New Orleans, mon amour

04.09.2005

Die "Sichelstadt" geht unter

Eigentlich sind Teile von New Orleans für immer verloren. Was bald versucht wird - und wohl gelingen wird - ist die Wiederbelebung einer toten Stadt. "Selber schuld, wenn man nicht nur im Sumpf baut, sondern auch noch mit dem Klima so umgeht" - ja, ihr habt Recht. Aber wir New Orleanians wussten schon immer, dass die Stadt jederzeit im Wasser versinken kann. Alleine das Chaos nach der Flut hat uns überrascht. Trotzdem verlöre die Welt mit New Orleans etwas Einmaliges.

Wie man der Hausnummer '4002' am Stelz entnehmen kann, handelt es sich bei diesem Holz- und Wellblechschuppen um eine Residenz, und zwar im Sumpf "Honey Island" bei New Orleans. Die Menschen in Südlouisiana sind arm. Die Häuser sind manchmal selbst gebaut - eher schlecht als recht. Das Land ist billig, besonders wenn es eh nicht Land, sondern Wasser ist. (Foto vom Autor letzten Winter)

Am Wochenende vor Katrina bekam ich einen Anruf von einer deutschen Freundin, die mich fragte, ob meine Leute in Sicherheit seien, denn ein Orkan käme auf meine Stadt zu. Ich hatte aus dem fernen Deutschland gar nichts mitbekommen, versicherte ihr aber, dass sie sich keine Sorgen machen müsse, denn niemand weiß besser, wie man mit einem Orkan fertig wird, als wir in Süd-Louisiana und Mississippi - toughe Leute, hart im Nehmen. Dann schaute ich im Internet nach und erfuhr, dass der Orkan mit 300 km/h vor der Stadt im Golf tobte. 300 km/h?

"Seit 60 Jahren höre ich, dass die Stadt beim nächsten Orkan untergeht. Diesmal hat's gestimmt." Meine Mutter am Samstag

Vor einigen Tagen war hier auf Telepolis zu lesen, dass die Häuser in den USA mickrige Gestalten sind, die keiner Brise standhalten können (vgl. Advancing "News guerrillas"). Stimmt: Auch was wie ein Hochhaus aus Stein aussieht, muss keines sein. Aber selbst unsere Holzhäuser sind ein Luxus für viele. Viele Menschen leben in "mobile homes" - schlichten Containern.

Ganz praktische Einrichtung: Man stellt das "mobile home" auf Stelzen. Dann bleibt man bei den vielen Überflutungen jedes Jahr trocken, und man kann die Autos im Schatten parken. Bei Wind um die 220 kmh zerschellt so was aber wie ein Kartenhaus. (Foto vom Autor letzten Winter)
Normalzustand auf dem "Land" außerhalb New Orleans: Ein "Haus" am Wasser. (Foto vom Autor letzten Winter)
Ein Blick vom Gründstück aus, wo ich die ersten vier Jahre meines Lebens verbrachte: in Slidell, Louisiana. Die Menschen auf dem "trailor park" (ja, da wohnen welche) haben das Auge des Orkans direkt abgekriegt. Auch wenn dieser Trailor Park nicht drauf ist: Wer sehen will, wie solche mobile homes in Slidell heute aussehen, kann sich die Splitter im Gebüsch auf diesen Satellitenaufnahmen suchen. (Foto vom Autor letzten Winter)

Do you know what it means to miss New Orleans? - das hat für mich New Orleanian seit der Überflutung eine neue Dimension bekommen. Laut Behörden hat der Mississippi-Fluss Teile von Plaquemines Parish wieder "heimgeholt". Laut einem Ingenieur des Army Corps Ende August wird die Trockenlegung der Stadt einen Monat dauern. Am 1. September ließ der Bürgermeister verlauten, zwei oder drei Monate würden ins Land gehen, bis die Stadt wieder funktioniert. Am 2. September erschien er dann weinend und fluchend im Fernsehen und warf der Bundesregierung vor, sie würde zu wenig unternehmen.

Normalerweise sieht die Gegend um die Stadt so aus. Seit einigen Tagen sieht sie so aus. Hier kann man auch schön die Stadt selbst davor und danach vergleichen.

Wir New Orleanians wissen doch alle, dass die meisten von uns unter dem Meeresspiegel leben - ich kann diesen Telepolis-Artikel dazu (vgl. "Gleichbedeutend mit Fahrlässigkeit") aus vollem Herzen unterschreiben. Wir wissen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir die Stadt verlieren, und dass wir es nur dem Mammutprojekt des Army Corps of Engineers zu verdanken haben, dass die Stadt überhaupt diese Dimensionen angenommen hat.

Gerettet wird wohl, was zu retten ist. Aber die Stadt dürfte nie wieder so aussehen wie einst. Und wenn alle paar Jahre aufgrund des wärmeren Atlantiks solche heftige Stürme auf die Küste treffen, dann wird die Stadt eines langsamen Todes sterben. Schon jetzt sagen Bekannte und Freunde, dass sie wegziehen.

Wieso baute man denn gerade dort eine Stadt?

1718 bauten die Franzosen eine Siedlung nahe der Mündung des Mississippi. Damit kontrollierten sie den Eingang zum größten Fluss Nordamerikas - keine schlechte Idee. Sie suchten sich eine der höchsten Erhebungen am Golf aus, die immerhin gut 80 km vom Salzwasser entfernt ist. Auf diesem Stadtplan von 1728, wo der Mississippi noch als "St. Louis Fleuve" markiert ist, sieht man, wie klein alles begann. Heute ist das French Quarter (auch Vieux Carré genannt) noch größer.

Erst auf dem Stadtplan von 1763 (als die Stadt an die Spanier überging) sieht man das heutige French Quarter in seinen vollen Ausmaßen. Das ganze Gebiet war zwar auch unter Wasser in den letzten Wochen, aber dieser Stadtteil war nicht so schlimm betroffen wie andernorts. Bis Ende der Woche war dieser Stadtteil schon trocken, wie man diesem Satellitenphoto entnehmen kann. Die Franzosen bauten am besten Platz im Sumpf.

Erst auf dem Plan von 1798, kurz bevor die Stadt endgültig an die USA ging, ahnt man, wie klein das French Quarter ist. Dort taucht noch nicht einmal im Norden der Lake Pontchartrain auf. Bis dahin reicht die Stadt aber heute. Auf dem Plan steht überall nördlich vom Vieux Carré nur "Cypress Swamp". Auch die vielen "Bayous" sind eigentlich nichts anderes als Strömungen im Sumpf. Wasser, so weit das Auge reicht. Die Perdido Road (Spanisch für "verloren") schneidet einen Weg durch das Gestrüpp. Heute stehen dort Hochhäuser.

Auf dem Plan von 1841 erkennt man deutlich, was die Amerikaner mit der Stadt vorhatten: Sie platzte aus allen Nähten. Nur ein Kenner findet das French Quarter noch auf dem Plan. Trotzdem: Diese Stadtteile liegen noch nicht unter dem Meeresspiegel, sondern knapp drüber oder dran. Sie folgen dem Verlauf des Mississippi, weshalb New Orleans "Crescent City" genannt wird: Die Sichelstadt.

Ab den 1830ern füllte sich die französich-spanisch-afrikanisch-indianische Stadt zunehmend mit Iren und Deutschen. Ein großer Teil der Menschen, deren Häuser heute noch unter Wasser sind, sind deutscher Abstammung, denn als die Deutschen ankamen, waren die besten Plätze schon belegt. Liebe Telepolis-Leser: Die blöden Leute, die selber schuld sind, sind eure Verwandten.

1849 sieht man, wie die Stadt wuchs. Nun taucht Lake Pontchartrain im Norden auf. Nördlich von Metarie Road wird alle richtig tief. Heute ist jeder Fleck auf diesem Stadtplan von 1849 bebaut.

1901 war es zwar noch nicht so weit, aber die Pläne waren in vollem Gange. Der vollständige Anschluss an Lake Pontchartrain war bereits 1908 vollzogen, wie man diesem Plan entnehmen kann. Noch 1891 war der Keil "City Park" nicht bebaut - einer der höher gelegenen Stadtteile. Heute steht dort der Audubon Park ("City Park" ist heute im Norden der Stadt) südlich von St. Charles Avenue, nördlich davon die Universitäten Tulane und Loyola - letztere eine reine Frauen-Uni. Die Tulane-Jungs freuen sich ob des Frauenüberschusses in den lokalen Kneipen, wie ich mich recht gut erinnern kann.

1899 wurde ein solcher Tulane-Junge names Albert Baldwin Wood von der Stadt New Orleans beauftragt, das Gebiet nahe Lake Pontchartrain zu entwässern, wo die Häuser regelmäßig überflutet wurden. Das tat er auch: Mit der sogenannten Schraubenpumpe, die er verfeinerte. New Orleans war damals eine der größten Hafenstädte der Welt, aber die Stadt wurde von feindlichen Sümpfen umzingelt. Wood sollte den Feind besiegen. Das gelang ihm bei uns sowie später im Zuidersee in Holland.

Das Resultat in New Orleans: Wood pumpte das Wasser aus, und die schon weit unter dem Meeresspiegel liegende Erde sackte noch mal richtig ab mangels Grundwasser. Deiche mussten verstärkt werden, damit die absehbare Katastrophe nicht vor den nächsten Wahlen einbrach. Die Stadt war noch im August 2005 auf einen Orkan der Stärke 3 vorbereitet. Die Natur schickte eine 4 (oder 5, je nach Bericht), die knapp an der Innenstadt vorbei ging - quasi direkt über Slidell, Louisiana, wo ich nach meiner Geburt in New Orleans die ersten vier Jahre meines Lebens in einem mobile home verbrachte.

Sniper

Nein, niemand aus New Orleans ist überrascht, dass die Stadt nun unter Wasser ist. Aber die Schüsse auf Rettungshubschrauber machen alle sprachlos.

In den letzten Tagen ist viel davon gesprochen worden, dass diese Katastrophe das Schlimmste aus manchen Menschen hervorgerufen hat. In der Tat ist der Vergleich zum sozialen Zusammenhalt in New York City nach dem 11.9.2001 niederschmetternd.

Ich mache diesen Menschen, die auf Rettungshubschrauber schießen und Läden plündern (auch wenn die zwei Taten nicht in einen Topf zu werfen sind), jedoch keine Vorwürfe. Ich möchte nicht mit ihnen tauschen. Wir New Orleanians müssen uns die Frage stellen, wie wir es so weit haben kommen lassen können. Warum haben wir so viele Menschen unter uns, die so wenig zu verlieren haben - die Spaß daran finden, Chaos in der Katastrophe zu stiften?

New Orleans hat schlechte Schulen, schlechte Jobs, eine schlechte Infrastruktur. Zu viele New Orleanians haben mehr Waffen als Hoffnungen. Wir haben es vorgezogen, die Steuern zu senken, damit wir unsere Kinder in gute, privilegierte, private Schulen schicken können. Die öffentlichen Schulen haben wir verkümmern lassen. Ich bin ein Produkt dieser privilegierten Schulen.

Wir haben gewusst, was wir getan haben, als wir die Steuern senkten, damit wir uns Schwimmbäder im Garten leisten konnten - wir wollten nicht mit diesem Gesindel in öffentlichen Bädern schwimmen, die sowieso bald mangels Finanzierung schließen mussten. Heute hat die private Tulane University eine riesige Sportanlage mit Olympischem Pool, Gewichte-Raum, Solarium, usw. Aber da kommt keiner rein, der nicht eingeschrieben ist.

Gleiches gilt für die Uni-Bibliothek. Aber in Freiburg leihe ich mir immer noch Bücher aus der UB aus, obwohl ich seit 1998 nichts mehr mit der Uni zu tun habe. Und während New Orleans überflutet wurde, genoss ich sonnige Tage in zwei verschiedenen öffentlichen Freiburger Freibädern.

New Orleans bekommt nicht nur die Rechnung für den übermäßigen Energiekonsum und die Missachtung des Klimaschutzes. Die Sniper sind die Rechnung für die Missachtung der eigenen Landsleute. Wir lange können wir uns diese Ausgrenzung leisten?

The joke's on us!

Wenn New Orleans irgendwann nicht mehr existiert, stirbt eine Stadt, die der Welt lange vorgelebt hat, wie Multikulturalismus funktionieren kann: Nicht einfach, nicht ohne Ausbeutung und Vorurteile, aber reich an Musik, gutem Essen, und Lebensfreude. Nie langweilig. Schwarz und Weiß leben keineswegs so getrennt in New Orleans, wie heute oft berichtet wird. Als New Orleanian fand ich die Trennung in jeder anderen Stadt in den USA, die ich besuchte, viel deutlicher.

Wir haben nicht alles gemeistert, aber New Orleans hat gezeigt, dass es sich lohnt, Menschen unterschiedlicher Kulturen zusammenzubringen. Multikulti war in New Orleans nie Mode; multikulti ist das Wesen der Stadt seit ihrer Gründung Anfang des 18. Jahrhunderts. Wir waren schon lange multikulti, als der große neufränkische Führer Napoleon die zersplitterten deutschen Fürsten-, Herzog-, und Bistümer zum ersten Mal wiedervereinte.

New Orleanians kriegen vielleicht nicht viel auf die Reihe, aber sie wissen, wie man den Mischerfolg nachher feiert. Wer sonst nennt die Webseite des eigenen Flughafens (Louis Armstrong International Airport) "flymsy.com"? Hey, the joke's on us! Ein Exportgut aus New Orleans: Die Einstellung, dass man sich nicht so ernst nehmen darf.

Meine Familie beiderseits geht Jahrhunderte in Mississippi und Louisiana zurück. Mein Onkel Ju Ju wohnt so lange im Sumpf bei Slidell, dass die Strasse zu seinem Haus nach ihm benannt wurde, als sie endlich einen Namen bekam. Als ich Ju Ju letzten Winter traf, sagte er (74 Jahre alt), sein Arzt habe ihm geraten, er solle alles langsam angehen, denn sein Herz arbeite nur noch zu 25%. "Das passt ja", meinte er lachend, "denn ich habe noch 25 Jahre!"

Die Deutschen brauchen sich keine Sorgen zu machen, dass ihre mäßige Anteilnahme mit besserwisserischem Fingerzeig bei uns New Orleanians schlecht ankommt. Die alten Stadtteile, die Touristen besuchen, werden die letzten sein, die sterben, denn sie stehen am höchsten. Nachdem alles wieder hergerichtet ist, könnt ihr gerne dem dunklen deutschen Winter bei uns entkommen - wir trinken gerne ein daiquiri (gesprochen: däkri) oder drei mit euch zusammen! Trinken wir auf meinen Tulane-Kommilitonen Wood, der euch Europäer vor Jahrzehnten ins Ijsselmeer gelockt hat!

Aber beeilt euch, denn wir können die Stadt nicht ewig gegen die feindlichen Sümpfe verteidigen. Der nächste Orkan (neudeutsch: Hurricane) kommt bestimmt. New Orleans, mon amour, wir richten dich noch mal wieder schön her und trotzen der Natur, solange es geht, denn wir sind toughe Leute - hart im Nehmen. Niemand weiß besser, wie man mit einem Orkan fertig wird, als wir...

Craig Morris lebt seit 1992 im Badnerland. Soweit er weiß, hat er niemanden verloren, aber er weiß es nach 6 Tagen immer noch nicht, denn er hat nur einmal mit seinen Eltern (um 3 Uhr nachts am Samstag) sprechen können, die in Süd-Mississippi am Freitag erst Strom zurückhaben, aber noch kein Telefon, und deshalb auch gar nichts über andere Verwandte wissen, die sie auch nicht besuchen können, weil niemand Benzin hat.

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