"News Guerrillas" auf dem Vormarsch
OhmyNews und der Journalismus des 21. Jahrhunderts
In seiner Autobiografie beschreibt Oh Yeon Ho, Gründer und Direktor der koreanischen Zeitung OhmyNews, wie Südkorea 1999 von einem wahren Internet-Fieber ergriffen wurde. Zu dieser Zeit machte sich Oh Yeon Ho gerade daran, seine OhmyNews vom Stapel zu lassen. "Bei der Industrialisierung waren wir zu spät dran, lasst uns also in der digitalen Revolution ganz vorne dabei sein." Diese und andere Slogans, wie: "Wir werden Korea zu einer Supermacht machen", die von der Regierung und den Medien damals verbreitet wurden, führten zur Gründung von Internet-Ausgaben der großen wichtigen koreanischen Zeitungen. "Die nach außen abgeriegelte, elitäre journalistische Kultur wurde so völlig intakt ins Internet übertragen", meint Oh.
Was seinen eigenen Hintergrund angeht, seine damaligen technischen Kenntnisse, sein Wissen über das Internet, so sieht sich Oh als "Provinzler". 10 Jahre lang, seit 1989, arbeitete er als Journalist für eine koreanische Zeitung, die monatlich herausgegeben wurde: "Mahl"; die Monatsschrift gehörte einer Gruppe von engagierten Bürgern, die sich "Citizens' Coalition for Democratic Media" nannte. Außerdem gab Oh für Universitätsstudenten journalistische Kurse, in denen sie sich auf den Reporter-Beruf vorbereiten konnten. Seine Vorlesungen übertitelte er mit dem Credo: "Jeder Bürger ist ein Reporter" ("Every citizen is a reporter.").
Woran sich Oh besonders rieb, war die Unausgewogenheit der Medienlandschaft in Südkorea: acht konservative Medien-Häuser und zwei progressive, die Monatszeitung "Mahl" und "Hankyoreh". Was eine Nachricht ist, das definierten in Südkorea damals die konservativen Medien-Gesellschaften. Eine Geschichte, die in der "Mahl" veröffentlicht wurde, wurde von den anderen Blättern kaum beachtet; anders bei Geschichten, die von den konservativen Zeitungen publiziert wurden, das waren wichtige Nachrichten.
OhmyNews und die "386"
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In der Hoffnung die südkoreanische Medienlandschaft etwas ausgewogener und progressiver zu gestalten, verkaufte er sein Haus und steckte das Geld in die Gründung der ersten südkoreaaischen Internet-Zeitung, die er "Ohmy News" nannte. Fünf Geschäftsleute aus der "386"-Generation investierten ebenfalls in die Gründung (der Begriff "386"-Generation bezeichnet die Generation, die an der Studentenbewegung der 80er Jahre teilnahm und damals dabei mitwirkte, die Militärdiktatur in Südkorea zu stürzen).
Diese fünf Geschäftsleute und Oh waren die ersten Aktionäre der OhmyNews. Oh bat einige Webmaster, die er kannte, darum, ein Programm zu schreiben und Ende 1999 war die Beta-Test-Version einer neuen Online-Zeitung fertig. Am 21.Dezember 1999 ging die erste Ausgabe ins Netz. Zu dieser Zeit hatte OhmyNews vier Leute im festen Team und erhielt zwanzig Artikel von "citizen reporters". Zum Zeitpunkt des offiziellen Start-Termins, am 22.02.2002 um 2Uhr 22 (nachmittags), als die nötigen offiziellen Papiere unterzeichnet waren, waren es 727 citizen reporters.
Sein Ziel, erklärt Oh, bestand darin, eine neue Medienkultur zu schaffen, in der "die Qualität der Nachrichten bestimmt, ob sie gewinnt oder verliert" - und nicht die Macht oder das Prestige der Mediengesellschaft, welche den Artikel gedruckt hat. Zum Glück für das abenteuerliche Unterfangen von Oh hatte er mit dem Internet ein passendes Element für seine Expedition gefunden: es ist flexibel, formbar, interaktiv, umfassend und unterstützt die kollektive Zusammenarbeit mehrerer Gleichgesinnter (vgl. "Dawn of the Internet and Netizen").
Jeder Bürger ist ein Reporter
Diese Qualitäten des Internet halfen ihm, eine online-Publikation zu etablieren, die es drei Jahre später, im Oktober 2003, auf Platz sechs der Liste der einflussreichsten koreanischen Medien geschafft hat. Im selben Jahr warf OhmyNews auch zum ersten Mal Profit ab. Wie Jean Min, der Leiter der internationalen Ausgabe von OhmyNews, erklärt, kommen heute 70% der Einnahmen aus der Werbung und 30% vom Verkauf von news content und aus anderen Quellen. Die Hoffnung der Leute von OhmyNews ist, dass sich dies künftig zu einem stabileren 50/50 Mischungsverhältnis verändert.
Gegenwärtig besteht der Kern des Personals von OhmyNews aus Vollzeitbeschäftigten. Es gibt allerdings auch Kolumnisten, internationale Korrespondenten und freie Reporter. Insgesamt 75 Mitarbeiter (45 Reporter, davon 12 Redakteure) gehören zum festangestellten Personal. Nach Schätzungen von Jean Min dürften es derzeit 39.000 freie "citizen reporters" geben. Wie er zum Konzept des "Bürgerreporters" kam, erklärt Oh folgendermaßen:
Jeder Bürger ist ein Reporter. Journalisten sind keine exotische Spezies, Journalist ist jeder, der neuen Entwicklungen nachspürt, sie beschreibt und sie dadurch mit anderen teilt. Das versteht sich eigentlich von selbst, diese Selbstverständlichkeit wurde allerdings von einer Kultur, die den Reporter als jemanden konzipiert, der sich gewisser Privilegien erfreut, konterkariert. Diese mit Privilegien ausgestatteten Reporter bilden ein Nachrichtennetzwerk mit großer Macht, die von der Produktion der Nachrichten ausgeht und bis zur Verbreitung und Rezeption reicht. Die Schwere des Problems liegt nun darin, dass die massive Medienmacht gewissermaßen den Abflussgraben der koreanischen kapitalistischen Gesellschaft bildet. Es gibt viel Schmutziges in diesen Medien und doch haben sie es geschafft, sich selbst als sauber und rechtschaffen gegenüber dem Rest der Gesellschaft zu präsentieren. Deshalb stehen wir dagegen auf und halten unsere Fahne der Guerilla-Kriegsführung hoch. Unsere Waffe ist die grundlegende These, dass jeder Bürger ein Journalist ist. Wir beabsichtigen eine "Allianz für Nachrichten von Nachrichten-Guerillas" zu bilden.
Was er unter "Guerilla"-Kriegsführung genauer versteht, erklärt Oh so:
Im Wörterbuch findet man Guerilla definiert als "ein Mitglied einer kleinen nicht regulären bewaffneten Truppe, welche die Sicherungspositionen des Feindes stört. Citizen Reporters bzw. Bürger-Reporter können entsprechend als Guerillas bezeichnet werden, weil sie Nachrichten aus einer einzigartigen, ihnen eigenen Perspektive heraus in die Welt setzen, die denen des konservativen Establishments entgegenlaufen.
Einige der Citizen Reporter schreiben nur gelegentlich, andere regelmäßig. Jeden Tag erreichen zwischen 200 und 250 Artikel die Redaktion, etwa 70% davon werden, so Oh, veröffentlicht. Die Webseite wird täglich aktualisiert, manchmal mehrmals am Tag. Die redaktionelle Belegschaft entscheidet darüber, ob sie auf der ersten Seite oder in einer der verschiedenen Rubriken ("Sections") erscheinen. Den Artikeln, die auf der Hauptseite erscheinen, oder zumindest auf der Hauptseite im Index der Liste der neuen Artikel, ist größere Aufmerksamkeit sicher. Es gibt auch eine wöchentliche Liste der am meisten gelesenen Artikel. Außerdem erscheinen in der Print-Ausgabe manche der zuvor online publizierten Artikel.
Eine bessere Welt schaffen
Wenn ein Artikel eines Citizen Reporters genommen wird, verdient der Autor je nach Platzierung des Artikels: umgerechnet etwa 160 Euro bei einer Top-Platzierung und nur etwa 16 Euro, wenn der Artikel irgendwo in der Online-Ausgabe erscheint. Das ist wenig Geld. Auf die Frage, warum sie ihre Artikel an OhmyNews verkaufen, obwohl sie doch so wenig dafür bezahlt bekommen, antworteten Citizen Reporter, dass sie damit ihren Beitrag für die Schaffung einer besseren Welt leisten würden.
Die Auswahlkriterien für einen Artikel sind nach Oh einmal die Aktualität, "die Sympathie, welche der Artikel erwecken kann, wie lebendig er ist und wie groß die soziale Wirkung ist, die er erzielen wird". Nach der Meinung eines Akademikers, der Blogs erforscht, sind Blogger in Südkorea der Meinung, dass die Blogs dort weniger Einfluss haben, weil viele potentielle Blogger es vorziehen, als Citizen Reporter für OhmyNews zu arbeiten.
Am 22.Februar dieses Jahres feierte OhmyNews seinen fünften Geburtstag. Für Oh waren die ersten fünf Jahre die erste Stufe in der Entwicklung einer jungen Zeitung. Eines der Ziele bestand darin, sich ein Standing als seriöse Zeitung in Südkorea zu verschaffen. Erreicht wurde dieses Ziel, indem man die Aktivitäten der großen Unternehmensbündnisse und der Big Media genau unter die Lupe nahm und kritisierte. Über große und wichtige südkoreanische Ereignisse wie den Präsidentschaftswahlkampf von Roh Moo-Hyun und dessen Kampagne gegen sein "Impeachment" wurde ebenso berichtet wie über Kandidaten und Leute mit weniger Macht und Einfluss. Ein anderes Ziel der ersten Jahre von Ohmynews bestand darin, das OhmyNews-Modell in der Welt zu verbreiten.
Die englische Ausgabe von OhmyNews
Da OhmyNews von vielen großen internationalen Zeitungen beachtet wurde und Anfrage aus vielen verschiedenen Ländern kamen, die wissen wollten, wie man ein ähnliches Modell schaffen könnte, wurde am 27. Mai 2004 eine englische Ausgabe von OhmyNews ins Leben gerufen, die seither regelmäßig veröffentlicht und von Bürgerreportern aus aller Welt mit Artikeln beliefert wird.
Damit, so Oh, sei man in der zweite Entwicklungsstufe angelangt. Das Ziel bestehe jetzt darin, "über die Kritik am existierenden sozialen Establishment hinaus Alternativen für eine neue Gesellschaft vorzuschlagen". Um dieses Ziel zu erreichen, will OhmyNews auf seine festen Reporter vertrauen. Wenn man sich vergegenwärtige, welchen Einfluss eine Zeitung ausüben könne, so Oh, dann sei es geboten, den Einfluss in einer verantwortlichen Art und Weise auszuüben. Ein weiteres Ziel der zweiten Stufe ist die Weiterentwicklung von Multimedia-Aktivitäten; so arbeitet man beispielsweise an einem Internet TV-Programm. Da dies jedoch große finanzielle Mittel benötige, werde die Verwirklichung dieses Ziels noch einige Zeit dauern. Trotzdem er stolz auf seine internationale Ausgabe ist, sieht sich Oh nicht als Konkurrenz zu großen internationalen Zeitungen wie die New York Times oder die Washington Post.
Stattdessen hofft er darauf, dass sich das Konzept und die Vision von OhmyNews verbreitet, so dass es auch in anderen Ländern auf deren Eigenheiten zugeschnittene Modelle von OhmyNews gebe. "In jedem Land gibt es spezielle und einzigartige Bedingungen, die man berücksichtigen muss, wenn es genügend OhmyNews-Versionen in anderen Ländern gibt, könnten wir eine Allianz bilden, um untereinander Artikel auszutauschen und uns gegenseitig zu helfen."
Es gibt die "online user" in Südkorea, welche die dortige Demokratie ausbauen wollen und die sich selbst "netizen" nennen. Viele von den Netizens haben zu OhmyNews beigetragen und die Zeitung hat ihnen im Gegenzug dabei geholfen, wichtige Errungenschaften bei der gegenwärtigen Demokratisierung Südkoreas zu realisieren. So wurden z.B. zwei Monate nach der Geburt von OhmyNews vier Reporter damit beauftragt, über die Schwarze-Liste-Kampagne zu berichten, die ins Leben gerufen worden war, um zu vermeiden, dass korrupte und inkompetente Politiker bei der Wahl im Jahre 2000 wiedergewählt werden.
Noch bezeichnender in diesem Zusammenhang war die Kampagne, die von Netizens in Gang gesetzt wurde, um Roh Moo-Hyun – nicht gerade ein Politiker, der sich im politischen Mainstream Koreas bewegt – bei seinem Wahlkampf für die Präsidentschaftswahl im Dezember 2002 zu unterstützen. OhmyNews spielte ebenfalls eine bedeutende Rolle in diesem Wahlkampf. Im Frühjahr 2004 wandten sich Netizens und OhmyNews gegen das Impeachment von Roh, indem sie große Lichterketten-Demonstrationen organisierten, an denen viele Tausend Menschen teilnahmen.
Mehr als ein bloßer Traum
Zu den Problemen, mit denen OhmyNews konfrontiert ist, gehört die Frustration einiger Citizen Reporter, die aus der mangelhaften Verständigung und Kommunikation mit dem regulären festen Mitarbeiterstab rührt. Manche Bürger-Reporter beklagen sich auch über mangelnde Zahlungsmoral.
Als ich kürzlich in Seoul war, fragte ich Leute danach, ob sie OhmyNews kennen und lesen würden. Viele kannten OhmyNews und einige sagten, dass sie sie lesen würden. Bei Gesprächen hörte ich heraus, dass OhmyNews für manche zu sehr dem gegenwärtigen Präsidenten Roh Moo-Hyun zugetan sei. Andere priesen Ohmynews als eine der wenigen progressiven Publikationen in Südkorea.
Im vergangenen Juni hielt OhmyNews ein internationales Forum in Seoul ab, zu dem Citizen Reporter aus allen Teilen Südkoreas und der ganzen Welt eingeladen waren. Es war eine bedeutsame Zusammenkunft für einen Medienbetrieb, der erst fünf Jahre alt ist. Der tägliche online Auftritt von OhmyNews in Koreanisch und Englisch ist eine fortwährende Demonstration des Engagements von Oh für die Schaffung eines Journalismus im 21.Jahrhundert, für den "interaktiv" und "partizipatorisch" keine Beiwörter aus einem fernen Traum sind.
Wie sich die Entwicklung und Verbreitung des Internet auf die Zukunft des Journalismus auswirken wird, wird sich erst noch herausstellen. In Südkorea haben OhmyNews und die Netizen schon mal gezeigt, dass es eine andere Form des Journalismus gibt, der im Wettbewerb um künftige Formen mitstreiten wird. Darüber hinaus haben sie deutlich gemacht, dass die Wirkung die diese neue Form des Journalismus auf die Politik haben kann, nicht zu unterschätzen ist.
http://www.heise.de/tp/artikel/20/20893/1.html- Nichts gegen Sympathie, besonders offene. (26.9.2005 17:50)
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