Urbane Katastrophen

Florian Rötzer 14.09.2005

In einer zunehmend urbanisierten Welt wachsen mit den Städten auch die Risiken, zum Opfer von Katastrophen zu werden, gleich ob es sich um die Folgen von Terroranschlägen oder Naturereignissen handelt

Mit der Katastrophe vom 11.9. ist Bush zu einem mächtigen und zeitweise unangreifbaren Präsidenten geworden, der die Nation in einen globalen und langwierigen Krieg führen und enorme Veränderungen in den USA bewirken konnte. Die Katastrophe von New Orleans könnte hingegen sein Ende besiegeln, zumindest hat sie sein sowieso schon angeschlagenes Ansehen weiter untergraben. Wie Katastrophen sich politisch auswirken, ist kaum vorhersehbar, wichtig aber ist, wie schnell die im Amt befindliche Regierung reagiert. Man erinnere sich daran, dass der geplante Krieg im Irak, aber eben auch die Flutkatastrophe in Deutschland überraschend der eigentlich schon abgewirtschafteten rot-grünen Regierung erneut einen Wahlsieg beschert hat. Während der Vater von Bush während des Wahlkampfes 1992 ebenfalls über eine Naturkatastrophe, den Orkan Andrew, stolperte, profitierte Clinton davon und später noch einmal von seiner Reaktion auf den Anschlag in Oklahoma. In Spanien wurde nach den Anschlägen in Madrid die Regierung abgewählt.

  • mobil
  • drucken
  • versenden
Doppeldeutigkeit in einer Meldung von Sky News

Die Schäden, die der Hurrikan Katrina in New Orleans verursacht hat, waren vorhersehbar. Nicht vorher gesehen wurden jedoch die Folgen, die in einer Gesellschaft entstehen, die nicht nur tief sozial und ethnisch geteilt ist, sondern in der sich der Staat auch aufgrund der damit verbundenen Ideologie der Eigenverantwortung weit aus der systematischen Vorsorge für seine Bürger zurückgezogen hat und eher schlecht als recht Nothilfe organisiert vergleichbar den Spenden von Privatpersonen oder Unternehmen, die zwar nach eigenem Belieben Hilfe leisten, aber strukturell nichts verändern und mit deren Gelder nicht gerechnet werden kann.

New Orleans als Opfer von Katrina ist nicht vergleichbar mit anderen Städten, aber New Orleans ist dennoch ein weiteres Beispiel dafür, mit welchen Risiken die urbanisierte Gesellschaft in Zukunft immer mehr zu rechnen hat. New Orleans mit seiner "Naturkatastrophe" findet seinen Platz durchaus in derselben Reihe wie New York als Opfer der Anschläge vom 11.9. In Zukunft muss damit gerechnet werden, dass Katastrophen wie beim Tsunami Ende 2004 weitaus größer ausfallen werden, wenn viele Millionen von Menschen gleichzeitig zum Opfer werden, fliehen oder evakuiert werden müssen. Eine Massenkatastrophe, die eine Metropole und damit zigmillionen Menschen auf engstem Raum betrifft, wäre kaum zu bewältigen. Bei dem "Test" vier Jahre nach dem 11.9., ob die amerikanische Gesellschaft auf eine große Katastrophe vorbereitet ist, hat die Regierung versagt. Die vom Orkan verursachten Schäden waren sicherlich schwerer als bei einem Terroranschlag, selbst wenn eine schmutzige Bombe oder chemische Waffen verwendet würden, aber man hatte sich tagelang vorbereiten können, was bei einem Terroranschlag nicht der Fall sein dürfte.

Große Teile der Stadt standen unter Wasser. Die Bilder aus New Orleans erweckten bei Kommentatoren nicht nur Eindrücke, wie sie bei Katastrophen in Dritte-Welt-Ländern entstehen, sondern auch solche, die an apokalyptische Filmbilder erinnern. Menschen sitzen auf Dächern, Leichen treiben im Wasser, Plünderer holen, was sie finden können, es herrscht Gewalt, die staatliche Macht und Ordnung zeigen sich nicht oder sind gescheitert. Die Reichen und die Mittelklasse sind aus der Stadt geflohen, die nicht überfluteten Teile der Stadt, in denen die Wohlhabenden leben, werden aus Luft und auf dem Land versorgt, der Besitz und das Leben durch private Sicherheitskräfte geschützt. Schwer bewaffnete Polizisten und Soldaten beherrschen das Stadtbild. Die untergetauchte Stadt war zu einem gefährlichen Terrain geworden. Auch wenn nach Tagen des Chaos Polizei und Nationalgarde nun für Ordnung sorgen, ist die Stadt verseucht.

Das Wasser ist wie nach einem Angriff mit biologischen Waffen mit Krankheitskeimen und wie nach einem Anschlag mit chemischen Waffen mit Öl, Schwermetallen, Herbiziden und anderen gefährlichen Rückständen verseucht. Das wäre auch in jeder anderen Stadt so. Einige Menschen sind bereits an Krankheiten, verursacht durch das verseuhcte Wasser, gestorben. Schiffe, Autos, Tanks, Rasenmäher und andere Maschinen haben gewaltige Mengen an Öl ins Wasser abgegeben. Dazu kommt Öl aus überfluteten Raffinerien und beschädigten Ölbohrtürmen. Ob die vielen Pipelines unter Wasser intakt geblieben sind, ist noch unklar. Aus den Zigtausenden von überfluteten oder zerstörten Häusern dürfte eine Flut von Schadstoffen aus Reinigungsmitteln, Farben, Asbest, Batterien, elektronischen Geräten über das Land und im Wasser verbreitet haben. Dazu kommen gefährliche Substanzen aus Müllplätzen und von Industrieanlagen. Die DeLisle-Fabrik von DuPont beispielsweise wurde überflutet. Das ist der zweitgrößte Hersteller von Titanium-Dioxid in den USA. Die Fabrik hinterlässt jährlich 7000 Tonnen Giftabfall, der teilweise in Müllplätzen gelagert wird, die nun ihre Inhalte preisgeben.

The entire community is now a hazardous waste dump. How do you clean up an entire city, an entire region?

Lois Gibbs, Direktor des Center for Health, Environment and Justice
Pieter Bruegel der Ältere: Turmbau zu Babel (1563)

Naturkatastrophen wie der Orkan Katrina oder der Tsunami in Südostasien erscheinen als zufällige Ereignisse. Ihr Eintreten hat eine gewisse Wahrscheinlichkeit, ist aber ebenso wie die Folgen nicht wirklich vorhersehbar. Die scheinbare Zufälligkeit, gesteigert dann, wenn lange keine Katastrophe mehr geschehen ist, erweckt vor allem deswegen kaum Aufmerksamkeit und damit politische Bedeutung, weil es keinen wirklich Verantwortlichen gibt und wir solche Ereignisse im Unterschied zu früheren Zeiten nicht mehr dem Bösen zurechnen, das durch eine Intention gekennzeichnet ist und auch als Feind direkt bekämpft werden kann.

We remember the ruthlessness of those who murdered the innocent and took joy in their suffering. Today, America is confronting another disaster that has caused destruction and loss of life. This time the devastation resulted not from the malice of evil men, but from the fury of water and wind.

US-Präsident Bush am 10.9.2005

Die Medien und das Drama des personalisierten Bösen

Die Bush-Regierung hat mit dem 11.9. ihre Politik ganz auf die Bekämpfung der Bösen eingestellt, die die USA und die gesamte "ordentliche" Welt überall und jeder Zeit bedrohen. Ebenso wie der Terrorismus ist auch die Antiterror-Politik ausgerichtet auf die Medienöffentlichkeit, also auf die Erzeugung von kollektiver Aufmerksamkeit durch den Hinweis auf die angeblich zu erwartenden Bedrohungen durch die skrupellosen Bösen, die das Gute (die USA, die Freiheit, Demokratie etc.) bekämpfen und dabei zu den schlimmsten Massenvernichtungswaffen greifen könnten. Mit der Angst lässt sich Politik machen, zumal wenn ein Krieg gegen einen personalisierten Gegner (Bin Laden, Hussein, Sarkawi etc.) ausgerufen wird und die Nation militärisch in andere Länder einmarschiert, wodurch der Terrorismus zwar angeblich bekämpft, tatsächlich aber neu entfacht wird. So erreicht zwar das militärische Vorgehen eigentlich das mit diesem verbundene Ziel nicht, aber legitimiert gleichzeitig durch das Anwachsen des Terrors die Politik und die Politiker.

Hunderte von Milliarden wurden in die Kriege und in die Gefahrenabwehr des Bösen gesteckt, das personalisiert, also medial und in Form einer Erzählung darstellbar ist und das bekämpft werden kann, auch wenn die Effizienz der Strategie umstritten ist. Die Eliminierung von Naturkatastrophen ist hingegen nicht möglich, der Schutz vor ihnen wenig dramatisch, aber teuer, das Ereignis selbst ist zwar ein Drama, aber es fehlt, wenn es nicht religiös eingebettet wird, die böse Absicht, also die Bedeutung. Zudem demonstrieren Naturkatastrophen neben Versäumnissen die Ohnmacht, während ein personalisiertes Feind ein Zurückschlagen oder Rache ermöglicht.

Wenn nicht gerade eine Katastrophe geschehen ist, werden daher in einer vom medialen Kurzzeitgedächtnis beherrschten Gesellschaft Ressourcen von den die Medien und die kollektive Aufmerksamkeit weniger ansprechenden Aufgaben abgezogen. Verbesserungen der Infrastruktur, Schutz vor Naturkatastrophen oder Sicherung der gesellschaftlichen Solidarität oder des sozialen Friedens liefern keine aufregenden Bilder. Und selbst wenn eine Naturkatastrophe geschieht, wird sie zwar kurz "prominent" und wirkt verstörend, aber verliert schnell abgesehen natürlich von den unmittelbar Betroffenen - an Aufmerksamkeit, da es ein Geschehen ohne Täter ist, auch wenn es im Hinblick auf die Gefahrenabwehr Verantwortliche für das Nichtstun gibt. Aber Nachlässigkeit ist eben etwas anderes als mörderische Absicht.

Die absehbare Naturkatastrophe, die ein bestimmtes gesellschaftliches System trifft, hat mit dem Orkan Katrina, der kurz vor dem Jahrestag des 11.9. die USA stärker verwüstete als die Terroranschläge, die Dimensionen wieder zurecht gerückt. Obgleich die interessengeleitete Reaktion der Bush-Regierung auf die Anschläge vom 11.9. den Terrorismus gestärkt und damit die Terroropfer vermehrt hat, wurde nun deutlich, dass der real existierende Terrorismus gegenüber den Gefahren verblasst, die von Naturkatastrophen ausgehen. Hier aber sind militärische Strategien ebenso wenig gefragt wie PsyOp-Inszenierungen, das populistische Drama von Guten und Bösen verfängt ebenso wenig wie die Drohung, dass derjenige, der nicht für uns ist, automatisch zum Feind wird. Just im Medienzeitalter muss sich die urbanisierte, also hoch räumlich verdichtet lebende Weltbevölkerung darauf einrichten, mit einem "Feind" umzugehen, der teilweise wie im Fall des Terrorismus das Produkt der eigenen Handlungen ist, aber auch unabhängig von den Menschen zuschlägt. Mit einem "Feind", der nicht auszurotten ist, dessen Folgen aber minimierbar wären, wenn die Menschen vorsorgen und ihre Lebensweise verändern. Nicht nur die Waffen sind gefährlich, deren Einsatz denkbar wäre, die Lebensweise selbst, allen voran die Urbanität ist riskant.

Dass die Bush-Regierung geradezu resistent gegenüber den Folgen der Klima-Erwärmung ist, während sie sich mit dem Terrorismus verbündet hat, ist symptomatisch. Darin zeigt sich auch die Verfangenheit in medialer Aufmerksamkeit, also die Verfasstheit einer Mediendemokratie. Komplexe Phänomene, die eindeutig nicht bestimmten Akteuren zuschreibbar sind, eignen sich nicht für simple Botschaften und schnelle Handlungsanweisungen. Vorsorge vor erkennbaren Folgen in der Zukunft erfordert Verhaltensveränderungen jetzt, deren Folgen aber erst Jahre später und damit nach dem Amtsende der politisch Verantwortlichen zur Geltung kommen können.

Aber unabhängig davon, ob es sich um eine Naturkatastrophe oder um einen Terroranschlag handelt, sind dicht besiedelte, also urbane Regionen riskante Orte, weil hier am meisten Schäden angerichtet werden können. Das Leben in den Vororten der metripolitanen Regionen oder auf den weniger dicht besiedelten Land erscheint weniger gefährlich. Doch die Zukunft der Menschen liegt in den Städten, zumindest in urbanisierten Regionen. Mehr denn je sind sie das Schicksal der Menschen, die trotz Geburtenrückgang in den reichen Ländern die Erde mit ihrer milliardenfachen Präsenz verändern und durch ihre Konzentration in Megacities auch die Dimensionen der Katastrophen entsprechend vergrößern. Dem globalen Trend der Urbanisierung läuft allerdings die Technik entgegen. Anders als vor 10.000 Jahren ist die räumliche Verdichtung in Städten keine Notwendigkeit mehr. Dadurch wird das Risiko, das vom Leben in Städten ausgeht, noch deutlicher.

http://www.heise.de/tp/artikel/20/20917/1.html
Kommentare lesen (26 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS