Den Geist auf grün schalten
Der XX. Deutsche Kongress für Philosophie widmet sich in Berlin dem Thema Kreativität, Philosoph Günter Abel über das angeblich unprogrammierbare Phänomen
Alle drei Jahre treffen sich auf dem Deutschen Kongress für Philosophie Wissenschaftler unterschiedlicher Fachbereiche, um interdisziplinäre Standortbestimmungen in zentralen Fragen der Gegenwarts- und Zukunftsgestaltung zu wagen. 2005 richtet die Deutsche Gesellschaft für Philosophie die ambitionierte Veranstaltung an der Technischen Universität Berlin aus. Vom 26. bis zum 30. September werden hier rund 1.500 Teilnehmer aus dem In- und Ausland erwartet, die sich in 25 Kolloquien und 28 Sektionen mit einem Thema beschäftigen, das zum ersten Mal im Mittelpunkt weltweiter wissenschaftlicher Betrachtung steht.
Wenn über Kreativität gesprochen wird, geht es nicht nur um ästhetische Phänomene, sondern auch um die Kreativität als zentrale Begrifflichkeit religionsphilosophischer Entwürfe, als hermeneutisches Problem, als Thema der Hirnforschung und der Handlungstheorie, als innovatives Moment in Naturphilosophie und Kosmologie, aber auch Schöpfungsgedanke oder Wirtschaftsfaktor.
Auf die Diskussionen und mögliche Ergebnisse darf man gleichermaßen gespannt sein, denn der menschlichen Kreativität wird von immer mehr Forschern eine Schlüsselfunktion in vielen Bereichen des modernen Lebens zugewiesen. Das ist umso erstaunlicher, als eine präzise Definition bislang aussteht. Trotzdem: In der Gentechnik gilt Kreativität als Gegenspieler oder wenigstens als ultimative Herausforderung der philosophischen Ethik, für die Erforschung künstlicher Intelligenz könnte sie eine qualitative Grenze bedeuten, und in den modernen Naturwissenschaften, die sich schon auf zwielichtige Begriffe wie Zufall, Chaos, Fraktal oder Autopoiesis eingelassen haben, bietet sie sich als weiteres Paradigma einer letztlich unbestimmbaren Welt an.
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Die Frage, wie kreativ die Menschen des 21. Jahrhunderts sein können, müssen oder dürfen, beschäftigt Günter Abel seit geraumer Zeit. Er ist Professor für Theoretische Philosophie an der Technischen Universität Berlin und seit 2003 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie. Telepolis sprach mit Abel, der die Geist-, Gehirn- und Computerproblematik zu seinen Interessenschwerpunkten zählt, vor Beginn des Kongresses.
"Kreativität ist nicht programmierbar"
Professor Abel, ein Ziel des Zusammentreffens ist die grundbegriffliche Klärung des Kongressthemas. Wie sieht der aktuelle Stand aus und welche Fortschritte sind in den nächsten Tagen zu erwarten?
Günter Abel: Die Philosophie greift hier ein Thema auf, mit dem sich normalerweise die psychologische Forschung, die Kognitionswissenschaft oder die Hirnforschung beschäftigt und natürlich die Kunst, die es ganz einfach praktiziert. Meine Ausgangsfrage war deshalb: Wie geht die Philosophie mit der Kreativität um und gibt es vielleicht Unterschiede zu den anderen wissenschaftlichen Herangehensweisen?
Tatsächlich ist es so, dass beispielsweise die Computerforschung die radikale Kreativität nicht ausreichend erklären kann. Hier geht es nämlich nicht darum, bereits Vorhandenes zu kombinieren, sondern etwas vollständig Neues zu erschaffen, und diese kreativen Prozesse entziehen sich jeder Formalisierung oder Algorithmisierung. Ähnliches gilt für die Hirnforschung und die Psychologie. Während die eine nach neuronalen Korrelaten sucht, beschäftigt sich die andere mit der Beschreibung von Persönlichkeitsmerkmalen, aber die kreativen Prozesse können beide so ebenfalls nicht erklären.
Genau darum geht es aber der Philosophie, die hier ein genuines Terrain abstecken und entscheidend zur Begriffsklärung beitragen kann. Sie hat sich, angesichts der sonstigen Erfolge der Naturwissenschaften, in den vergangenen Jahren wie das Kaninchen vor der Schlange verhalten und viel zu lange zu öffentlichen Diskussionen geschwiegen. Jetzt sehe ich eine ihrer Aufgaben darin, genau zu analysieren, was eigentlich geschieht, wenn wir Analogien herstellen, Beschreibungssysteme ändern, weit auseinanderliegende Gedanken zusammenbringen, Gedanken und Bilder verknüpfen oder Metaphern bilden.
Neues durch Regelverletzung
Könnten Sie den Begriff radikale Kreativität genauer definieren?
Günter Abel: Es gibt sehr unterschiedliche Formen von Kreativität. Wenn wir miteinander sprechen, kommt eine verhältnismäßig banale und ganz intuitive zum Einsatz, während es der radikalen Kreativität darum geht, vorsätzlich Standards zu ändern und Regeln zu verletzen. Ich gebe Ihnen drei Beispiele.
Erstens: Arnold Schönberg kannte sich im tonalen System bestens aus. Aber irgendwann reichte ihm das nicht mehr und er suchte nach Möglichkeiten, den musikalischen Klang auf eine andere Weise zu beschreiben. So entstand die Zwölftonmusik. Zweitens: Georges Braque und Pablo Picasso beherrschten die traditionellen Maltechniken und verhalfen doch dem Kubismus zum Durchbruch. Sie begannen Farbflächen gegeneinander zu verschieben, das bedeutete eine Revolutionierung der perspektivischen Darstellungsweisen. Drittens: Albert Einstein war mit der dominanten Sicht auf Raum und Zeit unzufrieden. Er glaubte nicht, dass Raum und Zeit von einem absoluten Koordinatensystem, sondern stattdessen von der Energie- und Materieverteilung im Weltraum abhängig sind.
In allen drei Fällen führte die radikale Kreativität zu großen Fortschritten, weil alte Regeln über Bord geworfen wurden. Die Folge war allerdings kein Chaos, sondern die Aufstellung von neuen Regeln.
Der Begriff Kreativität wurde ja offenbar aus ästhetischen Zusammenhängen entwendet. Strahlt sein Einsatz in der Gentechnik und anderen Bereichen der modernen Naturwissenschaften nun auf den Ursprung zurück, anders gefragt: Ist es denkbar, dass sich unsere Vorstellungen von Kunst der erweiterten Begriffsbestimmung anpassen?
Günter Abel: Kreativität bringt etwas Neues in die Welt, das ist im Kern eine ästhetische Angelegenheit, die sich auch in den Naturwissenschaften widerspiegelt. Begriffe wie digitale Ästhetik halte ich aber für irreführend, da die Ästhetik grundlegenden Charakter hat. Trotzdem sind entsprechende Rückwirkungen möglich und auch wahrscheinlich.
Gerade der böse Geist kann sehr intelligent und kreativ sein
Ist die Kreativität eigentlich der natürliche Feind der Ethik, oder kann sie sich gegebenenfalls auch selbst Grenzen setzen?
Günter Abel: Wenn wir von Kreativität sprechen, dann reden wir von etwas, das uns in der Sache weiterbringt und Veränderungen bewirkt. Es geht also, gerade auch in den Wissenschaften, um einen Motor, der dem Leben dienen soll. Wichtig ist aber auch der creatio-Gedanke, die Idee des Neu-Schaffens, und hier ergibt sich sofort eine moralische Verstrickung. Mit einem Herzschrittmacher haben wir uns abgefunden, wenn man uns einen Chip ins Gehirn einsetzen will, sieht das schon anders aus, und wenn mit diesem Chip gezielte Manipulationen bewirkt werden, empfinden wir das in der Regel als negativ. Wir müssen also die Frage beantworten, ob das, was kreativ möglich ist, auch moralisch gewollt werden kann.
Doch dieser Gedanke funktioniert ebenso gut in der Gegenrichtung. Wenn die Ethik den Herausforderungen der Moderne gerecht werden will, muss sie auch selber kreativ werden. Sie muss zum Beispiel die Frage beantworten, welche Limitierungsstandards denn heute gelten sollen und zu diesem Zweck wäre es nötig, den Begriff der Person mit sehr viel mehr Profil zu versehen, als das bisher geschehen ist.
Also, die Kreativität ist kein natürlicher Feind der Ethik, obwohl es reichlich Konfliktstoff gibt und gerade der böse Geist sehr intelligent und kreativ sein kann. Es lohnt sich aber, einen Moment darüber nachzudenken, dass Gentechnik und Stammzellenforschung im Judentum einen ganz anderen Stellenwert haben als im Christentum. In Israel werden sie als Forschungszweige betrachtet, die dem Leben dienen.
Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, Spielregeln aufzustellen, nach denen Kreativität innerhalb bestimmter Abläufe eingesetzt, aber auch kontrolliert werden kann?
Günter Abel: Friedrich Nietzsche hat für diejenigen, die sich darin erschöpfen, bloß destruktiv zu sein, den Begriff der Dekadenz gebraucht. Genialität zeigt sich eben auch darin, dass neue Regeln aufgestellt werden, die ihrerseits stilbildend wirken. Andererseits muss man sagen, dass Kreativität ein guter, aber auch ein fremder Freund ist. Kreative Prozesse folgen jedenfalls keinen bestimmten Metaregeln.
Ist Kreativität trotzdem erlernbar oder gar trainierbar?
Günter Abel: Sie ist zunächst einmal nicht programmierbar, unvorhersagbar, nicht ableitbar, und sie folgt wie gesagt - keinen Gesetzmäßigkeiten oder Metaregeln. Trotzdem kann man seinen Geist auf grün schalten und tatsächlich üben, Analogien herzustellen, Problemlösungen zu erarbeiten oder sich für Gedankenexperimente zu öffnen. Es gibt sicher bestimmte Heuristiken, die definiert und vielleicht auch trainiert werden können, allerdings haben wir darüber praktisch keine Erkenntnisse. In allen beteiligten Wissenschaften gibt es da ein großes Defizit, deshalb kann der Kongress auch keine Bilanz ziehen oder eine Summe des bisher Erreichten vorweisen. Die Beschäftigung mit diesem Thema steht erst am Anfang.
Vielleicht auch für Politiker, die mit unliebsamen Wahlergebnissen umgehen müssen?
Günter Abel: Da ist besonders viel Kreativität gefragt, aber das muss überhaupt nicht negativ bewertet werden. Es liegt schließlich auch eine Chance darin, die eigenen Prinzipien zu überprüfen, neue Kontakte zu knüpfen und auf unvorhergesehene Situationen zu reagieren. Von der Kreativität hängt viel ab, die Zukunft jedes einzelnen Menschen, aber auch die der gesamten Wissensgesellschaft. Allerdings ist der Umgang mit ihr sehr schwierig. Immerhin war Sigmund Freud der Ansicht, dass selbst die Psychoanalyse vor dem Phänomen der Kreativität die Waffen strecken müsste ...
http://www.heise.de/tp/artikel/21/21005/1.html- Kreativität nicht übernatürlich. (25.3.2006 13:16)
- OTBET HA OTBET (11.10.2005 21:07)
- OTB6 (11.10.2005 16:17)
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