Die fünfte Gewalt

06.09.2005

Schneller, hilfreicher, unmittelbarer: Weblogs haben sich bei der Hurrikan-Katastrophe als unverzichtbares Medium erwiesen

Oft wurden sie nur belächelt, die so genannten Blogger. Denn die Verfasser der Internet-Tagebücher produzierten meist nicht mehr als einen Wust persönlicher Belanglosigkeiten. Doch in Zeiten von Terroranschlägen, Militärinvasionen und Naturkatastrophen ungeahnten Ausmaßes etablieren sich Weblogs mit ihren persönlichen Schilderungen, selbst erstellten Fotos und Videos als ernst zu nehmende Konkurrenzen zu herkömmlichen Informationsquellen.

So findet u. a. das Weblog von Michael Barnett seit "Katrina" weltweite Beachtung. Denn es schildert hautnah die unfassbaren Geschehnisse in New Orleans seit der Hurrikan-Katastrophe. Berichtet wird direkt aus dem verwüsteten Zentrum der Stadt. Dank eines Stromgenerators und funktionierender Internetverbindung werden zudem Fotos und Bilder einer Live-Webcam veröffentlicht. Hier erfuhr man zuerst vom Elend der Menschen, in Brand gesteckten Häusern, dem tagelangen Fernbleiben von Hilfskonvois und plündernden Polizisten:

The police are looting. This has been confirmed by several independent sources. Some of the looting might be "legitimate" in as much as that word has any meaning in this context. They have broken into ATMs and safes: confirmed. We have eyewitnesses to this. They have taken dozens of SUVs from dealerships ostensibly for official use. They have also looted gun stores and pawn shops for all the small arms, supposedly to prevent "criminals" from doing so. But who knows their true intentions. We have an inside source in the NOPD who says that command and control is in chaos. He reports that command lapses more than 24 hours between check-ins, and that most of the force are "like deer in the headlights." NOPD already had a reputation for corruption, but I am telling you now that the people we've been talking to say they are not recognizing the NOPD as a legitimate authority anymore, since cops have been seen looting in Walmarts and forcing people out of stores so they could back up SUVs and loot them. Don't shoot the messenger...

Unzählige weitere Blogs zur Hurrikan-Katastrophe sind wie Pilze aus dem Boden geschossen. Besonders bemerkenswert war die Schnelligkeit dieses Mediums auch bei der Vermisstensuche: Denn bevor offizielle Behörden entsprechende Suchseiten für die Betroffenen von New Orleans etablieren konnten, waren Dutzende darauf spezialisierte Weblogs längst online.

Viele andere Weblogs änderten umgehend ihre Themenschwerpunkte. So berichtet das Technologie-Weblog "Lost Remote" fast ausschließlich über Möglichkeiten der Informationsbeschaffung über "Katrina". Selbst zwei der bekanntesten Weblogs (BoingBoing.net, Fark.com), die sich eigentlich durch das Sammeln skurriler Meldungen einen Namen gemacht haben, stellten "Katrina" und deren Folgen umgehend in den Mittelpunkt der Berichterstattung. So sammelte allein Fark (neben vielen anderen Weblogs) in kürzester Zeit durch einen Spendenaufruf an die Blogger mehrere zehntausend Dollar für die Hurrikan-Opfer.

Zeitung kurzerhand zum Weblog umfunktioniert

Noch weiter ging die "New Orleans Times" (Nola). Da sie aufgrund der zerstörten Druckmaschinen nur noch online berichten kann, ist sie mittlerweile zu einem großen Weblog umfunktioniert worden. Und während Vertreter aus Politik und Medien an Bord von Hubschraubern sich ein erstes Bild von der Situation machten, bot man hier längst konkrete Hilfe für die Betroffen durch ein Forum an. Und bis heute nehmen Hilferufe nach dem Hurrikan kaum ab.

Tenor Sax King of New Orleans Johnny Pennino and his elderly mother are still waiting for rescue at 924 N. Rocheblave St, Orleans Ave and S. Broad St area. He left a message for help on Friday afternoon. We gave his address Wed AM and again yesterday, but still no help. It is a shame that people are still without help after all these days.

Diabetic person with No insulin in uptown
Please help Jane Mckenzie; she is a 65 and she is really sick and stranded with her husband Mike; they live uptown at 1517 Lowerline, New Orleans, LA 70118. PLEASE HELP THEM...

Can someone get to the authorities there. I have worked for the past three years at the Park Plaza Hotel in NO. The GM called me yesterday from a pay phone that works in the hotel. There are between 100-150 ppl still trapped in there surrounded by water. NO one has been there at all, no one knows they are there. They have been on the fire escapes outside of the building but because of the water, no one has been close to them. There are four elderly people that were guest there that are critical and the GM is desperate to get them out to get help but it needs to be by boat. I have tried and tried emergency lines but cannot get anyone to answer. If you can help, please pass this along.

Hier ist erstmals ein traditionelles Medium verschmolzen mit der Blogosphäre, was selbst der SPIEGEL anerkennen musste. Auch der Chefredakteur von CNN International, Nick Wrenn, glaubt an die zunehmende Bedeutung von Webloggern und ihrem praktizierten Bürgerjournalismus. So verwundert es nicht, dass auf der Homepage von CNN mittlerweile an oberster Stelle eine Rubrik für den "Citizen Journalist" eingerichtet wurde.

Die Gefahr eines möglichen "Bürgerpaparazzitums" ist nicht von der Hand zu weisen. Bildagenturen wie Scoopt, die Fotos von Handy-Kameras an die Presse weiterverkaufen und die potenziellen Paparazzis mit einem fifty-fifty-Deal locken, könnten den Hang zur Manipulation verstärken

Etablierte Pressevertreter müssen sich an die neue Macht der Weblogger gewöhnen. Gerade die zwei einflussreichsten Presseerzeugnisse in Deutschland bekommen das seit längerem zu spüren. So werden im Bildblog regelmäßig die zahlreichen Falschmeldungen und Manipulationen der BILD-Redakteure dokumentiert. Aber auch der SPIEGEL bleibt von der Kontrolle der Internetagebuchschreiber nicht verschont. Hier decken Blogger gezielte Manipulationen auf, die die traditionelle Presse nur selten publiziert. Das Wachstum der Blogosphäre ist immens, den Angstschweiß der etablierten Medien kann man schon riechen:

Lange war von den Medien als Vierter Gewalt die Rede. Nun entsteht durch Weblogs und Citizen Journalism so etwas wie eine Fünfte Gewalt.

Horst Pirker, Präsident des Verbands Österreichischer Zeitungen
x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Weit weg mit Telepolis
Anzeige
Auf nach Brasilien
Leben im Regenwald, Nationalpark Iguacu, Rio de Janeiro
Cover

Leben im Gehäuse

Wohnen als Prozess der Zivilisation

Anzeige
Cover

Vergiftete Beziehungen

Männer oder Frauen: Wer hat recht?

Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Guatemala in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.