Brüssel hält die Augen auf

Uwe H. Sattler 10.09.2005

Die EU hat nicht nur die Speicherung aller Daten von Telekommunikationsverbindungen im Visier

Sind die Brüsseler Mühlen erst einmal in Gang gekommen, mahlen sie unerbittlich. Das gilt auch für die länderübergreifende "Bekämpfung des Terrorismus". Zwar konnten sich die Innen- und Justizminister der EU auf ihrem Treffen am Donnerstag und Freitag nicht auf das flächendeckende Ausspionieren von Telefonaten einigen. Bis Oktober aber soll die europaweite Speicherung aller Daten von Telekommunikationsverbindungen Gesetz sein.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Die britische Regierung hat das Vorhaben auf die Agenda ihrer halbjährigen Ratspräsidentschaft gesetzt. Konkret geht es darum, europaweit alle Anbieter von Telekommunikations- und Multimediadiensten zur so genannten verdachtslosen Speicherung sämtlicher Bestands-, Verbindungs-, Nutzungs- und Abrechnungsdaten auf Vorrat für die Mindestfrist von einem Jahr zu verpflichten. Der Datenbestand soll dann "bei Bedarf" den Strafverfolgungsbehörden, der Polizei und dem Geheimdiensten zur Verfügung gestellt werden. Nicht vorgesehen ist allerdings die Speicherung der Kommunikationsinhalte selbst.

Im Juni waren die Briten im Europaparlament mit eben jenem - gemeinsam mit Frankreich, Irland und Schweden ausgearbeiteten - Vorschlag durchgefallen. Die Abgeordneten hatten "erhebliche Zweifel sowohl an der Wahl der Rechtsgrundlage als auch an der Verhältnismäßigkeit der Maßnahme". Schon einfachste Manipulationen, wie die Nutzung öffentlicher Telefonzellen, die Veränderung von IP- und Email-Adressen oder die Nutzung außereuropäischer Provider, würden die ungeprüften Daten nutzlos machen. Verwiesen wurde auch auf "die Möglichkeit einer Verletzung (...) der Europäischen Menschenrechtskonvention".

Im englischen Newcastle machten nun auch die deutschen Minister Otto Schily (Inneres) und Brigitte Zypries (Justiz) ihre Vorbehalte deutlich. Allerdings nicht grundsätzlich: Sie forderten Ausnahmeregelungen und Nachbesserungen beim Kosten-Nutzen-Verhältnis. Gerade den großen Aufwand hatten die Telefongesellschaften moniert und ihr Mitspielen verweigert. Aus ganz anderen Gründen dagegen lehnt der deutsche Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar das Spähvorhaben ab. Er hält die Erfassung von "Millionen von Datensätzen völlig unschuldiger und unverdächtiger Nutzer von Telekommunikationsdiensten quasi auf Vorrat" für rechtlich bedenklich. Im Zusammenhang mit den jüngsten Beratungen der EU-Innen- und Justizminister forderte Schaar, Daten nur im Zusammenhang mit Terrorismus zu speichern.

Aber nicht nur der Rat, in dem die Vertreter der Staaten sitzen und die wichtigsten Entscheidungen treffen, ist nach den Anschlägen von London in Aktionismus verfallen. Auch die Kommission will offensichtlich an der Terrorflanke massiv mitmischen. Allein in den vergangenen beiden Monaten legte die EU-Zentrale drei zentrale Dokumente vor, mit denen die Abwehr terroristischer Angriffe gestärkt werden soll.

So hat die EU-Kommission Anfang August beschlossen, ein Forschungsprojekt zu finanzieren, mit dem eine "Systemarchitektur für ein Anti-Terrorismus-Sicherheitssystem" im Verkehrswesen entwickelt werden soll. Damit sollen insbesondere Zugreisende besser vor chemischen, biologischen, radiologischen und nuklearen Anschlägen geschützt werden. Das Projekt soll dazu Informationen von Sensoren, ferngesteuerten oder autonomen Kameras, Bodeneindringradar und Line-Scannern zusammenführen. Insgesamt 15 Millionen Euro stellt Brüssel für das Vorhaben bereit.

Bereits Mitte Juli hatte die EU-Kommission eine schärfere Kontrolle von allen Materialien und Chemikalien, die zum Bombenbau benutzt werden könnten, angeregt . Dazu gehört die Regelung für kommerzielle Explosivstoffe (einschließlich der Meldepflicht für "verdächtige Transaktionen") ebenso wie die Kennzeichnung von Explosivstoffen oder die Markierung und Verfolgung von Sprengstoffen. Empfohlen wird sogar, den Kauf von speziellen Düngemitteln künftig genehmigungspflichtig zu machen.

Auf die finanziellen Ressourcen des Terrors zielt dagegen ein Verordnungsvorschlag, der grenzüberschreitende Überweisungen in der EU nachvollziehbarer machen soll. Nach dem Willen der Kommission sollen Geldüberweisungen künftig mit der genauen Angabe des Auftraggebers, einschließlich Name, Anschrift und Kontonummer, versehen werden. Auf Anforderung der "zuständigen Behörden" müssen Banken diese Angaben herausgeben. Spätestens im Dezember soll die Verordnung in Kraft treten.

Damit wäre der Zeitplan zu halten, den der britische Innenminister Charles Clarke am Freitag in Newcastle noch einmal bekräftigte: Das gesamte Maßnahmepaket soll bis Jahresende unter Dach und Fach sein. Ob sich mit der symptomatischen Bekämpfung der Terror ausmerzen lässt, steht jedoch auf einem anderen Blatt.

http://www.heise.de/tp/artikel/20/20901/1.html
Kommentare lesen (63 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS