Was Katrina und Rita uns gelehrt haben

28.09.2005

... fein säuberlich nach Ideologie sortiert

Zwei Orkane der Kategorie 5 bilden sich innerhalb von weniger als 4 Wochen in der Karibik. Dabei haben im letzten Jahrhundert lediglich drei solche Kat5-Stürme die Küste der USA erreicht. Sie denken, lieber Leser, vielleicht: "Nun werden die Amis endlich umdenken und die Erderwärmung als Tatsache akzeptieren." Sie wünschen sich bei den Amerikanern nun Einsichten, weniger Energiekonsum, einen Beitritt zum Kyoto-Protokoll? Und mehr sozialen Zusammenhalt, vor allem zwischen Klassen und Rassen? Da können Sie schwarz werden…

Ein Sturm so groß wie Deutschland: Alleine von New Orleans bis Mobile/Alabama sind es rund 200 km (Großaufnahme). Bild: NOAA

Wenn endlich die Vernunft im Hauptquartier der Klimaverschmutzer einkehren wird, muss die internationale Gemeinschaft in der Lage sein, Amerika mit einem ausgearbeiteten Vorschlag für die Zukunft des internationalen Klimaschutzes die Hand zu reichen. Die Bundesregierung steht dafür bereit.

Bundesumweltminister Trittin, am 29.8.2005 in der Frankfurter Rundschau, als der Orkan auf die Golfküste der USA peitschte

Sprach's und ging. Deutschland hatte schneller seine Regierung abgewählt, als die Vernunft ins Weiße Haus einziehen konnte. Denn die Lektionen, die die Amerikaner aus Rita und Katrina ziehen, zeigen nur, dass sich nichts geändert hat.

Hat Bush nicht gesagt, Rasse und Klasse dürfen keine Rolle beim Aufbau spielen? Und dass die Regierungsstrukturen schlanker werden sollen, damit die Zusammenarbeit besser funktioniert? Mitte September machte er klar, was er damit meint, als er das Davis-Bacon-Gesetz annullierte. Das Gesetz, das im Jahre 1931 kurz nach der großen Flut am Mississippi 1927 erlassen wurde, sieht vor, dass bestehende Tarifvereinbarungen eingehalten werden, wenn die Regierung ein Projekt ausschreibt. Damit soll verhindert werden, dass die Regierung selbst zu Lohnsenkungen beiträgt, denn die Regierung ist angehalten, das billigste Projektangebot anzunehmen - nur nicht auf Kosten der Arbeiter.

Beim Aufbau der Golfküste werden also Löhne unter Tarif gezahlt. Damit haben die Republikaner endlich ein Gesetz vorläufig (aber unbegrenzt!) außer Kraft gesetzt, das sie schon seit mindestens 10 Jahren abschaffen wollen. Die armen Arbeiter in der Gegend, die teilweise alles verloren haben, sollten also froh sein, überhaupt Arbeit zu bekommen - so lautet die Botschaft von der Regierung.

Das überragende Ziel beim Aufbau, so republikanischer Senator Mike Pence, sei es, "konservative, markwirtschaftliche Ideen an die Golfküste" zu bringen, denn die Golfküste soll zu einem "Magnet für den freien Markt" werden. "Das letzte, was wir brauchen, ist eine Stadt, die von der Bundesregierung anhängig ist, an der Stelle, wo New Orleans einst stand." Der Wall Street Journal berichtet, dass schon lange anstehende Gesetzesänderungen wie die Abschaffung der Erbschaftsteuer (estate tax), die die Republikaner in die "Todessteuer" umbenannt haben, damit sich wirklich keiner damit identifizieren kann, und die Etablierung neuer "steuerfreien Zonen" für Geschäfte an der Golfküste nun wieder prominent auf der Tagesordnung stehen.

Allerdings möchte die WSJ auch nicht parteiisch erscheinen, weshalb die Zeitung die Vorschläge der Demokraten auflistet, die ihrer "Ideologie" (so die Zeitung) entsprechen:

  1. Flüchtlinge sollen weiterhin staatliche Krankenversicherung (Medicaid) bekommen
  2. Studenten, die nun zum Semesterbeginn umsiedeln mussten, sollen $2.500 bekommen, und
  3. Opfern der Orkane soll eine Gnadenfrist (180 Tage) für ausstehende Darlehen eingeräumt werden.
"The sky is falling": So tun Skeptiker der Erderwärmung alle Warnungen ab - mit einem Verweis auf die Kindergeschichte Chicken Little, in der ein Huhn glaubt, der Himmel würde ihm auf den Kopf fallen, weil es eine fallende Eichel abgekriegt hat. Diese Fabel soll Kindern beibringen, dass man keine übertriebene Angst zu haben braucht. Obiges Foto, angeblich vom herannahenden Orkan Katrina, kursiert im Internet - es handlt ich aber um eine sogenannte Superzelle. Trotzdem, wenn man das Bild betrachtet, fragt man sich, welche Art Mut das Gebot der Stunde ist. Oder möchten Sie in dem kleinen Haus rechts unten wohnen? Quelle (Anm. d. Red.: der letzte satz wurde korrigiert)

"Unsustainable"

"Nachhaltig" - ein Begriff, der zwar in Mode gekommen ist, aber je nach politischem Lager mit unterschiedlichem Bezug. Natürlich sprechen viele "Grüne" in den USA davon, wie die Stadt New Orleans wieder als zukunftssichere Stadt aufgebaut werden könnte. Alle sehen ein, dass New Orleans nicht einfach wieder im Sumpf aufgerichtet werden kann. Neben Bedenken über Deiche - wie kann die neue Stadt besser geschützt werden, und zu welchem Preis? - sehen viele Umweltbewusste hier eine Gelegenheit, die Stadtplanung in den USA endlich nachhaltig zu gestalten: weg von der Zersiedelung, weg von der Bodenversiegelung. New Orleans soll in den Sumpf besser integriert sein. Man schaut auch bewusst nach Holland.

Ein Hauptvorschlag für die umliegenden Sümpfe lautet Coast 2050. Doch diesen Plan gibt es seit 1998. Umweltschützer wittern hier eine Chance, ihr Programm endlich durchzusetzen. Wie klein aber die Gruppe der Umweltbewussten ist, zeigt sich an der demokratischen Partei. "Unsustainable" hat zum Beispiel der demokratische Senator Mike Doyle nicht etwa die Stadtplanung in den USA genannt, sondern die Benzinpreise der letzten Wochen: $3 Dollar, teilweise sogar mehr als $4 Dollar pro Gallon - umgerechnet bis zu rund 80 Cent pro Liter. Ganz schlimm. Deshalb hauen viele Politiker auf die bösen, bösen Ölfirmen, die schon wieder abzocken. Dieses abgedroschene politische Kabarett kommt bei den Wählern immer noch gut an, denn wer liebt schon seinen Dealer?

Vereinzelt sprechen sich manche Amerikaner für nachhaltig höhere Benzinpreise aus, damit sich das Land endlich vom Öl befreien kann, aber es sind dieselben Stimmen wie früher - wie z.B. Robert Samuelson in Newsweek:

What this country needs is $4-a-gallon gasoline or, maybe, $5. We don't need it today, but we do need it over the next seven to 10 years via a steadily rising oil tax.

Man höre und staune: Der möchte nichts anderes als die deutsche Ökosteuer, die ja in Deutschland den Verkauf von sparsameren PKW und die Zahl der Fahrgäste im ÖPNV erhöht hat. Aber Samuelson vertrat diese These schon vor den Stürmen, ohne dass jemand auf ihn gehört hätte. Er hat nicht etwa neue Schlüsse aus Katrina & Rita gezogen. Werden seine Leser dies tun? Oder gilt er nach wie vor als skurriler Querdenker, der zwar interessante, aber unrealistische Ideen hat?

Orkan Rita am 22.9. Bild: Nasa

Die Ölfirmen sind nicht nur böse, sondern sie haben auch noch was von den Stürmen abgekriegt. Die Ölförderung im und am Golf ist teilweise lahm gelegt. Die USA bezieht rund 25% ihrer heimischen Ölförderung aus dem Golf. Es sind teure Offshore-Projekte, denn das Land hat die meisten seiner billigen Förderstätten "on-shore" schon längst verbraten. Höchste Zeit, über Alternativen nachzudenken? Ja, klar!

"Der Orkan Katrina hat klargemacht, dass wir uns auf Glatteis befinden, wenn wir unsere Energieversorgung weiterhin auf die Golfküste konzentrieren", sagte neulich der republikanische Senator Pete Domenici - und rief nach mehr Ölförderung im umstrittenen Naturreservat in Alaska. Außerdem wollen die Republikaner die Umweltauflagen für den Bau von neuen Raffinerien lockern, damit mehr Rohöl importiert werden kann. Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor (Der neue, alte Energieplan der USA?

Klimawandel? Wo?

Haben die Amerikaner nun endlich die Debatte über das Für und Wider der Erderwärmung beendet, damit sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem Streit (Die total komplexe Mausefalle) über die Evolution widmen können? Keineswegs: Wer vorher an den Klimawandel glaubte, sieht sich bestätigt, aber wer die Ökospinner schon immer durchschaut hat, tut es immer noch. Es findet sich immer ein Wissenschaftler, der bestreitet, dass wir nun mehr oder heftigere Orkane als früher hätten. So zum Beispiel ein gewisser Dr. Prof. Andresen, der kurz nach Katrina meinte:

It will be a long time before we see something of this magnitude again, and that is a good thing.

Also: Große Orkane sind schlecht. Das könnte der Herr Prof. Andresen bei der nächsten Prüfung abfragen. Aber man sollte den ersten Halbsatz vergessen, da hat er sich versprochen. Schließlich war Rita zu dem Zeitpunkt nur das Flattern eines Schmetterlings an der afrikanischen Westküste. Nein, der Experte meinte eher: Zwei Orkane der Stärke 5 innerhalb von 4 Wochen, das sei noch seltsamer als nur einer. Und da die Orkansaison noch bis Anfang November andauert, wären 3 solche Ungetüme 2005 so richtig bemerkenswert.

Gefärbte Infrarotaufnahme eines verwüsteten Teils von Gulfprt. Bild: Nasa

Werden die Stürme nicht häufiger? Oder werden sie nur heftiger? Eigentlich beides, aber dafür wissen die erlauchten Skeptiker auch den Grund: Einen 60-jährigen Zyklus namens Atlantic Multidecadal Oscillation (AMO), der zwar kaum erforscht und noch nicht beweisen und eigentlich auch noch gar nicht richtig verstanden ist, da er erst im Jahr 2000 überhaupt entdeckt wurde, aber wenn Sie als Doktorand der Klimatologie ein Thema für Ihre Doktorarbeit suchen, bitte sehr! Vielleicht werden Sie das Hoch um 1930-50 und das Tief von 1960-1990 besser erkennen als ich (siehe Figure 2). Und was ist der komische Steilhang da nach 2000?

Bestimmt nichts Besonderes, da ist nur der Schreiber ausgerutscht. Kommt bei dem Gerät alle 2000 Betriebstunden zyklisch vor. Denn eines ist sicher, wie der einflussreiche Journalist und Nicht-Klimatologe Charles Krauthammer meint, als er diesen ganzen Ökoschwachsinn in der Washington Post endlich wegräumte, und zwar kurz und bündig.

There is no relationship between global warming and the frequency and intensity of Atlantic hurricanes. Period.

Bündiger hätte es keiner ausdrücken können. Richtiger vielleicht, aber nicht bündiger. Denn man kann auch nicht beweisen, dass Katrina nicht mit dem Klimawandel zusammenhängt. Punkt. Krauthammer hätte aber recht gehabt, wenn er gesagt hätte: "Man kann keinen Zusammenhang zwischen einem einzelnen Orkan und dem Klimawechsel beweisen." (Wir erinnern uns: Krauthammer lehrte uns vor einigen Jahren, dass Bushs "Achse des Bösen" keineswegs das gefährliche Hirnsgespinst war, für das es auch viele Konservative gehalten haben, sondern ein Geniestreich).

Also, meine lieben Landsleute, jetzt mal zum Mitschreiben:

  1. Ihr erinnert euch: Als wir mit 8 die Schulbank drückten und erfuhren, dass es andere Planeten gibt, da sagte uns die Lehrerin, der Mars ist ein bisschen wie die Erde, aber halt ohne so viel Luft. Und wenn wir keine Atmosphäre auf der Erde hätten, wäre die Temperatur der Erde -18°C? Aha, jetzt fällt der Groschen! Das ist der Treibhauseffekt. Den gibt es.
  2. Der Treibhauseffekt hat mit CO2 zu tun. Seit der Industrialisierung gibt es immer mehr CO2 in der Luft. Vielleicht hängt die Erderwärmung mit irgendwelchen Sonnenstürmen zusammen, oder vielleicht pusten wir Menschen halt viel CO2 in die Luft. Jedenfalls lag die Konzentration seit 440.000 Jahren meistens weit unter 280 ppm und nie weit über 300 ppm. Jetzt liegt sie über 380 ppm.
  3. Forscher hoffen, dass wir die Entwicklung vor 2100 bei 550 ppm aufhalten können. Aber sie sind skeptisch. Übrigens: 550 ppm ist fast doppelt so viel wie 280 ppm.

Wisst ihr, was das bedeutet? Falsch, es bedeutet nicht, dass Katrina und Rita endgültig beweisen, dass es den von Menschen verursachten Klimawandel gibt. Schon bei der Flut in Ostdeutschland 2002 habe ich geschrieben (Nach Dresden die Sintflut?):

Selbst wenn in 100 Jahren die Temperatur um ein paar Grad gestiegen und die große Katastrophe bewiesenermaßen ausgebrochen ist, wird man nicht mit Sicherheit sagen können, dass die Verbrennung von fossilen Energieträgern schuld war.

Das liegt daran, dass man in der Wissenschaft schlecht etwas beweisen kann. Meistens widerlegt man nur. Die Widerlegung gilt dann als neue Theorie (wissenschaftlich für "Erklärung") - bis sie verfeinert oder selbst widerlegt wird.

Man kann hier auch deshalb nichts beweisen, weil man keine Experimente laufen lassen kann. Hätten wir eine zweite Erde, könnte man schauen, ob die Stürme auch ohne die Industrialisierung so schlimm wären.

Aber warum sind ausgerechnet gläubige Christen in den USA so skeptisch gegenüber dem Klimawandel? Die Menschheit schlägt sich die Schädel ein über die Auslegung der Gebote Gottes. Dabei sind weder die Gebote noch die Existenz Gottes überhaupt bewiesen. Die Menschen lassen beim Glauben alle Skepsis fahren. In der Wissenschaft wird nur verlangt, dass man Wahrscheinlichkeiten und Theorien akzeptiert. Eine Theorie ist so etwas wie die beste Erklärung, die wir haben.

Huch, das war aber eine sehr akademische Abhandlung! Ok, lasst mich das, my fellow Americans, mal etwas mehr gefühlsbetont formulieren:

Wenn ich noch 45 Jahre lebe, dann besuche ich euch 2050 an der Golfküste. Und wenn wir alle knöcheltief im Wasser stehen mit zersaustem Haar und einem verdurstenden Kind im Arm, dann bin ich der letzte, der euch sagt: Ich habe euch gewarnt. Wir suchen dann zusammen eine noch stehende Steinkirche und setzen uns hin, falls die Flutwelle die Bänke nicht fortgespült hat. Wer Baptist ist, liest aus der Offenbarung vor. Die Katholiken können sich zu mir setzen und den Rosenkranz beten, so wie es mir meine kreolische Großmutter Antoinette Duplantis aus New Orleans beigebracht hat, als ich ganz klein war.

Und Europa? Wie sagte der heute viel zitierte Al Naomi vom Army Corps of Engineers in New Orleans bereits im August 2002 ?

We're not going to be the only ones in the boat. We're just in the boat first.

Craig Morris übersetzt bei Petite Planète Translations und ist Autor des Buches Zukunftsenergien in der Telepolis-Buchreihe.

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Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

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