"Gleichbedeutend mit Fahrlässigkeit"

02.09.2005

Ist die Katastrophe in New Orleans eine Naturkatastrophe oder eine politische?

Die Flutkatastrophe, die sich für die Stadt New Orleans angekündigte, ist eingetroffen. Eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes, die sich in der Region New Orleans fortsetzt. Berichte vor Ort beschreiben, wie der Zustand der Menschen, die im betroffenen Gebiet bleiben mussten, von "Frustration" zu "Verzweiflung" umschlägt. Offizielle Vertreter - vom Präsidenten der Vereinigenten Staaten über den Gouverneur von Louisiana bis zum Bürgermeister von New Orleans sprechen von einer Katastrophe fürchterlichen Ausmaßes, unvergleichbar mit allem bisher Dagewesenen. Am gestrigen Donnerstag, drei Tage nach dem Hurrikan, wusste man noch immer nicht, wieviele Menschen in den Fluten umgekommen sind.

Und die Krise hört nicht auf; die Flut geht weiter, die Dämme, welche gebrochen waren und damit der Flut die Wege geöffnet haben, können nicht repariert werden, die Not, die Leute im Superdome und an anderen Zufluchtsorten zu versorgen, wird größer. Die Evakuierungspläne wurden durch immer noch mehr Menschen, die zum Superdome kommen, Schutz suchen und hoffen, dass sie evakuiert werden, kompliziert. Dass, wie einige Berichte melden, auf Mitarbeiter, die bei den Rettungsaktionen mithelfen, geschossen wurde, macht die Sache auch nicht einfacher.

Die Nachrichten aus dem Katastrophengebiet kommen in sporadischen Schüben, häufig verbunden mit Aussagen von Regierungsvertretern, die ihre Sicht der Lage verbreiten. Einige Offizielle machen diejenigen Menschen, die nicht bereit waren, das Gebiet zu verlassen, verantwortlich für die enormen Ausmaße des fortwährenden öffentlichen Desasters. Die Evakuierungsregeln vor Hurrikan Katrina, waren allerdings reine unverbindliche Empfehlungen ohne unterstützende Maßnahmen für diejenigen, die entweder nicht die Mittel hatten, das Gebiet zu verlassen oder keinen Platz, an dem sie nach der Evakuierung bleiben konnten. Stattdessen sagte man den Menschen, die nicht weg konnten, schlicht, sie sollten ins Superdome gehen. Die Bedingungen im Superdome verschlechterten sich jedoch sehr bald aufgrund der völlig unzulänglichen Mittel, um die Menschen vor Ort zu versorgen.

"Es ist möglich, New Orleans von einem Hurrikan der Stufe 5 zu schützen, aber wir müssen damit anfangen. Nichts zu tun, ist gleichbedeutend mit Fahrlässigkeit."
Al Naomi, Projekt-Manager der -Corps of Engineers“ im Philadelphia Inquirer, am 8.Oktober 2004

Die Katastrophe von New Orleans ist die Überflutung eines bedeutenden urbanen Gebiets. Ein großer Teil der städtischen Bebauung steht unterhalb des Meeresspiegels. Teil der Maßnahme, potenzieller Überflutung vorzubeugen, waren Dämme und Pumpstationen. Die Erosion der Dämme und der mögliche Ausfall der Pumpstationen waren als potenzielle Probleme durchaus bekannt. Eine fünfteilige Artikelserie mit den Titeln "Washing Away" in der Times-Picayune in 2003 und Artikel wie "New Orleans Growing Danger" im Philadelphia Inquirer im Oktober 2004 dokumentieren, dass nicht nur das Problem bekannt war, sondern auch die notwendigen Maßnahmen, um das Desaster zu verhindern.

Die absolute Notwendigkeit, dem Problem ernsthafte Aufmerksamkeit zu schenken, war bekannt. Die FEMA (Federal Emergency Management Agency, Bundesbehörde für Notfallmanagement), jene US-Regierungsbehörde, die mit der Aufgabe betreut ist, derartige Probleme zu erkennen, wusste, dass eine Katastrophe in New Orleans "zu den drei wahrscheinlichsten Katastrophen" gehörte, welche die USA treffen kann. Statt die Behörde mit Ressourcen zur Verhinderung des Problems zu versorgen, ging die FEMA, ursprünglich eine direkt dem Präsidenten unterstellte Behörde auf Regierungsebene, im neuen Ministerium für Heimatsicherheit auf.

Walter Maestri, Leiter des Jefferson Parish's Office of Emergency Management, der mit der FEMA acht Jahre zusammen arbeitete, erklärt, was die Änderungen für New Orleans bedeuten. Unter dem alten System, "hatte man Zugriff auf Entscheidungsträger. Der FEMA-Sachbearbeiter hatte Regierungsstatus. Jetzt gibt es eine zusätzliche Bürokratieebne. FEMA wird von einem Ministeriums-Mitarbeiter geleitet, der mit anderen Ministeriums-Mitarbeitern der Homeland Security um finanzielle Mittel konkurriert. Häuser hoch zu heben, ist nun einmal nicht so sexy wie Gasmasken verteilen". Ein Artikel, der jüngst in der LA Times erschien, weist daraufhin, dass der FEMA unter den organisatorischen Fittichen der Homeland Security ein neues Amt zugewiesen wurde.

Die Bush-Regierung kürzte ebenfalls die finanziellen Mittel für den "US Army Corps of Engineers", der bereits spätestens 1995 die Probleme erkannte und nach Wegen suchte, sie sowohl kurz- als auch langfristig anzugehen. Daher konnte der Corps keine neuen Mitarbeiter einstellen und musste die Aktivitäten zurückschrauben. Mary Landrieu, Senatorin von New Orleans, beklagte die Kürzungen mit den Worten, dass "die Bush-Regierung der finanziellen Förderung der Corps of Engineers eine niedrige Priorität einräumt".

Im Gegensatz zu Medienberichten, wonach die Zerstörung von New Orleans völlig unerwartet kam (wie etwa in der New York Times vom 31.August: "New Orleans is Inundate") oder es gar unmöglich war, sie zu vermeiden (wie das Wallstreet Journal am 1.September meinte: "Katrina's Awful Wake"), zeigen Artikel wie "New Orleans Growing Danger", den der Philadelphia Inquirer vor knapp einem Jahr veröffentlichte, dass das Problem nicht nur bekannt war, sondern mehr noch, welche schrecklichen Konsequenzen das Ignorieren des Problems haben könnte. Terry C. Tuller, der städtische Direktor, verantwortlich für die Reaktion auf Notfälle ("Emergency preparedness") in New Orleans beschrieb einen Ausschnitt dessen, zu welcher Größe sich die Katastrophe auswachsen könnte, wenn man sich nicht damit auseinandersetzen würde:

Was mich nicht schlafen lässt, ist der Gedanke, dass 100.000 Menschen, die Stadt nicht verlassen können.

Im selben Artikel schätzt Ivor van Heerden, Direktor des "Louisiana State University's Center for the Study of Public Health Impacts of Hurricanes", dass etwa 300.000 der 1,2 Millionen starken Bevölkerung in der Region New Orleans nicht sofort die Stadt verlassen könnten. Die Notwendigkeit, diese Leute aus der überfluteten Stadt zu evakuieren, würde eine logistische und humanitäre Krise größerer Dimension heraufbeschwören, warnte er.

Zu Anfang, als Katrina am Montag auf New Orleans traf, hatten die Vertreter der Stadt und andere das Gefühl, dass ihnen der GAU erspart bliebe. Am Dienstag jedoch war das Problem da, das schon lange prophezeit worden war. Zwei der Dämme, welche die Stadt vor der Flut schützen sollten, brachen. Und einige Pumpanlagen funktionierten nicht richtig.

Derzeit stehen die Offiziellen in New Orleans vor der Situation, dass ein großes Ballungsgebiet unter Wasser steht, ohne dass es einen erkennbaren Plan gäbe, wie man die Flut stoppen oder das Wasser aus dem Gebiet abfließen lassen könne. Viele Menschen sind immer noch überall innerhalb des Gebiets gestrandet. Leichen sind über die Stadt verstreut. Die Überlebenen leiden sowohl unter physischen als auch unter emotionalen Schäden. Und das sind nur einige Bausteine der Tragödie, die sich zu einer unvorstellbaren Krise zusammensetzen. Auf diese Katastrophe konnte man warten, ein GAU, der als Problem vorhergesehen wurde, ohne für die nötigen Mittel zu sorgen, um ihn zu verhindern.

Die Untergrabung der Kompetenzen und finanzieller Mittel von Institutionen wie der FEMA und dem Army Corps of Engineers zugunsten der "Heimatsicherheit" belegen den Schaden, den die verschobenen Prioritäten zur Gründung des entsprechenden Ministeriums bereits angerichtet haben. Vier Tage nach dem Hurrikan verurteilen die Opfer die US-Regierung für die Unfähigkeit, Essen, Wasser oder andere Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen. Aus anderen Gebieten innerhalb der Golfregion, die vom Hurrikan Katrina aufgesucht wurden, belegen ähnliche Berichte die Frustration über die schleppende Unterstützung durch die Bundesregierung.

Die fatale Fehleinschätzung, welche Fördermittel und Unterstützung, die zur Verhinderung der Überflutung New Orleans nötig gewesen wären, in falsche Bahnen gelenkt hat, wird nun von der Unfähigkeit der Bundesregierung verschlimmert, der es nicht möglich ist, kritische Soforthilfe zu leisten, die in den Katastrophengebieten nötig wäre.

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