"Überentwickelte militärische Strategie"

Thomas Pany 08.09.2005

Heftige Kritik an den USA im neuen UN-Bericht, Zwangsräumungen in New Orleans und PR-Arbeit der Regierung Bush

Die Hilfe aus Miami ist orginell und hat pompöse Namen: Drei Schiffe, die "Sensation", die "Ecstasy" und die "Holiday" mit einer Aufnahmekapazität von insgesamt über 5000 Passagieren, hat die Carnival-Kreuzfahrtgesellschaft mit Sitz in Miami für die Flutopfer als "floating shelter" zur Verfügung gestellt. In Galveston, Texas warten die "Sensation" und die "Ecstasy" seit Montag auf ihre neuen Gäste aus Louisiana - sechs Monate sollen sie bleiben dürfen - , doch bis gestern ist nach einem Pressebericht keiner der "Displaced Citizens" (vgl. Chaos auf dem Weg zum organisierten Chaos) an Bord gegangen.

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Eine klangvolle PR-Aktion, die zwar für einige Aufmerksamkeit und tolles Image sorgt, aber an den Bedürfnissen der Flutopfer vorbeigeht? Möglich. Auch die großflächigen Rettungsmaßnahmen, begründet unter anderem mit dem umstrittenen Risiko, das vom bakteriell verseuchten Wasser ausgeht, finden nur teilweise Anklang bei der Bevölkerung von New Orleans. Zwangsräumung, "forced evacuation", ist das große Schlagwort von gestern und heute. Etwa 5.000 bis 10.000 Menschen sollen noch verstreut in New Orleans ausharren und nicht alle wollen ihr Zuhause verlassen. Zuerst sollten die Freiwilligen umgesiedelt werden und dann mit einem abgestuften Repertoire an Überzeugungs- und Druckmitteln diejenigen, die bleiben wollen, weil sie sich nicht vorstellen können, an einem anderen Ort ihr Leben neu anzufangen.

Bei den Räumungsaktionen soll es zu Szenen kommen, die an den Irakkrieg erinnern, Häuser, die aufgebrochen werden, Soldaten, die ins Haus dringen: Assoziationen und Bilder, die dem Image der Regierung weiteren Schaden zufügen. Die USA hätten eine "überentwickelte militärische Strategie und eine unterentwickelte Strategie, was die Sicherheit der Menschen anbelangt", so eine der drastischen Erkenntnisse, die im gestern veröffentlichten "Human Development Report" der UN zu finden sind, der Teilen der USA das Niveau eines Dritte-Welt-Landes attestiert.

Parallelen zum Irak wurden in den letzten Tagen häufiger erwähnt. In Kommentaren der arabischen Presse und von Kriegsgegnern, am deutlichsten von Tom Engelhard. Er entdeckt große Ähnlichkeiten in der Planlosigkeit gegenüber Ereignissen, von denen bekannt war, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit eintreten können, das Fehlen von "Boots on the Ground" und die Passivität gegenüber den Plünderungen.

Für eine weitere Parallele sorgte die FEMA (Federal Emergency Management Agency), die in einer Art Zensur, wie sie im Irakkrieg üblich ist, verbot, Bilder von Toten zu veröffentlichen.

Währenddessen versucht Präsident Bush sein Bestes, um sein Bild als tatkräftiger Präsident wiederzugewinnen: Nachdem letzte Woche vom Kongreß bereits ein 10, 5 Milliarden Dollar teures Hilfspaket für die Krisenregion genehmigt worden ist, will er das Paket jetzt um weitere 51, 8 Milliarden aufstocken. Die finanzielle Großzügigkeit wird von einer rhetorischen begleitet. Es sei jetzt keine Zeit für das "Blame Game" ließ Bush verlauten und setzt damit, wie Kritiker monieren, auf die kurze Aufmerksamkeitsspanne; bald stehen auch der Wirbelsturm "Katrin" und das Desaster, das er ausgelöst hat, nicht mehr auf den Titelseiten der amerikanischen Zeitungen.

Die grandiose rhetorische Maschinerie der gegenwärtigen US-Regierung hat sich jedenfalls schon warmgelaufen. "What didn't go right?" soll Bush Nancy Pelosi, der demokratischen Oppositionsführerin, auf deren Forderung nach Entlassung des FEMA-Chefs Michael Brown geantwortet haben.

In der ersten Gallup-Umfrage nach der Katastorphe (durchgeführt am 5. und 6.September) liegt Präsident Bush jedenfalls gar nicht so schlecht: 42 % beurteilten die Reaktion des Präsidenten auf die Katrina-Krise als "schlecht" bzw. "miserabel". Für 35 Prozent war sie allerdings "good" oder gar "great".

http://www.heise.de/tp/artikel/20/20888/1.html
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