryos im Alter bis zu 30 Wochen gehen die Wissenschaftler davon aus, dass diese noch keine Schmerzen empfinden dürften. Das würde zwar an der grundsätzlichen Entscheidung nichts ändern, ob man für oder gegen Abtreibung ist, aber es könnte Frauen die Entscheidung erleichtern, wenn sie abtreiben wollen. Dass die Studie noch vor der Bestätigung oder Anlehnung von John Roberts veröffentlicht wurde, ist sicherlich kein Zufall. Hätten die Republikaner nicht nur die Präsidentschaft und Mehrheit im Kongress, sondern auch die Mehrheit im Obersten Gericht, so könnte sich, wie Liberale wohl zu Recht fürchten, die USA noch stärker als bislang verändern, da der Supreme Court über viele wichtige Fragen entscheidet.

Schmerzen zu empfinden würde das Vorhandensein von entsprechenden Neuronen und Neuronenverbindungen voraussetzen. Hormonelle Veränderungen und motorische Reaktionen würden noch keinen Hinweis auf Schmerzen bedeuten, weil sie auch ohne Schmerzempfinden und ohne "bewusste kortikale Verarbeitung" erfolgen könnten. Insbesondere müssten als Voraussetzung die Verbindungen zwischen dem Kortex und dem Thalamus vorhanden sein, das sei aber wohl erst in der 29. oder 30. Woche der Fall. Daher sei auch nicht erwiesen, dass eine Anästhesie des Embryos überhaupt eine Wirkung haben könne. Zudem gebe es keine Erkenntnisse darüber, welche Folgen eine solche Anästhesie für die schwangeren Frauen haben könne. Vermutlich könnten Föten erst nach den ersten sechs Monaten Schmerzen empfinden.

In den USA werden jedes Jahr 1,3 Millionen Abtreibungen ausgeführt, allerdings nur 1,4 Prozent, wenn die Embryos 21 Wochen oder alter sind. Gesetze wie den "Unborn Child Pain Awareness Act of 2005" gibt es bereits in 19 Bundesstaaten. Ihr Zweck ist weniger die Aufklärung, als die Abschreckung, indem ein wissenschaftlich zumindest nicht belegbarer "Beweis" dafür angeführt wird, unterlegt mit der Autorität der höchsten politischen Instanz: "The Congress of the United States has determined that at this stage of development, an unborn child has the physical structures necessary to experience pain."

Ganz unumstritten ist die Behauptung jedoch nicht, dass Schmerzempfindlichkeit erst im Alter von 29 oder 30 Wochen möglich ist. So führt der Kinderarzt K. S. Anand von der University of Arkansas an, dass frühgeborene Babys im Alter von 23 oder 24 Wochen schreien, wenn ihnen eine Nadel zur Blutentnahme in die Ferse gestochen wird. Daher könnten auch die gleich alten Föten im Mutterleib Scherzen empfinden. Anand wendet sich nicht gegen Abtreibung, tritt aber dafür ein, späte Abtreibungen gesetzlich zu verbieten. Für die Autoren des Artikels ist das Schreien allerdings kein Beweis für Schmerzempfindlichkeit. Frühgeborene würden oft bei jeder Art der Berührung schreien.

Der Artikel hat eine heftige Diskussion entfacht. Die Abtreibungsgegner mahnen etwa kritisch an, dass eine der Autorinnen der Studie in einer Abtreibungsklinik arbeitet, eine andere Autorin hatte einige Monate als juristische Beraterin für die NARAL Pro-Choice America gearbeitet. Man würde sich auch nicht, wenn man "objektiv" die humane Tötung von Kälbern und Lämmern bewerten will, auf einen Bericht von "Betreibern eines Schlachthauses" stützen, so der Direktor des National Right to Life Committee. Catherine DeAngelis, die Chefredakteurin von The Journal of the American Medical Association, bedauert, dass sie von den Autoren nicht über ihre Beziehungen benachrichtigt worden sei, erklärt aber auch, dass dies nichts an der Entscheidung, den Artikel zu veröffentlichen, geändert hätte.

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